aus scinexx.de, 1. 4. 2026; Mutter- und Fremdsprache werden in der gleichen Gehirnregion gespeichert. zu Ebmeiers Realien
Wo genau landen neue Wörter im Gehirn, wenn wir eine Fremdsprache lernen – in denselben Bereichen wie unsere Muttersprache oder ganz woanders? For-schende haben nun herausgefunden: Die neuen Wörter werden überwiegend in denselben Hirnregionen gespeichert wie die Muttersprache, einzelne Be-griffe verschieben sich jedoch leicht, je nachdem, woher sie stammen.
Wie sich Fremdsprachen im Gehirn verankern, ist noch nicht ausreichend geklärt. Es gibt aktuell zwei Theorien: Entweder wird die neu erlernte Sprache in der glei-chen Hirnregion angelegt, in der auch die Muttersprache gespeichert ist, oder die Fremdsprache liegt in einer ganz anderen Hirnregion.
„Sowohl für die eine wie für die andere Hypothese gab es in der Vergangenheit experimentelle Belege“, sagt Seniorautorin Fatma Deniz von der University of California in Berkeley. Daher vermuteten Forschende, dass die Realität irgendwo zwischen diesen beiden Ansätzen liegt.
Wo landen neue Wörter im Gehirn?
Um das zu überprüfen, haben Forschende um Deniz und ihre Kollegin Catherine Chen die Frage nach dem Fremdsprachenspeicher erneut untersucht. Dafür wählten sie sechs Testpersonen, die Chinesisch als Muttersprache sprachen und später Englisch als Zweitsprache gelernt hatten. Deren Hirnaktivität beim Verarbeiten von Sprache analysierte das Team mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT).
Um im Detail untersuchen zu können, wie die Sprache im Gehirn verarbeitet wurde, teilten die Forschenden das Gehirn in „Volumen-Pixel“ auf, sogenannte Voxel, also kleine räumliche Bereiche. Außerdem klassifizierten sie die Worte aus den Geschichten mithilfe eines KI-Sprachmodells in Themengruppen. Dabei analysierten die Forschenden, welche Wörter inhaltlich zusammengehörten und wie häufig sie in ähnlichen Kontexten auftauchten. „Wir mussten sehr komplexe statistische Analysen durchführen, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen“, erklärt Deniz.
Die Forschenden überprüften die Zuverlässigkeit ihrer Analyse mithilfe von maschinellem Lernen: Zunächst trainierten sie KI-Modelle auf den Daten von vier Teilnehmenden, um die gemessenen Muster im Gehirn nachzubilden. Anschließend testeten sie, ob sich diese Modelle auf die Daten der zwei weiteren Personen übertragen ließen. Tatsächlich konnte Künstliche Intelligenz die Themenverteilung der Voxel bei den zwei Probanden erstaunlich gut vorhersagen.

Das zentrale Ergebnis: Wenn unser Gehirn Fremdsprachen lernt, legt es die neu erworbenen Worte und Zusammenhänge in den Gehirnregionen ab, in denen der Begriff auch in der Muttersprache abgespeichert wurde. Zwischen Fremdsprache und Muttersprache treten allerdings kleine Verschiebungen auf, wenn man sich die Orte im Gehirn und die einzelnen Worte ganz genau untersucht.
Jedes Voxel „interessierte“ sich also quasi für die gleichen Dinge, unabhängig von der Sprache. Schauten sie jedoch genauer hin, bei welchen Wörtern welches Voxel aktiv wurde, zeigten sich feine Verschiebungen innerhalb der gleichbleibenden Oberthemen.
Ein Beispiel: Beim Oberthema „räumliche Orientierung“ reagierte ein bestimmter Hirnbereich im Chinesischen vor allem auf Wörter wie „ankommen“ oder „zusammen“, die Beziehungen beschreiben. Beim Lesen englischer Texte verschob sich dies: Dort sprach derselbe Bereich stärker auf Begriffe wie „Norden“ oder „sieben (Kilometer)“ an, die eher Richtungen oder Zahlen betreffen.
Es zeigte sich außerdem, dass jeder Voxel nicht nur auf ein einzelnes Thema reagierte, sondern mehrere Themen gleichzeitig mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten verarbeitete. So wurden in einem Voxel beispielsweise zu 80 Prozent Wörter erfasst, die räumliche Orientierung ausdrücken, wie „Süden“, „vorne“ oder „Wohnung“. Im gleichen Voxel tauchten aber auch andere Themen auf, etwa zu 20 Prozent Wörter aus dem Bereich „Fahrzeuge“.
Diese Ergebnisse liefern damit eine Antwort auf die strittige Frage, ob Muttersprache und Fremdsprache im Gehirn räumliche getrennt verarbeitet werden oder aber in der gleichen Region. Gleichzeitig könnten die neuen Erkenntnisse künftig dabei helfen, das Lernen von Fremdsprachen effizienter zu gestalten und auch Menschen mit Aphasie zu unterstützen, die nach einer Schädigung bestimmter Gehirnregionen Schwierigkeiten haben, gesprochene oder geschriebene Sprache richtig zu verstehen oder auszudrücken.
Weitere Experimente in Planung
„Generell bildet unsere Grundlagenforschung eine wichtige Basis für alle, die das Verstehen und Lernen von Fremdsprachen und damit allgemein die Kommunikation unter Menschen verbessern wollen“, so Deniz.
Die Forschenden wollen ihre Experimente nun auf andere Sprachen ausweiten, vor allem auf solche, die sich stärker ähneln, wie etwa Italienisch und Spanisch. Außerdem planen sie, das Studiendesign umzudrehen und künftig Probanden zu untersuchen, deren Muttersprache Englisch ist und die Chinesisch als Fremdsprache gelernt haben. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2026, doi:10.1073/pnas.2503721123)
Quelle: Technische Universität Berlin; 1. April 2026 - von Carolin Malmendier
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