Es war lange ein Stehsatz: Auf der Welt gibt es mehr Frauen als Männer. Dieses Verhältnis dreht sich seit einiger Zeit. Weltweit leben aktuellen UN-Daten zufolge ein bis zwei Prozent mehr Männer auf der Erde als Frauen. Noch ausgeprägter ist der Überschuss im reproduktionsfähigen Alter. Das hat dazu geführt, dass seit dem Jahr 2024 Männer verhältnismäßig weniger Kinder zeugen als Frauen. Bis zu dem Zeitpunkt war das Verhältnis umgekehrt, wie ein Forschungsteam im Fachjournal PNAS berichtet.

"Die absolute Zahl der Geburten ist natürlich identisch", sagt Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Aber wir beobachten einen Wechsel von einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Männern zu einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Frauen. Dieser Wechsel wird durch eine Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Männer relativ zu Frauen angetrieben." Schubert hat sich gemeinsam mit Kollegen von der United Nations Population Division und der Universität Oslo dem wenig beachteten Thema der männlichen Fertilität gewidmet, die im Gegensatz zur weiblichen Geburtenrate kaum untersucht ist.

Der steigende Männeranteil in der Bevölkerung ist auf mehrere Trends zurückzuführen: Generell nimmt die Sterblichkeit ab, insbesondere die der Männer, die historisch gesehen öfter an Risikoverhalten und gewaltsamen Konflikten starben. Dadurch nähert sich die Sterblichkeit von Frauen und Männern in jungen Jahren an. Hinzu kommt, dass in einigen Ländern verstärkt Mädchen abgetrieben werden, um männlichem Nachwuchs den Vorzug zu geben. All das führt dazu, dass sich der natürliche Geburtenüberschuss – im Schnitt kommen 105 Buben auf 100 Mädchen – in einem generellen Männerüberschuss widerspiegelt. Das wiederum hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft.

 

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Bis zu 20 Prozent mehr Männer

In Ländern mit patriarchalen Strukturen in Ostasien, wo geschlechtsspezifische Abtreibungen häufig waren und sind, ist der Männerüberschuss bereits deutlich. Junge Männer, die eine Partnerin suchen, haben es schwerer, eine zu finden und eine Familie zu gründen, wodurch auch die Anzahl der Kinder pro Kopf gesunken ist. Die ungewollte Partner- und Kinderlosigkeit und damit einhergehende Frustrationen werden auch immer wieder mit einer erhöhten Anfälligkeit für Kriminalität in Verbindung gebracht.

Der Trend wird sich fortsetzen, wie das Forschungsteam anhand von Daten der UN World Population Prospects berechnet hat: "In sehr bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien, wo der Männerschuss auf bis zu 20 Prozent anwachsen könnte, werden Männer im Schnitt mindestens fünf Prozent weniger Kinder haben als Frauen", sagt Schubert. Ab 2030 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern mit derartigen Verschiebungen leben."

In Europa und Nordamerika hat dieser Wechsel bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren stattgefunden, wo sich der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Fertilität auf etwa zwei Prozent eingependelt hat. Regional gibt es jedoch Ausnahmen, wie etwa in Ostdeutschland, wo durch eine verstärkte Abwanderung von Frauen noch heute etwa 115 Männer auf 100 Frauen kommen – ein Verhältnis wie in China. Asien, Südamerika und Ozeanien haben den Übergang erst vor Kurzem durchlaufen. Nur in Subsahara-Afrika bleibt das Verhältnis den Prognosen zufolge bis mindestens 2100 umgedreht, da die Geburtenraten hier nicht sinken und die Sterblichkeit weiterhin hoch ist.

Politische Lösungen gefordert

In großen Teilen der Welt sinken hingegen die Geburtenraten, durch den demografischen Wandel altern die Bevölkerungen, Menschen entscheiden sich später für Kinder und die Altersunterschiede zwischen Müttern und Vätern sinken. "All diese Prozesse greifen ineinander", sagt Schubert im Gespräch mit dem STANDARD. Zusammen mit sinkender Sterblichkeit hat das dazu geführt, dass es in der Gruppe der unter 50-Jährigen mehr Männer als Frauen gibt – wodurch die Kinderzahl pro Kopf sinkt. Erst in höheren Altersgruppen haben Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung wieder die Nase vorn.

Zwei junge Männer sitzen auf einer Betonmauer und unterhalten sich. Einer trägt ein weißes Hemd und hält eine beige Mütze, der andere trägt ein schwarzes Tanktop und eine graue Hose mit einer Mütze in der Hand. Im Hintergrund sind eine Landschaft mit Hügeln und moderne Gebäude zu sehen.
Junge Männer brauchen Perspektiven abseits von Partnerschaft und Kindern, betonen Fachleute.

Die möglichen Auswirkungen dieses demografischen Übergangs werden bisher noch zu wenig diskutiert, bemängeln Fachleute. "Die Herausforderungen betreffen vor allem Männer, die kinderlos bleiben – ein Status, der oft mit schlechterer Gesundheit und wachsender Abhängigkeit von professioneller Pflege im Alter verbunden ist", erläutert Schubert. "Um dem entgegenzuwirken, braucht es dringend politische Lösungen."

Damit meint der Demograf allerdings nicht familienpolitische Maßnahmen wie finanzielle Anreize und Steuererleichterungen, wie sie in vielen Ländern gefordert oder durchgeführt werden, um die Geburtenraten wieder anzukurbeln. "Mit solchen Maßnahmen können, wenn überhaupt, nur kurzzeitige Effekte erzielt werden", sagt Schubert. "Die Geburtenraten steigen dann, weil die Entscheidung für Kinder vorgezogen wird, und fallen später wieder umso mehr." Einschneidende Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik in China hätten zu massiven Problemen geführt. Generell müsse die Stellung von Frauen in der Gesellschaft gestärkt werden, auch um geschlechtsselektive Abtreibungen zu verhindern.

Erfolge abseits des Partnermarkts

Um die Rahmenbedingungen für Männer zu verbessern, müsse man darauf achten, dass Männer auch ohne Familie erfolgreich sein können, also etwa in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. "Der Partnermarkt ist nicht alles", sagt Schubert. Außerdem brauche es mehr staatliche Betreuungseinrichtungen, wenn Familiennetzwerke im Alter oder bei Krankheit wegfallen.

"Werden die Herausforderungen dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte", warnt das Forscherteam. Einen Vorgeschmack darauf zeigt schon jetzt die sogenannte Incel-Szene, in der sich unfreiwillig zölibatär lebende Männer vernetzen und Frauenhass schüren.