Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange
Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen
Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist
nicht nur Mühsal). Aber Gesellig-keit ist - anders als Hunger, Durst,
Frost - nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen.
Sie hat ästhetischen Charakter.
In demMaße, wie in derArbeitdieErhaltungsfunktion auf Kosten derGesellig-keitimmer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Äs-thetischen (Tanz!).
Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung"=Reproduktion des Arbeitsvermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen,
mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird ab/solut. aus e. Notizbuch, 17. 10. 08
tanzende Mänade zuGeschmackssachen aus derStandard.at, 18. 1. 2025
Warum wir beim Musikhören automatisch im Takt blinzeln Menschen
synchronisieren unbewusst ihren Lidschlag mit dem Rhythmus der Musik –
und das überraschend zuverlässig. Das könnte Hinweise auf Prozesse im
Gehirn geben
von Karin Krichmayr
Auch wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die meinen, nicht einmal mit
der Wimper zu zucken, wenn härtester Industrial-Sound die Gehörgänge
zermalmt: Sie werden vermutlich dennoch automatisch im Rhythmus
blinzeln, wenn Sie Musik hören. Das fand ein chinesisches
Wissenschaftsteam heraus. Es servierte ihren Probandinnen und Probanden
allerdings klassische Musik.
Wenn wir nicht anders können, als bei einem Konzert oder vor dem
Radio mit den Füßen zu wippen und mit dem Kopf zu nicken, dann liegt das
an einem neurologischen Prozess, der auditorisch-motorische
Synchronisation heißt. Diese Verbindung hilft auch Läufern, ihr Tempo zu
halten, wenn sie Songs mit einer bestimmten Anzahl von Beats pro Minute
hören.
Wir reagieren aber nicht nur mit Bewegungen auf Musik, die wir
bewusst machen oder abstellen können. Auch der unbewusste Lidschlag
gleicht sich an den Beat an, wie ein Forschungsteam rund um die
Psychologin Yi Du von der chinesischen Akademie der Wissenschaften im
Fachmagazin Plos Biology
berichtet. Das offenbare einen verborgenen Zusammenhang zwischen dem
Hören von Musik und dem okulomotorischen System, das die Bewegung der
Augen steuert.
Blinzel-Frequenz
Blinzeln ist zunächst ein physiologischer
Vorgang, um das Auge zu schützen und zu befeuchten. Erwachsene kommen
auf durchschnittlich zehn bis 15 Lidschläge pro Minute, bei Kindern sind
es weniger. Je nach Situation kann die Frequenz schwanken: Bei
konzentrierter Arbeit vor dem Bildschirm kann sie sinken, bei Nervosität
stark ansteigen.
Das Auge samt seinem Wimpernschlag kann ein Fenster zu den Vorgängen im Gehirn sein.
Blinzeln scheint daher eng mit einigen kognitiven Prozessen verknüpft
zu sein. Nicht nur gibt es Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit, das
Blinzeln ist auch Teil der nonverbalen Kommunikation
und dient der Segmentierung von Gedanken und Wahrnehmung. Hier wirkt
der Lidschlag wie ein Reset und trägt dazu bei, das Gehirn für einen
kurzen Moment zu entlasten.
Bach-Choräle vor- und rückwärts
In der Studie hörten nun 123
junge Erwachsenen ohne musikalische Vorbildung Choräle von Johann
Sebastian Bach, während ihre Gehirnaktivität und ihre Augenbewegungen
gemessen wurden. Sie wählten dabei Stücke mit gleichmäßigem Tempo aus.
Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmenden nicht nur im Takt zu blinzeln
begannen, auch ihre Gehirnströme passten sich an.
Zur Sicherheit spielten die Forschenden die Choräle rückwärts ab, um
zu überprüfen, dass die Testpersonen nicht auf andere melodische Signale
reagierten, doch sie blinzelten trotzdem im Takt. "Was uns am meisten
überrascht hat, war, wie zuverlässig so eine kleine Bewegung wie das
Blinzeln mit dem Takt synchronisiert ist – diese winzige Handlung weist
auf eine tiefgreifende Koordination zwischen Hören und Bewegung hin, die
wir überhaupt nicht erwartet hatten", sagt Yi Du.
Die Forschenden interpretierten das als Hinweis darauf, dass das
Gehirn die Struktur der Klänge genau verfolgt – allerdings nur, wenn die
Aufmerksamkeit auf die Musik gerichtet ist. Denn in einem weiteren
Experiment mussten die Teilnehmenden während des Musikhörens darauf
warten, dass ein roter Punkt auf dem Bildschirm vor ihnen erscheint. Die
Folge: Das Blinzeln verlief nicht mehr im Takt, unabhängig davon, ob
der Punkt im Takt der Musik oder außerhalb davon erschien. Die
Forschenden schließen daraus, dass auch eine unbewusste Reaktion wie der
Lidschlag erfordert, dass wir uns auf die Musik konzentrieren.
Zeitmechanismen im Gehirn
Die Untersuchung solcher Phänomene
könne helfen zu verstehen, wie Sinneswahrnehmungen und Gehirnfunktionen
verdrahtet sind, hofft das Forschungsteam. Es gebe bereits Hinweise
darauf, dass bestimmte neurologische Erkrankungen, die die
Körperbewegung beeinträchtigen, mit Musiktherapien behandelt werden
können, die die auditiv-motorische Synchronisation nutzen.
"Ich fand es toll, dass ein einfaches, nicht-invasives Signal wie das
Blinzeln als Fenster zur Rhythmusverarbeitung dienen kann. Das eröffnet
Möglichkeiten für Studien außerhalb des Labors", sagt die Expertin für
Sprach- und Musikwahrnehmung. Sie sei beeindruckt davon, "dass die Augen
mit den Ohren im Takt bleiben – das ist ein elegantes, alltägliches
Zeichen für die Zeitmechanismen des Gehirns."
Warum ist der Mensch intelligenter als andere Tiere?
Neuronen ähneln simplen Microchips und nicht Ein-/Ausschaltern
Die Neurowissenschaft ging lange davon aus, dass Menschen
vor allem deshalb intelligenter als andere Tiere sind, weil sie mehr
Neuronen besitzen und weil diese stärker miteinander verknüpft sind. Nun
wurde entdeckt, dass die Intelligenz auch auf den besonderen
morphologischen Aufbau zurückgeht, dank dem menschliche Neuronen nicht
wie ein Ein-/Ausschalter funktionieren, sondern wie ein simpler
Microchip.
Jerusalem (Israel).Menschen sind den meisten
anderen Tierarten in vielen kognitiven Bereichen wie der Sprache und dem
abstrakten Denken deutlich überlegen. In der Forschung
ging man lange davon aus, dass die hohe Intelligenz des Menschen vor
allem darauf zurückgeht, dass sein Gehirn im Verhältnis zu seiner
Körpergröße überdurchschnittlich groß ist und besonders stark vernetzt
ist. Nun haben Wissenschaftler der Hebrew University of Jerusalem (HUJI)
um Idan Segev eine Studie publiziert, laut der das komplexe Netzwerk
aus rund 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn eines erwachsenen Menschen
nicht allein für die hohe Intelligenz verantwortlich sind.
Wie die Forscher erklären, können einzelne menschliche Neuronen
deutlich komplexere Berechnungen durchführen als die Neuronen anderer
Säugetiere. Dies könnte dabei helfen zu erklären, wieso Menschen
intelligenter sind als Elefanten, die mehr Neuronen besitzen, und
intelligenter als Honigbienen, deren Neuronendichte höher ist.
„Menschen stellen sich ein Neuron oft als einen
einfachen Schalter vor, der entweder an- oder ausgeht. Was wir zeigen,
ist, dass ein einzelnes menschliches Neuron selbst ein außerordentlich
hochentwickeltes Rechengerät ist“, erklärt Idan Segev.
„Rechenleistung“ einzelner Neuronen
Laut den Wissenschaftlern um Idan Segev haben Studien zunehmend
Hinweise darauf erbracht, dass nicht nur die Zahl der Neuronen, sondern
vor allem ihre Eigenschaften entscheidend für die Intelligenz sind. Ein
Beispiel dafür sind die Neuronen der menschlichen Großhirnrinde, die
besonders lange, verzweigte Dendritenfortsätze besitzen.
Nota. - Dass Menschen intelligent sind, unterscheidet sie nicht von den Tieren; sondern nur, dass sie intelligenter sind: Der Unterschied ist bloß graduell. Doch ein rein quantitativer ist er eben auch nicht: Die Neuronen im Menschenhirn sind nicht nur zahlreicher, sondern auch qualitativ anders als beim Tier. JE
Kaum schrieb ich, die Krise der CDU habe eben erst angefangen - und schon sind wir mittendrin. So trivial ist es: Es hängt an der Merz-Regierung.
Wenn die scheitert - was scheitert dann noch? Um die SPD wärs nicht schade. Die hängt wie ein Parasit am Bein der Union und weiß, dass ihr Erfolg die Regierung zum Scheitern brächte - und dass das auch ihr Ende wäre; und kann ihn darum nicht wirklich wollen, und darum tut sie grad noch das Mindeste, was ihre verblie-bene Klientel von ihr erwarten mag; nach ihnen die Sintflut.
Merz hat sich in eine Situation gebracht, die er selbst gesucht hat, aber ohne zu ahnen, was auf ihn zukam. Es wurde gemunkelt, es sei nicht einmal Machtwille gewesen, sondern bloß Eitelkeit. Das mag ihn selber überrumpelt haben, aber gekniffen hat er nicht, selbst auf die Gefahr hin, verwirrt zu wirken und füh-rungsschwach. Arrogant wirkt er immerhin nicht mehr; eher schon wie eine tragische Figur.
Angela Merkel hat für die CDU Wahlen gewonnen und war in ihrer Partei unan-fechtbar. Aber nicht in der CSU, deren Nase über den bairischen Horizont nicht hinausreicht, und hinter deren Rücken konnten sich ihre parteiinternen Gegner verstecken. Man mag ihr vorwerfen, sie habe Putin falsch eingeschätzt, aber da war sie ja wohl nicht die Einzige. Man muss ihr vorwerfen, sie habe nicht über die eige-ne Kanzlerschaft hinausgeblickt und ihre Partei nicht so geführt, dass sie ihr Pro-gramm über ihre Regierungszeit hinaus getragen würde.
Ihr Programm? Das war immer im Sichtflug, von einer Klippe um die andre herum. Dass sie Deutschland so vertreten hätte, dass es Europa anführen konnte, mochte man erstmals in der Griechenlandkrise finden, als ihr Schäuble die Hand führte. Aber dann in historischer Dimension im Herbst 2015 beim Flüchtlingsansturm. Die Lösung dieses Problems war eine europäische Aufgabe - weit über die internen Angelegenheiten hinaus: zu einer überkontinentalen Perspektive.
Wie bekannt, sind ihr die bairischen Provinzler und die Neider, die sich hinter ihnen versteckten, damals im entscheidenden Moment in den Rücken gefallen und haben eine große Chance vertan für Deutschland und für Europa in der Welt.
Merz hat sich damals nicht mit Ruhm bekleckert. Aber es ist einmal so, wie es ge-worden ist. Und da kamen dann Trump und Putin hinzu. Damit muss sich Merz heute herumschlagen, und wir Deutschen können nicht wirklich wünschen, dass ers vermasselt. Seine verbliebene Chance ist vielleicht die letzte, die uns verbleibt: näm-lich Deutschlands Parteienlandschaft so umzupflügen, dass sich die Spreu vom Weizen trennt, dass sich die paar verbliebenen Glücksritter und die große Legion der Pöstchenjäger ins Showgeschäft verziehen, wohin sie gehören, und sich die Politischen im Land um eine scharfe Mitte zusammenfinden, um die sich die Rän-der ranken müssen, statt den Takt anzugeben.
Merz hat sich in den letzten Wochen nicht als ein mit allen Wassern gewaschener Taktiker erwiesen. Doch das hätte ihn zu einer solchen Aufgabe auch gar nicht qualifiziert. Dafür bräuchte man einen, dem man glaubt, was er sagt. Davon müsste er uns nun überzeugen.
Nicht eben wahrscheinlich? Aber gerade darum unverzichtbar.
Bronzezeit: Klima-Fernwirkung zerstörte die Welt des Odysseus
Vor
3200 Jahren endete die Bronzezeit, eine Phase großer Hochkulturen, in
einer mehreren Zusammenbrüchen. Nun ist das Rätsel um eine mögliche
Ursache gelöst.
Homers
große Epen »Ilias« und »Odyssee« sind nicht nur Geschichten über
mythische Helden, sondern auch Zeugnisse der Bronzezeit, einer Epoche
blühender Hochkulturen und Reiche. Doch dieses Goldene Zeitalter des
östlichen Mittelmeerraums endete vor 3200 Jahren während einer langen regionalen Dürre
in einem bis heute rätselhaften Kollaps. Wie nun Katherine Power und
Qiong Zhang von der Universität Stockholm berichten, machten zwei
spezielle Klimaeinflüsse diese spezifische Trockenperiode so verheerend.
Laut ihrer in der Fachzeitschrift »Science Advances« veröffentlichten Analyse
bestimmten eine langfristige Veränderung der Erdbahn einerseits und
zyklische Veränderungen im Atlantik andererseits, wie trocken der
östliche Mittelmeerraum während der vergangenen rund 8000 Jahre war.
In der Bronzezeit hatten sich im östlichen Mittelmeerraum und dem Fruchtbaren Halbmond große und gut organisierte Reiche etabliert.
Homers Achaier, heute als mykenische Kultur bezeichnet, bildeten den
nordwestlichen Rand dieses Kulturraums. Dort waren die Reiche der
Hethiter, Assyrer, Babylonier, Elamiten und Ägypter eng vernetzt. Sie
alle einte jedoch ihre Verwundbarkeit gegenüber dem trockenen Klima der
Region.
Um herauszufinden, wie häufig und schwer besonders
trockene Phasen in den letzten paar Tausend Jahren waren, benutzten
Zhang und Power einen Typ von Simulation, der speziell darauf ausgelegt
ist, das Klima der als Holozän bezeichneten Epoche seit dem Ende der
letzten Eiszeit zu modellieren. In solche Simulationen fließen viele
historische Klimadaten ein, zum Beispiel Kohlendioxidkonzentrationen,
die man aus Eisbohrkernen kennt. Dadurch lassen sich mit solchen
Modellen regionale Effekte viel genauer abbilden.
Demnach
führten die zyklischen, langfristigen Veränderungen der Erdbahn dazu,
dass die Nordhalbkugel im Sommer nach und nach weniger
Sonneneinstrahlung erhält. Dadurch wird die Landoberfläche weniger warm,
was die Monsunsysteme schwächt und die innertropische Konvergenzzone
weiter südlich verlaufen lässt. Darum erreicht weniger Regen die
Subtropen.
Das Computermodell zeigt außerdem, dass die Stärke des
Strömungssystems AMOC sowie langfristige Wetterzyklen über dem Atlantik
eng mit Regenfällen im Mittelmeerraum gekoppelt waren. Wie Power und
Zhang berichten, überlagern sich dadurch mehrere Zyklen von einigen
Dutzend bis über 1000 Jahren Länge so, dass sie rund alle 1000 Jahre
zusammenfallen und eine sehr schwere, lang anhaltende Trockenperiode
verursachen. Eine von ihnen fiel demnach mit dem verheerenden Untergang
der bronzezeitlichen Welt des Odysseus zusammen.
aus FAZ.NET, 14. 1. 2026 Ludwig Fahrenkrug, Heilige Stunde, 1918zuGeschmackssachen
Gespräch mit Birgit Aschmann Die deutsche Liebe zur Natur – bloß ein Mythos? Während
Caspar David Friedrich romantische Wälder malte, begradigten andere den
Rhein: Die Historikerin Birgit Aschmann über deutsche Naturverehrung.
Frau
Aschmann, der Titel Ihres neuen Buchs lautet „Die Deutschen und die
Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Haben denn die
Deutschen ein besonderes Verhältnis zur Natur?
Wenn
man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Deutschen im
neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur verhalten haben, zeichnen
sich unweigerlich nationale Besonderheiten ab. Wenn man danach fragen
würde, wie Engländer oder Franzosen damals mit der Natur umgegangen
sind, würde man ebenfalls ein „besonderes Verhältnis“ entdecken. Dennoch
gibt es im deutschen Naturverhältnis Eigenheiten, die auch im
internationalen Vergleich auffallen.
Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Die
Romantik war ein europäisches Projekt, aber die Innerlichkeit und der
kontemplative Blick auf die Natur war bei deutschen Romantikern
besonders ausgeprägt. Das wird in den Bildern Caspar David Friedrichs
deutlich. Bei Friedrichs britischem Zeitgenossen William Turner steckt
eine ganz andere Dramatik in den Gemälden, da wirkt die Natur gleich
viel weniger beschaulich. Oder vergleichen Sie Friedrichs Bilder mit der
revolutionären Drastik in Francisco Goyas „Saturn frisst seine Kinder“.
Im
20. Jahrhundert haben die Nationalsozialisten Caspar David Friedrich
allerdings nicht nur aus Gründen der Beschaulichkeit verehrt.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-UniversitätUllstein Verlag
Die
propagandistische Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten kann
Friedrich nicht angelastet werden. Zwar lassen sich patriotische Motive
bei ihm finden, die vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege
entstanden sind. Ein Bild wie „Der Chasseur im Walde“, das einen
einsamen französischen Soldaten auf einer Lichtung zeigt, umgeben von
deutschen Tannen, mag sich als Warnung an den Feind deuten lassen.
Aufdringliche völkische Emotionen lassen sich hier aber nicht erkennen.
Mit dem aggressiven nationalistischen Aktivismus eines Ernst Moritz
Arndt oder eines Theodor Körner – beide gehörten zu Friedrichs Dresdner
Umfeld – war das nicht vergleichbar.
Gab es einen Begriff von Natur, der besonders prägend für das neunzehnte Jahrhundert war?
Dazu
war das Jahrhundert zu vielfältig. Für die romantische Naturverehrung
gab es kanonische Stichwortgeber wie Spinoza, Rousseau und Schelling,
die eine komplexe Ganzheitlichkeit beschworen. Allerdings stehen
begriffs- und ideengeschichtliche Entwicklungen nicht im Zentrum meiner
Untersuchung. Mir geht es um konkrete Handlungen, Gefühlsdynamiken,
Projekte und Verhaltensweisen. Für die Industrialisierung oder die
Rheinbegradigung spielten philosophische Konzepte keine nennenswerte
Rolle, da wurde einfach gemacht. Man suchte nicht groß nach einer
theoretischen Legitimation, um die Natur zu korrigieren oder
auszubeuten.
Die
Rheinbegradigung unter Leitung des badischen Ingenieurs Johann
Gottfried Tulla war damals das größte europäische Wasserbauprojekt. Wie
haben Zeitgenossen auf diesen massiven Umwelteingriff reagiert?
Das
hing vom Zeitpunkt und von der Personengruppe ab. Das Projekt wurde
1817 begonnen und kam 1876 zum Abschluss. Tulla, der 1828 verstarb,
leitete lediglich die erste Phase der Rheinbegradigung. Von Anfang an
handelte es sich um eine sehr kontroverse Angelegenheit, weil es
Verlierer und Gewinner gab. Nach der Begradigung des Flussbetts in Baden
verlagerte sich die Hochwassergefahr flussabwärts. Hessen und Preußen
protestierten, weil sie steigende Pegelstände fürchteten; das Projekt
kam zwischenzeitlich zum Erliegen. Auch der Fischbestand im Rhein
verringerte sich, und zahlreiche Fischer mussten sich umorientieren.
Der Beruf des Goldwäschers am Rhein starb schließlich ganz aus.
Wie kam es dazu?
Die
Bauarbeiten hatten zunächst sogar für ein erhöhtes Aufkommen von
Goldpartikeln im Rhein gesorgt. Von 1817 an brachen sprichwörtlich
goldene Zeiten an den Ufern des Flusses an. Nicht von ungefähr schrieb
Richard Wagner das Libretto für seine Oper „Das Rheingold“ in den
1850er-Jahren. Doch nachdem der Rhein sein festes, künstlich angelegtes
Bett eingenommen hatte, kamen die Goldfunde an ihr Ende. Dennoch
überwogen in der Wahrnehmung des neunzehnten Jahrhunderts die Vorteile
dieses Eingriffs.
Rheinstromkarte, umfassend das Gebiet zwischen links: Lauterburg / Au am Rhein, rechts: Worms / Lampertheim.
Zu diesen Vorteilen zählten?
Die
existenzielle Bedrohung durch regelmäßige Überflutungen am Oberrhein
war vorbei. Damit konnten zugleich die Gebiete in Ufernähe für die
Landwirtschaft genutzt werden. Auch bot der begradigte Fluss verbesserte
Bedingungen für die Schifffahrt, was Industrie und Handel entgegenkam.
Erst in den Siebzigern des zwanzigsten Jahrhunderts setzte ein
Bewusstsein für die ökologischen Nachteile der Rheinbegradigung ein.
Sie
zitieren Nietzsche, der schrieb: „Hybris ist heute unsere ganze
Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen
und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit.“ Wie
verbreitet war diese Ansicht damals?
Der
Satz stammt aus „Zur Genealogie der Moral“ von 1887. Die Kritik an der
„Natur-Vergewaltigung“ war damals noch weit davon entfernt, Mainstream
zu sein. Aber es gab erste Naturschutzmaßnahmen. Man setzte sich dafür
ein, bestimmte Areale zu bewahren. Der Begriff des „Naturdenkmals“ kam
auf. Eine Infragestellung der Industrialisierung bedeutete das nicht.
Bei der Nutzung fossiler Energien spielte Nachhaltigkeit keine Rolle,
auf die die deutsche Forstwirtschaft so stolz war. Diese wurde im
Übrigen auch im europäischen Kolonialismus geschätzt. Der Vorwurf
gegenüber einheimischen „Naturvölkern“, mit den regionalen Ressourcen
nicht nachhaltig umzugehen, diente auch der Legitimierung deutscher
Kolonialherrschaft. Dabei zielte dieser „schonende“ Umgang mit der Natur
letztlich darauf, die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien über
lange Zeit zu sichern.
Gab es Ereignisse, die den Machbarkeitswahn im neunzehnten Jahrhundert nennenswert irritiert haben?
Vor
allem die Cholera-Epidemie, die 1831 erstmals nach Deutschland kam, war
eine enorme Herausforderung für den Fortschrittsglauben. Die Natur
zeigte sich hier von ihrer bedrohlichsten und am schwierigsten zu
bezähmenden Seite. Daher steht die Cholera beispielhaft für die Angst
vor der Natur. Lange wusste man nichts Genaues über die Infektionswege.
Zwischen 1830 und 1900 starben in Europa weit mehr Menschen durch
Infektionskrankheiten als durch Waffengewalt im Krieg.
Wie sah der Umgang mit Seuchen in Deutschland aus?
Bei
der Seuchenbekämpfung gab es verschiedene Paradigmenwechsel. Die
hygienische Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an dessen
Ende von der bakteriologischen Revolution abgelöst. Als es nicht
zuletzt Robert Koch gelang, kleinste Lebewesen unter dem Mikroskop zu
erkennen, verlagerte sich die Stoßrichtung vom Kampf für Stadthygiene
auf jenen gegen einzelne konkrete Mikroorganismen. Es war der Siegeszug
der Labormedizin, gegen die sich wiederum die Lebensreform richtete.
Die
Lebensreform ging Ende des Jahrhunderts auf maximale Distanz zum Geist
der Industrialisierung. Offenkundig knüpfte man an die romantische
Naturverehrung an. Worin unterscheiden sich Lebensreform und Romantik?
Bei
der Lebensreform stand der menschliche Körper im Fokus, auch die
praktische Komponente und der (wenn auch versteckte)
gesellschaftsverändernde Anspruch waren stärker ausgeprägt als bei den
Romantikern. Allerdings ist „Lebensreform“ ein Sammelbegriff für sehr
verschiedenartige Veranstaltungen, die sich dem „Zurück zur Natur“
verschrieben haben. Die drei Hauptsäulen waren Naturheilkunde,
Freikörperkultur und Vegetarismus. Bei vielen Lebensreformern wurzelte
die starke emotionale Aufladung der Natur in einer religiösen und
politischen Dissidenz.
Inwiefern spielte die politische und religiöse Dissidenz bei Lebensreformern eine Rolle?
Exemplarisch
ist der Werdegang von Eduard Baltzer, einem Wegbereiter des
Vegetarismus in Deutschland. Nach dem Theologiestudium gelang es Baltzer
nicht, in der evangelischen Landeskirche als Pastor Fuß zu fassen, er
gründete eine freikirchliche Gemeinde. Prägend war auch die Erfahrung
des Scheiterns der Revolution von 1848, deren leidenschaftlicher
Anhänger Baltzer war. Später suchte er nach neuen Möglichkeiten der
Gesellschaftsveränderung und setzte beim Individuum und bei dessen
Ernährung an. Baltzer gründete einen Vegetarier-Verein und gab die erste
deutschsprachige Vegetarier-Zeitschrift heraus. Seine Ernährungslehre
hat Züge einer Ersatzreligion.
Charles
Darwin gehört zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des
neunzehnten Jahrhunderts. Wie wurde seine Evolutionstheorie in
Deutschland aufgenommen?
Der
wohl einflussreichste Popularisierer der Evolutionstheorie hierzulande
war der Zoologe Ernst Haeckel. Er beschränkte sich nicht auf reine
Vermittlungsarbeit, sondern verstärkte den Gedanken vom „Kampf ums
Dasein“, der bei Darwin vergleichsweise zurückhaltend formuliert ist.
Haeckel übertrug biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche
Verhältnisse. Dieser Sozialdarwinismus prägte im Wilhelminismus weite
Kreise. Auch förderte Haeckel Autoren, die seine Thesen noch mal
radikalisierten, beispielsweise Wilhelm Schallmayer, einer der
Wegbereiter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.
Vom
allzu Offensichtlichem wie Klimaschutz, Reformhäusern oder
Outdoor-Tourismus mal abgesehen – welche Verhaltensweisen, die man im
neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur an den Tag legte, wirken
heute nach?
Die
Ambivalenz von damals gibt es noch heute. Angebote wie Seminare zum
„Waldbaden“ illustrieren Tendenzen der Verehrung der Natur. Corona
zeigte hingegen die Aktualität der Angst vor unberechenbaren Mikroben.
Auch die industrielle Ausbeutung der Natur wird etwa in der globalen
Jagd nach Seltenen Erden fortgesetzt. Und der Wille, die Natur zu
korrigieren, findet sich in Schönheitsoperationen ebenso wie in den
Initiativen, mittels Genschere das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder
sogar Menschen zu „verbessern“.
In
Ihrem Buch wird deutlich, wie verschiedenartig, aber auch wie
willkürlich, konstruiert und missbrauchsanfällig unser Verständnis von
Natur ist. Können Sie sich eigentlich noch während eines
Waldspaziergangs erholen?
Aber
ja! Das Bedürfnis, die Lungen mit frischer Luft zu füllen und sich in
der freien Natur zu bewegen, ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch
ein physiologisches. Der Mensch ist eben nicht nur „Kultur“, sondern
auch „Natur“.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität.
Ihr Buch „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19.
Jahrhunderts“ (720 S., geb., 38,– €) ist im Propyläen-Verlag erschienen.
Nota. - Nicht zu vergessen der irrationale Naturkult, wie er selbst in Horkheimer-Adornos Dialektik der Aufklärung Eingang fand. JE
Die Wurzel des Übels ist die Idee der politischen Korrektheit. Sie bedeutet die Anmaßung einer Menschengruppe, so groß sie sei, sich Andern als normgebend vorzusetzen; von da ab wird alles denkbar.
Jeder Spießer neigt im Herzen dazu. Bedenke aber: Möglich ist das nur, wo Öffentlichkeit herrscht.
Im Amazonasgebiet lebten einmal Millionen Menschen
Im
Westen des Amazonasbeckens entdecken Forscher mit Lasertechnik mehr als
400 Erdstrukturen. Es sind Spuren der vergessenen Aquiry-Kultur. In der
Region lebten vor 2000 Jahren wohl deutlich mehr Menschen als heute.
Von Walter Willems
Erdhügel,
Gräben, Straßen: Im äußersten Westen des Amazonasbeckens haben
Forschende Hunderte Überreste einer versunkenen Kultur entdeckt. Mit dem
lasergestützten Lidar-Verfahren stieß das internationale Forschungsteam
bei mehreren Flügen über den brasilianischen Bundesstaat Acre auf mehr
als 430 Strukturen – darunter Erdhügel sowie Gräben und Dämme in
auffälligen geometrischen Mustern.
Diese
Geoglyphen sind meist zwischen 0,35 und 14 Hektar groß. Eine der
Strukturen misst fast 50 Hektar – also nahezu 500.000 Quadratmeter.
Errichtet wurden die Bauten demnach zwischen 600 vor und 850 nach
Christus – also über einen Zeitraum von fast 1500 Jahren. Aquiry nennt
das Team diese verschwundene Zivilisation – nach dem indigenen Namen für
den Rio Acre, einen Nebenfluss des Rio Purus, der wiederum in den
Amazonas mündet.
Die Wissenschaftler kalkulieren im Fachjournal „Nature“,
dass es in der gesamten Region der Aquiry-Kultur auf 183.000
Quadratkilometern – das entspricht etwa der halben Fläche Deutschlands –
24.000 bis 30.000 solche Strukturen geben könnte.
Arbeitsteilung und ein Verständnis von Mathematik und Geometrie
Zur
Blütezeit dieser Zivilisation, zwischen den Jahren 100 und 300 nach
Christus, dürften 1,25 bis 3 Millionen Menschen in der Region gelebt
haben, berechnet das Team. Im 85.000 Quadratkilometer großen Kerngebiet
der Kultur schätzt es die Bevölkerungsdichte auf rund 14 bis 33 Menschen
pro Quadratkilometer.
Zum
Vergleich: Heute leben im Bundesstaat Acre mit seinen
164.000 Quadratkilometern etwa 830.000 Menschen – das entspricht rund 5
Menschen pro Quadratkilometer.
Das
Team um Martti Pärssinen von der Universität Helsinki nutzte für die
Studie das Lidar-Verfahren (Light Detection And Ranging), bei dem Laser
von Flugzeugen aus die Erdoberfläche abtasten, sodass auch unter
Vegetation verborgene Strukturen erkennbar werden. Bei mehreren jeweils
etwa 450 Kilometer langen Flügen stießen die Forscher auf mehr als 430
auffällige Erdstrukturen, von denen die weitaus meisten bisher unbekannt
waren.
Hinweise
auf Verteidigungsanlagen fand das Team nicht. Die Strukturen dienten
demnach rituellen, öffentlichen und politischen Zwecken – ähnlich wie im
späteren Inkareich in der benachbarten Andenregion. „Der Bau solch
monumentaler Anlagen im Regenwald muss viel Arbeitskraft, Arbeitsteilung
und ein Verständnis von Mathematik und Geometrie erfordert haben“,
schreibt die Gruppe.
Auch
fand das Team Hinweise darauf, dass die damaligen Menschen Brandrodung
betrieben, um etwa Mais, Maniok und Kürbisse anzubauen. Sie kultivierten
Bäume mit essbaren Früchten, etwa Paranussbäume und Pfirsichpalmen.
„Die
Studie zeigt, dass der menschliche Einfluss auf die Umwelt des
Amazonasgebiets viel größer ist als bisher angenommen“, wird Pärssinen
in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. Nicht nur das: Die
Forscher vermuten, dass die gesamte Amazonasregion einst wesentlich
dichter besiedelt war als heutzutage. Bislang gehen Schätzungen von
einer Gesamtpopulation von 1 bis 10 Millionen Menschen aus.
Sollten
im Aquiry-Gebiet, das lediglich 3 Prozent der Amazonasregion ausmacht,
vor grob 2000 Jahren schon 1,25 bis 3 Millionen Menschen gelebt haben,
könnte die damalige Bevölkerung Amazoniens Dutzende Millionen Menschen
umfasst haben. „Unsere Resultate stürzen unser Verständnis zur
Vergangenheit der Amazonasregion um“, sagt Pärssinen. Warum die
Aquiry-Kultur um das Jahr 850 zusammenbrach, ist nicht bekannt. (dpa)
aus derStandard, 29. 7. 2026 Die Fundstätte Tequinho im brasilianischen Bundesstaat Acre.
Luftaufnahmen haben im südwestlichen Amazonien nun über 400 derartige
Bodenstrukturen nachgewiesen.
Laserscans brachten
im Amazonasbecken 400 bisher unbekannte Strukturen ans Licht. Das lässt
auf eine Kultur schließen, die Millionen Menschen umfasst haben dürfte
von Thomas Bergmayr
Lange galt das Amazonasbecken als Landschaft, die keine großen
Gesellschaften hervorbringen und versorgen könnte. Die Böden seien zu
arm, dachte man, und das Nahrungsangebot zu unbeständig. Daher ging man
davon aus, dass die Bevölkerung dort weit verstreut und politisch kaum
organisiert sei. Die US-amerikanische Anthropologin Betty Meggers gab
dieser Sicht 1971 ihren Namen, als sie Amazonien ein trügerisches Paradies nannte.
1977 dokumentierte der Archäologe Ondemar Dias dort die ersten geometrischen Erdwerke.
Als in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Wald für Weiden gerodet
wurde, kamen Hunderte weitere zum Vorschein, mittlerweile mehr als 450
allein in Acre. Ihre Verteilung auf der Karte folgte allerdings weniger
der Vorgeschichte als der Kettensäge: Gefunden wurde dort, wo der Wald
verschwand. Was unter geschlossenem Kronendach lag, blieb allenfalls den
Hochrechnungen vorbehalten. Ein Modell im Fachjournal Science veranschlagte 2023, dass in ganz Amazonien noch 10.000 bis 24.000 größere Anlagen unentdeckt sein könnten, die meisten davon im Südwesten.
Laser statt Rodung
Dort hat ein Team um Martti Pärssinen von der Universität Helsinki
vor zwei Jahren genauer nachgesehen, ohne dass dafür Bäume gefällt
werden mussten. Zwischen 6. Juni und 1. Juli 2024 flog ein Flugzeug auf
zehn Linien 4430 Kilometer über Acre und Amazonas und tastete dabei
jeweils einen Kilometer breite Streifen ab. Das Gerät an Bord sendet 1,6
Millionen Laserpulse pro Sekunde nach unten. Einige davon finden Lücken
im Blätterdach und erreichen den Boden. Aus den zurückkehrenden
Signalen lässt sich ein verblüffend exaktes Geländemodell errechnen, in
dem die Vegetation herausgefiltert ist und Wälle und Gräben als Relief
hervortreten.
Auf den 4497 abgetasteten Quadratkilometern zeichneten sich 432
Erdwerke ab. Bekannt waren davon bis dahin nur 36. Die Anlagen bestehen
aus umlaufenden Gräben, neun bis 13 Meter breit und bis zu fünf Meter
tief, sowie aus Wällen, die meist außerhalb des Grabens aufgeschüttet
wurden. Die Fläche der Strukturen liegt üblicherweise zwischen 0,35 und
14 Hektar, die größte erreicht knapp 50 Hektar. Manche stehen für sich
allein, andere bilden Gruppen von bis zu acht Einfriedungen, oft mit
Wegen dazwischen. Nach einer Bayes-Modellierung der Radiokarbondaten
wurden sie zwischen 600 vor und 850 nach Christus errichtet.
Plätze für Zeremonien und Treffen
Dauerhaft
bewohnt waren sie nach Einschätzung des Teams jedoch nicht. Es fehlen
sowohl Siedlungsspuren als auch Befestigungen. Die Forschenden deuten
die Erdwerke deshalb als öffentliche Orte, an denen politische
Verhandlungen und Zeremonien stattfanden und zu denen Gäste geladen
wurden. Bewiesen sei diese Zuordnung nicht, so das Forschungsteam. Die
Forschenden stützen sich auf archäologische Funde, ethnografische
Vergleiche und Gespräche mit den heute dort lebenden Apurinã. Sicher ist
hingegen, dass der Bau viele Hände und mathematische Kenntnisse
verlangte: Kreise und Rechtecke von mehreren Hundert Metern Kantenlänge
werden im Wald nicht durch Zufall geometrisch.
Aus den Überflugdaten und älteren Satellitenauswertungen grenzen die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Nature erschienenen Studie das Gebiet dieser Kultur, die sie als Aquiry
bezeichnen, auf rund 183.000 Quadratkilometer ein. Das ist etwa das
Dreifache der bisherigen Annahme. Es handelt sich dabei nicht um einen
Staat und schon gar nicht um eine Stadt, sondern um viele verteilte
Zentren, deren Erbauer eine gemeinsame Formensprache teilten.
Erdwerke
auf einem entwaldeten Gebiet in der Region Rio Branco im
brasilianischen Bundesstaat Acre. Die aktuellen Funde ähnlicher
Strukturen sprechen für hohe Bevölkerungszahlen im präkolumbischen
Amazonastiefland.
Bis zu 30.000 Erdwerke
Für die
Gesamtzahl der Erdwerke gehen die Forschenden zwei Wege. Rechnet man die
Laserbefunde auf das Gebiet hoch, kommt man auf etwa 23.800 Anlagen.
Nimmt man stattdessen die auf Satellitenbildern erkannten Strukturen und
multipliziert sie mit dem Faktor fünf – so viel mehr Erdwerke zeigte
der Laser auf denselben gerodeten Flächen –, landet man bei knapp
30.000. Beide Zahlen sind Hochrechnungen aus Stichproben, keine
Zählungen. Rund zwei Drittel davon ordnet die Studie der Aquiry-Zeit zu,
der Rest gehört zu späteren Dorfanlagen.
Die Unsicherheit liegt vor allem im Wald selbst. In einem Teil des
Untersuchungsgebiets erreichten zu wenige Laserpulse den Boden, um
gewöhnliche Erdwerke sichtbar zu machen; westlich des 66. Längengrads
betraf das 41,9 Prozent der Fläche. Auf zwei langen Fluglinien zwischen
dem oberen Purus und dem oberen Juruá fand sich gar nichts. Ob dort
tatsächlich niemand baute oder der Wald zu dicht war, ließ sich nicht
feststellen.
Die Bevölkerungsschätzung beruht auf mehreren Annahmen. Die
Hochrechnung ergibt rund 16.660 Erdwerke der Aquiry-Zeit. Die
Forschenden nehmen an, dass davon zwischen 25 und 60 Prozent um 100 bis
300 nach Christus gleichzeitig genutzt wurden, und veranschlagen 300
Menschen, um eine durchschnittliche Anlage zu bauen und zu erhalten.
Daraus ergeben sich 1,25 bis drei Millionen Menschen. Berücksichtigt man
die vom Blätterdach verdeckten Anlagen, halten die Autorinnen und
Autoren auch 1,6 bis 3,8 Millionen für möglich. Zum Vergleich: Im
Bundesstaat Acre leben heute rund 850.000 Menschen.
Menschengemachte Fruchtbarkeit
Die
Böden im Aquiry-Gebiet gehören zu den nährstoffreichsten des gesamten
amazonischen Festlands, und die Forschenden führen das nicht allein auf
die Geologie zurück. Das regelmäßige Abbrennen bambusreicher Flächen
über Jahrtausende dürfte die Fruchtbarkeit erhalten und damit erst die
Voraussetzung für eine dichtere Besiedlung geschaffen haben.
Sollten sich in anderen Teilen Amazoniens ähnliche Dichten finden,
wären nicht nur die Bevölkerungszahlen der Zeit vor 1492 neu zu
bewerten, sondern auch Annahmen über Bodenqualität, Waldstruktur und
Artenzusammensetzung, die in Klimamodelle einfließen. Der Wald zwischen
Rio Branco und Lábrea ist damit zwar kein Menschenwerk, aber auch nicht
ganz das Gegenteil. Er wächst stellenweise über den Rändern von Gräben,
die vor teilweise über 2000 Jahren von Menschen ausgehoben wurden.
Nota. -Das ist eine Variante des Übergangs von Wildbeuter- zur Ackerbaukultur, wie sie auch in Göbekli Tepe angenommen wird: Bevor die nomadisierenden Gruppen von Jägern und Sammlern sich selbst in festen Siedlungen niederließen, schufen sie - ja wohl gemeinsam? - Stätten für zeremonielle und sonstwie kulturelle Treffen. Und also wird wohl die Ortstreue dem Ackerbau vorausgegangen sein: In Göbekli Tepe wurde Bier für Festgelage gebraut. JE
Der Übergang von der Wildbeuter- zur Ackerbaukultur war zumindest in Europa
kein gradliniger, sondern ein gebrochener. Mit dem Ende der Eiszeit
hatten sich die jagdbaren großen Säugetiere nach Norden zurückgezogen
und Jagen und Sammeln wurde prekärer, so dass die Zuwanderer aus dem
Balkan freie Bahn fanden. Wo die Jagdbedingungen günstiger blieben,
fand der Ackerbau zunächst keine Verbreitung, weil die stärkehaltige
Getreidenahrung der proteinhaltigen Jagdbeute qualitativ un-terlegen war
und nur aus Not Nachahmer fand.
Doch brachte die verbreitete Exo-gamie
nach und nach eine Vermehrung von Frauen aus den benachbarten
Bauern-wirtschaften: Der Übergang vom Sammeln von Pflanzen zu ihrer
Kultivierung auf dem Feld kann in der Tat stetig stattfinden: Bedingung ist nur die Sesshaftigkeit, die beim Fischen eher möglich ist als beim Jagen. Der Eindruck, die bäuerische Lebensart sei ein eher weiblicher Beitrag zur Kulturgeschichte, findet so seine Rechtfertigung.
Wie sich der Ackerbau freilich im Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens ausbilden konnte, bleibt ein Rätsel. 31. März 2026
Der
'Systemkollaps' im Ersten Weltkrieg war nicht bloß der Untergang einer
"libe-ralen" Freihandelsordnung unter britischer Hegemonie; es war eine
Zerrüttung des Weltmarkts und globale Krise der Produktivkräfte: Erst
1939, zu Beginn des Zwei-ten Weltkrieges, hatte der Welthandel wieder das
Volumen von 1913 erreicht, um sogleich in eine noch gigantischere
Vernichtung von Arbeitskraft und Industrie-anlagen zu stürzen. Die Produktivkräfte haben aufgehört zu wachsen, schrieb Leo Trotzki, und identifizierte den Krieg als die finale Todeskrise der bürgerlichen Welt, die nur entweder mit dem Untergang des Kapitalismus oder dem Untergang der Zivilisation enden könne.
So
ist es nicht gekommen. Für das Kapital gibt es keine ausweglose
Situationen. Die Zweiteilung der Welt und der Kalte Krieg haben für
eine neue Stabilität gesorgt, die auch den Zerfall des Sowjetblocks
überstanden hat. Die Frage, die sich heute stellt, ist, ob sie auch den
Versuch seiner Wiederherstellung überstehen kann. Diese Krise ist zwei
Nummern kleiner, aber für uns Lebende gerade groß genug.
Der
Untergang der archaischen Mittelmeerkultur um 1200 v. Chr. ist ein
Problem für sich. Ein historisches, kein zeitgeschichtliches. "Strukturen"
entpuppen sich in aller Regel als bloße Analogien. Die haben auch
ihren Wert, aber bloß einen kleinen, den man sorgfältig suchen muss. 25. 4. 2022
zuöffentliche Angelegenheiten aus welt.de, 28. 7. 2026 Hattuscha: Die Hauptstadt des Hethiterreichs wurde um 1200 v. Chr. verlassen
Wie Dürre den ersten Untergang der menschlichen Zivilisation beförderte
Schriftliche Quellen berichten von Hungersnöten, die um 1200 v. Chr. zum Kollaps der ostmediterranen Staatenwelt führten. Vorausgegangen waren offenbar außergewöhn-liche Dürreperioden, hervorgerufen vom Zusammenfallen verschiedener Klimatrends.
Der Brief, den die hethitische Königin Puduhepa an Pharao Ramses II. schrieb, ließ es nicht an Deutlichkeit fehlen: „Ich habe kein Getreide in meinem Land!“ Das war kein Einzelfall. Ein anderer Hethiter-Fürst klagte: „Weißt Du nicht, dass in meinen Ländern der Hunger herrscht?“ Und gegenüber dem Herrscher der Stadt Ugarit wurde dieselbe Bitte mit dem dramatischen Nachsatz versehen: „Es geht hier um Leben und Tod!“
Die Zitate belegen, dass um das Jahr 1200 v. Chr. das hethitische Großreich in Kleinasien und Nordsyrien in eine existenzielle Krise geraten war. Obwohl die Ägypter seinen Verbündeten wiederholt mit Getreidelieferungen unterstützten, verschwand nicht nur das Hethiterreich kurz darauf von der politischen Landkarte des östlichen Mittelmeeres, sondern auch die Herrschaften Syriens, Palästinas, Zyperns und des mykenischen Griechenlands. Mit Verweis auf die Hilfegesuche der Hethiter geht die Forschung davon aus, dass der Zusammenbruch des spätbronzezeitlichen Mächtesystems nicht zuletzt von Dürre- und Hungerkatastrophen angetrieben wurde.
Welche klimatischen Prozesse dabei eine Rolle spielten, will eine neue Studie der Universität Stockholm zeigen, die in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht wurde. „Anstatt durch ein einzelnes Klimaereignis verursacht zu werden, stellten wir fest, dass die extremsten Dürren auftraten, wenn natürliche Klimazyklen mit unterschiedlichen Zeiträumen zusammenfielen. Dies macht verständlich, warum die Trockenheit im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der späten Bronzezeit so schwerwiegend war“, sagt Katherine Power, Doktorandin am Institut für Physische Geografie und Erstautorin der Studie.
Power und Qiong Zhang, Professorin für Paläoklimamodellierung und Mitautorin, setzten für ihre Studie ein hochmodernes Klimamodell ein, um die Entwicklung des Mittelmeerklimas der letzten 8000 Jahre zu rekonstruieren. Danach wurde der ostmediterrane Raum über Jahrtausende hinweg einem Trend zur Austrocknung unterworfen, der durch langsame Veränderungen der Erdumlaufbahn verursacht wurde. „Überlagert von diesem langfristigen Trend stellten wir auch kurzfristigere Schwankungen im Atlantischen Ozean und in der Atmosphäre fest“, erklärt Katherine Power.
Die Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass die schwersten Trockenperioden dann auftraten, wenn mehrere natürliche Klimazyklen zusammentrafen, sich gegenseitig vorübergehend verstärkten und auf diese Weise Dürren hervorbrachten, die weitaus intensiver waren als der langfristige Austrocknungstrend allein. „Das Zusammenwirken dieser Prozesse trieb das östliche Mittelmeer über eine kritische hydroklimatische Schwelle hinaus“ folgert Power. Die Folge war, dass weniger Wasser zur Verfügung stand und damit der Druck auf die Landwirtschaft in Gesellschaften zunahm, die ohnehin mit schwankenden Ernteerträgen zu kämpfen hatten.
Dass Hungerkatastrophen maßgeblich den Zusammenbruch der bronzezeitlichen Staatenwelt befördert haben, wird von zahlreichen Forschern angenommen. In seinem Bestseller „1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation“ hat der amerikanische Archäologe Eric H. Cline „Klimawandel und Dürre“ als zwei von mehreren Ursachen beschrieben, die am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. in einem verhängnisvollen Bündel zusammenfanden. Denn auch in anderen Regionen des Nahen Ostens hungerten die Menschen. Cline zitiert aus einem Brief aus der Stadt Emar im syrischen Binnenland: „Wir werden alle verhungern. Wenn du nicht schnell herkommst, werden wir des Hungers sterben.“
Pollenanalysen zeigen, dass es in Syrien und auf Zypern zu großen Umweltver-änderungen kam. Ernteausfälle hatten Hungersnöte zur Folge, die zu sozioökonomischen Krisen, Kriegen und Massenmigrationen führten. Allerdings schränkt Cline ein, „dass es in dieser Region im Laufe der Geschichte ziemlich oft zu Zeiten der Dürre kam und dass sie meistens nicht zum Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation führten ... Klimawandel, Dürren und Hungersnöte (reichen) allein nicht aus, um das Ende der Spätbronzezeit zu erklären.“
Stattdessen gebraucht der Archäologe das Bild von einem globalen Systemkollaps, hervorgerufen durch Dominoeffekte. Handelsrouten wurden unterbrochen, komplizierte Verteilungs- und Verarbeitungssysteme gerieten in Schieflage, Kriege um schwindende Ressourcen erodierten die Reiche, Naturkatastrophen wie Erdbeben und Dürren provozierten Aufstände und Migrationen.
Power und Zhang verstehen ihre Studie allerdings nur bedingt als Beitrag zur aktuellen Klimadebatte. Zwar zähle das Mittelmeergebiet zu den globalen Brennpunkten des Klimawandels und werde den Prognosen zufolge im Laufe des kommenden Jahrhunderts wärmer und trockener werden. Aber: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das künftige Dürrerisiko nicht nur von der langfristigen, vom Menschen verursachten Erwärmung abhängt, sondern auch davon, wie die natürliche Variabilität im Atlantik mit diesem allgemeinen Trend interagiert“, sagt Katherine Power.