aus scinexx.de, 13. 3. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Leben auf der emotionalen Achterbahn: Für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung sind intensive Gefühle und gleichzeitig innere Leere Teil des Alltags. Beziehungen können innerhalb kürzester Zeit zwischen Idealisierung und Entwertung kippen, innere Anspannung entlädt sich nicht selten in selbstschädigendem oder riskantem Verhalten. Doch wie entstehen diese Muster? Und warum galt Borderline lange als therapeutisch besonders schwierig?
Der Begriff „Borderline“ geht auf eine frühe Vorstellung in der Psychiatrie zurück: Man nahm an, die Störung liege an der Grenze zwischen Neurose und Psychose, zwischen Verhaltungsstörung und schweren Erkrankungen mit Realitätsverlust. Heute gilt Borderline jedoch als eigenständige psychische Störung. Sie betrifft vor allem die Emotionsregulation und beeinflusst Selbstbild, Verhalten und zwischenmenschliche Beziehungen.
Extreme Gefühlsintensität, rasche Stimmungsschwankungen und ein unsicheres Selbstbild prägen die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Viele Betroffene reagieren besonders sensibel auf zwischenmenschliche Spannungen oder Zurückweisung und erleben ihre Emotionen oft wie verstärkt oder kaum kontrollierbar.

„Die Betroffenen haben oft ein Gefühlsleben, das einer Achterbahnfahrt gleicht – in einem Moment ist alles supertoll: die Freundschaft, die Beziehung oder der Job. Und im nächsten Moment kippt das Ganze in ein anderes Extrem: die Freundin wird beschimpft, die Beziehung ist furchtbar und der Job das Allerletzte. Das sind nur Beispiele und das ist sehr anstrengend, für die Betroffenen und für die Menschen um sie oder ihn herum“, erklärt Katharina Falk, Leitende Psychotherapeutin der Psychosomatischen Station in Flensburg.
Das instabile Selbstbild äußert sich beispielsweise, in dem sich Betroffene immer wieder diese Fragen stellen: Wer bin ich? Was will ich? Was fühle ich wirklich? Hinzu kommt impulsives Verhalten wie riskante Geldausgaben, Substanzkonsum, Essanfälle oder andere selbstschädigende Handlungen. Selbstverletzungen oder suizidale Krisen können ebenfalls auftreten und stehen häufig im Zusammenhang mit schwer zu bewältigenden Gefühlen oder innerer Anspannung.
In besonders belastenden Situationen kann es zudem zu dissoziativen Zuständen kommen. Betroffene berichten dann, sich wie von außen zu beobachten und die eigene Umgebung als unwirklich zu erleben.
Schätzungen zufolge sind etwa 0,7 bis 2,7 Prozent der Erwachsenen von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) betroffen. Sie tritt bei

Frauen und Männern auf, auch wenn sich mehr Frauen in Therapie begeben und deshalb häufiger in Statistiken erscheinen. Außerdem kommt Borderline selten allein: Rund 80 Prozent der Betroffenen haben zusätzliche psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen.
Diese hohe Komorbidität ist so ausgeprägt, dass eine „reine“ Borderline-Persönlichkeitsstörung selten zu finden ist. Deshalb wird auch diskutiert, ob Borderline wirklich eine Persönlichkeitsstörung ist oder eher mit affektiven Störungen oder traumabezogenen Erkrankungen verwandt sein könnte. Aufgrund der häufigen Verbindung zu traumatischen Erfahrungen und der Überschneidungen mit Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung wurde sogar vorgeschlagen, Borderline als eine Art verzögerte oder komplexe Form von PTBS zu verstehen. Trotz dieser Diskussion gilt BPS aktuell als eigenständiges Störungsbild.
Diese Begleiterkrankungen haben auch dazu beigetragen, dass Borderline lange als besonders schwer therapierbar galt. Häufige Therapieabbrüche erschweren die Behandlung zusätzlich. Inzwischen hat sich dieses Bild jedoch deutlich verändert. Mehrere unabhängige Studien zeigen, dass Borderline grundsätzlich behandelbar ist, sich die Symptome bei vielen Betroffenen im Verlauf deutlich bessern und die Störung zudem biologische und genetische Grundlagen hat.
Ein Team um die Psychiaterin Mary Zanarini vom McLean Hospital der Harvard Medical School hat in einer großen Langzeitstudie den Verlauf einer solchen Störung über viele Jahre verfolgt. Nach 16 Jahren erlebten 99 Prozent der Patienten mindestens einmal eine Symptompause von zwei Jahren oder länger. Rund 78 Prozent erreichten sogar eine stabile Remission von mindestens acht Jahren.
Allerdings bedeutet das nicht automatisch vollständige Genesung, denn viele Betroffene kämpfen weiterhin mit Einschränkungen im sozialen oder beruflichen Alltag. Insgesamt deutet die Forschung aber klar darauf hin, dass sich die Symptomatik bei vielen Menschen mit Borderline im Laufe der Zeit deutlich verbessert.
Als wichtige Risikofaktoren gelten vor allem belastende oder instabile Erfahrungen in der Familie oder im nahen sozialen Umfeld während der Kindheit und Jugend. Dazu gehören etwa traumatisches Verlassenwerden, schwere Erziehungsdefizite oder Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung.
Der Begriff „Borderline“ stammt aus einer Zeit, in der die Psychoanalyse die Psychiatrie dominierte und psychische Erkrankungen ganz anders eingeordnet wurden als heute. Damals teilte man Patienten vor allem danach ein, ob sie als behandelbar galten oder nicht.
Neurosen galten als therapierbar. Damit meinte man seelische Störungen, bei denen Betroffene ihre Probleme zwar als belastend erleben, den Bezug zur Realität aber behalten, zum Beispiel Angst- oder Zwangsstörungen. Heute gilt dieser Begriff als veraltet. Psychosen dagegen wurden als schwere Erkrankungen mit Realitätsverlust verstanden und damit als kaum psychoanalytisch zugänglich. Manche Patientinnen und Patienten passten jedoch in keine dieser Kategorien. Sie schienen irgendwo dazwischen zu liegen, an einer Grenzlinie, eben an der „border line“.
Besonders geprägt wurde der Begriff in den 1930er Jahren vom ungarisch-amerikanischen Psychoanalytiker Adolph Stern. In einem

Fachartikel aus dem Jahr 1938 beschrieb er eine Gruppe von Menschen mit auffälligen emotionalen und zwischenmenschlichen Mustern. Viele der von ihm geschilderten Merkmale ähneln den heutigen diagnostischen Kriterien. Er beobachtete auch, dass Betroffene wichtige Bezugspersonen, auch ihre Therapeuten, abwechselnd idealisierten und abwerteten. Diese Gruppe bezeichnete er als „borderline group“ und gab der Störung damit ihren Namen.
Viele Psychiater aus dieser Zeit sahen Borderline jedoch nicht als eigenständige Störung, sondern als Randbereich oder abgeschwächte Form der Schizophrenie. Begriffe wie „borderline schizophrenia“, „ambulante Schizophrenie“ oder „pseudoneurotische Schizophrenie“ waren zeitweise verbreitet. Da die diagnostischen Kriterien für Schizophrenie damals sehr weit gefasst waren, wurden viele emotional instabile oder impulsive Patienten diesem Spektrum vorschnell zugeordnet.
Erst rund drei Jahrzehnte später begann man, „Borderline“ tatsächlich als Bezeichnung für eine spezifische Form von Persönlichkeitsstörung zu verwenden. Der Name selbst ist bis heute ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Im Gegensatz zu vielen anderen psychiatrischen Begriffen sagt er auch wenig über die tatsächlichen Symptome oder die Entstehung der Störung aus.
Offiziell anerkannt wurde die Diagnose schließlich 1980. In diesem Jahr nahm die dritte Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) die Borderline-Persönlichkeitsstörung erstmals auf. In diesem weltweit relevanten Klassifikationssystem wird sie den Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. Gemeint sind damit langfristige Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die stark von gesellschaftlichen Erwartungen abweichen und das Leben der Betroffenen sowie ihre Beziehungen erheblich belasten können.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Borderline keine Form der Schizophrenie ist. Mit der Einführung der schizotypischen Persönlichkeitsstörung zog die Psychiatrie endgültig eine klare Grenze zwischen beiden Diagnosen. Auch das klinische Bild sprach dagegen, Borderline dem schizophrenen Spektrum zuzuordnen. Zwar können unter starkem Stress vorübergehend Realitätsverzerrungen auftreten, doch eine anhaltende Psychose gehört in der Regel nicht dazu.
Gleichzeitig haftete Borderline lange ein schwieriger Ruf an. Die häufigen schweren Rückfälle und Suizidversuchen stellten viele Therapeuten auf die Probe. In der Fachliteratur jener Zeit finden sich deshalb oft wenig schmeichelhafte Beschreibungen. Manche Autoren bezeichneten diese Patienten als unberechenbar, egozentrisch oder kaum behandelbar. Solche Zuschreibungen prägten das Bild der Störung über Jahrzehnte und trugen zur Stigmatisierung von Borderline bei,
Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es verschiedene psychotherapeutische Interventionen, allen voran die Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT. Sie wurde speziell für Menschen mit Borderline entwickelt und vermittelt Strategien, um Anspannung regulieren und gesunde Beziehungen aufzubauen.

Viele Programme kombinieren Einzeltherapie, Gruppentraining und konkrete Übungen für den Alltag. Die DBT ist im Kern eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie, doch häufig fließen auch Achtsamkeitsübungen, körperorientierte Methoden oder kreative Elemente mit ein. „Dialektisch“ bedeutet dabei, eine Balance zu finden: zwischen dem Annehmen der eigenen Schwierigkeiten und dem Wunsch, etwas zu verändern.
Entwickelt wurde DBT von der US-amerikanische Psychologin Marsha M. Linehan in den 1990ern. Sie ist selbst von einer Borderline- Persönlichkeitsstörung betroffen. „Ich glaube, es stimmt, dass ich eine Therapie entwickelt habe, die genau das bietet, was ich so viele Jahre gebraucht habe und nie bekommen habe“, sagt sie in einem Interview mit der New York Times.
Ein zentraler Bestandteil der DBT sind sogenannte „Skills“. Das sind Maßnahmen, die Betroffenen helfen sollen, mit intensiven Gefühlen und Krisensituationen konstruktiv umzugehen.
„Die größte Herausforderung stellt es meiner Meinung nach dar, im Angesicht von sehr starken Emotionen, die einem Borderline-Patienten häufig entgegenbringen, Ruhe zu bewahren und die Emotionen weder kleinzureden noch mit ‚in den Pool zu fallen‘“, erklärt Psychotherapeutin Stephanie Höschel im Interview mit Therapie Tools. „Die DBT bietet hierbei gutes Rüstzeug, um zum einen empathisch auf Emotionen zu reagieren, aber auch Fertigkeiten (Skills) zu vermitteln, mit deren Hilfe Patienten und Patientinnen in die Lage kommen, ihre Anspannung eigenständig zu regulieren.“

Skills werden außerdem eingesetzt, aus dissoziativen Zuständen herauszufinden. Bei der 5-4-3-2-1-Methode etwa richten Betroffene ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung: fünf Dinge sehen, vier hören, drei fühlen, zwei riechen und eines schmecken. Solche Übungen helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Auch bei Panik können sie wirksam sein. Viele Betroffene stellen sich zudem eine persönliche Skill-Tasche zusammen. Darin befinden sich individuell hilfreiche Gegenstände, die starke Sinnesreize auslösen oder beruhigend wirken: Zum Beispiel Chili-Bonbons, Duftöle, ein Stressball oder kleine Erinnerungszettel mit hilfreichen Strategien sowie ein Notfallplan.
Dass solche psychotherapeutischen Verfahren tiefgreifend wirken können, zeigen auch neurobiologische Studien. So fand ein Forschungsteam um Psychiaterin Marianne Goodman vom Mount Sinai Hospital in New York City heraus, dass nach einer Dialektisch-Behavioralen Therapie die Amygdala – ein wichtiges Zentrum für die Verarbeitung von Emotionen in unserem Gehirn – weniger stark auf negative Reize reagierte. Gleichzeitig zeigte sich eine stärkere Beteiligung des präfrontalen Cortex, der an der bewussten Emotionsregulation beteiligt ist.
Neben klassischen psychotherapeutischen Verfahren werden zunehmend auch neue Technologien erprobt, etwa virtuelle Realität. Da Borderline häufig mit Störungen der Selbst- und Körperwahrnehmung einhergeht, soll virtuelle Realität helfen, den Körper wieder klar zu spüren und den Umgang mit solchen Zuständen zu verbessern.

Auch Medikamente können bei Borderline zum Einsatz kommen. Ein spezifisches Borderline-Medikament gibt es jedoch nicht. Stattdessen werden Arzneimittel vor allem eingesetzt, um einzelne Symptome oder Begleiterkrankungen zu behandeln. Stimmungsstabilisierer können manchen helfen, starke Stimmungsschwankungen oder Impulsivität zu reduzieren.
Bei starken Angstzuständen verschreiben Ärzte oft Benzodiazepine, zum Beispiel Lorazepam. Diese Medikamente haben jedoch ein hohes Suchtpotenzial und sollten nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden. Für begleitende Depressionen oder Angsterkrankungen können Antidepressiva, besonders die Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingenommen werden.
Nota. - Der Laie erwartet von eine Diagnose eine Auskunft über die Ursachen und den wahrscheinlichen Verlauf einer Krankheit. Das geben die Diagnosen des DSM nicht her. Sie sind strikt phänomenologisch und zählen Symptome auf. Sie dienen der Verständigung zwischen den Professionellen der psychiatrischen Klinik, um ihnen einen Hinweis zu geben auf das zu erwartende Krankheitsbild und einen Rat für die allerer-sten Behandlungsschritte. Dass bei vielen Patienten nacheinander unterschiedliche Diagnosen ausgesprochen werden, ist kein Hinweis auf mangel-de Qualifikation der Diagnostiker, sondern eine Folge des pragmatischen Grundcharakters des DSM, das darauf absieht, sich Schritt für Schritt an den individuellen 'Fall' heranzutasten.
Es wäre löblich, den Gebrauch eines so unscharfen Begriffs wie Borderline streng auf den klinischen Bereich einzuschränken - und den andern psychiatrischen Dia-gnosen würde das aucch nicht schaden.
JE
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