Ungefähr vor 5000 Jahren verschwand ein großer Teil der nordwesteuropäischen Gemeinschaften. Der jungsteinzeitliche Kollaps vollzog sich in nur wenigen hundert Jahren und lässt sich unter anderem aus archäologischen Funden herauslesen: Während bis in die erste Hälfte des 4. Jahrtausends etwa in Skandinavien viele neue Siedlungen entstanden, kam es ab etwa 3400 v. Chr. zu einem Stillstand. Keine neuen Dörfer wurden gegründet und viele bestehende wurden dauerhaft aufgegeben. Auch ein Rückgang der Getreideproduktion lässt sich erkennen – ob letzterer ein Ausgangspunkt oder eine Folge der Zäsur war, ist unklar.

Überhaupt stehen hinter dem "Neolithic Decline" in Nordwesteuropa noch viele Fragezeichen. Über die möglichen Ursachen wird ebenso spekuliert, wie über das Ausmaß des Bevölkerungsverlustes, und ob auch andere Gebiete in Europa davon betroffen waren. Eine über 5000 Jahre alte Grabanlage im heutigen Frankreich könnte nun Antworten auf diese Fragen liefern.

Ende der Megalithbauten

Die Überreste des jungsteinzeitlichen Monumentalbaus liegen etwa 40 Kilometer nördlich des Pariser Stadtzentrums, am Rande des französischen Dorfes Bury. Das Galeriegrab ist ein langgezogener Megalithkorridor aus mächtigen Steinblöcken. Es war einst die letzte Ruhestätte einer Gemeinschaft, die mit beachtlichem Aufwand ihre Toten ehrte – zumindest bis um das Jahr 3100 v. Chr. Ab dann verebbte jegliche Bautätigkeit und auch Beisetzungen gab es nicht. Es vergingen Jahrhunderte, ehe an diesem Ort wieder Menschen beerdigt wurden.

Solche Megalithgräber sind das wohl markanteste Erbe der europäischen Jungsteinzeit. Von der iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien errichteten neolithische Gesellschaften zwischen etwa 4500 und 3000 v. Chr. gewaltige Steinmonumente – Dolmen, Ganggräber, Hügelgräber –, die kollektive Bestattungen ermöglichten und damit ein Gemeinschaftsgefühl über den Tod hinaus ausdrückten. Genetische Studien aus Skandinavien hatten bereits gezeigt, dass das Ende der Megalithanlagen mit dem dortigen großen Bevölkerungsrückgang zusammenfiel.

Mehr noch: Der Niedergang der Megalithepoche im Norden ging einem umfassenden Zuzug neuer Menschen aus dem Osten voraus, Einwanderer aus der eurasischen Steppe, die in die nunmehr entvölkerten Gebiete drängten. Dass dieses Muster auch für Westeuropa galt, konnte nun erstmals ein internationales Team um Frederik Seersholm von der Universität von Kopenhagen anhand der DNA von 132 in Bury bestatteten Individuen nachweisen.

Zwei Phasen und ein Bruch

Das Grab wurde laut den im Fachjournal Nature Ecology & Evolution präsentierten Ergebnissen in zwei klar getrennten Phasen genutzt. Die erste wurde datiert auf etwa 3200 bis 3100 v. Chr. und war von einem Menschenschlag mit lokaler neolithischer Abstammung geprägt. Das bedeutet, dass sie Nachfahren jener Bauerngemeinschaften waren, die Jahrtausende zuvor aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen waren.

Nach dieser Ära tut sich eine Befundlücke auf, die sich erst ab etwa 2900 v. Chr., durch eine zweite Gruppe von Bestattungen wieder schließt. Deren genetisches Profil verweist im Unterschied zu jenem der Vorgänger auf eine iberische und südfranzösische Herkunft. Zwischen beiden Phasen konnten die Forschenden keinen fließenden Übergang beobachten.

"Wir können einen deutlichen genetischen Bruch zwischen den beiden Bestattungsphasen erkennen. Die Menschen, die das Grab vor und nach dem Kollaps nutzten, scheinen zwei völlig unterschiedliche Populationen zu sein", erklärt Seersholm. "Das zeigt uns, dass etwas Bedeutendes passiert ist – eine massive Störung, die zum Niedergang der einen Bevölkerung und zur Ankunft einer anderen führte."

Eine Karte zeigt die Lage von Bury in Frankreich, umgeben von anderen archäologischen Stätten. Daneben sind zwei Diagramme: Oben ist Phase 1 (3500–3000 v. Chr.) dargestellt, mit länglicher Grabkammer, Begräbnissen in ausgestreckter Position und Ablagerungen. Unten Phase 2 (2800–2500 v. Chr.) mit Hauptgrabkammer und flexierten Körperpositionen. Unterschiedliche Farben markieren die Begräbnisareale beider Phasen.
Die Untersuchungen zeigten: Die Grabanlage von Bury wurde in zwei getrennten Phasen genutzt. Die erste Phase ist durch Individuen mit lokaler Abstammung geprägt, die zweite besteht aus Toten, die ein iberisches und südfranzösisches Erbe aufweisen und sich auch in den Bestattungsriten unterscheiden.

Zuzug aus dem Süden und Osten

Ähnliche punktuelle Belege, unter anderem aus Deutschland, weisen immer deutlicher darauf hin, dass der "Neolithic Decline" tatsächlich kein lokales Phänomen war, sondern weite Teile Europas erfasst hatte: Die Gesellschaften, die Megalithgräber bauten, starben aus oder schrumpften so stark, dass sie ihre Gebiete nicht mehr bevölkern konnten. In das dadurch entstehende demografische Vakuum drängten andere Gruppen aus Südeuropa und aus den Steppen im Osten.

Auch die Bestattungsriten spiegeln einen kulturellen Wandel wider: In der ersten Phase von Bury wurden die Toten typischerweise in gestreckter Haltung entlang der Hauptachse des Grabes ausgerichtet. Die Bestatteten der zweiten Phase zeigen keine solche Ausrichtung mehr, ihre Körper liegen in Hockerstellung.

Die Befunde liefern zwar keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Warum des Bevölkerungseinbruchs, aber immerhin verdächtige Spuren: Die erste Bestattungsphase in Bury enthält gegen Ende dieser Epoche auffällig viele Säuglings- und Kinderskelette. Die Forschenden schließen daraus auf eine möglicherweise erhöhte Kindersterblichkeit – üblicherweise die Folge von katastrophalen Ereignissen wie Krieg, Hunger oder eines Seuchenausbruchs.

Tatsächlich fanden sich in den Skeletten DNA-Spuren von Yersinia pestis, dem Erreger der Pest. Der Befund beweist zwar nichts, fügt sich aber ein in die Hypothese, die in der Forschung bereits seit einigen Jahren kursiert: dass eine frühe Form der Pest maßgeblich am neolithischen Bevölkerungsrückgang beteiligt gewesen sein könnte. "Es gibt zwar keinen stichhaltigen Beleg dafür, dass die Pest allein den Zusammenbruch der Bevölkerung verursacht hat, aber die Krankheitslast könnte einer von mehreren Faktoren gewesen sein", sagt Martin Sikora, Koautor der Studie.

Zusammenspiel vieler Faktoren

Wahrscheinlich sei demnach ein Zusammenspiel von Klimaschwankungen, Bodenerschöpfung durch jahrtausendelangen Ackerbau sowie möglicherweise soziale Spannungen – eine Situation, in der eine Seuche leichtes Spiel hätte. Was immer den Ausschlag gab, es bereitete letztlich zwei Migrationswellen den Boden: Einwanderer aus dem Süden, wie in Bury belegt, und jene aus der pontisch-kaspischen Steppe, deren Expansion die europäische Demografie und Sprache in den folgenden Jahrtausenden nachhaltig prägen sollte.

"Wir können die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sowohl die iberische Nordwanderung als auch die Expansion aus der Steppe verwandte Reaktionen auf den neolithischen Rückgang waren", erklären die Autorinnen und Autoren. "Ein weit verbreiteter demografischer Rückgang hätte ein Vakuum geschaffen, in das benachbarte Gruppen expandieren konnten."