aus Lord Of The Fliesaus derStandard.at, 1. Oktober 2026 zu Levana, oder Erziehlehre, zu öffentliche Angelegenheiten
Als der britische Schriftsteller William Golding 1954 seinen Roman Herr der Fliegen veröffentlichte, traf er einen Nerv der Nachkriegszeit. Eine Gruppe gestrandeter Schüler strandet auf einer einsamen Insel, gesellschaftliche Regeln brechen zusammen, Gewalt und Machtkämpfe übernehmen die Kontrolle. Das Buch wurde zu einem Klassiker und gilt bis heute vielen als Gleichnis für die dunklen Seiten der menschlichen Natur.
Der niederländische Historiker und Autor Rutger Bregman hält diese Sicht für grundlegend falsch. In seinem Bestseller Im Grunde gut (2019) verweist er auf einen realen Vorfall, der sich in den 1960er-Jahren im Pazifik ereignete. Sechs Jugendliche aus Tonga strandeten nach einem missglückten Segelabenteuer auf einer unbewohnten Insel und überlebten dort mehr als 15 Monate.
Als sie gerettet wurden, waren sie gesund, hatten feste Regeln entwickelt, gemeinsam gearbeitet und einander gegenseitig versorgt. Einer der Jungen hatte sich sogar ein Bein gebrochen – die anderen pflegten ihn, bis die Verletzung verheilt war. Die Geschichte lieferte Bregman den Gegenentwurf zu Goldings düsterer Vision.
Sechs verschiedene Kulturen
Nun bestärkt eine internationale Untersuchung mit neuen wissenschaftlichen Argumenten seine These: Kooperation und Hilfsbereitschaft unter Kindern scheinen keine kulturelle Ausnahme zu sein, sondern dürften zum Grundinventar menschlichen Verhaltens gehören.
Für die Studie, die am Montag im Fachblatt PNAS erschien, untersuchte ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Sapienza-Universität Rom sowie mehrerer weiterer Universitäten 336 Kinder im Alter zwischen vier und neun Jahren aus sechs sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Beteiligt waren Kinder aus Deutschland, aus den Wichí-Gemeinschaften Argentiniens, den Quechua-Gemeinden Boliviens, den ≠Akhoe Hai||om in Namibia sowie den Kikuyu und Samburu in Kenia.
Damit umfasst die Studie sowohl eine moderne Industriegesellschaft als auch Gemeinschaften von Hirten, Bauern sowie Jägern und Sammlern. "Auffällig war sofort, wie ähnlich die Reaktionen der Kinder waren – unabhängig davon, wo sie aufgewachsen sind", sagt Erstautorin Henriette Zeidler von der Sapienza-Universität Rom in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft.
Murmelspiel als Test
Die Versuchsanordnung war bewusst einfach gehalten. Jeweils zwei gleichaltrige Kinder spielten ein Murmelspiel. Dabei geriet eines von ihnen immer wieder in kleine Schwierigkeiten: Eine Kiste ließ sich nicht öffnen, oder Murmeln fielen aus einem Behälter auf den Boden. Das andere Kind wusste bereits, wie sich das Problem lösen lässt. Nun konnte es entscheiden, ob es helfen wollte – und auf welche Weise. Die Kinder konnten entweder selbst eingreifen, eine Erklärung geben oder beides kombinieren. Genau diese Entscheidung interessierte die Forschenden.
Das Ergebnis fiel überraschend eindeutig aus. In allen sechs Kulturen halfen Kinder ihren Spielpartnern regelmäßig. Sie reagierten dabei keineswegs wahllos, sondern orientierten sich daran, ob Unterstützung tatsächlich erforderlich war. Mussten verstreute Murmeln lediglich aufgehoben werden, hielten sich viele Kinder zurück. War die Aufgabe dagegen ohne Hilfe schwer zu bewältigen, griffen sie deutlich häufiger ein.
Ältere helfen gezielter
Besonders interessant war die Entwicklung mit zunehmendem Alter. Jüngere Kinder neigten dazu, Probleme unmittelbar selbst zu lösen. Sie öffneten etwa die blockierte Kiste oder sammelten die Murmeln auf. Ältere Kinder gingen differenzierter vor. Sie schienen genauer einschätzen zu können, wann Hilfe wirklich notwendig war und wann nicht.
Zugleich änderte sich die Form der Unterstützung. Während die Jüngeren vor allem praktisch handelten, erklärten ältere Kinder häufiger, wie sich ein Problem lösen lässt. Damit fördern sie nicht nur den unmittelbaren Erfolg, sondern auch das Lernen des anderen Kindes. Hilfe wird gewissermaßen pädagogischer. Die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und das eigene Verhalten daran anzupassen, gilt als wichtiger Baustein sozialer Intelligenz. Offenbar entwickelt sie sich bereits in den ersten Schuljahren deutlich weiter.
Deutsche Kinder erklären mehr
Ganz ohne kulturelle Unterschiede verlief die Studie allerdings nicht. Deutsche Kinder kombinierten praktische Hilfe besonders häufig mit verbalen Erklärungen. Sie griffen ein und erläuterten gleichzeitig, was zu tun sei. Keine andere Gruppe zeigte dieses Muster so ausgeprägt. Bei den Kikuyu-Kindern in Kenia beobachteten die Forschenden hingegen etwas weniger direkte praktische Unterstützung als in den übrigen Gruppen. Solche Unterschiede seien jedoch eher Feinabstimmungen als grundlegende Gegensätze, betont Zeidler. Sie spiegelten vermutlich wider, wie Kinder in ihrem Alltag lernen.
In vielen ländlichen Gemeinschaften erwerben Kinder Fähigkeiten vor allem durch Beobachten und Mitmachen. Erwachsene erklären vergleichsweise wenig und demonstrieren stattdessen Handlungen. In Deutschland hingegen gehört das Verbalisieren zum pädagogischen Standardrepertoire. Eltern kommentieren, erläutern und begründen oft ausführlich. Kinder übernehmen diese Muster offenbar auch dann, wenn sie Gleichaltrigen helfen.
Ein weiteres Ergebnis überraschte die Forschenden: Zwischen Jungen und Mädchen fanden sich keine bedeutsamen Unterschiede im Hilfsverhalten. In einer Zeit, in der Geschlechterunterschiede oft intensiv diskutiert werden, deutet dies darauf hin, dass die Bereitschaft zur Unterstützung offenbar weniger vom Geschlecht als von allgemeinen sozialen Fähigkeiten abhängt.
Noch wichtiger ist für die Forschenden jedoch ein anderer Befund: Trotz aller kulturellen Unterschiede blieb das Grundmuster überall gleich. Keine der sechs Gruppen zeigte ein grundsätzlich anderes Verständnis von Hilfe. Keine Kultur produzierte kleine Egoisten, keine besonders selbstlose Ausnahmegesellschaft.
Für Daniel Haun, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Mitautor der Studie, verweist das auf eine grundlegende menschliche Eigenschaft. "Helfen ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen menschlicher Kooperationsfähigkeit", sagt er. Die Daten zeigten, dass diese Fähigkeit weltweit zuverlässig auftrete und gleichzeitig durch die jeweilige soziale Umwelt geformt werde.
Die Ergebnisse passen zu einer wachsenden Zahl von Studien aus Psychologie, Anthropologie und Evolutionsforschung, die den Menschen nicht primär als egoistisches Wesen betrachten. Kooperation, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung könnten vielmehr zu den evolutionären Stärken unserer Art gehören. Goldings Inselgesellschaft mag literarisch faszinierend sein. Die Wirklichkeit, so legen die neuen Daten nahe, erinnert eher an Rutger Bregmans Geschichte der gestrandeten Jugendlichen von Tonga.
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