attisch, schwarzfigurig zu Jochen Ebmeiers RealienDass man
sich etwas nicht vorstellen kann, heißt nicht, dass es das in
Wirklichkeit nicht gibt. Die Umkehrung gilt ebensowenig. Einen
gekrümmten Raum können wir uns nicht vorstellen, aber wir werden ihn
denken müssen - und können es.
Bevor man sich über Begriffe streitet, sollte man sich darüber klarwerden, wie sie "gemeint" sind: am besten darüber, ob - und was - man sich dabei vorstellen kann. Das kommt nämlich beim Operieren mit dem fertigen Begriff gar nicht mehr vor, und darum muss man es vorher klären.
Eine
"Kraft" etwa kann man sich so vorstellen: Zuerst gibt es Dinge, die
sind so oder so. Dazwischen schieben sich Kräfte, sie sind auch so oder
so. Man kann sie sich alle für sich und selbstständig vorstellen. Dazu
muss man sich aber - ob man es selber bemerkt oder nicht - ein Universum
aus lauter Einzelteilen gedacht haben. Was sie zusammenhält, kommt als ein äußerer Beitrag hinzu - meist als ein Schöpfer gemeint, und anders ist es wohl auch gar nicht möglich.
Man kann es sich aber auch so vorstellen, dass es zu den Eigen schaften der Dinge selbst gehört, auf einander zu wirken, und dass sie überhaupt nur sind, sofern sie - so oder so - wirken.
Das wäre, wie es sich bei bloßen Begriffen gehört, ein metaphysischer
Streit, auf den sich rationelle Wissenschaft gar nicht einzulassen hat.
Darum wird seit gerau-mer Zeit statt von verschiedenen "Kräften" von
verschiedenen Wechselwirkungen gesprochen. So wenig Sinn es hat, die 'Dinge' anhand ihre Eigen schaften zu defi-nieren, so wenig Sinn hat es auch, die 'Kräfte' an und für sich zu
beschreiben. Es müssten also, wenn die Theorie allumfassend sein soll,
alle 'Dinge' und alle Wech-selwirkungen, durch die sie einander
'bewirken', im Einzelnen beschrieben und womöglich hinterher nach Klassen zusammengefasst
werden. Die Klassen, nach denen sie verallgemeinernd zusammengefasst
werden, mag man wohl 'Gesetze' nennen - was aber den großen Nachteil mit
sich bringt, hinterher als wirkende Kräfte aufgefasst werden zu
können: und sich den metaphysischen Hokuspokus, dem man vorne aus dem
Weg gegangen ist, hintenrum doch wieder aufzuladen.
Dann stellt sich das Problem so dar: Die drei klassischen, 'regulären' Wechselwir-kungen sind einander so ähnlich, dass man sich vorstellen
könnte, sie seien 'ausein-ander hervorgegangen'. Die Gravitation tanzt
aus der Reihe. Lasst sie doch: Viel-leicht finden sich ja genügend
empirische Daten, die erlauben, auch sie irgendwann den klassischen drei
zu assimilieren.
Und
wenn nicht? Das wäre doch wissenschaftlich kein Problem. Ein Problem,
nämlich ein spekulativ-metaphysisches, ist es für alle, die aus
extrawissenschaft-lichen, weltanschaulichen Gründen ein 'Theorie von
Allem' wollen, um sie der empirischen Forschung überzuhelfen und aufs Auge zu drücken. Und das wäre für die Wissenschaft eine Scheuklappe.
Die umgekehrte Annahme, dass eine kosmologische Einheitstheorie sachlich nicht möglich ist, ist durch empirische Befunde freilich erst recht nicht zu erweisen. Als Hypothese bleibt sie ewig, nehme ich an,
unersetzlich. Und sei es nur, um immer wieder zu scheitern; würde sie
erwiesen, müsste ich staunen, dass die Menschen es geschafft haben, über
unsern stammesgeschichtlichen Schatten zu springen.
Kommentar zu Eine Theorie von Allem?, JE, 6. 9. 2023
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