Mittwoch, 26. März 2025

Lügende KI ist kaum zu überführen.

künstliche Intelligenz
aus scinexx.de, 25. März 2025                                                        zuJochen Ebmeiers Realien

Ist betrügerische KI noch kontrollierbar?
Reasoning-Modell umgeht Gegenmaßnahmen und verheimlicht betrügerische Absichten

Kontrolle gescheitert: Eine künstliche Intelligenz vom absichtlichen Schummeln und Lügen abzuhalten, ist schwieriger als erwartet, wie Forscher von OpenAI feststellen mussten. Im Experiment gelang es ihrer „Wächter“-KI zwar anfangs, betrügerische Absichten in der Gedankenkette eines fortgeschrittenen Reasoning-Modells zu erkennen. Doch im Trainingsverlauf lernte das KI-Modell, seinen Betrug immer besser zu verbergen – und entzog sich dadurch der Überwachung.

Künstliche Intelligenz ist uns in vielen „Hard Skills“ bereits ebenbürtig und sogar voraus. Aber auch in einigen typisch menschlichen Eigenschaften kommen uns die Großen Sprachmodelle (LLM) inzwischen nahe: Sie sind kreativ, beherrschen Diplomatie und reagieren auch mal irrational. Allerdings hat dies eine Schattenseite: Die KI-Modelle haben auch gelernt, uns absichtlich zu täuschen und zu belügen. Sogar einen Abschaltbefehl können die KI-Systeme umgehen, indem sie sich vorher heimlich klonen. 

Gedankenkette einer schummelnden Reasoning-KI

Ausschnitte aus der Gedankenkette der Reasoning-KI. Sie verrät darin ihre Absicht, durch eine Scheinlösung zu schummeln. © Baker et al., OpenAI / arXiv-Preprint,  
arXiv:2503.11926

Reward-Hacking: Schummeln statt echter Lösung

Eine besonders hartnäckige Form der Täuschung tritt auf, wenn künstliche Intelligenzen versuchen, bei schweren Aufgaben heimlich Abkürzungen zu nehmen. Statt die eigentliche Aufgabe zu lösen, suchen sie nach Tricks, durch die sie ein korrekt erscheinendes Resultat erreichen können – ohne dass sie das eigentliche Problem gelöst haben. KI-Forscher bezeichnen diese Form des Betrugs als „Reward-Hacking“: Die künstliche Intelligenz versucht, sich ihre „Belohnung“ in Form von positivem Feedback zu erschleichen.

„Auch Menschen suchen solche Abkürzungen und nutzen sie aus: Beispielsweise indem sie Online-Zugänge zu kostenpflichtigen Diensten teilen, Lücken in Vorschriften zu ihren Gunsten auslegen oder im Restaurant vorgeben, Geburtstag zu haben, um Kuchen umsonst zu bekommen“, erklären Bowen Baker und seine Kollegen von OpenAI. Ein besonders eklatantes Beispiel dieses Schummelns ereignete sich 1902 in Hanoi: Zur Bekämpfung einer Rattenplage war eine Belohnung für jede getötete Ratte ausgesetzt. Prompt fingen einige Bewohner an, Ratten zu züchten, um möglichst viel Geld einzuheimsen.

KI-Modell bei betrügerischen Abkürzungen ertappt

Ganz ähnlich reagieren fortgeschrittene KI-Systeme, darunter auch Reasoning-Modelle wie OpenAI-o1, Claude, Gemini Pro oder DeepSeek-R1. Diese KI-Systeme zerlegen die Aufgaben in eine Kette von Schritten, bevor sie ein Resultat produzieren. Sie gelten als besonders leistungsfähig. Das Problem: „Wenn wir die KI-Agenten mit immer besseren Fähigkeiten ausstatten, könnte dies das Problem noch verschlimmern, weil sie dann fähig werden, komplexere und schwer zu überwachsende Tricks auszuführen“, erklären Baker und sein Team.

Doch was kann man dagegen tun? Eine mögliche Strategie haben die OpenAI-Forscher jetzt ausprobiert. Dafür gaben sie einem noch nicht veröffentlichten Reasoning-Modell die Aufgabe, eine Reihe von Computercodes zu überprüfen und zu korrigieren. Dabei enthüllten schon die Vorüberlegungen des KI-Systems in der „Chain of Thought“ seine betrügerischen Absichten: „Die Tests prüfen keine Details. Wir können daher einfach die Verify-Routine hacken“, schreibt das Modell beispielsweise. „Wir können demnach hacken, um das komplexe Analysieren zu umgehen.“

Kann eine zweite KI als Wächter fungieren?

Diese unverblümte Offenheit der Reasoning-Systeme nutzten Baker und sein Team nun, um eine zweite künstliche Intelligenz als Wächter einzusetzen. Dieses kleinere KI-Modell schlug immer dann Alarm, wenn es in der „Gedankenkette“ der Reasoning-KI verdächtige Überlegungen detektierte. „Wir haben festgestellt, dass schon ein relativ schwaches KI-System dadurch ein Modell überwachen kann, das weit leistungsfähiger ist als es selbst“, berichtet das Team.

Es wäre daher naheliegend, einen solchen „Wächter“ von vornherein in die großen Reasoning-Modelle einzubauen. Wenn der Wächter schon im Training bei jedem Schummelversuch negatives Feedback gibt, müsste dies die Betrugsversuche verringern – so die naheliegende Annahme. „Aber kann das Verhindern ‚böser Gedanken‘ die Zahl der späteren Verhaltensverstöße tatsächlich reduzieren?“, fragten sich die OpenAI-Forscher – und probierten es kurzerhand aus.

KI lernt, die Kontrolle zu umgehen
Wird die Überwachung ins Training des Reasoning-Modells integriert (CoT-Pressure), verheimlicht das KI-Modell sein Schummeln mittels Reward-Hacking. Dadurch detektiert die Wächter-KI kaum noch Schummel-Fälle (links), dafür steigt der Anteil der nicht mehr detektierten Schummeleien

KI lernt, die Überwachung zu umgehen

Zu Beginn des Trainings war diese Strategie tatsächlich erfolgreich: Die Reasoning-KI schummelte seltener, wie Baker und sein Team beobachteten. Doch im Laufe des weiteren Trainings wandelte sich das Bild: „Der über das Chain-of-Thought-Feedback trainierte Agent lernt trotzdem das Reward-Hacking.“ Konkret beschreibt das KI-Modell zwar in seiner Gedankenkette brav die korrekten Schritte für eine Lösung der Aufgabe.

Statt diese Schritte dann aber wie beschrieben auszuführen, nutzt die künstliche Intelligenz trotzdem die betrügerische Abkürzung. Sie betrügt gewissermaßen doppelt – einmal in der Tat und einmal in den in der Gedankenkette dokumentierten Absichten. „Beunruhigend ist daran, dass die Detektionsrate des Wächters dabei auf fast null absinkt. Das zeigt, dass der KI-Agent es gelernt hat, seine Absichten zu verbergen“, schreiben Baker und seine Kollegen.

Was folgt daraus?

Nach Ansicht der KI-Forscher zeigt ihr Experiment zwei Dinge: Zum einen kann eine Wächter-KI nützlich sein, um künstliche Intelligenzen beim „Belohnungs-Hacking“ durch betrügerische Abkürzungen zu ertappen. „Eine solches Chain-of-Thought-Monitoring könnte eine der wenigen effektiven Methoden sein, um KI-Modelle mit übermenschlichen Fähigkeiten zu überwachen“, konstatieren Baker und sein Team.

Allerdings eigne sich diese Kontrolle nicht dafür, schon im Training gegenzusteuern. „Wir raten KI-Entwicklern dringend davon ab, eine solche Supervision schon beim Training von fortgeschrittenen Reasoning-Modellen einzusetzen“, so die OpenAI-Forscher. Denn das würde nur dazu führen, dass die KI-Modelle lernen, die Überwachung auszutricksen. De facto wären wir dann blind und hätten keine Möglichkeit mehr, die künstlichen Intelligenzen zu kontrollieren. (arXiv-Preprint, 2025; doi: 10.48550/arXiv.2503.11926)

Quelle: OpenAI, arXiv; 25. März 2025 - von Nadja Podbregar

Das ist gut.


Sigi von Koeding, genannt DARE                             einen Titel habe ich nicht gefunden.                       zu Geschmackssachen

"Das ist rein dekorativ."

Dekorativ ist es, warum auch nicht. Aber nicht rein dekorativ. Es ist auch nicht po-lemisch: Es wird harmonisiert, indem der 'abstrakt-expressive' Oberteil durch die Verbindung mit dem de-Stijl-Unterteil plötzlich wie eine William-Morris-Tapete wirkt - die übrigens auch nicht rein dekorativ war; aber eben polemisch.

 

 

Dienstag, 25. März 2025

M.A.G.O.

Ach, wer könnte das denn wünschen? Nicht einmal die üblichen Verdächtigen, die brauchen euch ja auch noch!

 

Gegenstand ästhetisch-moralischer Urteile sind stets nur Verhältnisse.

Kandinsky                                                     zu Geschmackssachen

Die Ästhetik hat in erster Linie aus dem verwirrenden Gesamteindruck eines zusam-mengesetzten Kunstwerks die einfachen Elemente aufzuweisen, die in ihrer Ver-knüpfung  den Ge-genstand der unmittelbaren und willkürlosen Wertschätzung bilden, die einzig und allein durch ihre klare, durch keinerlei Gefühlserregungen getrübte Vorstellung in dem auffassenden Subjekt hervorrrufen.

Die Ästhetik bedarf also weder weitläufiger Auseinandersetzungen noch eingehen-der Beweise, sie hat lediglich eine angemessene Zusammenstellung dessen zu brin-gen, was gefällt / oder missfällt. Ist dieser Anforderung Genüge geschenen, so wie es z. B. in der Musik im sogenannten Generalbass geschehen ist, so kann sie dann weiterhin das Urteil zu fällen jedem einzelnen selbst überlassen bleiben.

Nun unterliegen aber der ästhetischen Beurteilung nicht nur Verhältnisse von Tö-nen, Farben und Gedanken; es werden sich auch die einzelnen Willensverhältnisse nicht entziehen, deren Wertbestimmung vielmehr als die für den Menschen aller-wichtigste bezeichnet werden muss. Damit betreten wir den Boden der Ethik, die also innerhalb des Rahmens der allgemeinen Ästhetik nicht der Form und Methode nach, sondern nur durch die alles überragende Bedeutung ihres Gegenstandes eine Sondernstellung einzunehmen berechtigt ist.

in: Friedrich Kallauf, Die psychologische Grundlage von Herbarts praktischer Philosophie; Aurich 1893, S. 5f

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Montag, 24. März 2025

Wittekind in Enger.

Widukind-Grabmal mit Grabplatte in der Stiftskirche Enger aus welt.de, 11. 3, 2025 ...gekrümmter Mittelfinger: Widukind-Grabplatte in der Stiftskirche  zu öffentliche Angelegenheiten

War Widukinds Taufe nur Kriegspropaganda?
Im westfälischen Städtchen Enger wurde der Sachsenherzog bestattet, der nach der Niederlage gegen Karl den Großen zum Christentum übertrat. So heißt es jedenfalls. Doch neue Untersuchungen an einem Knochenfund könnten diese Version der Geschichte ins Wanken bringen.

Um den alten Sachsen-Häuptling kommt man in Enger nicht herum. In diesem 20.000-Einwohner-Städtchen hinter den Hügeln des Teutoburger Waldes gibt es ein Widukind-Museum, das Widukind-Gymnasium, ein Widukind-Autohaus und eine Widukind-Tierarztpraxis. Hinzu kommen diverse Geschäfte und Einrichtungen mit der Namensvariante Wittekind: Apotheke, Reiterverein, Segelflugverein und so weiter und so fort. Geht man im Zentrum der Stadt am Widukind-Brunnen vorbei, gelangt man auf eine kleine Anhöhe zur Stiftskirche, in der sich das Epizentrum der Widukind-Verehrung befindet: ein wuchtiges, steinernes Grabmal. Obenauf liegt eine Sandsteinplatte, in die lebensgroß die Gestalt eines Mannes mit Krone, Zepter und einem eigenartig verbogenen Mittelfinger gehauen wurde. 

Stiftskirche

Dieser Widukind ist aber mehr als nur eine lokale Größe. Dazu ein kurzer Ausflug in die Geschichte: Als der Frankenkönig und spätere Kaiser Karl der Große im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts die Volksstämme rechts des Rheins zum Christentum bekehren wollte, stellten sich ihm die heidnischen Sachsen entgegen. Ihr Anführer: Widukind. Es folgte ein jahrelanger Krieg, der erst endete, als Widukind einsah, dass der Widerstand aussichtslos war.

Er kapitulierte und ließ sich im Jahr 785 obendrein taufen. Die Story vom bekehrten Heiden wurde für die nächsten Jahrhunderte zum Bezugspunkt und schließlich sogar zum Fundament eines deutschen Mythos. Adelsdynastien, die ihre Herrschaft legitimieren wollten, stellten die abstrusesten Ahnenreihen auf, um eine Abstammung von Widukind zu konstruieren. Im 19. Jahrhundert verehrte man ihn dann als urdeutschen Helden im Kampf gegen die Fremdherrschaft, später knüpften die Nationalsozialisten mit ihrem Germanenkult an die Überlieferungen vom Rebellen und Freiheitskämpfer an.

Widukinds Taufe im Hoflager Karls des Großen in Attigny. Holzstich, 1856, nach einer Zeichnung von Moritz von Schwind. Aus: F. Bülau, Deutsche Geschichte in Bildern
Widukinds Taufe im Hoflager Karls des Großen in Attigny. Holzstich, 1856, nach einer Zeichnung von Moritz von Schwind. Aus: F. Bülau, Deutsche Geschichte in Bildern

Vor Ort, in Enger, wurden solche national-epischen Überhöhungen immer schon begleitet von der bangen Frage, ob dieser Wunderknabe tatsächlich und leibhaftig in der Stiftskirche lag. Sicher konnte man nicht sein, denn das Grabmal war ja erst im 12. Jahrhundert errichtet worden. So sucht man bis heute nach Gewissheiten. Das Ergebnis der neuesten Untersuchungen liegt nun in dem Band „Die Gebeine eines Helden“ vor, der in diesen Tagen beim Verlag für Regionalgeschichte erscheint. Kleiner Spoiler vorab: Auch darin wird nicht geklärt, ob Widukinds Überreste in Enger liegen. Doch dieser Forschungsbericht kann stattdessen mit einer überraschenden These aufwarten, die die Grundfesten unseres Geschichtsbildes wackeln lässt.

„War Widukind schon vor seiner Taufe Christ?“ – so fragen die Herausgeber im Untertitel des Bandes. Das ist frech formuliert, die neu gewonnenen Fakten lassen allerdings wirklich Zweifel aufkommen, ob Karl der Große den Sachsen den christlichen Glauben gebracht hat. Sie werfen mithin die Frage auf, ob die fränkischen Geschichtsschreiber der Nachwelt eine Propagandalüge hinterlassen haben, die dazu diente, einen grausam geführten Eroberungskrieg als quasi göttliche Mission schönzureden.

Doch zunächst zurück nach Enger, wo die Argumentationskette ihren Ausgangspunkt nimmt. Schon im Mittelalter glaubte man, in der Stiftskirche die Gebeine des Widukind gefunden zu haben. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dieser Sammlung von Knochen, die zunächst ins nahe Herford und im 19. Jahrhundert wieder zurück nach Enger gelangt war, um die Überreste einer Frau handelte. Dann, Anfang der 1970er-Jahre, kam bei archäologischen Grabungen in der Kirche eine Überraschung ans Licht, die den Engeranern wieder Hoffnung machte: Unter den Bodenplatten befanden sich drei Gräber mit gut erhaltenen Skeletten von zwei älteren Männern und einem circa 16-Jährigen. Das Skelett, das in der Mitte lag, konnte niemand anderes als der Sachsenherzog sein. Oder vielleicht doch nicht?

Im Boden der Stiftskirche Enger fand man drei Skelette. Nun wurden sie mit der C14-Methode datiert
Im Boden der Stiftskirche Enger fand man drei Skelette. Nun wurden sie mit der C14-Methode datiertQuelle: LWL-Museum für Archäologie Münster

Seitdem wird mit Hochdruck versucht, den „Engeraner Knochenkrimi“, wie es in einem Heft des Widukind-Museums heißt, zu lösen. Zunächst machten sich in den 2000er-Jahren Forscher des Göttinger Instituts für Anthropologie über genetisches Material her, das sie aus den Knochen extrahieren konnten, die mittlerweile, sicher verpackt in Kunststofftüten und Aluminiumkisten, in einer neu geschaffenen Gruft unter der Stiftskirche liegen. Ergebnis: Die drei Bestatteten waren miteinander verwandt. Zwei von ihnen, ältere Männer, seien „mit großer Wahrscheinlichkeit“ Halbbrüder, so heißt es im Bericht.

Überdies sei davon auszugehen, dass einer der beiden der Vater jenes jungen Mannes war, dessen Skelett im dritten Grab lag. Außerdem entdeckten die Forscher an einem der Skelette eine Fraktur des rechten Mittelfingers. Könnte das nicht der gekrümmte Finger gewesen sein, der auf der Grabplatte zu erkennen ist? Beweise sehen anders aus.

Den nächsten Schritt unternahm nun der Physiker Ronny Friedrich vom Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie (CEZA) in Mannheim. Dieses Labor ist eine renommierte Forschungseinrichtung für Materialanalysen und Datierungen mittels der sogenannten C14-Methode. Friedrich präsentiert im jetzt vorliegenden Band folgendes Ergebnis: Für die beiden älteren bestatteten Männer komme als spätest anzunehmendes Sterbedatum die Zeitspanne von 792 bis 821 infrage. Bei dem Jugendlichen lasse sich hingegen zeigen, so schreibt Friedrich, dass er „spätestens bis zum Jahr 775 gestorben sein muss“.

Eine sogenannte Lunafibel aus dem 8. Jahrhundert wurde ebenfalls unter der Stiftskirche gefunden
Eine sogenannte Lunafibel aus dem 8. Jahrhundert wurde ebenfalls unter der Stiftskirche gefunden

Eine Jahreszahl, die es in sich hat: Eine Bestattung in einer Kirche zu einer Zeit, in der es nach der herrschenden Lehre in Westfalen noch kein Christentum und also auch keine Kirchen gab, weil doch Widukinds Taufe erst 785, also zehn Jahre später, stattfand. Wie soll das möglich sein? Ist es denkbar, dass die Gräber bereits vorhanden waren, bevor später eine Kirche um sie herum gebaut wurde? Unmöglich, sagen die Autoren des Buches. Dies sei anhand der archäologischen Befunde auszuschließen. Oder wurden die Toten zunächst an anderer Stelle bestattet – und erst nach dem Kirchbau dorthin gebracht? Dagegen sprechen Lage und Zustand der Skelette.

Für Vera Brieske, Archäologin und Geschäftsführerin der LWL-Altertumskommission für Westfalen, kommt die frühe Datierung der Bestattungen nicht ganz so überraschend. In der Hellweg-Region seien neben Waren immer schon Ideen ausgetauscht worden, schreibt sie. „Und das Christentum ist sicherlich nicht erst mit Karl dem Großen in die rechtsrheinischen Gebiete gelangt.“ Brieske listet gut zwei Dutzend Beispiele von archäologischen Funden mit Kreuzdarstellungen auf, die lange falsch datiert worden seien, „weil die Archäologie annahm, keine Belege für christliches Leben finden zu können“: Schmuckstücke in Kreuzform, Grab- und Bildsteine mit Kreuzsymbolik. 

Ebmeierhof, Oldinghausen

Besonders eindrucksvoll sei eine Glockengussgrube, die man vor wenigen Jahren in Dülmen gefunden hat, so Brieske. Holzkohlereste belegten, dass diese Werkstatt zwischen 665 und 775 in Betrieb genommen wurde. Auch die Größe einer der dort gefertigten Glocken lasse sich berechnen: Sie hatte einen Durchmesser von 90 Zentimetern und war bestimmt nicht für einen weiten Transport gedacht. „Es muss hier also mindestens eine Kirche existiert haben“, so Brieske. Kurzum: Die Darstellung der Sachsenkriege als Missionskriege, wie sie in den Reichsannalen beschrieben werden, dürfe getrost angezweifelt werden. Widukinds Taufe, wenn sie denn stattgefunden hat, wäre demnach vor allem eine Geste der Unterwerfung gewesen – und kein Ritual, mit dem der Übertritt zu einer Religion vollzogen werden musste.

Die Nationalsozialisten statteten die Fassade ihrer Widukind-Gedenkstätte mit einem Blut-und-Boden-Bildprogramm aus. Heute ist dort das Widukind-Museum untergebracht
Die Nationalsozialisten statteten die Fassade ihrer Widukind-Gedenkstätte mit einem Blut-und-Boden-Bildprogramm aus. Heute ist dort das Widukind-Museum untergebracht

„Die Archäologie mit ihren neuen Methoden dient hier als Korrektiv der Geschichtswissenschaften“, resümiert der Historiker Olav Heinemann, einer der Herausgeber des Forschungsbandes. Er trat sein Amt als Leiter des Engeraner Widukind-Museums im vorigen Jahr an – ein Haus, das man aus der Ferne betrachtet vielleicht für ein wenig aufregendes Heimatmuseum halten könnte. Tatsächlich aber werden hier spannende Kapitel deutscher Geschichte verhandelt. Das Gebäude selbst, direkt neben der Kirche gelegen, wurde von den Nationalsozialisten als Widukind-Gedenkstätte eingerichtet und wie ein Wallfahrtsort inszeniert. Die Schnitzereien an der Fassade und an der Eingangstür, die vordergründig den Bauernhäusern der Region nachempfunden sind, zeigten bis heute Blut-und-Boden-Symbolik in Reinform, sagt Heinemann – man müsse sie nur zu lesen verstehen. Auch dazu plant er eine Veröffentlichung.

Und natürlich soll weiterhin erforscht werden, ob man es in Enger mit dem echten Widukind zu tun hat. Der CEZA-Wissenschaftler Ronny Friedrich konnte mit seiner Datierung darauf zwar keine Antwort geben – aber, immerhin: „Es ist weiterhin nicht auszuschließen“, schreibt er. Noch in diesem Jahr, so kündigt Museumsleiter Heinemann an, werde es ein weiteres Forschungsprojekt geben. Der Inhalt sei allerdings noch geheim.

Man kann freilich spekulieren. Naheliegend wäre zum Beispiel, jene Frau unter die Lupe zu nehmen, die dafür sorgte, dass die Nachwelt Widukind mit der Stadt Enger in Verbindung brachte: Mathilde, Ur-Ur-Urenkelin Widukinds und Gattin des Königs Heinrich I. Sie war es, die Mitte des 10. Jahrhunderts in Enger ein Stift begründete – mit dem Hinweis, dass an dieser Stelle bereits Widukind eine Kirche gebaut habe. Mathilde starb im Jahr 968, in der Stiftskirche von Quedlinburg steht bis heute der Sarkophag, in dem sie beigesetzt wurde. Vielleicht lässt sich mit einer DNA-Analyse ihrer Knochen herausfinden, ob eines der Skelette aus der Kirche in Enger ihrem Ur-Ur-Uropa gehört.

der freistehende Kirchturm

Sonntag, 23. März 2025

Nein, ich kanns nicht unkommentiert lassen.

zu Geschmackssachen

In den achtziger Jahren haben sie in Paris die Place des Vosges 'historisch' wieder hergerichtet: alle Bäume weg, nur noch kleines Pflaster. Die Kastanien waren hübsch anzusehen, aber die Place des Vosges ging unter ihnen verloren. Viel Grün gibt es nicht in Paris, und im historischen Zentrum schon gar nicht. Die Place des Vosges ist aber die einzige Stelle, an der sich Louis Quatorze in seiner nominellen Haupstadt verewigt hat. - Ein echtes Problem!

Am Gendarmenmarkt fand ich schon immer - also zu meinen Lebenszeiten -, dass er, um zur Wirkung zu kommen, nicht tief genug ist. Als er entstand, waren dem Opernhaus und den beiden Domen gegenüber gewiss nicht die monumentalen Ge-bäude vorhanden, die heute da stehen. Da werden kleinere und niedrigere Häuser gestanden haben. Da war das Pflaster das einzig Richtige: Grün gab es ringsum ge-nug, da musste ein Platz urban gestaltet werden und nicht dörflich. 

Als die Klötzer an der Ostseite aufgeschüttet wurden, war der welstädtische Platz sowieso provinzialisiert. Er hatte nichts mehr, was ihm Bepflanzung nehmen konn-te. Er wirkt nur noch, wenn man diagonal hineinschaut. Dann kann man aber ruhig auch Bäume und Sträucher hineintun, es ist nix mehr da, was sie verschandeln könnten. 

Der gegenwärtige Streit entsteht nur durch die Dogmatiker auf beiden Seiten: die Denkmalschützer und die Grünfetischisten. Das Ästhetische, um das es städtebau-lich gehen müsste, ist sowieso im Eimer.


Paris, Place Royale 1660, heute Place des Vosges


 

 

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Eine wirklich ganz große Strukturreform!


aus FAZ.NET, 23. 3. 2025                                                                                  zu öffentliche Angelegenheiten

„Ist ja Wahnsinn“
Wer stoppt das Wachstum des Regierungsapparats?
 

Erst das große Schuldenpaket, dann aber umso beherztere Strukturreformen – so lautet seit der Bundestagswahl das politische Credo der CDU. Und ihr Generalse-kretär Carsten Linnemann sieht darin auch eine Verpflichtung zu de­mon­stra­tiver Selbstdisziplin. „Die Menschen erwarten von uns, dass wir bei uns selbst anfan-gen“, sagte er zum Auftakt der schwarz-roten Koalitionsverhandlungen, die derzeit hinter verschlossenen Türen laufen. „Die Ministerialbürokratie nimmt ja mittlerwei-le Grö­ßen­ord­nun­gen an, das ist ja Wahnsinn“, analysierte Linnemann in der „Bild“-Zeitung. „Ich finde, zehn Prozent Personal einzusparen innerhalb einer Periode ist machbar.“

Noch ist nicht absehbar, wie streng sich der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) später daran bindet und ob es im geplanten Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD einen eigenen Passus dazu geben wird. Aber mit ein paar amtlichen Zahlen, zusammengestellt von Personal der Regierung und des Stati-stischen Bundesamts, lässt sich das Zehn-Prozent-Versprechen heute schon etwas einordnen.

Und tatsächlich zeigen diese, egal welche Abgrenzung man wählt: Wer findet, dass der Regierungsapparat vor fünf oder zehn Jahren einigermaßen arbeitsfähig war, könnte eine Stellenkürzung um ein Zehntel schwerlich als Gefahr für dessen Funk-tionieren einstufen. ... Eigentlich müsste das Land auch nach einer zehnprozentigen Stellenkürzung gut funktionieren können. So ein Ziel tatsächlich umzusetzen, käme trotzdem einem radikalen Politikwechsel gleich.

 

 

Nota. - Aber Achtung! Nichts eignet sich besser zur Demagogie als der Kampf gegen die Bürokratie. Das Publikum applaudiert in jedem Fall, und keiner kann wagen, ihm öffentlich zu widersprechen. Darum eignet sich nichts besser auch zum... Abbau des Rechtsstaats, Elon Musk ist mein Zeuge.

Das Kreuz mit der Bürokratie ist doch nicht einfach ihr Wuchern. Sondern dass sie ja im Grundsatz unverzichtbar ist, um eine durchsichtige und auf allen ihren Ebe-nen gerichtlich überprüfbare Verwaltung möglich zu machen. Ein jeder Stellenbe-setzer kann jederzeit nachweisen, dass unter den gegeben Umständen gerade sein Posten unverzichtbar ist. Das Politikum sind immer die gegebenen Umstände! Die Verwaltung sagt: Bis die Politik die Umstände verbessert hat, können wir nicht war-ten, es muss Tag für Tag weitergehen, und vorläufig eben 'so, wie wirs schon immer gemacht haben'. 

Nicht im Kleinen müssen "die Umstände" verbessert werden, sondern im ganz Großen. Das Grundproblem sind ja nicht mehr die sich mit jeder neuen Verord-nung komplizierenden "Vorgänger" - da könnte, wenn man es wirklich wollte, Künstliche Intelligenz Wunder wirken. Sondern dass im verarbeitenden Gewerbe und in bestimmten Bereichen der Dienstleistungen Handarbeit immer weniger ge-braucht wird - aber keiner sich seinen Lebensunterhalt leisten kann, ohne "arbeiten zu gehen". Dann wird es nötig, die faktische Arbeits-Losigkeit zu "verstecken", und zwar, wie in der DDR, im tentakulären Staats-Organ.

Verstecken nämlich in seinem Budget, das aus Steuern gespeist wird. 

Nun stört die Bürokratie ja nicht in erster Linie dadurch, dass die 'Stellen' aus öf-fentlichen Mitteln entlohnt werden müssen; das müssten sie mit einem Bedarfsun-abhängigen Grundeinkommen ja auch irgendwie. Sondern dass sie dem Rest der Welt das Leben schwer macht - entsetzlich viel Zeit kostet, die bekanntlich Geld ist, und auf Schritt und Tritt die bürgerlichen Freiheiten einschränkt. 

Eine große Masse müsste dafür bezahlt werden, das zu tun, was ihre Phantasie an-regt, und den wirklich Werk tätigen aus dem Weg zu gehen.

Eine halbe Billion ist furchtbar viel Geld. Da darf man gar nicht erst anfangen, mit Kleinigkeiten herumzuplempern. Da muss man was ganz Großes in Angriff neh-men, und dass es nicht über Nacht geht, ist auch schon klar.
JE

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Erich Engel im Ungarnaufstand.

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