Oft genug musste die berühmte Venus von Willendorf als eine Art steinzeitliches Sexsymbol herhalten. Doch wer waren die Menschen, die sie erschaffen haben? Und was bedeutete sie ihnen? Das fragt sich die österreichische Zeichnerin und Autorin Ulli Lust in der Fortsetzung ihrer groß angelegten Erforschung der Rolle der Frau in der Kulturgeschichte. Das Sachcomic Die Frau als Mensch: Schamanin-nen taucht wieder in die Eiszeit ein und rollt die Geschichte aus einem bisher oft übersehenen Blickwinkel auf: dem weiblichen.

Im Zentrum steht diesmal das Mystische, die Vorstellung einer parallelen Geister-welt, die in schamanistischen Kulturen nur eine andere Facette, sozusagen ein "Up-side Down" des Alltags war. Gemeinsam mit einer immensen Fülle an zusammen-getragenen Fakten, die Ulli Lust in eine faszinierende Bilderwelt verpackt, ergibt das eine Urzeit-Saga voller überraschender Details und Bezügen zur Gegenwart.

Der erste Teil, Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte, wurde zu einem Bestseller und als erster Comic überhaupt mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. Der nun erschienene zweite Teil ist bereits für den renommierten Leipziger Buchpreis nominiert. Wir haben mit der Wahlberlinerin per Zoom ge-sprochen.

STANDARD: In Ihrem neuen Buch begleiten Sie eine Gruppe von Nomadinnen und Nomaden in der Jungsteinzeit, die ins Gebiet der heutigen Wachau ziehen, wo vor etwa 29.500 Jahren die Venus von Willendorf entstand. Welche Rolle nehmen Frauen in den Gesellschaften der Frühzeit ein?

Lust: In der Forschungsgeschichte gibt es eine lange Tradition, die Rolle von Frauen nicht zu bemerken. Durch stereotype Erzählmuster oder auch Übersetzungsfehler hat man weibliche Fähigkeiten heruntergespielt und männliche überhöht. Doch in der Eiszeit gibt es über 20.000 Jahre kaum Männerdarstellungen in der Kunst. Der Ausdruck der zahlreichen Frauenstatuetten, die gefunden wurden, wirkt souverän, nicht bescheiden und untertänig. Die aktuelle Forschung nimmt an, dass die Eiszeitgesellschaften egalitär organisiert waren, dass man aufgrund seiner Fähigkeiten Respekt erwarb und nicht aufgrund des Geschlechts.

STANDARD: Was ist so faszinierend an der Venus von Willendorf?

Lust: Die böhmisch-mährischen Mammutjäger waren eine bedeutende Gruppe in der Eiszeit. Ich komme aus dem Pulkautal nahe der tschechischen Grenze, das war im Grunde ein gemeinsamer Kulturraum. Die Venus von Willendorf ist ein Bindeglied zwischen der östlichen und der westlichen Figurinentradition. Sie ist besonders ästhetisch gestaltet, präzise und detailgenau. Sie wurde poliert, was damals noch nicht üblich war. Ich als Künstlerin stehe mit großer Ehrfurcht davor, weil da sehr viel Aufwand dahintersteckt. Ich frage mich: Wo hatten die Menschen diese Fähigkeiten her? Was war ihre Funktion?

Eine Comic-Sequenz zeigt eine Frau am Lagerfeuer bei einer spirituellen Handlung. Eine Person in traditioneller Kleidung hält Kräuter und rauchende Pflanzen über einem Feuer. In der Szene werden Beifuß-Pflanzen verwendet und beschrieben.

STANDARD: Der zweite Teil der Steinzeit-Graphic-Novel dreht sich um Mythologien und Spiritualität. Wie kommt das?

Lust: Das Kunstschaffen der gesamten Eiszeit ist sehr speziell. Es gibt nur sehr wenige Kunstwerke, die aber unglaublich liebevoll und aufwendig gestaltet sind. Deshalb nimmt man an, dass man Kunst nicht zum Zeitvertreib gemacht hat, es gibt keine verzierten Alltagsgegenstände. Hauptsächlich werden Tiere und Frauenfiguren dargestellt. Man vermutet, dass diese Mühe, die man sich mit der Kunst gegeben hat, darauf zurückzuführen ist, dass man sie als etwas Magisches betrachtet hat. Es ging um den Schöpfungsprozess, aber auch um eine spirituelle Ebene, die mit den Gegenständen verbunden war. Schamanismus gehört zu den ältesten Glaubenssystemen der Welt, und es gibt viele Gründe anzunehmen, dass die Eiszeit-Artefakte in diesem Kontext benutzt wurden.

STANDARD: Animistisches Denken und eine große Naturverbundenheit spielen eine große Rolle in diesem Zusammenhang. Welche Nachweise gibt es für Schamaninnen und spirituelle Frauenfiguren aus dieser Zeit?

Lust: Es gibt einzelne Bestattungen, die Hinweise darauf geben. An der archäologischen Fundstätte von Dolní Věstonice in Tschechien wurde eine etwa 45-jährige Frau unter einem Mammutschulterblatt begraben, im Siedlungsgebiet unter dem Boden einer Hütte. Man wollte sie also in der Nähe haben. In ihren Armen hielt sie einen Fuchs, das sind typische Zauberwesen im Schamanismus. Außerdem wurde ein Porträt einer Frau aus Mammutelfenbein gefunden – ein äußerst seltener Fall der Abbildung eines Gesichts. Zusätzlich fand man eine Maske, die ebenso wie das Porträt einen auf einer Seite schiefen Mund zeigt. Die Frau im Grab hatte eine Verletzung am Kiefer, aber auf der anderen Seite, also spiegelverkehrt – faszinierend! Diese Frau gilt als Proto-Schamanin und war auch Modell für die Figur der Füchsin in meinem Buch. Schamaninnen waren ursprünglich Heilerinnen, aber auch Geschichtenerzählerinnen, deshalb waren viele Volksmärchen ursprünglich Schamanenmärchen.

Eine Person mit langen, gewellten Haaren steht vor einer Kulisse aus rostigen Metallwänden. Die Person trägt dunkle Kleidung und einen Venus-von-Willendorf-Anhänger um den Hals. Der Boden besteht aus gepflasterten Steinplatten.
 "Die Ungleichheit der Geschlechter ist kein Naturgesetz, ebensowenig wie das heute verbreitete egozentrische Menschenbild", sagt Ulli Lust. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Urgeschichte.

STANDARD: In Ihren Büchern verbinden Sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit erzählerischen Elementen. Wie viel mussten Sie sich selbst zusammenreimen, aus Mangel an Fakten?

Lust: Ich habe versucht, das zu zeigen, was man anhand von Funden weiß, also etwa über die Kleidung und Artefakte, über die Landschaft, die Pflanzen- und Tierwelt. Ich habe Fundorte und Museen besucht, wissenschaftliche Texte gelesen, Volksmärchen, Texte zur Mythenforschung. Aber ich wollte die Fakten unterfüttern und den Alltag zeigen. In dem Moment, wo die Figuren handeln, Probleme haben, krank werden, sich verlieben, ist es natürlich Fiktion. Dann muss ich auch entscheiden, wie die Artefakte genutzt werden. Ich verfolge eine assoziative, essayistische Erzählweise, das erlaubt gewisse Spielräume. Zusätzlich war es mir wichtig, selbst als Erzählerin, als eine Art Moderatorin, aufzutreten. Das gab mir auch die Möglichkeit, eine weibliche Perspektive einzubringen und die starren frühgeschichtlichen Erzählmuster aufzubrechen.

STANDARD: Was kann uns das über heutige Geschlechterverhältnisse sagen, wenn es offenbar bereits in der Frühgeschichte so etwas wie eine egalitäre Gesellschaftsordnung gab?

Lust: Es ist eine hochinteressante Erkenntnis der modernen Forschung, dass es die meiste Zeit, seit Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren auftauchte, keine Hierarchie unter den Geschlechtern gab. Wir können also annehmen, dass diese Ungleichheit der Geschlechter eine jüngere Erscheinung ist und absolut kein Naturgesetz. Ebensowenig wie das heute verbreitete egozentrische Menschenbild. Die Vorstellung, möglichst viel für uns selbst raffen zu müssen, nutzt dem Kapitalismus, hat aber mit unserer Geschichte nicht viel zu tun. Traditionelle Jäger- und Sammlergesellschaften basierten zu einem guten Teil auf Kooperation und darauf, dass man sogar Fremden Vertrauen entgegenbringen kann – etwas, was man im Tierreich kaum findet. Horten galt als unhöflich, man versuchte so großzügig wie möglich zu sein. Wir sollten uns also mehr auf unsere sozialen und empathischen Fähigkeiten besinnen, statt das Bild vom Menschen als aggressivem "Wolf", wie in dem Sprichwort "Der Mensch ist des Menschen Wolf", in den Vordergrund zu stellen.

Illustration eines riesigen Bärenkopfes mit aufgerissenem Maul, in dem ein winziger Mensch zu sehen ist. Im Hintergrund rauchende Hütten, Landschaft mit Bergen und einer Linie, die den oberen und unteren Bereichen spiegelt.

STANDARD: Als Sie 1995 von Wien nach Berlin gegangen sind, waren Graphic Novels weitgehend noch ein Kuriosum. Was hat sich seitdem getan?

Lust: Der Comic für Erwachsene hat als Graphic Novel die Buchhandlungen und Kulturinstitutionen erreicht, die Szene ist enorm gewachsen. Als ich nach Berlin kam, fand dort gerade eine Fusion statt aus der Illustrationsszene aus der ehemaligen DDR und der Avantgarde aus dem Westen, und es gab eine große Offenheit gegenüber narrativem Zeichnen. Ich war sozusagen an der Speerspitze einer Bewegung, die den Comic als künstlerisches Medium, mit dem man alles erzählen kann, neu definiert hat. Auch ich versuche, die verschiedenen Textsorten durchzudeklinieren. Das Sachbuch steht sozusagen am Ende dieser Kette.

STANDARD: Wie geht die Geschichte weiter, was dürfen wir uns von weiteren Bänden erwarten?

Lust: Ich habe vor, die gesamte Urgeschichte bis zur Erfindung der Schrift abzudecken. Der zweite Band geht bis zum Ende der Eiszeit, danach folgte eine Warmphase und der Übergang zur Landwirtschaft im Neolithikum. In dieser Zeit entstanden sehr viele unterschiedliche Typen von Frauenfiguren und auch neue Experimente des Zusammenlebens. In Rumänien gab es zum Beispiel große, kreisförmig organisierte Siedlungen ohne sichtbare Hierarchien. Aktuell plane ich eine Recherchereise nach Göbekli Tepe in der Türkei mit dem Archäologen Jens Notroff, der dort gegraben hat. Vor der Schrift gibt es eben nur archäologische Funde und Bilder, die uns etwas erzählen. Und Bilder lesen ist meine Expertise. 

Buchcover von
Ulli Lust: "Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen". 304 Seiten / 30,50 Euro. Reprodukt, Berlin 2026