Konrad Witz, Christophorus aus GeschmackssachenÜber "Stilgeschichte" wird so geredet, als sei Stil ein Subjekt mit eigener Dynamik. Das ist nicht so falsch, wo es um die Künstler selber geht. Die orientieren sich si-cher - anlehnend oder ablehnnd - an ihren Mitbewerbern und vor allem an ihren herausragenden Vorgängern.
Erst mit dem Aufkommen eines Marktes für Kunstwerke, nämlich seit nicht nur die Städte, sondern auch einzelne Bürger als Käufer in Erscheinung treten, spielt der jeweilige Zeitgeist eine künstlerisch treibende Rolle: Stimmung und Geschmack des breiten Publikums, auf das mittlerweile auch weltliche und kirchliche Fürsten Rück-sicht nehmen müssen; mindesten in den Städten, aber dort konzentriert sich immer stärker die weltliche und die geistliche Macht.
Ich bin kein Kunsthistoriker und Kunstgeschichte interessiert mich nicht beson-ders. Wohl aber interessieren mich die Entwicklungen der Geschmäcker - im Klei-nen wie im Großen: namentlich die Aubildung eines öffentlichen Geschmacks, ohne den epochale Stile gar nicht möglich wären.
Öffentlichkeit entsteht erst - und nur - in bürgerlichen Gesellschaften. Vom Ge-schmack kann ich nichts verstehen, wenn ich nicht seinen Veränderungen zuschaue, und die finden nun einmal in der Geschichte statt. Insofern muss mich diese "Epo-che, die keine war"* ganz besonders interessieren. Es wird Sie hoffentlich nicht langweilen, denn hier und heute sind wir noch nicht am Ende.
23. 5. 21
*) die sog. Spätgotik, ein spezifisch norddeutsches Phänomen, das wie ein Verbindungsstück zwischen Gotik und Renaissance wirkt - und sich doch von beiden merklich unterscheidet: eine "Frührenais-sance" hat es in Deuschland nicht gegeben.
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