Samstag, 26. September 2026

Besitzen Frauen eine höhere emotionale Intelligenz als Männer?

Beim Erkennen und Verstehen von Emotionen erzielen Frauen und Mädchen im Durchschnitt höhere Werte als Männer und Jungen. Eine große Meta-Analyse zeigt jedoch, dass solche Unterschiede stark davon abhängen, welche konkrete emotionale Fähigkeit untersucht wird © AndrewLozovyi / depositphotos.com  
aus scinexx.de, 25. September 2026                                                                                     zu Männlich

Besitzen Frauen wirklich eine höhere emotionale Intelligenz als Männer?
Einzelne emotionale Fähigkeiten zeigen andere Geschlechter-unterschiede als der Gesamtwert
Beim Erkennen und Verstehen von Emotionen erzielen Frauen und Mädchen im Durchschnitt höhere Werte als Männer und Jungen. Eine große Meta-Analyse zeigt jedoch, dass solche Unterschiede stark davon abhängen, welche konkrete emotionale Fähigkeit untersucht wird  

Frauen erreichen im Schnitt höhere Werte bei emotionaler Intelligenz als Männer. Eine Meta-Analyse von 1.279 Arbeiten mit mehr als 609.000 Menschen zeigt jedoch, dass Größe und Richtung der Unterschiede davon abhängen, welche emotionale Fähigkeit getestet wird, auf wen sie sich richtet und ob Leistungstests oder Selbsteinschätzungen verwendet werden. Pauschale Geschlechterurteile greifen deshalb zu kurz.

Cambridge (England). Emotionale Intelligenz gilt oft als eine einheitliche Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen. Gerade beim Vergleich von Frauen und Männern führte diese breite Definition bislang zu widersprüchlichen Befunden, doch eine neue Meta-Analyse zeigt nun, dass ein einziger Gesamtwert wichtige Unterschiede zwischen einzelnen emotionalen Fähigkeiten verdecken kann.

Dafür hat ein Forschungsteam um Dr. Mary Hausfeld von der University of Limerick (UL) 1.279 wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet, die 1.428 Stichproben mit insgesamt 609.278 Menschen aus 76 Ländern umfassten und knapp drei Jahrzehnte Forschung abdeckten. In die Analyse gingen veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten bis Ende 2023 ein.

Ein Gesamtwert verdeckt wichtige Unterschiede

Über alle untersuchten Ansätze hinweg erreichten Frauen und Mädchen im Mittel höhere Werte bei allgemeiner emotionaler Intelligenz, besonders deutlich war ihr Vorteil beim Erkennen und Verstehen von Emotionen. Die Auswertung zeigt aber auch Teilfähigkeiten, bei denen der Unterschied kleiner wird, verschwindet oder sich sogar leicht umkehrt.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass verbreitete Annahmen über die emotionalen Fähigkeiten von Frauen und Männern oft zu pauschal sind. Statt Stereotype zu verstärken, weisen die Befunde auf ein differenzierteres Bild hin, in dem Geschlechterunterschiede davon abhängen, welche emotionale Fähigkeit untersucht wird und in welchem Kontext sie gemessen wird“, erklärt Dr. Mary Hausfeld.

Entscheidend ist unter anderem, auf wessen Gefühle sich eine Fähigkeit richtet, denn bei Fähigkeiten mit Bezug auf andere Menschen fällt der durchschnittliche Vorteil von Frauen stärker aus als bei Fähigkeiten rund um die eigenen Emotionen. Die Forscher warnen deshalb davor, emotionale Intelligenz als unveränderliche Eigenschaft eines Geschlechts zu behandeln.

Leistungstest und Selbsteinschätzung unterscheiden sich

Ein zweiter Schlüssel liegt in der Messmethode, denn bei Leistungstests müssen Versuchspersonen konkrete Aufgaben lösen, deren Antworten nach festgelegten Kriterien bewertet werden. Bei Selbsteinschätzungen geben sie dagegen an, wie gut sie ihre eigenen emotionalen Fähigkeiten beurteilen, und der durchschnittliche Vorsprung von Frauen war dabei deutlich kleiner als bei Leistungstests.

„Frauen sind emotional intelligent. Männer glauben, dass sie es sind. Bei Leistungstests ist der Vorsprung von Frauen bei der allgemeinen emotionalen Intelligenz deutlich größer. Bei Selbstauskünften verschwindet er fast. Selbstwahrnehmung und nachgewiesene Fähigkeit sind nicht dasselbe. Die Lücke zwischen Leistung und Wahrnehmung ist faszinierend. Männer könnten ihre emotionalen Fähigkeiten überschätzen, Frauen könnten ihre unterschätzen oder beides könnte zugleich geschehen. Unsere Daten können nicht zeigen, welche Erklärung richtig ist. In jedem Fall sind Selbstvertrauen und Kompetenz nicht dasselbe, und Organisationen sollten beides nicht verwechseln“, sagt Prof. Jochen Menges von der Cambridge Judge Business School.

Die Meta-Analyse kann damit nicht klären, warum Selbsteinschätzung und gemessene Leistung auseinanderliegen, zeigt aber, dass die Wahl des Messverfahrens die beobachtete Größe der Geschlechterunterschiede verändert. Aussagen darüber, wer seine Fähigkeiten über- oder unterschätzt, bleiben daher mögliche Erklärungen und sind kein nachgewiesener Mechanismus.

Eigene Gefühle zeigen ein anderes Muster

Auch beim Regulieren von Emotionen hängt das Ergebnis vom Ziel der Regulation ab, denn Frauen schnitten im Mittel besser ab, wenn es darum ging, die Gefühle anderer Menschen zu regulieren. Bei der Regulation der eigenen Emotionen kehrte sich das Muster in der zusammengefassten Auswertung leicht um, und Männer sowie Jungen lagen im Durchschnitt vorn.

„Frauen zeigen einen Vorteil beim Erkennen und Verstehen von Emotionen sowie beim Regulieren der Gefühle anderer Menschen. Bei der auf die eigene Person gerichteten Emotionsregulation kehrt sich das Muster jedoch leicht um, und Männer und Jungen schneiden höher ab. Dieser Unterschied ist wichtig, denn die Erwartung, emotional für andere Menschen aufzukommen, ist nicht dasselbe wie besser dafür gerüstet zu sein, die eigenen Gefühle zu regulieren“, erklärt Prof. Jochen Menges.

Solche Mittelwertsunterschiede sagen nichts darüber aus, wie emotional kompetent eine einzelne Frau oder ein einzelner Mann ist, denn die Meta-Analyse beschreibt statistische Muster über viele Stichproben hinweg und liefert keine zuverlässige Einordnung einzelner Personen. Für individuelle Entscheidungen sind pauschale Zuschreibungen nach Geschlecht deshalb ungeeignet.

Alter, Beruf und Region verschieben das Bild

Die Meta-Analyse fand zudem, dass das Alter der Teilnehmer, der Zeitpunkt der Datenerhebung, die geografische Region, Führungspositionen und der Anteil von Männern in einer Branche mit Größe oder Richtung der beobachteten Unterschiede zusammenhingen. Welche Richtung ein Unterschied annahm, variierte je nach emotionaler Fähigkeit und Kontext.

Auch über die Zeit veränderte sich das Gesamtbild, denn in jüngeren Datensätzen waren die Unterschiede bei allgemeiner emotionaler Intelligenz kleiner, besonders ausgeprägt war dieser Rückgang in Stichproben mit Kindern. Das ist mit veränderten sozialen Erwartungen und einer anderen geschlechtsspezifischen Sozialisation vereinbar, belegt aber keine Ursache, weil Alter, Generation und Erhebungszeitraum in solchen zusammengefassten Daten nicht vollständig voneinander zu trennen sind.

Damit spricht die Studie gegen eine einfache Rangfolge der Geschlechter, denn im Durchschnitt zeigen sich Unterschiede, die von Teilfähigkeit, Messmethode und Kontext abhängen. Für Forschung, Schule und Arbeitswelt ist deshalb weniger die Frage entscheidend, welches Geschlecht „emotional intelligenter“ ist, sondern welche konkrete Fähigkeit in welcher Situation gemeint ist.

Quellen:

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Blog-Archiv

Besitzen Frauen eine höhere emotionale Intelligenz als Männer?

    aus scinexx.de,  25. September 2026                                                                                      zu   Männlich ...