Donnerstag, 15. Oktober 2026

Nochmal Foucault.

Michel Foucault (1926 bis 1984)
aus welt.de, 15. 10. 2026                                                                                                                                  zu Philosophierungen

Er kam um 10, las exakt eine Stunde und verschwand grußlos durch die Seitentür
Seinetwegen sagen wir „Diskurs“: Wie es Michel Foucault gelang, die intellektuelle Nachwelt so zu prägen wie vor ihm Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Erinnerungen von einem, der dabei war. 
 
Von Hans Ulrich Gumbrecht

Wer in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren Michel Foucault aus unmittelbarer Nähe bei seinen Mittwochs-Vorlesungen am Collège de France erleben wollte, musste sich Stunden vor Beginn am entsprechenden Hörsaal in eine Warteschlange stellen. Denn diese Auftritte wurden für tatsächlich Tausende von interessierten Lesern und Anhängern, unter denen manche wöchentlich aus einiger Ferne nach Paris reisten, auf Bildschirme in andere Räume des Gebäudes an der Place Marcelin Berthelet übertragen.

Foucault trat pünktlich um zehn Uhr auf, bestätigte mit dem glattrasierten Schädel über einem weißen Rollkragenpullover die von Bucheinbänden vertrauten Fotografien, nahm an einem ovalen Tisch gegenüber den Reihen Platz und verlas mit heller, konzentriert klingender Stimme, aber ohne große Hinwendung zum mitschreibenden Publikum genau eine Stunde lang Passagen aus dem Manuskript seines jeweils nächsten Buchs. Personen, die ab und an Kassetten in den ihn umgebenden Tonbandgeräten wechselten, schien er nicht wahrzunehmen, sodass eine Intensität gemeinsamer Aufmerksamkeit anhielt, bis er nach 60 Minuten und einem die Hauptthese des Tages konturierenden Satz ohne Abschiedsfloskel durch eine Seitentür verschwand.

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Während es damals noch keinen prägnanten Begriff für Foucaults intellektuellen Stil gab, können wir aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts zwei Dimensionen unterscheiden, welche die singuläre Anziehungskraft seiner Arbeit ausmachten. Mit einer neuen Verwendung des Wortes „Archäologie“ weckte er zunächst ein Interesse für die geschichtliche Analyse von Institutionen, die bis dahin als metahistorisch und transkulturell gegolten hatten. Seine Buchpublikationen setzten 1954 mit einer Studie zum Verhältnis von „Geisteskrankheit und Persönlichkeit“ ein, wurden neun Jahre später mit seiner Analyse über „Die Geburt der Klinik“ und 1975 „Die Geburt des Gefängnisses“ fortgesetzt, um ab 1976 in eine auf sechs Bände geplante „Geschichte der Sexualität“ zu münden, die er nicht mehr zum Abschluss brachte. Den sozialhistorischen Horizont seiner Untersuchungen erweiterte er um Bemerkungen zu Erlebensformen des menschlichen Körpers, der bis dahin allein Gegenstand der Medizin und anderer Naturwissenschaften gewesen war.

Eine neue Beziehung zur Vergangenheit

In einem Buch über „Die Ordnung der Dinge“ aus dem Jahr 1966, das nicht wenige Leser immer noch für Foucaults Hauptwerk halten, veränderte er entlang vier solcher Historisierungen das Verhältnis von Hörern und Lesern zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit und zum menschlichen Dasein schlechthin. Der Text begann mit Kapiteln zu Modifikationen bei der Darstellung (représentation) von Wirklichkeit seit der frühen europäischen Neuzeit, welche in das zum ersten Mal selbst als historischer Prozess verstandene Entstehen von historischem Denken um 1800 übergingen. Aus der neuen Beziehung zur Vergangenheit sollte sich drittens während des frühen neunzehnten Jahrhunderts die bis heute in den westlichen Kulturen vorherrschende Auffassung vom Menschen ergeben haben, deren Mitte ein Habitus der Selbstbeobachtung als „Bewusstsein“ einnahm.

Diese Konzeption vom Menschen wurde schließlich zum Impuls für die Emergenz der Geisteswissenschaften (der Sciences Humaines nach ihrer französischen Version), in denen Selbstbeobachtung eine institutionelle Form gewann. Doch es ging Foucault nicht allein um Abläufe des Entstehens. Wenn der bis dahin als metahistorisch angesehene Begriff des Menschen und die auf Dauer gestellte Existenz der Wissenschaften einen jeweils geschichtlichen Ursprung hatten, dann musste man auch mit ihrem Ende rechnen. Und mit einer Vergegenwärtigung des Gedankens an jenes aus seiner Sicht unvermeidliche Ende beschloss Michel Foucault das Werk über die „Ordnung der Dinge.“ „Wie in einen Sandstrand gezeichnete Figuren unter den Wellen des Ozeans,“ schrieb er, würden eines Tages auch „die Auffassung vom Menschen und die von ihr geformten Wissenschaften ihre Konturen verlieren.“

Statt das Entfalten seiner Themen mit existenzieller Verunsicherung nachzuvollziehen, arbeiteten Foucaults Kollegen sie in einen Theorierahmen für ihre Untersuchungen um. Daraus entstand eine weitere Dimension bei der Rezeption seines Werks, wo vor allem das Ausblenden der Menschen als Agenten historischen Wandels zur philosophischen Innovation wurde. Denn Foucault hatte die ererbte, auf Protagonisten fixierte Historiografie durch eine Abfolge von Formationen sozialen Wissens ersetzt, für die er das Wort Epistémé einführte und die er ohne Thesen über die Gründe der zwischen ihnen vorgehenden Verschiebungen nachzeichnete.

Zur Rekonstruktion solcher Wissenssysteme verwendete er das Konzept des Diskurses, das nicht nur in der akademischen Welt erstaunliche Resonanz auslöste. Es ähnelt dem Begriff der Textgattungen, soll aber auch die sich aus sozialen Hierarchien und Interessendivergenzen ergebenden Machtkonflikte berücksichtigen. Hinsichtlich der Abfolge von artikulierten Wissensstrukturen borgte Foucault das Nietzsche-Wort der Genealogie, das er polemisch gegen alle Annahmen von Regelmäßigkeiten oder „Gesetzen“ im Prozess der Vergangenheit kehrte.

Hegel und Foucault

Hier scheint eine Distanz zum Denken von Hegel auf, dessen Name in Foucaults Texten nur selten vorkommt, obwohl einige seiner wichtigsten Intuitionen wohl aus Auseinandersetzungen mit Hegel hervorgingen. Besonders das Bestehen auf epistemischen Horizonten und Diskursen wirkt wie eine Alternative zu Hegels Dialektik von Geist und Materie und auch zum Materialismus des Links-Hegelianers Karl Marx. Gegen dessen Einfluss auf die Mehrheit französischer Denker nach 1950 stellte Foucault das schroffe Urteil, dass sich seine Philosophie „im neunzehnten Jahrhundert bewege wie ein Fisch im Wasser.“

Durchaus nach der dreifachen Bedeutung des Begriffs der „Aufhebung“ bei Hegel als ein Beenden, Bewahren und Erheben von Wissensformen in größere Komplexität hat Foucault also mit einer neuen Philosophie der Vergangenheit Hegels Geschichtsphilosophie und mit ihr die Geisteswissenschaften aufgehoben. Auch wenn nur wenige Leser diese Bewegung wahrgenommen haben und die Geisteswissenschaften eher schlecht als recht weiterexistieren, lässt sich deshalb sagen, dass Michel Foucaults Status für uns als intellektuelle Nachwelt an Hegels Einfluss auf die Zeit seit dem frühen 19. Jahrhundert erinnert.

Doch nicht nur dem human- oder geisteswissenschaftlichen Denken verlieh Foucault eine ungeahnte Energie. Er wirkte auch als kraftvolle Gestalt für die Öffentlichkeit seiner Gegenwart, womit er in ein paradoxales Verhältnis zu dem von ihm begründeten Theoriegestus des Aussparens aller Subjektrollen trat. Statt sich aber, wie zum Beispiel Jean-Paul Sartre, ausgehend von einer kohärenten ideologischen Position in laufenden politischen Debatten zu engagieren, gab Foucault seine wirksame Unterstützung ganz verschiedenen Initiativen, die mit persönlichen Interessen und Sympathien konvergierten. An einer Novellierung der das Leben in französischen Gefängnissen bestimmenden Gesetze war ihm gelegen; an der Integration von in ihren eigenen Ländern verfolgten Einwanderern; und auch an der Aufnahme politischer Beziehungen zu dem sich ab den Sechzigerjahren als islamische Republik etablierenden Iran.

Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet
Foucault (M.) bei einer Demonstration 1972 in Paris. Rechts: der Schriftsteller Jean Genet

Solche meist kurzfristigen Interventionen machten Foucault bei Zeitgenossen berühmt und auch berüchtigt, die nie eines seiner Bücher gelesen oder eine seiner Vorlesungen besucht hatten. Zugleich sind manche der ihm zu verdankenden Begriffe und Ideen nicht nur ins westliche Alltagswissen eingegangen, wo sie sich meist ohne Assoziation mit ihrem Erfinder bis heute gehalten haben. Vor Foucault war etwa das heute global benutzte Wort „Diskurs“ kaum verwendet worden, und vor Foucault hatten Bildungsbürger daran geglaubt, dass sich die Zukunft aus jeweiligen Rhythmen historischer Veränderung hochrechnen ließ.

Foucaults Werdegang

All diese Diskontinuitäten des Denkens und der Erfahrungsbildung gingen aus einem klassischen Intellektuellenleben hervor, dessen seltene dramatische Momente mehrere Biografien betont haben. Michel Foucault war am 15. Oktober 1926 als Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie aus der westfranzösischen Provinzstadt Poitiers zur Welt gekommen und beeindruckte seine ersten Lehrer ebenso mit konsequent ausgebauten geistigen Talenten wie mit lässig hingenommenem Desinteresse an arithmetischen Übungen. Eine liebende Mutter ermöglichte ihm mehrere Monate als Schüler am angesehenen Lycée Henri IV. von Paris, denen beim zweiten Anlauf die Aufnahme in die Elite-Institution der École normale supérieure folgte.

Dort nahmen Jean Hyppolite, ein angesehener Kenner deutscher Philosophie, und Louis Althusser, der letzte bedeutende Philosoph des Marxismus, den jungen Foucault in die Kreise ihrer Schüler auf. Dass er der sowjettreuen Kommunistischen Partei beitrat und sie wegen ihrer schweigenden Hinnahme von Verbrechen des Stalinismus nach zwei Jahren verließ, gehörte zu den um 1950 typischen Verhaltensmustern jener Umwelt.

Ähnliche Bildungs-Parcours absolvierten auch andere Mitglieder einer aufsteigenden und bald charismatisch leuchtenden Generation französischer Humanwissenschaftler wie der Soziologe Pierre Bourdieu, der Philosoph Jacques Derrida oder der Historiker François Furet. Weil er sich aufgrund seiner homoerotischen Leidenschaft von der Selbstverständlichkeit sozialer Begegnungen ausgeschlossen fühlte, erlebte Michel Foucault jene Jahre vor allem als Zeit persönlicher Depression. Zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen, und fand dennoch einen Weg durch die Etappen einer Karriere für Höchstbegabte.

Er unterrichtete an Kulturinstituten oder Universitäten in Uppsala, Warschau, Hamburg und Tunis; er wurde Professor für Philosophie in Clermont-Ferrand, wo er „Die Ordnung der Dinge“ verfasste, und an der Reform-Hochschule von Vincennes, wo neben ihm Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze und Alain Badiou nach neuen Funktionen für die Philosophie suchten. Am 12. April 1970 stimmte eine knappe Mehrheit der sechsundvierzig Professoren am Collège de France für Michel Foucaults Aufnahme in ihr Kollegium. Er hatte die letzte Stufe akademischer Kanonisierung erreicht und gab nach jahrhundertealter Tradition dem eigenen Lehrstuhl einen programmatischen Namen: „Geschichte der Denk-Systeme“.

Mit gelassener Eleganz

Seit der existenziellen Krise seiner Studienzeit hatte Foucault eine Lebensform gefunden, in der Liebe zu Männern gegen alle damals weitverbreiteten Widerstände einen Platz hatte. Mit gelassener Eleganz verkörperte er diese Rolle und bezog sie gelegentlich in seine Arbeit ein, ohne je in Identitätspolitik zu erstarren. Foucault hob gerne hervor, dass homoerotische und heteroerotische Beziehungen für manche Gesellschaften der griechischen Antike als Variablen bestanden hatten, und bei Gastprofessuren in Berkeley genoss er den homosexuellen Alltag des Castro-Viertels von San Francisco als wirklich gewordene Utopie.

Bis heute kursiert unter kalifornischen Geisteswissenschaftlern eine dokumentarisch nie bestätigte Vermutung, nach der sich Foucault 1983 entschlossen hatte, einen Ruf nach Berkeley anzunehmen. Dazu konnte es nicht kommen, weil er am 25. Juni 1984 in Paris an der Immunkrankheit Aids starb, kurz bevor sie diagnostisch erfasst wurde. Sein Tod hinterließ nicht bloß ein Vakuum in der intellektuellen Welt. Denn Michel Foucault war ein Leben als Gestalt der Präsenz gelungen, deren attraktive Exzentrik wir noch immer vermissen.

 

Nota. - Mit Hegel verglichen zu werden hat er nicht verdient. Wohl hat er wie jener die ('kontinentale') Philosophie weit über seinen Tod hinaus beherrscht, und selbst die Sachbearbeiter konnten seine Stichwörter sagen. Aber dabei hat das Philoso-phieren einen regen Aufschwung genommen; während nach dem schließlichen Zu-sammenbruch der Hegelschule die Philosophie in Deutschland ein toter Hund war und sich erst in den 1870er Jahren mit dem Neukantianismus mühsam wieder auf-rappelte. 

Das Bemühen um eine systematischen Darstellung blieb allerdings verpönt, das gilt bis heute als obszön. Dazu hat Foucault allerdings wie kaum ein andrer im 20. Jahr-hundert wieder beigetragen.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich eine Philosophie für verloren halte, die nicht bis an ihr Ende geht und sich als System zu rechtfertigen sucht.

Da denke ich an einen Zeitgenossen, mit dem Foucault in einer Hinsicht besser zu vergleichen ist als mit Hegel. Th. W. Adorno ist dem Systemgedanken in großem Bogen aus dem Weg gegangen. Seine Theorie  ist "kritisch", aber sie mäkelt an Oberflächenerscheinungen herum. Um Philosophie zu werden, hätte sie kritizi-stisch sein müssen. Und so war er, kaum gestorben, schon fast vergessen.

Kant hat daran bis ans Lebensende am System laboriert, und selbst der unglück-liche Nietzsche hat zum Schluss daran basteln müssen. Aber mehr als der ubiquitäre Wille zur Macht ist dabei nicht herausgekommen. Nietzsche hat ihn auch nicht weitergeführt.

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