aus derStandard.at, 11. 10. 2026
Bücher sollten Bomben sein.
Zum hundertsten Geburtstag von Michel Focault
Am 15. Oktober wäre der französische Gelehrte, Historiker und Philosoph Michel Foucault 100 Jahre alt. Ein Überblick über Buchneuerscheinungen von und zu Foucault
An diesem schlanken Kahlkopf, dessen Signet der weiße Rollkragenpullover war, kam kein Studierender der letzten 50 Jahre vorbei. Die intellektuell stupende und, ließ man sich auf die Lektüre seiner Bände ein, enzyklopädische Quer-Verbindung von Wissen, Macht, Überwachung und Kontrollsystemen, von Ethik und Ästhetik machten den Franzosen Michel Foucault über die Grenzen akademischer Einzelsparten hinaus bekannt.
Auch weil er, der vierzehn Jahre lang, bis zu seinem Tod 1984, am Collège de France lehrte, einer der elitärsten Institutionen des elitären französischen Hochschulwesens, am Ende seines Lebens ganz anders über Praxis- und Denkgeschichte der Sexualität in sexuell aufgewühlten Zeiten arbeitete. Bei ihm ging es um Grenzen, Biopolitik, Disziplinierung und Verschwendung des Gefühlshaushalts. Als er 1984 an Aids starb, war er ein Popstar der Geisteswissenschaften, vielleicht der letzte globale.
Vom Werden
Nun liegt Didier Eribons fulminante, partiell dezente wie ausgreifende Biografie ergänzt und überarbeitet neu vor. Seit der Erstveröffentlichung ist der Journalist und Soziologe als Autor des Buches Rückkehr nach Reims international bekannt geworden.
Gründlich beschreibt er Foucaults Herkunft aus reicher Chirurgenfamilie in Poitiers, jugendliche Rebellionen, Irrwege und Exzentrisches, die Aufnahme (im zweiten Anlauf) an die École Normale Supérieure in Paris, die Entdeckung des Denkens, dann die in Frankreich obligatorischen Wege – bei Foucault nicht via Schule, sondern als umtriebiger Leiter französischer Kulturhäuser in Schweden und Hamburg – zur Professur, in Tunis, Clermont-Ferrand und Paris. Und die aufsehenerregenden Publikationen, Histoire de la folie à l’âge classique 1961, Les Mots et les Choses: Une archéologie des sciences humaines 1966 und L’archéologie du savoir 1969. Diese hochgelehrten Bände ignorierten souverän gängige Genregrenzen und luden Begriffe wie Diskurs oder Wissensarchäologie mit gänzlich neuem Sinn auf. Später war Foucault ein rigoroser Verfechter akademischer Höchstqualität.
Eribon zeichnet ihn als immens fleißigen Forscher und Bibliotheksnutzer, der sehr gut vernetzt war – was 1970 die Wahl ins Collège de France ermöglichte, mit nur 44 Jahren. Dort hatte er keine Studenten. Die Auflage lautet: pro Jahr rund zwei Dutzend Vorlesungen halten, in denen profund Neues zu präsentieren ist. Foucaults Vorlesungen waren heillos überlaufen und in Paris ein gesellschaftliches Must.
Zugleich wurde er damals zum öffentlichen Intellektuellen, engagierte sich vehement als Linksaußen-Kritiker von Gefängnissen, schrieb über Khomeini und, als Homosexueller, wider den sozialen Ausschluss von Minderheiten. Via US-Universitäten, Übersetzungen ins Englische und Vorlesungen in Nordamerika wie durch unkonventionelle Zugänglichkeit, Rauschaffinitäten und Themenwahl – seine letzten 15 Jahre widmete er dem Nachdenken über antike Sexualitätskonzepte – wurde er zu einem der französischen maître-penseurs nach 1945. Dass 1995 der Philosoph David Halperin seine Monografie Saint Foucault überschrieb, war kein Zufall, der Untertitel "Towards a Gay Hagiography", Für eine schwule Anbetungsdarstellung, genauso wenig.
Auch nach europaweit nivellierenden Universitätsreformen birgt, das zeigen die deutschen Philosophen Martin Saar und Frieder Vogelmann instruktiv auf, wenn auch nicht so elegant alexandrinisch wie Foucault selbst, wie groß noch immer die Aktualität seines labyrinthischen Denkgebäudes ist.
Von Diskursen und Ordnungen
Die französische Edition von Foucaults gesammelten Schriften, Dits et Écrits betitelt, zählt 3428 Druckseiten, die deutsche, kurioserweise titelgleiche, weitaus teurere Ausgabe kommt auf vier Bände und 4302 Seiten. Ein nun als Paperback vorliegender Nachzügler zu den Monografien, Traktaten, Essays, Nach- und Vorworten und Interviews ist Der Diskurs der Philosophie. Auf der Grundlage des in der Pariser Bibliothèque nationale de France gelagerten Nachlasses handelt es sich dabei um einen Text, den Foucault, der "Analytiker der Mikromächte", der sich weiterhin anti-konform als "Samurai" verstand, als Rebell, Anarchist und flamboyanter Dandy, als Marxist, dann als Anti-Marxist, nicht als Vorlesung in Tunis hielt, wie lange gemutmaßt wurde. Vielmehr handelt es sich um die Vor-, besser gesagt um die erste Stufe eines langen Essays, den er vermutlich zum größeren Teil im Sommer 1966 auf dem Familienanwesen im Poitou zu Papier brachte. Manches blieb somit eher Stichpunkt. Foucault war damals 40 Jahre jung. Noch wenig deutete auf die nächsten 17 Jahre hin, in denen er erst prominent, dann weltbekannt sein sollte. Wenige Wochen zuvor, im April 1966, war Les mots et les choses erschienen; die deutsche Ausgabe, Die Ordnung der Dinge, sollte erst 1974 vorliegen. Langsam begann sich ein Diskursgewitter über Foucaults Thesen zusammenzuballen. Sartre gab im Oktober 1966 eine rabiate Attacke gegen den Jungtürken des Denkens in Druck.
Der rigide Strukturalismus, von dem sich Foucault später dezidiert distanzierte – eine Notiz 1979 lautete: "Nicht die Universalien dem Hobel der Geschichte überlassen, sondern die Geschichte anhand eines Denkens aufrollen, das die Universalien verwirft." –, ordnete den Menschen als "Erfindung" ein. Indem seine Natur und sein Wesen einschließlich aller inneren wie äußeren Strukturen erkannt würden, sei es möglich, ihn von der Last aller Entfremdungen und Bestimmungen zu befreien – Philosophie als revolutionärer, als buchstäblich radikaler Akt. Erst wenn das Ende des Menschen inmitten der Ordnungen, die den homo sapiens als konstruierten "Effekt" unbewusster Strukturen herstellen, mitgedacht werde, sei ein Neubeginn der Philosophie überhaupt möglich.
So unternahm Foucault in fünfzehn Kapiteln, ergänzt um Auszüge aus Notizbüchern, eine funkelnde Neu-Analyse der westlichen Philosophie von Descartes bis Heidegger. Was ist Philosophie, was soll Philosophie? Das sind in diesem anspruchsvollen, dabei gut lesbaren Text die zentralen Leitfragen. Foucaults Antwort lautet: die Gegenwart analysieren. Das Verborgene in den Dingen und im ihnen zugewiesenen Sinn orten. Und so den Menschen – und, wichtig bei und für Foucault: dessen Körperlichkeit – befreien.
Die jüngste autorisierte Edition aus dem Nachlass kreist um Hermaphroditen, sollte mutmaßlich den Auftakt seiner mehrbändigen Historie der Sexualität bilden, wurde dann zugunsten einer Neukonzeption beiseitegelegt. Man müsste den Text über Rechte, Prozesse und Ächtung nicht derart bemüht tagespolitisch akzentuieren, wie das im Nachwort geschieht – der Befund per se ist, wenn auch ein eher okkultes Sujet, zündend genug.
Mitte der Siebzigerjahre sagte Michel Foucault im Gespräch mit Studierenden einer Universität nahe Los Angeles: "Ich möchte Buchbomben schreiben – also Bücher, die nur in dem Moment nützlich sind, wenn sie geschrieben oder von Menschen gelesen werden. Und dann müssten sie verschwinden. Sobald sie gelesen oder benutzt wurden, verschwinden sie. Bücher sollten eine Art Bombe sein und sonst nichts. Nach der Explosion könnten die Leute daran erinnert werden, dass die Bücher einen sehr schönen Funkenregen verursacht haben. In späteren Jahren würden Historiker und andere davon berichten, dass dieses und jenes Buch als Bombe nützlich war und als Feuerwerk schön." Ein Brillantfeuerwerk sind seine Werke bis heute – allerdings werden sie, als monumentale Findlinge der Gelehrsamkeit, bleiben. (Alexander Kluy, 10.10.2026)
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