Montag, 28. September 2026

KI über die Weltrevolution.

              zu öffentliche Angelegenheiten 

Ich schrieb:

... Der Erste Weltkrieg ist an der Erschöpfung aller beteiligten Mächte zum Erliegen gekommen; zu allererst in Russland: Die Kombination asiatisch-agrarischer Rückständigkeit im Reich und modernster kapitalistische Konzentration in einigen Metropolen hat zu einer Machtergreifung der proletarischen Partei im Vollzug einer bürgerlichen Revolution („permanente Revolution“) geführt – gerechtfertigt und historisch notwendig als Eröffnungsakt der Weltrevolution.
 
Auf die Idee, den Sozialismus „in einem Land“ aufzubauen, ist buchstäblich niemand (niemand) gekommen, bevor nicht Stalin seine Alleinherrschaft etabliert und die bolschewistische Partei liquidiert hatte. 
 
Ein neues Gleichgewicht war auf dem Weltmarkt durch das Versanden des Krieges in allgemeiner Erschöpfung nicht entstanden, England hatte nicht mehr die Kraft zur Weltherrschaft. Der Verrat der stalinistischen Komintern an der Weltrevolution und in concreto an der deutschen Revolution gab dem deutschen Kapital die Möglichkeit und Notwendigkeit, den „Griff nach der Weltmacht“ ein zweites Mal zu riskieren. 
 
Diesmal ist ein neues Gleichgewicht entstanden: England stand bei den USA in der Kreide, das (sehr kurze) „amerikanische Jahrhundert“ brach an. Statt im Feuer des Zeiten Weltkriegs unterzugehen (wie Leo Trotzki erwartet hatte), blieb das totalitäre bürokratische System in der Sowjetunion unangetastet und durfte im Zuge des Kalten Krieges, der Friedlichen Koexistenz und des „Wettbewerbs des Systeme“ der eigenen Verfaulung entgegendämmern. 
 
An der proletarischen Weltrevolution, wie in Marxens politischer Theorie vorgesehen, ist das Kapital nicht zugrunde gegangen. Ob es am Fall der Profitrate jemals zugrunde geht, steht, wie Paul Mattick überzeugend darlegt, in den Sternen. Bislang hat es noch jede Krise so ausgewertet, dass es schließlich gestärkt aus ihr hervorgegangen ist. 
 
Der Untergang des Sowjetblocks hat den Weg frei gemacht für das, was in den Medien „Globalisierung“ heißt, und was bedeutet, dass ein technologischer Scoop in Silicon Valley am nächsten Tag in einem Vorort von Manila soundsoviel einfache Leute arbeitslos macht und zugleich eine Handvoll qualifizierte Arbeitsplätze schafft. Globalisierung und Digitale Revolution sind Vorder- und Rückseite derselben Sache. Von einer globalen Konterrevolution kann ich nichts erkennen, ich sehe die Welt vielmehr in einem Fluss, der so reißend ist, wie seit 1917 nicht mehr. 
JE, ca. 2015

ChatGPT antwortet:

Ich lese das als eine historisch-theoretische These, nicht als bloße Chronik. Und gerade in dieser Form finde ich sie interessant: Sie verbindet drei Ebenen, die man gewöhnlich getrennt behandelt – Kriegsökonomie, Revolutionstheorie und die langfristige Entwicklung des Weltmarkts.

Einige Punkte würde ich allerdings schärfen, weil Ihre Argumentation an ihnen sonst historisch angreifbar wird.

1. 1917 als „Eröffnungsakt“ – ja, aber die Formulierung „bürgerliche Revolution“ braucht Präzision

Die von Ihnen beschriebene russische Konstellation ist im Kern die klassische bolschewistische Argumentation: Russland war ökonomisch und sozial nicht „reif“ für den Sozialismus, aber gerade seine Stellung im imperialistischen Weltsystem erzeugte eine eigentümliche Verbindung von modernstem Kapitalismus und vorbürgerlichen Verhältnissen.

Daraus folgt bei Lenin/Trotzki allerdings nicht einfach: proletarische Partei vollzieht eine bürgerliche Revolution. Die Sache ist komplizierter: Die Februarrevolution erfüllt zunächst bürgerlich-demokratische Aufgaben; die Oktoberrevolution setzt diese voraus und überschreitet sie zugleich. Trotzkis permanente Revolution erklärt gerade, warum die Bourgeoisie in einem Land wie Russland ihre historischen Aufgaben nicht mehr selbständig erfüllen könne und das Proletariat deshalb zur politischen Führung der Revolution gelangen müsse.

Der entscheidende Gedanke ist dann tatsächlich die Internationalisierung: Die russische Revolution kann ihren sozialistischen Charakter nur behaupten, wenn sie auf die Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern übergreift.

Ihre Formulierung

„Eröffnungsakt der Weltrevolution“

trifft diese Selbstauffassung ziemlich genau.

2. „Niemand“ dachte an Sozialismus in einem Land – hier würde ich historisch vorsichtiger sein

Ihre Pointe ist richtig, aber das absolute „niemand“ lädt unnötig zu einem Gegenbeispiel ein.

Entscheidend ist weniger, ob irgendjemand irgendwann eine solche Möglichkeit ausgesprochen hatte, sondern dass der Bolschewismus vor Stalin nicht über eine ausgearbeitete Theorie des dauerhaften sozialistischen Aufbaus in einem isolierten Russland verfügte.

Und genau hier liegt eine interessante Verschiebung: Stalin musste nicht bloß eine neue politische Parole erfinden. Er musste die Geschichtslogik des Bolschewismus umkehren.

Aus

russische Revolution → internationale Revolution → Aufhebung der kapitalistischen Weltordnung

wird

russische Revolution → Konsolidierung des sowjetischen Staates → Aufbau des Sozialismus innerhalb seiner Grenzen.

Das ist theoretisch eine ziemlich fundamentale Transformation.

3. Besonders stark finde ich Ihre zweite Zäsur: 1918–1933

Ihre Argumentation lässt sich hier sogar noch präziser fassen.

Der Erste Weltkrieg zerstörte das alte europäische Gleichgewicht, aber er erzeugte nicht automatisch ein neues stabiles Gleichgewicht. Deutschland war geschlagen, Großbritannien geschwächt, Frankreich zwar Sieger, aber demographisch und finanziell belastet; die USA hatten enorme wirtschaftliche Macht gewonnen, waren aber politisch noch nicht bereit, die europäische Ordnung dauerhaft zu übernehmen.

In diesem Zwischenraum lag die deutsche Entwicklung.

Ihr Satz

„Der Verrat der stalinistischen Komintern an der Weltrevolution und in concreto an der deutschen Revolution“

ist allerdings eine stark interpretierende historische These. Besonders beim deutschen Jahr 1923 sollte man zwischen der Politik der KPD, der sowjetischen Führung und der Komintern unterscheiden und außerdem berücksichtigen, dass die deutsche Revolution von 1918/19 bereits vor Stalin gescheitert war.

Ihre übergeordnete These bleibt davon unabhängig interessant:

Die Niederlage der revolutionären Alternative stabilisierte die Möglichkeit einer kapitalistischen Neuordnung Europas – und damit auch die Möglichkeit einer erneuten deutschen Expansion.

Das ist m.E. der tragfähigere Satz.

4. 1945 ist dann tatsächlich ein anderer Typ von Weltordnung

Hier finde ich Ihren Gedankengang besonders überzeugend.

Der Zweite Weltkrieg endet nicht wie der Erste in einem längeren Interregnum. 1945 gibt es einen eindeutigen Machtwechsel:

Großbritannien → USA

während zugleich die Sowjetunion als zweite kontinentale Macht bestehen bleibt.

Damit entsteht etwas, was 1918 gerade nicht entstanden war: ein neues internationales Gleichgewicht.

Und Ihre Bemerkung über das „amerikanische Jahrhundert“ hat einen interessanten Haken: Es war tatsächlich sehr kurz, wenn man darunter eine unangefochtene amerikanische Hegemonie versteht. Denn schon 1945 existierte mit der Sowjetunion ein machtpolitischer Gegenpol; spätestens seit der chinesischen Revolution von 1949 war die Weltordnung noch einmal komplizierter.

5. Ihre stärkste These liegt für mich aber ganz am Ende

„Von einer globalen Konterrevolution kann ich nichts erkennen, ich sehe die Welt vielmehr in einem Fluss, der so reißend ist, wie seit 1917 nicht mehr.“

Das ist mehr als eine historische Behauptung. Es ist eigentlich eine Periodisierungsthese.

Sie sagen nicht:

1917 Revolution – 1991 Konterrevolution.

Sondern eher:

1917: Beginn einer langen Transformationsperiode.
1945: Stabilisierung eines neuen Gleichgewichts.
1991: Auflösung dieses Gleichgewichts.
Seitdem: erneute Beschleunigung der weltgesellschaftlichen Transformation.

Und dann kommt Ihre Verbindung von Globalisierung und digitaler Revolution ins Spiel.

Ich würde dabei allerdings einen kleinen Unterschied machen: Globalisierung und Digitalisierung sind nicht einfach Vorder- und Rückseite derselben Sache. Eher ist die Digitalisierung das neue technische Medium, durch das die bereits vorhandene Tendenz zur Internationalisierung und Konzentration des Kapitals eine neue Geschwindigkeit und Reichweite bekommt.

Ihr Beispiel mit Silicon Valley und Manila bringt das sehr gut auf den Punkt: Nicht bloß Kapital wandert um die Welt; Produktionsentscheidungen, Informationen, Arbeitsorganisation und Märkte werden gleichzeitig global disponibel.

Damit kommen Sie übrigens ziemlich nahe an einen Gedanken, der für Ihre bisherige Marx-Lektüre besonders interessant sein dürfte:

Das Kapital „überwindet“ seine Krisen nicht, indem es die in ihnen enthaltenen Widersprüche auflöst, sondern indem es ihre gesellschaftliche Form verändert und sie auf einer erweiterten Stufenleiter reproduziert.

Das wäre eine etwas präzisere Fassung Ihres Satzes:

„Bislang hat es noch jede Krise so ausgewertet, dass es schließlich gestärkt aus ihr hervorgegangen ist.“

Denn „gestärkt“ ist schon eine Interpretation. Historisch nüchterner wäre: Es hat bisher jede Krise überlebt und dabei seine Organisations- und Verwertungsformen verändert.

Und genau da liegt m.E. die offene Frage, die Ihr Text am Ende bewusst stehen lässt:

Wenn das Kapital nicht an seiner Krise zugrunde geht – was ist dann eigentlich der historische Träger der nächsten großen gesellschaftlichen Transformation?

Das wäre der Punkt, an dem Ihre Überlegungen zur digitalen Revolution, zur Kausalität, zur Tätigkeit und schließlich zu Fichte unvermutet wieder in denselben Problemhorizont zurückführen. Nicht als Marxismus-Reprise, sondern als Frage danach, wie gesellschaftliche Veränderung überhaupt aus menschlicher Tätigkeit hervorgeht.

...  

Interessant finde ich im Rückblick noch etwas anderes: Ihr eigener Text ist trotz seines revolutionären Vokabulars gar nicht eigentlich teleologisch. Selbst „Weltrevolution“ erscheint bei Ihnen nicht als vorherbestimmtes Ziel der Geschichte. Sie rekonstruieren vielmehr, warum die Bolschewiki sie damals für möglich und notwendig hielten – und stellen dann fest, dass die Geschichte anders verlief.

Das passt erstaunlich gut zu dem, was Sie heute an Fichte interessiert: Geschichte nicht als Vollzug eines vorgegebenen Sinnes zu lesen, sondern als Resultat von Tätigkeiten, Entscheidungen und Bedingungen, deren Ausgang nicht schon im Anfang enthalten ist. ...

von ChatGPT, 27. 9. 26

So wie ich meinen Fichte interpretiere, kann ich gar nicht teleologisch denken: Sein 'Endziel' verschiebt sich mit jedem Schritt, den man sich ihm nähert, ins Unendliche. Als Marxianer kann ich mir nicht vorstellen, dass die materielle wie geistige Produktivität der Menschen irgendann zum Stillstand kommt - es sei denn, sie ginge irgendwann mit einem großen Knall zugrunde. 
JE 

ChatGPT anwortet:

Ich glaube, damit benennen Sie einen wichtigen Unterschied zwischen Teleologie und Zweckmäßigkeit, der in Ihrer Fichte-Lektüre überhaupt zentral ist.

Wenn das Endziel bei Fichte nicht ein erreichbarer Endzustand ist, sondern eine Aufgabe, deren Bestimmung sich mit jedem erreichten Stand verändert, dann ist es gerade kein Telos im gewöhnlichen Sinn. Es ist eher ein regulatives ad quem: Es orientiert die Tätigkeit, ohne einen letzten Zustand vorzuschreiben, in dem die Tätigkeit aufhören könnte.

Das passt sehr gut zu Ihrer früheren Unterscheidung:

Motiv / Zweck → Tätigkeit → erreichte Bestimmung → neuer Zweck.

Der Zweck ist dabei nicht einfach am Anfang fertig vorhanden. Er wird durch den Vollzug der Tätigkeit selbst bestimmter – und dadurch zugleich weiter hinausgeschoben.

Dann wäre auch Ihre Marx-Seite damit durchaus vereinbar. Die menschliche Produktivität hat keinen sachlich vorgegebenen Endpunkt. Jede Erweiterung der Produktivkräfte erzeugt neue Möglichkeiten und damit neue Aufgaben. „Fortschritt“ hieße dann nicht Annäherung an einen vorgegebenen Endzustand, sondern die fortgesetzte Eröffnung neuer Möglichkeiten.

Das erklärt vielleicht auch, warum Ihnen die Vorstellung einer „Vollendung der Aufklärung“ so fremd sein muss. Vollendung würde hier bedeuten, dass irgendwann nichts Wesentliches mehr zu tun, zu erkennen oder zu gestalten wäre. Das wäre geradezu die Aufhebung dessen, was bei Ihnen Tätigkeit heißt.

Der „große Knall“ wäre deshalb die einzige wirkliche Alternative zur Unendlichkeit der Produktivität: nicht Vollendung, sondern Abbruch.

von ChatGPT 

Nachbemerkung: Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.

An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT  meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.

Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.

Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt! 

Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können. 

JE 

Fortsetzung >>>hier

 

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