Fehlende Wertschöpfung

Genau diese Wertschöpfung fehle Europa aber schmerzlich, um in Forschung, Innovation und weitere Infrastruktur zu investieren, sagte er am ersten Tag der Technology Days Austria im Wiener Museumsquartier am Donnerstag. Denn Europa sei in der Halbleiterindustrie zwar traditionell stark vertreten. Die aktuell für KI eingesetzten Chips würden derzeit allerdings woanders entwickelt und produziert. Dabei wäre das Potenzial gigantisch. Wachstumsraten von bis zu 28 Prozent in diesem Bereich seien selbst für ihn, der seit 40 Jahren in der Chip- und Halbleiterindustrie beschäftigt sei, erstaunlich, sagte De Boeck auf der vom Austrian Institute of Technology (AIT) veranstalteten Konferenz.

Dass die EU bis 2035 ihre Datenzentren-Kapazitäten verdreifachen wolle, zeige, dass man die Dringlichkeit verstanden habe. Die nackten Investitionszahlen in technische Infrastruktur bleiben dennoch alarmierend. So gaben die USA in den vergangenen Jahren De Boeck zufolge 471 Milliarden Dollar aus, China investierte 119 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: einzelne europäische Länder wie Deutschland und Frankreich investierten gerade einmal 13 und 11 Milliarden Dollar. Um irgendwie mithalten zu können, müsse Europa gemeinsam investieren, fordert De Boeck.

"Vor industriellen Revolutionen und danach läuft das Leben in halbwegs geordneten Bahnen. Die Mitte ist die heikle Phase, die besonders problematisch ist. Und das ist genau jetzt", erklärte De Boeck. Der Innovationsforscher warnte davor, dass Europa den Kopf in den Sand steckt. Zwar sei das Rennen im Bereich Large-Language-Models wohl tatsächlich bereits gelaufen. Wirklich spannend seien aber die nächsten Schritte. Denn KI wandere aus der Cloud und somit den großen Datenzentren künftig in Geräte, die wir in der physischen Welt tagtäglich benutzen.

Als Beispiele nannte der Imec-Forschungsleiter diverse medizinische Geräte, aber auch Autos und andere Fahrzeuge, etwa im landwirtschaftlichen Bereich. "Wenn man 100 km/h mit einem Auto oder auch 50 km/h mit einem Traktor fährt, kann man sich nicht auf die Cloud verlassen. Die KI muss vor Ort operieren, sie muss extrem energieeffizient sein, und benötigt eine Vielzahl von Sensoren, um die Umgebung zu sehen, hören und vielleicht auch zu riechen", sagte De Boeck.

Chance für Europa

Viele dieser Sensoren über Halbleitertechnologien zu realisieren, sei sehr herausfordernd. Europa verfüge in diesem Bereich jedoch über viel Innovation und könne auch global gesehen stark punkten. Das gelte auch für neu gedachte Chiparchitekturen und Algorithmen. Auch hier seien viele Probleme noch längst nicht gelöst, sprich das Rennen nicht gelaufen. "Aktuell werden Algorithmen um die Systeme von gestern entwickelt. Die Chips von morgen werden aber optimiert für all die neuen Anforderungen sein, die KI mit sich bringt", ist De Boeck überzeugt.

Europa verfüge über ein exzellentes Bildungssystem, auch die Forschung an Universitäten und in der Industrie sei hervorragend aufgestellt. Und: Mit 450 Millionen Menschen in Europa, die heute schon KI nutzen, gebe es auch einen großen heimischen Markt, den man bedienen könne. Damit das funktioniere, müsse Europa aber zusammenrücken und statt 27 nationalen Strategien eine gemeinsame Linie finden, sagte der Halbleiter-Experte. Dazu zähle etwa ein orchestriertes europäisches Chiplet-Ökosystem. Chiplets sind winzige Chipbauteile, die bestimmte Funktionen abdecken und modular zusammengesetzt werden können – je nach Einsatzbereich und speziellen Aufgaben, die ein Gerät erfüllen muss.

Wie Europa seine technologische und wirtschaftliche Souveränität zurückerobern und sicherstellen kann, war ein roter Faden, der sich durch den ganzen ersten Tag der diesjährigen Technology Talks Austria zog. "Alle Forschungserfolge und Innovationen sind verloren, wenn wir sie nicht auf den Markt bringen können", sagte Marie-Hélène Ametsreiter vom Venture-Capital-Fonds Speedinvest. Zwar seien im Vorjahr bereits 20.000 neue Start-ups in Europa gegründet worden – am Ende fehle aber das Kapital, um diese zu skalieren und wachsen zu lassen. Viele seien gezwungen abzuwandern oder würden schlichtweg aus kapitalstärkeren Märkten wie den USA aufgekauft.

Geparktes Geld

Dabei verfüge auch Europa über genügend Kapital, ist Ametsreiter überzeugt. "In europäischen Haushalten liegen zehn Billionen, also 10.000 Milliarden Euro passiv als Ersparnisse herum. Wenn ein Teil davon in Fonds fließen würden oder auch Pension-Fonds in Risikokapital investieren dürften – mit entsprechenden Anreizen und Garantien auf staatlicher Ebene – würde das die Situation völlig verändern", sagte Ametsreiter. Abseits von Kapital bräuchten Start-ups zum Skalieren aber auch renommierte Kunden, um weitere Investoren anzulocken. Öffentliche Institutionen könnten hier eine entscheidende Rolle spielen, regte sie an.

Bei der aktuellen Bundesregierung kann man dem Vorschlag einiges abgewinnen. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) verwies auf das Beschaffungsvolumen staatsnaher Institutionen und Betriebe von 67 Milliarden Euro in Österreich. Die Vergabe von Aufträgen müsse künftig stärker auf Innovation und Wertschöpfung aus Österreich und Europa ausgerichtet sein. Eine entsprechende Richtlinie werde gerade über alle Ministerien hinweg ausgearbeitet, teilte Hanke auf STANDARD-Nachfrage mit. Ungeachtet von Vergabekriterien, die teilweise auf EU-Ebene geregelt sind, habe man diesbezüglich jedenfalls einen Spielraum, den man nutzen wolle.

Bei der Frage, wie und ob das geplante Rechenzentrum des US-Konzerns Google im oberösterreichischen Kronstorf tatsächlich die vielbeschworene europäische Souveränität und Resilienz stärkt, blieben die österreichischen Regierungsvertreter ausweichend. Es ist nicht zuletzt auch deswegen umstritten, weil es enorme Mengen an Energie und Kühlwasser benötigen wird. Hanke erklärte, bei der Wahl solcher Standorte müsse künftig selbstverständlich die österreichische und europäische Perspektive stärker berücksichtigt werden. ...