Montag, 2. September 2024

Ungeschminkte Wahrheiten.

Scharfmacher? Sieht eher aus wie ein Weichmacher.



Den Berg hinan.

                                                                  zu Philosophierungen

Wie komme ich am besten den Berg hinan? Steig nur hinauf und denk nicht dran.
Nietzsche

Heinrich von Kleist sprach vom Paradox der Überlegung. Doch ein Feind des Den-kens war er ebensowenig wie Nietzsche. Über das, was sie sagen, muss man nur nicht vergessen, was sie unausgesprochen lassen: Das Ursprungsproblem der Ver-nunft ist nicht die Ausführung, sondern der Zweck. Wie etwas zu tun sei, ist eine abgeleitete Frage. Zuvor muss entschieden sein, was getan werden soll. Den Ver-stand muss man im Augenblick der Tat gelegentlich in die Ecke stellen, doch die Vernunft sollte man im Auge behalten.

Merke: Nicht alles, was getan werden kann, soll getan werden. Meine Vernunft ist zuständig für das, was ich tun soll, alles andere lässt sie kalt.


Was ich nicht darf - auch, was ich nicht unterlassen darf -, ist eine Sache meines sittlichen Geschmacksurteils, alias Moralität.
12. 6. 20



Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog JE

Alternative fact.

Das ist natürlich ein Fake. Dachten Sie etwa... ?!

 

 

Warum die bürgerliche Kultur immer auch ein bisschen anti-bürgerlich ist.

Jakob van Hoddis, Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut                                                                                                                                                                                                                aus Geschmackssachen  

Die Geschöpfe der "bürgerlichen" Kultur sind Geschöpfe der Kleinbourgeoisie: Jene stellt nicht 'das Kapital' dar, sondern stellt sich dar unter der Herrschaft des Kapitals: sich als "den Menschen" - und dessen Existenz, subsumiert unter das Kapital, ist "Zerrissenheit" - nämlich das Hin und Her der kleinen Bürger, irgend-wie dazu gehörend, aber eben nicht genug; mit-zehrend, aber unbefriedigt... So ist die "bürgerliche" Kultur immer auch ein bisschen anti-bürgerlich, die Bohème ist die Straußenfeder am Hut des Philisters.

Alles, was Nietzsche über die Wagnerei sagt, ist nur Diagnose dieser Kleinbürger-lichkeit der "bürgerlichen" Kultur. Was Wunder also, daß die bürgerliche Epochen keinen gültigen Stil gefunden hat - notamment in der Architektur: Es ist im Wesen eine second-hand-Kultur - eine Stellvertreterkultur nicht der Subjekte der kapitali-stischen Herrschaft, sondern nur ihrer Kostgänger. Die ideologische Kostgängerei ist in den hochentwickelten industriellen Gesellschaften ein besonderer, ein emi-nenter Industriezweig, nicht etwa faux-frais, sondern ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges: Das Mehrprodukt wird zu erheblichem Maß als Revenü zirkuliert und schafft dem Kapital eine massenhafte Klientel: Sie ist die wahre, mittlerweile einzig solide Basis der demokratischen Herrschaftsform: Es handelt sich, wer hätte das gedacht, um die Bürokratie "unter jeglicher Gestalt". Ihr Rekrutierungsfeld ist die Masse der längst expropriierten Kleinbourgeoisie, ihre fine fleur sind: die Leh-rer. 

Dies ist die Masse, die die bürgerliche Kultur trägt, die sie massenhaft sekretiert, sie wird derart zur demokratisch herrschenden Macht: Die "bürgerliche", nämlich klein-bürgerliche Kultur ist eo ipso Massenkultur. Das immer auch vorhandene Avantgar-de-Element - die Trennung von plat de résistance und Avantgarde ist eine Kreation der "bürgerlichen" Kultur! - ist immer Elite, esoterisch, überheblich, sie erlaubt sich anti-Bürgerlichkeit, zu Zeiten selbst Revolutionarität, sie darf, sie soll!  Sie wird da-für bezahlt - freilich knapp, sonst erschlafft der Elan.

 

 
Ja, es ist wahr, es ist die Kleinbourgeoisie, die in der bürgerlichen Gesellschaft der Quell, der fruchtbare Boden aller kulturellen Schöpfung ist - der Ideen wie der Wer-ke; vor allem indessen der kulturellen Massenproduktion - und die ist eben der letz-te Dreck, von R. Wagner bis E. Blech, vom Antisemitismus bis zu gesunden und gewaltarmen Alternativen, es ist samt und sonders décadence, wie Nietzsche sagt.

Nietzsche kommt selbstverständlich auch da her, aber bevor er auch da hin kom-men konnte, musste er in die Krallen der Frau Dr. Foerster fallen.

aus e. Notizheft, 10. 3. 1986


Nota. - Von der kulturellen Massenproduktion habe ich inzwischen eine mildere Meinung, fast ein bisschen auch von R. Wagner. Ansonsten hat sich in den seither vergangenen dreißig Jahre nichts ereignet, war mein Urteil über die bürgerliche Klasse im Wortsinn zu verbessern geeignet wäre. Es ist eigentlich alles nur noch schlimmer geworden. Was ich dagegen über die Kleinbourgeoisie schrieb, klingt ja fast schon enthusiastisch; aber sie ist längst schon im großen Sumpf der Angestell-tenzivilisation versunken, was früher Avantgarde war, ist jetzt nur noch Gezier.

Worauf ich im Nachhinein besonders den Finger legen will: Das lebende Zeugnis dafür, dass die bürgerliche Kultur nicht bürgerlich, sondern kleinbürgerlich ist, ist - war! - die Schlüsselrolle der Avantgarde. Die gibt es nun allerdings auch nicht mehr.
JE, 23. 8. 16



Sonntag, 1. September 2024

Ruhet in Frieden.


aus FAZ.NET,  8. 8. 2024                                                                                           zu öffentliche Angelegenheiten 

Hier spiegelt sich der epochale Umbau eines ganzen Landes,
betitelte Wolfgang Matz seinen Beitrag über die Frankfurter Schule vom 8. 8. dieses Jahres. Er hätte es nicht besser treffen können: Sie waren ein Spiegel, kein Protago-nist, kein Wegbereiter. Schon 1968 waren sie Vergangenheit, und ihr langwieriges Entschlafen findet selbst im Feuilleton kaum noch ein Echo.

Das habe Habermas nicht verdient? Eigentlich doch.



Ein Wort zu diesem Sonntag.

Doré             zu öffentliche Angelegenheiten 

Dass das individuelle Recht auf Asyl zum Nadelöhr geworden ist, durch das sich eine millionenfache Migration ergießt, ist eine Fehlentwicklung. Sie untergräbt einen Verfassungsgrundsatz, der zu unserer Staatsräson gehört; und verdeckt ein histori-sches Ereignis, das sich unter andern Umständen einen andern Weg gebahnt hätte. Das ist die Prämisse, unter der die sogenannte Flüchtlingsfrage diskutiert zu werden hat.

Dass das bislang nicht so war, wird sich an diesem Wahlsonntag rächen. Alle mögli-chen Ressentiments, die sich gottlob noch immer nicht beim eignen Namen zu nen-nen trauen, finden da Unterschlupf, und wenn heute ein großer Paukenschlag er-tönt, hat das auch seine gute Seite - es wird weniger um den heißen Brei herumge-redet werden können.

Angela Merkel hatte hierfür 2015 den richtigen Instinkt. Zu klarem Bewusstsein hat es nicht mehr gereicht, zu prompt sind die symmetrischen Ressentiments von bei-den Seiten darüber hinweggeschwappt; Willkommenskultur und Gesinnungsdünkel, Identität und Datschenglück...

Die weltweiten Migrationsbewegungen, die es - mal sachter, mal heftiger - in unse-rer Geschichte immer gegeben hat und die uns zu denen gemacht haben, die wir heute sind, sind eine historische Gegebenheit, die man, indem man sie kleinredet, zusätzlich dramatisiert. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie sie sich Bahn bricht. Lenken und modulieren lässt sie sich höchstens in kontinentalem Maßstab und nicht auf provinziellem. 

Dass Deutschland stärker gefragt ist als andere, erinnert uns daran, dass wir geogra-phisch und historisch tiefer in Europa stecken als die andern. Dass man an uns in Europa höhere Erwartungen stellt, liegt ganz in der Ordnung der Dinge.

 

 

Voraus setzen.

                                                             zu Philosophierungen

Aller wircklicher Anfang ist ein 2ter Moment. Alles, was da ist, erscheint, ist und er-scheint nur unter einer Voraussetzung – sein individueller Grund, sein absolutes Selbst geht ihm voraus – muß wenigstens vor ihm gedacht werden. Ich muß allem etwas absolutes Voraus denken – voraussetzen – nicht auch Nachdenken, Nachset-zen? [Vorurteil] Vorsatz. Vorempfindung. Vorbild. Vor Fantasie. Project.
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Novalis, Dichtungen und Fragmente, Leipzig 1989, S. 438


Nota. - Entweder die Aussage eines Satzes beruht logisch auf einer sachlichen Vor-aussetzung; oder das Aussagen des Satzes setzt einen Sagenden voraus. Im Satz sel-ber braucht weder die eine noch der andere vorzukommen. 
JE 



Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

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Ein historischer Moment.

  Th. Herzl                                                        zu   öffentliche Angelegenheiten Dass Netanjahu nicht länger israelischer...