zu Ebmeiers Realien
aus derStandard.at, 18. September 2026 Der Parthenon auf der Athener Akropolis wirkt streng geometrisch, hat aber kaum eine gerade Linie. Dass seine Krümmungen optische Täuschungen ausgleichen sollten, ist ein alter Mythos.
Wer vor dem Parthenon steht, hat den Inbegriff klassischer Ordnung vor Augen. Der Tempel auf der Akropolis, der der Athener Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos geweiht war, entstand im 5. Jahrhundert vor Christus und gilt als Höhepunkt des dorischen Stils. Er misst 69,5 mal 30,9 Meter, und alles an ihm scheint einem strengen geometrischen Diktat zu folgen. Nachgemessen besitzt der Bau in Wahrheit allerdings kaum eine gerade Linie oder rechten Winkel.
Für diesen Widerspruch kursiert seit langem eine jahrhundertealte plausible Erklärung, die auf den römischen Architekten und Ingenieur Vitruv zurückgeht. Die Baumeister hätten die Abweichungen absichtlich eingeplant, um Eigenheiten des menschlichen Sehens auszugleichen. Lange Horizontalen würden in der Mitte durchhängend erscheinen und schlanke Säulen würden eingeschnürt wirken. Man habe also krumm gebaut, damit das Auge gerade sieht – so zumindest steht es bis heute in Architekturbüchern.
Alain Goriely hält das allerdings für einen Irrtum. Der Mathematiker von der Universität Oxford hat zwölf dieser angeblichen optischen Korrekturen mathematisch und anhand der Wahrnehmungsforschung geprüft. Sein nun im Fachjournal Royal Society Open Science erschienenes Ergebnis: Für die behaupteten Täuschungen fehlen entweder die Belege – oder die Abweichungen sind zu gering, um unter üblichen Betrachtungsbedingungen wahrnehmbar zu sein. "Es gibt strenggenommen keinerlei Beleg dafür, dass die Verfeinerungen am Parthenon tatsächlich die behaupteten optischen Täuschungen hervorrufen", sagt Goriely.
Das prominenteste Beispiel liegt den Besuchern zu Füßen. Der sogenannte Stylobat, die oberste Stufe des Unterbaus, auf der die Säulen stehen, ist nicht waagrecht. Seine Längsseiten steigen zur Mitte hin sanft an und liegen dort rund sechs Zentimeter höher als an den Enden. Ähnlich nach oben gewölbt ist das Gebälk über den Säulen. Der klassischen Deutung zufolge soll das verhindern, dass die Horizontalen durchzuhängen scheinen.
Für diesen vermeintlichen Sehfehler kursieren zwei Begründungen. Die erste besagt schlicht, dass lange waagrechte Linien in der Mitte absacken. Goriely fand dafür aber keinen Beweis. Die zweite beruft sich auf die Hering-Illusion: Zwei parallele Linien auf einem Blatt Papier wirken gebogen, wenn andere Linien sie kreuzen. Am Parthenon, so die Überlegung, könnten die Säulen die Rolle der kreuzenden Linien übernehmen.
Zu steil für die Täuschung
Die Übertragung der Hering-Illusion hielt einer genaueren Prüfung jedoch nicht stand. Diese wirkt am stärksten, wenn die kreuzenden Linien in spitzem Winkel verlaufen. Die Säulen des Parthenon stehen aber senkrecht. Dass die Täuschung im dreidimensionalen Raum überhaupt funktioniert, ist überdies zu bezweifeln. "Auf dem Papier würden manche Effekte wie die Hering-Illusion qualitativ in dieselbe Richtung wirken", sagt Goriely. "Aber wenn man die Berechnung tatsächlich durchführt, merkt man, dass der Effekt nicht auftritt."
Ähnlich ergeht es der Entasis, der leichten Ausbauchung der Säulen, die verhindern soll, dass die Schäfte in der Mitte eingeengt wirken. Eine solche Täuschung ist laut Goriely nie wissenschaftlich nachgewiesen worden, auch nicht in kontrollierten Versuchen mit dreidimensionalen Tempelrekonstruktionen. Am Parthenon wölben sich die Säulen außerdem um gerade einmal 18 Millimeter, was aus üblicher Entfernung praktisch nicht zu erkennen ist. Die dickeren Ecksäulen wiederum sollen das stärkere Licht an den Gebäudekanten ausgleichen, das sie sonst schmaler erscheinen ließe. Goriely hält stattdessen eine nüchternere Deutung für möglich: Sie könnten dicker sein, weil sie etwas mehr Last tragen.
Welche Absichten die Baumeister verfolgten, lässt sich freilich nicht mehr sicher sagen, das räumt auch Goriely ein. Für den gewölbten Unterbau hält er eine Erklärung für wahrscheinlicher, die schon früher vorgebracht, im 19. Jahrhundert aber verworfen wurde: Das leichte Gefälle könnte Regenwasser abfließen lassen und Pfützen verhindern. Die Harvard-Neurowissenschafterin Marge Livingstone, die über visuelle Wahrnehmung forscht und an der Studie nicht beteiligt war, gibt Goriely im Wissenschaftsmagazin New Scientist recht: "Ich denke, es muss der Entwässerung gedient haben, genau wie bei Straßen."
Für die gekrümmten Säulen kommen ebenfalls prosaische Motive infrage. Vielleicht fanden die Erbauer sie schlicht schöner als gerade, vielleicht machte die Form sie widerstandsfähiger gegen Ausknicken. Verjüngen sich Säulen nach oben, könnte das laut Livingstone dazu dienen, sie höher wirken zu lassen.
John Senseney von der University of Arizona in Tucson sieht die Krümmungen des gesamten Baus als Folge der gewölbten Plattform, auf der er steht. Sie sei "ein außerordentlich raffiniertes Produkt des Fachwissens, des Urteilsvermögens, der Werkzeuge und Techniken einfacher, oft versklavter Arbeiter, die auf der Baustelle zusammenarbeiteten", kein abstrakt errechneter Entwurf eines Elitearchitekten – und ebenso wenig eine beabsichtigte optische Korrektur.
Diese Vorstellung setzte der römische Architekt Vitruv in die Welt, der sein Werk De architectura allerdings erst rund 400 Jahre nach dem Bau des Parthenon verfasste. Über die Fachliteratur wurde seine Deutung zur vermeintlichen Tatsache. "Ich glaube tatsächlich, dass es vielleicht der älteste Mythos ist, den wir haben, abgesehen von der Religion", sagt Goriely.
Manche Fachleute lesen Vitruv seit langem mit Vorsicht, erklärt der Architekturhistoriker Frank Salmon (Universität Cambridge) im Gespräch mit dem Guardian. Es sei riskant, seinen Text wie eine Bibel für eine um Jahrhunderte ältere Baupraxis heranzuziehen, zumal die vielen griechischen Schriften über Tempelarchitektur verloren seien, die er nach eigener Aussage studiert hatte.
Die Zähigkeit der Theorie erklärt Goriely mit dem Bild der Griechen als überaus kundiger und erfinderischer Zivilisation, in das sie sich nahtlos fügt. Ähnlich erging es der inzwischen widerlegten Vorstellung, der Tempel folge dem Goldenen Schnitt. In den Worten Gorielys: "Mythen von solcher Kraft sind sehr schwer zu ändern."
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