An einer Ausgrabungsstätte am Umhlatuzana River westlich von Durban in Südafrika haben Forschende eine der dichtesten Folgen von Steinwerkzeugen aus der Altsteinzeit entdeckt. Lange ging man davon aus, dass der Übergang von der mittleren zur späten Altsteinzeit (vor 50.000 bis 20.000 Jahren) in dieser Region einen markanten Wechsel in der kulturellen Organisation der damaligen Menschen darstellte. Ein Team unter Beteiligung der ÖAW-Archäologin Viola Schmid konnte nun zeigen, dass der Wandel in Wahrheit keineswegs so abrupt war.

Wissenschaftlich galt diese Zeitspanne in der Region lange als schwer fassbar. "Der Zeitraum von 50.000 bis 20.000 Jahren vor heute ist wissenschaftlich eine Art Black Box. Nun konnten wir nachweisen, dass es sich nicht um einen weitflächig synchronen, sondern einen räumlich und zeitlich sehr heterogenen Wechsel handelte", erklärt Schmid, die am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig ist.

Links: Ein Lageplan der Fundstelle Umhlatuzana mit markierten Grabungsquadraten. Gelbe Quadrate zeigen die Grabung von 1985, grüne Quadrate die von 2018–2019. Rechts: Foto der Fundstelle Umhlatuzana, Blick nach Westen, mit Ausgrabungsbereich und Vermessungsgerät im Vordergrund.
Links ein Lageplan des Grabungsareals in der Fundstelle Umhlatuzana. Die gelben Quadrate kennzeichnen die Grabung 1985 von Jonathan Kaplan, die grünen Quadrate die Grabung von Gerrit L. Dusseldorp (Universität Leiden). Das rechte Foto zeigt die Fundstelle Umhlatuzana in Blickrichtung Westen.

Tausende Steinwerkzeuge

Die Basis für diese Erkenntnis bildet ein Ensemble von 2779 Steinartefakten aus dem flachen Felsüberhang von Umhlatuzana. Darunter befinden sich nicht nur klassische Werkzeuge, sondern auch winzige, oft nur wenige Millimeter kleine Stücke aus Quarz und anderen Gesteinen sowie noch kleinere Quarz-Kernstücke. Die Forschenden konnten auf dieser Grundlage im Fachjournal Quaternary Science Reviews dokumentieren, dass Merkmale der mittleren Altsteinzeit (Middle Stone Age, MSA) – jener Periode, die vor etwa 300.000 Jahren begann – und der darauffolgenden späten Altsteinzeit (Later Stone Age, LSA) über lange Zeit hinweg nebeneinander existierten.

Der technologische Wandel ließ sich besonders gut am Rohmaterial ablesen. In der späten mittleren Altsteinzeit setzten die Menschen vorwiegend auf Hornfels. Dieses Material bot spezifische Vorteile. Das Gestein erlaubte eine hohe Kontrolle beim Abschlagen und Bearbeiten, wie Schmid erläutert. Zwar wurden die Kanten vergleichsweise schnell stumpf, doch das Material ließ sich gut nachschärfen, ein entscheidender Faktor für die Langlebigkeit der Geräte.

Wegwerfprodukte als Novum

Mit dem Übergang zur späten Altsteinzeit kam es zu deutlichen Veränderungen. Die damaligen Werkzeugmacher begannen verstärkt, Quarzgerölle aus Flussschottern zu nutzen. Es entstanden rasiermesserscharfe, teils nur reiskorngroße Klingen. Diese winzigen Quarz-Lamellen wurden mit Klebemitteln in organische Schäfte eingesetzt, um zusammengesetzte Geräte zu schaffen.

Diese Entwicklung hatte auch eine ökonomische Komponente. Während die Hornfels-Werkzeuge gepflegt und nachgeschärft wurden, scheinen die kleinen Quarzstücke nach ihrem Einsatz als Projektile oder Schneidwerkzeuge oft als Wegwerfprodukte behandelt worden zu sein. Sobald sie verbraucht waren, wurden sie entsorgt.

Doch der Wandel war nicht auf die Werkbank beschränkt. Er spiegelte auch veränderte Überlebensstrategien wider. Die Mobilität der Wildbeuter-Gruppen, ihre Methoden der Nahrungsbeschaffung und die Art, wie sie Rohstoffe in der Landschaft aufspürten, veränderten sich allmählich. Der Vergleich mit anderen Fundstellen im südlichen Afrika untermauert zudem, dass lokale Innovationen in locker vernetzten Gruppen zu einer räumlich sehr unterschiedlichen Ausprägung dieses Übergangs führten.

Eine Bildkomposition dreier steinzeitlicher Artefakte mit jeweils mehreren Ansichten (Vorder-, Seiten-, Rückansicht) und dazugehörigen schematischen Zeichnungen. Oben eine Hohlbasis-Spitze aus Hornfels, typisch für das späte MSA in KwaZulu-Natal. In der Mitte ein beidseitig flächig bearbeitetes Werkzeug. Unten ein einseitig überarbeitetes Artefakt mit quer verlaufender Arbeitskante, möglicherweise als beilartiges Werkzeug genutzt. Ein Maßstab ist beigefügt.
Typologie des technologischen Wandels: Die obere Abbildung zeigt die Vorform einer für das späte MSA in KwaZulu-Natal charakteristischen Hohlbasis-Spitze aus Hornfels. Darunter findet sich ein beidseitig flächig bearbeitetes Gerät. Das unterste Artefakt wurde lediglich einseitig überarbeitet; markante Absplitterungen an der quer verlaufenden Arbeitskante deuten darauf hin, dass es als beilartiges Werkzeug genutzt wurde.
Veraltete Kategorisierungen

Dass die Forschung so lange an einem scharfen Bruch zwischen den Epochen festhielt, hat auch wissenschaftshistorische Gründe. Die Gliederung in MSA und LSA geht auf eine Publikation von John Goodwin und Clarence van Riet Lowe aus dem Jahr 1929 zurück. Man ging schon damals davon aus, dass das LSA mit dem Auftreten des Homo sapiens, also "biologisch und kognitiv modernen Menschen wie wir", zusammenfällt, so die ÖAW-Forscherin.

Daher müsse sich zwangsläufig auch ein Sprung in der kulturellen Entwicklung vollzogen haben. "Seit etwa 30 Jahren aber wird immer deutlicher, dass dies so nicht stimmt. Wir sind schon seit 300.000 Jahren anatomisch ähnlich gebaut, und kognitiv entwickelten wir uns auch schon viel früher in die Richtung, wie heutige Jäger und Sammler sind", sagt Schmid. Die Vorstellung eines plötzlichen "Fortschrittsschubs" hält damit der Überprüfung an den realen Funden nicht stand.

In der Fachwelt führte dies zu einer Debatte über den Sinn starrer Kategorisierungen. Zwar helfen Definitionen von Epochen bei der groben Orientierung im wissenschaftlichen Diskurs, doch sie können den Blick auf die tatsächlichen Prozesse verstellen. "Wenn man dann ins Detail geht, sind sie eher hinderlich", so Schmid.

Miniaturisierter Kern aus Quarz, vermutlich mit Amboss-Technik bearbeitet, zur Herstellung von Lamellen aus der späten Altsteinzeit. Im Hintergrund ein beschriftetes Etikett mit der Aufschrift „UMH 2018“.
Miniaturisierter, mit Amboss-Technik bearbeiteter Kern aus Quarz zur Herstellung von Lamellen aus der späten Altstenzeit.

Glücksfall in der Pandemie

Dass Umhlatuzana heute diese detaillierten Einblicke liefert, ist auch glücklichen Umständen zu verdanken. Der Felsunterstand ist im Vergleich zur berühmten Border Cave eher unscheinbar und liegt heute direkt neben der Autobahn N3, die nach Durban führt. Ursprünglich war die Stätte in den 1980er-Jahren sogar Gegenstand von Rettungsgrabungen im Zuge des Straßenbaus. Die nun analysierten Funde stammen aus Grabungen der Universität Leiden der Jahre 2018 und 2019.

Dass Viola Schmid diese Artefakte so intensiv untersuchen konnte, war eine Folge der globalen Corona-Pandemie. Durch eine Ausnahmegenehmigung konnten die Fundstücke vorübergehend aus Südafrika in die Niederlande gebracht werden, wo Schmid zu dieser Zeit forschte. Inzwischen befinden sich alle Objekte wieder in südafrikanischer Obhut.

Doch die Arbeit in Umhlatuzana ist noch nicht abgeschlossen. Die Sequenz der Fundstelle ist derart hochauflösend, dass sie wohl noch weitere Details über jenes lange, graue Intervall der Menschheitsgeschichte preisgeben wird, das nun langsam seinen Status als "Black Box" verliert