aus spektrum.de, 29.04.2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Exklusive Übersetzung aus Scientific American
Auf der Suche nach dem Ursprung unserer Sprachfähigkeit haben Fachleute uralte Regionen in unserem Genom entdeckt. Diese entstanden, noch bevor sich die Abstammungslinien des modernen Menschen und des Neandertalers trennten.
»Das war das Gen, das tausend Schiffe in Bewegung setzte«, sagt der Neurowissenschaftler Jacob Michaelson von der University of Iowa in Anspielung auf ein berühmtes englisches Literaturzitat. Doch seither haben weitere Studien diese These relativiert: Auf die Gesamtbevölkerung betrachtet scheint FOXP2 nämlich unsere Sprachfähigkeiten nicht im Alleingang zu steuern. Es müssen noch andere Faktoren im Spiel sein.
Nun hat eine neue Studie von Michaelson und seinen Kollegen einen weiteren Teil des Rätsels gelöst: Einige Regionen unseres Genoms, die mit den von Genen wie FOXP2 codierten Proteinen interagieren, könnten viel älter sein, als Wissenschaftler bisher angenommen hatten.
Michaelson
und sein Team hatten das menschliche Genom in Bereiche aufgeteilt und
diese nach evolutionärem Alter sortiert. Daraufhin untersuchten sie,
welche davon am engsten mit der Sprachfähigkeit zusammenhängen. Sie
stellten fest, dass jene Regionen, die laut Michaelson den größten
Einfluss haben, zu überraschend alten Teilen unseres Erbguts gehören:
Sie entstanden, nachdem sich die Abstammungslinien der Schimpansen und
Homininen getrennt hatten, aber bereits bevor die Vorfahren der modernen
Menschen und der Neandertaler vor etwa 600 000 Jahren eigene Wege
einschlugen. Wissenschaftler bezeichnen diese genetischen Regionen als
»human ancestor quickly evolved regions«, kurz HAQERs.
»Es ist
nicht sehr viel vom Genom«, sagt Michaelson und erklärt, dass die
Abschnitte etwa ein Tausendstel unserer DNA ausmachen. »Aber wir haben
herausgefunden, dass ein Großteil der genetischen Variation, aus der die
individuellen Unterschiede in der Sprach[fähigkeit] resultieren, genau
dort liegt.«
Die
Forscher analysierten die Genome von 350 Grundschülern in Iowa, die
während ihrer Zeit im Kindergarten bis zur vierten Klasse zu
verschiedenen Zeitpunkten 17 Tests zur Sprachfähigkeit absolviert
hatten. Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang der Testergebnisse mit
den evolutionär alten HAQERs. Die Fachleute fanden dasselbe Muster bei
mehr als 100 000 Menschen, die an anderen Studien teilgenommen hatten,
darunter die UK Biobank und SPARK (Simons Powering Autism Research),
einer groß angelegten Untersuchung zu Autismus.
HAQERs
sind keine Gene. Vielmehr handelt es sich um Regionen im Genom, die wie
»Lautstärkeregler« oder »Drehknöpfe« wirken; sie sorgen für die
Feinabstimmung, wann, wo und wie stark Gene aktiv sind, also Proteine
produzieren, erklärt Michaelson. »Einzeln üben sie keine großen Effekte
aus, und daher sind sie oft sehr schwer zu untersuchen. Aber gebündelt
können sie eine große Wirkung entfalten.« Denn sie beeinflussen die
Funktion von Proteinen, die von Genen wie FOXP2 gebildet
werden. Und die wirken ihrerseits als sogenannte Transkriptionsfaktoren
an Stellreglern an vielen Orten im gesamten Genom.
Erst zusammengenommen scheinen HAQERs und Gene wie FOXP2 die menschliche Sprachentwicklung zu beeinflussen. »Es ist dieser kollektive Effekt [genetischer] Variation an all den verschiedenen Stellen [im Genom], der offenbar die individuellen Unterschiede im Sprechen am besten erklärt«, sagt Michaelson. »Es gibt kein einzelnes Gen für Sprache.«
Wichtig sei, dass die HAQERs nur einer von vielen Faktoren seien, die bei der Sprachentwicklung des modernen Menschen eine Rolle gespielt haben könnten. Auch ist unklar, wie eine »Sprache« der Neandertaler ausgesehen haben könnte. Michaelson betont aber, dass die Ergebnisse seines Teams darauf hindeuten, dass »sie sicher über die biologische Ausstattung und die Veranlagung zur Sprache verfügten«. Es sei jedoch noch mehr Forschung nötig, um die Funktion der HAQERs bei den Neandertalern aufzuklären.
Der
Evolutionsbiologe Mark Pagel von der University of Reading in England
ist von den Schlussfolgerungen seiner Kollegen noch nicht überzeugt. Die
Frage sei, ob sich die HAQERs einst zur Sprachsteuerung entwickelt
hätten oder sie diese Funktion erst später übernommen hätten. »Die
Autoren haben zwar genetische Abschnitte identifiziert, die mit
Variationen der Sprachfähigkeit beim modernen Menschen in Verbindung
stehen, aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Sequenzen
in unserer fernen Vergangenheit entstanden sind, weil sie unseren
Vorfahren Sprachfähigkeiten verliehen haben«, sagt Pagel, der nicht an
der aktuellen Studie beteiligt war. »Sie entwickelten sich in einer
Phase, als sich das Gehirn der Homininen stark vergrößerte; daher könnte
ihr Ursprung auch darin gelegen haben, dieses evolutionäre
Gehirnwachstum zu befördern.«
Auf einer eher philosophischen
Ebene, so Michaelson, würden die Ergebnisse auch verdeutlichen, dass
unser Wunsch nach persönlicher Kommunikation – und danach, von anderen
verstanden zu werden – uralte evolutionäre Wurzeln hat. Die menschliche
Sprache »steht im Einklang mit dem Code, der in uns steckt«, sagt
Michaelson. »Im Lauf der Evolution hat sich unsere Spezies darauf
optimiert.«
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