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Montag, 7. September 2026

Faizals Argument gegen eine algorithmische „Theorie von Allem“

 google

  zu Jochen Ebmeiers Realien 

Ich hatte ChatGPT gebeten, mir eine Zusammenfassung von Mir Faizals Argumenten gegen die Möglichkeit einer Weltformel alias "Theory Of Eve-rything" zu erstellen. JE

Dies ist sie: 

1. Faizals Hauptthesen (2025)

Faizals Kernaussage ist zweigeteilt:

  • Prinzipielle Grenze einer algorithmischen ToE: Eine Quantengravitationstheorie, die als formales, berechenbares Axiomensystem modelliert wird, kann nie zugleich konsi-stent und vollständig sein. Mit anderen Worten: „es gibt bestimmte Facetten der Realität, die rechnerisch unentscheidbar bleiben und nur durch nicht-algorithmisches Verständnis erschlossen werden können“. Damit sei ein vollständig berechenbares Modell aller physi-kalischen Wahrheiten ausgeschlossen.
  • Notwendigkeit einer Meta-Theorie: Faizal & Kollegen schlagen vor, über die algorith-mische Theorie hinaus eine „Meta-Theorie von Allem“ einzuführen, die einen externen Wahrheitsprädikat und nicht-aufzählbare Axiome enthält. Damit lassen sich die Gödel- und Tarski-Aussagen als extern akzeptierte Wahrheiten behandeln. Dieses Meta-Modell erklärt etwa das Schwarzen-Loch-Informationsparadoxon oder undefinierbare Grenzpro-zesse, ohne dass die Physik als Ganzes zusammenbricht. Aufgrund des grundsätzlichen Algorithmuscharakters einer Simulation folgern die Autoren zudem: Das Universum kann nicht simuliert werden.

2. Rekonstruktion in 5 Schritten

  1. Raumzeit-Emergenz und Quantengravitation: Die Allgemeine Relativitätstheorie versagt an Singularitäten (Schwarze Löcher, Urknall). Faizal interpretiert dies so, dass die Quantengravi-tation Raumzeit hervorbringen muss – sie ist also keine Theorie innerhalb schon vorhandener Raumzeit, sondern ein informationsbasiertes, emergentes System. Dies entspricht dem „it from bit“-Paradigma: Raumzeit und Felder entstehen aus tieferen Quanteninformations-Grundlagen. Unter dieser Annahme wird die finale Theorie als ein formales Computersystem gedacht, des-sen Axiome und Regeln (Bits) die beobachtbaren Gesetze (Its) erzeugen.

  2. Formalisierung als algorithmisches System: Man modelliert die Quantengravitation als ein formales, axiomenbasiertes System* $F_{QG}={L_{QG},\Sigma_{QG},R_{alg}}$. Dabei bezeichnet $L_{QG}$ die formale Sprache (Begriffe für Quantenzustände, Metrik etc.), $\Sigma_{QG}$ die Menge fundamentaler Axiome, und $R_{alg}$ die abzählbaren Inferenz-regeln zur Herleitung von Vorhersagen. Wichtig sind die Voraussetzungen: $F_{QG}$ soll konsistent sein (keine Widersprüche erzeugen) und ausdrucksstark genug (insbesondere elementare Arithmetik beschreiben). Unter dieser „effektiv axiomatisierbaren“ Annahme entspricht die Theorie einem endlichen Computerprogramm, das aus den Axiomen Schritt für Schritt neue Aussagen berechnet.

  3. Anwendung von Gödels Unvollständigkeit: In einem ausreichend mächtigen konsistenten System $F_{QG}$ existiert stets eine wahre Aussage $G$, die innerhalb des Systems weder beweisbar noch widerlegbar ist (Gödels erster Satz). Faizal zeigt, dass in diesem Kontext bestimmte physikalische Tatsachen (z.B. feingranulare Mikrozustände von Schwarzen Löchern) wahr sein können, aber formal nicht aus $F_{QG}$ ableitbar. Mathematisch heißt das [ Th(F_{QG}) ;\subsetneq; True(F_{QG}),, ] d.h. die Menge der beweisbaren Sätze ist echt kleiner als die Menge aller wahren Sätze. Zudem folgt aus Gödel II, dass $F_{QG}$ nicht seine eigene Konsistenz beweisen kann. Insgesamt bedeutet das: Selbst die „wahre“ Quantengravitation kann ihre Grundlagen formal nicht abschließend sichern – es bleibt ein unerreichbarer Raum wahrer, aber unbewiesener Aussagen.

  4. Tarski: Undefinierbarkeit der Wahrheit: Tarski bewies, dass ein formalisiertes System seinen eigenen Wahrheitsbegriff nicht vollständig definieren kann. Überträgt man dies auf $F_{QG}$, heißt das: Selbst wenn $F_{QG}$ Berechnungen liefert, fehlt ihm intern die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Aussagen daraus wirklich „wahr“ sind. Ein Wahrheitsprädikat ${\rm True}{F{QG}}(x)$ kann $F_{QG}$ nicht definieren, weil es ansonsten zu Widersprüchen kommt. Faizal folgert: Die Wahrheit physikalischer Aussagen erfordert eine externe Meta-Ebene. Dieses Ergebnis untergräbt die Vorstellung, dass alle physikalischen Wahrheiten aus den Axiomen rein algorithmisch folgen können.

  5. Chaitin: Informationstheoretische Grenze: Zusätzlich wendet Faizal Chaitins Unvollständigkeitstheorem an. Dieses besagt, dass es für jedes konsistente formale System eine Konstante $K$ gibt, sodass keine Aussage mit Kolmogorow-Komplexität größer als $K$ innerhalb des Systems beweisbar ist. Auf $F_{QG}$ übertragen: Es gibt physikalische Phänomene, deren Informationsgehalt die Komplexität der Axiome übersteigt und daher algorithmisch unentscheidbar bleiben. Damit ergänzt Chaitin das Gödelsche Resultat: Nicht nur selbstbezügliche Sätze, sondern generell sehr komplexe Tatsachen können formal nicht erfasst werden.

Schlussfolgerung: Durch diese Kombination von Schritten ergibt sich die zentrale These: Eine vollständig algorithmische und zugleich widerspruchsfreie Theorie aller Physik ist prinzipiell unmöglich. Einige physikalische Tatsachen bleiben formal außerhalb ihrer Reichweite, sodass Mathematik allein als fundamentale Methode versagt. Der Verzicht auf die Annahme eines rein formalen Systems würde daher das Prinzip der Unvollständigkeit nicht umgehen, sondern statt dessen eine „Meta-Ebene“ voraussetzen.

3. Annahmen und Kritik

Faizals Argumentation beruht auf mehreren Schlüssen und Voraussetzungen: (a) Die Quantengravitation lässt sich als abzählbares, formal-logisches Axiomensystem fassen; (b) dieses System ist konsistent und mächtig genug (arithmetisch ausdrucksfähig); (c) physikalische Realitäten entsprechen wahren Sätzen dieses Systems (reale Fakten = mathematische Wahrheiten). Kritiker weisen darauf hin, dass diese Annahmen nicht selbstverständlich sind. Ein häufiger Einwand ist, dass physikalische Theorien nicht zwingend „abgeschlossen“ oder rekursiv aufzählbar sein müssen, da sie möglicherweise Kontinua oder nicht-algorithmische Elemente enthalten.

Kritische Einwände im Überblick:

  • Algorithmische Simulation vs. Projektion: Arellano-Peña (2025) betont, dass Faizal fälschlicherweise alle Simulationen mit vollständig algorithmischen Generationen gleichsetzt. Er argumentiert, dass Projektionssimulationen (bei denen nur beobachtbare Folgewelten generiert werden) von den Unentscheidbarkeitstheoremen unbehelligt bleiben. Demnach beschränkt sich das No-Go-Theorem auf rekursiv generierte Fundamentalebenen, nicht aber auf die Möglichkeit, eine emergente physikalische Welt zu simulieren. Er nennt das einen „Quantifizierungsfehler“ – aus dem Ausfall der algorithmischen Metatheorie folgt nicht zwangsläufig das völlige Unmögliche jeder Simulation.
  • Menschliches vs. natürliches Verständnis: Aatif K. Khan (2026) hebt hervor, dass „nicht-algorithmisches Verständnis“ nicht notwendigerweise menschlichen Geistesvorgängen entsprechen muss. In Faizals Darstellung könnte man fälschlich auf eine anthropozentrische Deutung schließen. Khan schlägt vor, die Nicht-Algorithmik als intrinsische, platonische Eigenschaft der Welt zu verstehen, die der menschlichen Erkenntnis zwar ähnlich, aber grundsätzlich übergeordnet ist.
  • Übergang von Mathematik zur Physik: Ein tieferer Einwand lautet, dass Gödel & Co. streng nur auf mathematische Systeme angewendet werden können. Physikalische Theorien enthalten möglicherweise empirische Elemente oder sind «offene» Theorien (nicht vollständig formalisiert). Die Übertragung auf die „Theorie des Universums“ setzt quasi Platonismus voraus: Es muss eine klar definierbare Menge physikalischer Tatsachen geben, die der formalen Menge $True(F_{QG})$ entspricht. Hier ist also noch umstritten, ob und wie genau Physik sich überhaupt zu einem solchen Formalismus zwingen lässt.

4. Kritische Bewertung

Stärken: Faizals Argument verbindet auf originelle Weise Logiktheorie mit Fundamentalphysik und macht faszinierende Einschränkungen sichtbar. Es reflektiert wichtige Erkenntnisse (Gödel, Tarski, Chaitin) in einem physikalischen Kontext und zeigt, dass die Idee eines „Endprogramms“ für alle physikalischen Wahrheiten zu kurz greift. Besonders einleuchtend ist die Betonung der Grenzen rein berechenbarer Modelle: So wie numerische Methoden nicht alle Kontinua erfassen können, so kann eine feste Formel nicht alle physischen Fakten generieren.

Schwächen: Der Hauptkritikpunkt ist der Schritt von logischen Theoremen auf die konkrete Physik. Faizal nimmt eine ideale, vollständig beschreibbare Quantengravitation an, was in der Praxis höchst hypothetisch ist. Die Annahme, dass $F_{QG}$ als finites axiomatisches System existiert, ist selbst spekulativ. Zudem bleiben viele Begriffe vage: Was genau heißt „Wahrheit“ in der Physik? Wie würde man die nicht-algorithmischen Axiome $\Sigma_T$ im Experiment erkennen? In der Praxis lässt sich nur begrenzt prüfen, ob eine Theorie „alle Fakten umfasst“, weshalb die Aussage eher theoretischer Natur ist. Ein weiterer möglicher Einwand ist, dass Quantenmechanik selbst schon gewisse nicht-klassische Eigenschaften (Superposition, Zufall) hat, die möglicherweise die strenge Formalisierbarkeit unterlaufen.

Offene Fragen und Antworten: Faizal liefert vor allem einen formalen Rahmen, keine konkrete Meta-Theorie. Die konkrete Natur des geforderten „nicht-algorithmischen Verständnisses“ bleibt unbestimmt und wird von Khan als eher platonisch interpretiert. Es ist unklar, ob dies einer empirischen Wissenschaft noch Rechnung trägt. Als mögliche Erwiderung verweist Faizal darauf, dass allein die Anerkennung der begrenzten Berechenbarkeit einen Paradigmenwechsel erfordert – statt neue Feldgleichungen braucht es einen neuen Zugang zur „Erkenntnis“ an sich. Gegner könnten aber halten, dass Physik wenig von philosophischen Meta-Ebenen profitiert, solange sie keine Vorhersagen liefert. In der aktuellen Debatte wird auch diskutiert, ob die Schlussfolgerung wirklich das Ende des Forscherdrangs bedeutet oder nur unterstreicht, dass völlig neue mathematische Strukturen nötig sind.

5. Übersichtstabelle

AussageFaizal et al. (2025)Gegenargumente / KritikAlternative Vorstellungen
Raumzeit und InformationRaumzeit entsteht aus Quanteninformation („it from bit“); eine ToE wäre ein formales Informationssystem.Physikalische Raumzeit könnte nicht vollständig aus reiner Information erklärbar sein (z.B. Kontinua, Chaostheorie).Diverse QG-Modelle: Schleifenquantengravitation, Raumzeit-Schaum, holografische Ansätze.
Algorithmische Vollständigkeit einer ToEEin berechenbares Axiomensystem ist prinzipiell unvollständig; gewisse wahre Fakten bleiben formal unerreichbar.Formalunvollständigkeit gilt nur für abzählbare Systeme; Physik muss nicht exakt ein solches System sein (Arellano-P.).Alternative Theorien setzen auf partielle Modelle oder pragmatische („effective“) Beschreibungen (z.B. EFTs, MOND).
Meta-Theorie / Nicht-AlgorithmikErforderlich: Externe Wahrheitsebene (Wahrheitspredikat, nicht-aufzählbare Axiome).Vage, wie „Verständnis“ jenseits von Algorithmen aussehen soll; kein Mechanismus, nur Philosophie.Manche vermuten: Bewusstsein oder Naturprinzipien jenseits von Mathematik (z.B. Penrose’ Orch-OR-Projekt).
Simulations-HypotheseDa eine vollständige Simulation algorithmisch wäre, ist das Universum nicht simuliert (logische Konsequenz).Arellano-Peña: Nur „algorithmische Simulation“ ist unmöglich; Projektionssimulationen könnten echte Phänomene reproduzieren.Simulationsthese kritisch, wird aber nicht vollständig verworfen – sie bleibt «überfordernd, aber nicht gänzlich unmöglich» (projektionsweise)

6. Weiterführende Literatur

  • Mir Faizal et al. (2025): „Consequences of Undecidability in Physics on the Theory of Everything“, J. Hologr. Appl. Phys. 5(2):10–21; arXiv:2507.22950.
  • Mir Faizal et al. (2025): „Quantum gravity cannot be both consistent and complete“, Essay für Gravity Res. Foundation 2025; arXiv:2505.11773.
  • A. K. Khan (2026): „Discussion on the Faizal–Krauss–Shabir–Marino Argument about the Theory of Everything“, J. Hologr. Appl. Phys. 6(1), 126–132. – Analyse und Vorschläge zur Interpretation des nicht-algorithmischen Verständnisses.
  • H. Arellano-Peña (2025): „Timeless Projection and Counterspace: Why Undecidability Does Not Preclude Simulation“ (Preprint, Dezember 2025). – Detaillierte Kritik an Faizals Schlussfolgerung bzgl. Simulation.
  • Roger Penrose (1994): Shadows of the Mind: A Search for the Missing Science of Consciousness. Oxford Univ. Press. – Diskutiert Grenzen algorithmischen Verstehens und Hinweise auf physikalische „Nicht-Algorithmik“. 

 von ChatGPT

 

*Nota. - Aus bekanntem Grund werde ich mich hüten, das zu kommentieren. Ich kann es auf diesem Blog nicht einmal vollständig wiedergeben: Bei mathematischen Formeln ver-sagt meine Tastatur. Sie finden die Formeln - ebenso wie ChatGPTs Zusammenfassung -  

> hier <.

 JE 

Montag, 30. März 2026

Es gibt keine Weltformel.

 Formel         zu Jochen Ebmeiers Realien

Von Philosophie verstehe ich etwas; von Transzendentalphilosophie, genauer ge-sagt. Auch von den Naturwissenschaften habe ich dies und das gehört, aber dass ich es verstünde, hatte ich nicht oft das Gefühl. Doch hier handelt es sich nicht um Na-turwissenschaft, sondern um deren allgemeinverständliche Zusammenfassung. Ob und wieweit es zutrifft, kann ich nicht beurteilen; ich nehme an, dass es den 'Stand der Wissenschaft' loyal wiedergibt.

Die Philosophie lehrt mich, dass ich von den Dingen selber gar nichts weiß. Ich habe Vorstellungen von ihnen, über die kann ich reden, und ich kann mich fragen, wie ich zu ihnen gekommen bin. Ich werde be- merken, dass ich bei der Aufnahme, Anordnung und Bewertung der Daten, die mir meine Sinnesorgane vermelden, gewisse Schemata verwende - das, was bei Kant das 'Apriori' heißt. Bis dahin ist das noch keine Philosophie, sondern entspricht den Ergebnissen der empirischen (psychologischen) Forschung. Wenn es stimmt, verwendet sie allerdings selber besagte Schemata, sie kommt hinterdrein und ist nicht befähigt, die Schemata auf ihre Herkunft und Berechtigung zu prüfen.

Das ist Sache der Philosophie, nämlich der kritischen oder 'Transzendental'-Philosophie; transzendental darum, weil sie nach den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit fragt. So kritisch und radikal sie immer verfährt - sie bleibt doch immer im Rahmen unserer tatsächlichen Vorstellungsmöglichkeiten, will sagen: andere Voraussetzungen als die, die sie selber macht, sind ihr nicht möglich.

Kant selber hatte die Möglichkeit offengelassen, dass unser Vorstellungsvermögen von einem Schöpfer so angelegt wurde, wie es eben ist. Der Naturwissenschaftler, der an dieser Stelle wieder zu Wort kommt, sagt, unser Vorstellungsvermögen ist wie jedes andere unserer Vermögen ein Produkt der natürlichen Evolution: Anpassung und Auslese. Wir können uns nicht vorstellen, was wir uns vorstellen könnten, wenn wir uns in einer anderen Ecke des Universums hätten entwickeln müssen; wir können uns nicht einmal vorstellen, was in unserer Welt die Biene dort sieht, wo bei uns das ultraviolette Licht unsichtbar wird.

Es ist Wunders genug, dass die irdische Beschränktheit unserer Vorstellungskraft uns nicht daran gehindert hat, durch das Übersetzen von konstruierten Begriffen in mathematische Formeln uns Dinge denkbar zu machen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wunder hat einen Namen, es heißt Symbolisierung. Mit den Symbolen können wir operieren, ohne unsere Vorstellungskraft jeweils mitbemühen zu müssen. Da- durch werden die Symbole indessen kein bisschen objektiver: Sie bleiben immer willkürlich gewählte Zeichen für eine subjektive Bedeutung. Die Bedeutung bezieht sich immer nur darauf, was wir mit dem Ding anfangen können, und nicht auf das, was das Ding 'ist', und ob eine Bedeutung 'stimmt', wird sich erweisen oder nicht.

Wenn also Einstein meinte, sein Geist könne sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben, dass es im Univerum "zwei getrennte Felder gibt, die in ihrer Natur völlig voneinander unabhängig sind", so sagt er etwas darüber, welche Vorstellungen unsere Gattungsgeschichte unserm Gehirn möglich gemacht hat; aber nichts über die Beschaffenheit der 'Dinge'. 

Es wäre des Wunders viel zu viel, wenn sich erwiese, dass wir durch das Kombinieren von Symbolen Formeln konstruieren können, denen 'das Ding' entspricht. Denn hier geht es nicht um dieses oder jenes Ding - da könnte der Zufall beispringen -, sondern um den Inbegriff aller Dinge. Den könnte nur kennen, wer 'Alles' erschaffen hat. Und andernfalls gäbe es ihn gar nicht.

Indem nun die Transzendentalphilosophie den Gedanken einer Schöpfung undenkbar* macht, schließt sie die Möglichkeit einer Weltformel aus; und darauf will ich wetten. 
*) Kant hatte ihn dem Glauben zugestanden, aus der Wissscenschaft jedoch verbannt. 

Kommentar zu Gibt es die "Weltformel"? JE, 22. September 2017



Dienstag, 4. November 2025

Gold zu Geld.

Eine Hand hält eine kleine Münze aus Elektron zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Münze zeigt ein geprägtes Design mit einem Löwenkopf als Motiv und Schriftzeichen. Der Hintergrund ist unscharf und in rötlichen Tönen gehalten.
aus spektrum.de, 29. 20. 2025                                           Eine Münze aus Elektron mit dem Symbol der Lyderkönige: dem Löwenkopf. In Lydien entstand die Weltformel des Tauschens  – als die dortigen Könige vor gut 2600 Jahren Münzen einführten. Den Geldwert gewährleistete: ihr gutes Wort, erzählen unsere Kolumnisten.                                   zu öffentliche Angelegenheiten

von Richard Hemmer und Daniel Meßner

Im Westen Anatoliens lag das antike Königreich Lydien. Im Flusstal des Hermos, zwischen der Ägäisküste und den Gebirgen im Hinterland, thronte seine Haupt-stadt: Sardes. Die Metropole wachte über die sich hier kreuzenden Handelswege, während ein Nebenfluss des Hermos, der Paktolos, aus den Bergen natürliches Elektron herbeitrug, eine Gold-Silber-Legierung, die sich aus dem Sand wa-schen ließ.

Die Geschichte spülte hier auch Mythen ans Ufer, zum Beispiel die Legende von König Midas, der im Paktolos sein verwunschenes Goldhändchen reingewaschen haben soll. Diese Sage verklausulierte allerdings einen nüchternen Befund: Edel-metall war vorhanden in Sardes, und zwar reichlich.

Alyattes, seit 635 v. Chr. König von Lydien und kein Mythos, führte das Reich in eine neue Phase der Ausdehnung und Blüte. Sein Name bedeutete der Löwenhafte, doch die Wirtschaftslage seines Landes war weniger der Brüller. Sie krankte an einem alten Problem: In Lydien zirkulierte Edelmetall als Zahlungsmittel, das aber bei jeder Transaktion gewogen und auf Reinheit geprüft werden musste. Wiegen kostete Zeit und das Misstrauen in die Waagenkünste des anderen auch. Ein Machtzentrum wie Sardes wollte diesen Verschleiß nicht länger beklagen, sondern in ein Mittel zur politischen Ordnung verwandeln.

Es war einmal vor der Münze

Die Idee vom Geld ist älter als jede Prägung. Im Vorderen Orient rechneten Händler in Schekel, in Ägypten in Deben; Barren, Ringe oder Draht wurden nach Gewicht ausgegeben. Gleichzeitig existierten andere Maße, die bestimmten Werten entsprachen, ohne dass sie einen praktischen Zweck erfüllen mussten. In der homerischen Welt waren es Rinder oder Kultgeräte wie Kessel, Spieße oder Dreifüße, die nicht als Zahlungsmittel, sondern als wertige Gaben die Besitzer wechselten. Auch Sicheln und Messer zirkulierten, zunehmend stumpf, weil der Nutzen nebensächlich geworden war. Es ging aber nicht um Zweckmäßigkeit, sondern um die gegenseitige Anerkennung eines bestimmten Werts.

Moderne Erklärungen unterliegen deshalb oft dem Trugschluss, das Münzgeld sei erfunden worden, um den Handel nah und fern zu erleichtern. Mit Geld konnten Schmied, Töpfer und Bauer ihre Waren verkaufen, ohne ihre Erzeugnisse direkt tauschen zu müssen. Denn was war, wenn der andere gerade kein Rasiermesser oder eine Schüssel brauchte? Auch der Fernhandel sei einfacher geworden mit Geld. Doch die Funktion, die Münzen später perfekt erfüllten, muss nicht von Anfang an beabsichtigt gewesen sein. Und Geld sollte zunächst sehr wahrscheinlich einen anderen Zweck erfüllen. Es entstand nicht, weil man es für den Handel brauchte, sondern weil Anerkennung messbar werden sollte.

Im späten 7. Jahrhundert v. Chr., vermutlich zur Zeit von Alyattes, tauchten im lydischen Raum kleine Objekte aus Elektron auf, die mehr waren als nur Metallklümpchen. So fanden sich unter dem Artemis-Tempel von Ephesos (die Stadt lag ungefähr 100 Kilometer südwestlich von Sardes) solche Stücke, die auf der einen Seite einen quadratischen Abdruck zeigen und auf der anderen Rillen oder Bilder, etwa einen Löwenkopf. Das Entscheidende, was diese Objekte zu Münzen machte, waren drei Aspekte: ein festgelegtes Gewicht, eine einheitliche Form aus Metall und ein Zeichen, das den Münzstandard und seine Herkunft aus vertrauenswürdiger Quelle gewährleisteten. Der Löwe war zum Garantiezeichen geworden.

Die Lyderkönige schraubten am Metallwert

Elektron kam zwar natürlich vor, doch das Verhältnis von Gold und Silber im Metall schwankte. Genau hier setzte die Politik an. Wer prägte, definierte auch den nominellen Wert. Mit seinem Zeichen, ähnlich einem Siegel, garantierte der Lyderkönig, dass alle Münzen den gleichen Wert besaßen – selbst wenn der tatsächliche Metallwert schwankte. Seine Autorität war Garantie genug, wie der Numismatiker  John Kroll von der University of Texas at Austin in dem Buch »The Lydians and their World« erklärt

Eine antike Goldmünze mit einem Löwen- und einem Stierkopf als Motiv auf der Vorderseite. Die Münze hat eine unregelmäßige, ovale Form und zeigt Abnutzungsspuren. Der Hintergrund ist dunkel, wodurch die goldene Farbe der Münze hervorgehoben wird.Kroiseios | König Krösus ließ Gold- und Silbermünzen prägen. Diese Goldmünze des Herrschers aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zeigt einen Löwen (links), der mit seiner Pfote einen Stier (rechts) angreift. Zu sehen sind nur die Köpfe der Tiere.

Das senkte auch die Kosten für die Prüfung des Metalls, zudem schöpfte der Herrscher die sogenannte Seigniorage ab. Das ist der Gewinn, der sich durch die Ausgabe von Geld ergibt, wenn die Herstellungskosten der Münzen geringer ausfallen als ihr Nennwert. 

Diesen Weg schlugen die lydischen Könige bald schon gezielter ein. Sie ließen in Sardes die Edelmetallanteile in den Münzen künstlich verändern. Das natürliche Elektron hatte eigentlich einen ungefähren Goldanteil von 70 Prozent. Spezialisten trennten die Metalle und mischten sie nach einem festen Verhältnis neu zusammen: etwa 54 Prozent Gold zu 44 Prozent Silber. Die königlichen Münzen waren somit »massiv überbewertet«, schreibt Kroll. Die Könige hatten für ihre Prägungen also absichtlich den Nennwert über den Metallwert gestellt. Das war kein Taschenspielertrick, sondern der Eintritt der Obrigkeit in den Zahlungsverkehr.

Warum kam die Münze ausgerechnet im 7. Jahrhundert auf?

Schon vor der Münze hatte der Fernhandel gut funktioniert, die lokalen Märkte liefen ebenso reibungslos. Die Münzen sollten folglich weniger eine Not der Händler lindern, sondern eher den Herrschern eine Chance bieten. Kleine Marktakteure besaßen nämlich weder die Autorität noch die Infrastruktur, um die Legierung, das Gewicht und ein Münzbild zu standardisieren, wie der Historiker David Schnaps in seinem Buch »The Invention of Coinage« schreibt. Könige und Städte hingegen konnten Gebühren, Abgaben und Sold in definierten Einheiten einfordern beziehungsweise ausgeben. Die Stücke aus Elektron dürften sich anfangs daher nicht so sehr für den Kauf von Brot und Oliven geeignet haben als vielmehr für fiskalische und größere kommerzielle Zahlungen. So oder so: Mit ihnen war aus dem Zeitfresser, Metall abzuwiegen, ein kurzer Blick auf einen Stempel geworden.

Unter Krösus (um 590–541 v. Chr.), dem letzten lydischen König, erhielt die Innovation eine neue Prägung. Statt Elektron kursierten jetzt reine Gold- und Silbermünzen. Die goldenen hießen Kroiseioi. Die Trennung der Metalle hatte einen Effekt: Sie senkte die Unsicherheit über den tatsächlichen Wert der Münzen. Mit ihnen ließ sich auch leichter über Grenzen hinweg Handel führen. Dass Krösus sprichwörtlich reich wurde, lag wohl an diesem Effizienzsprung.

Märkte und Arbeitswelt veränderten sich

Städte in Kleinasien (Anatolien) wie Milet und Ephesos prägten bald eigene Stücke, die teils auf denselben Gewichtsstandards beruhten. In der Nordägäis, in Thrakien und Makedonien, kamen ebenfalls Münzserien in Umlauf. In Athen wurde die Eule auf den Tetradrachmen zur Ikone einer Geldwirtschaft, die dem Stadtstaat Steuern, Sold und Seeherrschaft einbrachten. In China und Indien entstanden beinahe zeitgleich Münztraditionen nach einem eigenen System, unabhängig vom Mittelmeer, doch mit dem gleichen Ziel: einen Wert in kleine, standardisierte, verbürgte Einheiten zu fassen.

Mit der Münzprägung änderte sich nicht der Ursprung des Handels, aber sein Ablauf. Preise ließen sich nun klar benennen, besser vergleichen und niederschreiben. Die Agora in griechischen Städten, die früher eigentlich ein Ort der Debatte war, wurde immer mehr zum Marktplatz. Auch die Arbeitswelt veränderte sich: Die Lohnarbeiter des antiken Griechenlands, die »misthotoi«, erhielten festgelegte Löhne. Somit ließen sich auch Großprojekte leichter koordinieren. Und wer kein Land besaß, konnte Waren kaufen oder verkaufen und mit etwas Geschick sozial aufsteigen. Der Reichtum war nun nicht mehr nur erblich bedingt, sondern stärker mit Liquidität verbunden. Zugleich lösten sich damit alte Bindungen auf: Herrscher stützten sich weniger auf eine persönliche Gefolgschaft, sondern mehr auf ihre Einnahmeströme.

Nicht jeder fand das verlockend. In Sparta widersetzte man sich lange einer Silberwährung und hielt an einer Ökonomie fest, die auf sozialer Kontrolle beruhte. Den Lauf der Geschichte beeinflusste das aber kaum.

Sardes fiel, die Münze blieb

Um das Jahr 546 v. Chr. eroberte der Perserkönig Kyros II. die lydische Hauptstadt Sardes. Die Erzählungen über Krösus' Schicksal gehen auseinander; sie schwanken zwischen Scheiterhaufen, Begnadigung und spätem Ratgeberamt. Sicher ist: Lydien wurde zur persischen Satrapie (Verwaltungsgebiet), und das persische Herrschergeschlecht der Achämeniden übernahm das Werkzeug, das Lydien groß gemacht hatte. Sie prägten nun selbst Münzen. Die Kroiseioi blieben anfangs aber noch eine Weile im Umlauf, was dem einstigen König als Inbegriff des Reichtums wohl zu seinem Ruf verhalf.

Laut dem griechischen Philosophen und Gelehrten Aristoteles (384–322 v. Chr.) ist Geld nützlich und handlich. Das klingt plausibel, den eigentlichen Zweck trifft es damit aber nicht ganz. Funde wie Muscheln, stumpfe Messer, Kultgerät und Gewichtsbarren legen nämlich etwas anderes nahe: Es ging um Anerkennung – gewährleistet durch die Normierung eines Metallstücks und die Abbildung eines Zeichens. Lydien machte es vor: Ein königlicher Stempel ersetzte das Wiegen, ein standardisiertes Gewicht ersparte viele Worte. Und die Seigniorage half andere Projekte zu finanzieren, etwa für die Infrastruktur.

Der Fluss Paktolos hatte das Metall hervorgebracht, doch der eigentliche Reichtum entstand im Kopf: Es war die Einsicht, dass ein Bild, ein Gewicht und ein Versprechen genügten, um Vertrauen zu schaffen. Lydien hatte aus Flusssand eine Weltformel des Tauschens gemacht.

 

 

Montag, 27. Oktober 2025

Gravitation ist wohl doch nicht gequantelt.

Verschränkung von Massen 
aus scinexx.de, 23. 10. 2025                                                                           zu Jochen Ebmeiers Realien

Rätsel um die Gravitation vertieft sich
Experimente zum Nachweis der Quantengravitation können irreführen


Fundamentale Lücke: Schon Einstein scheiterte daran, Gravitation und Quantenphysik zu vereinen. Jetzt haben Physiker entdeckt, dass auch der vielversprechendste Test auf eine Quantelung der Gravitation nicht eindeutig ist. Der Grund: Auch in einer rein klassischen, ungequantelten Raumzeit kann es eine Art Verschränkung von Massen geben, wie die Forscher in „Nature“ demonstrieren. Doch genau diese Verschränkung galt bisher als experimenteller Beweis für die Quantennatur der Gravitation. Und jetzt?

Die Gravitation ist der Außenseiter unter den vier Grundkräften – und eines der größten Rätsel der Physik. Zwar revolutionierte Albert Einstein unsere Sicht auf die Gravitation durch sein Raumzeit-Modell. Doch auch er scheiterte an einem entscheidenden Punkt: Während alle anderen Grundkräfte durch Trägerteilchen vermittelt werden – Gluonen bei der Starken, W- und Z-Bosonen bei der Schwachen Kernkraft und Photonen beim Elektromagnetismus –, fehlt ein solches Vermittlerteilchen für die Gravitation. Bisher ist nicht einmal klar, ob es überhaupt „Gravitonen“ gibt.

Rumzeit
Nach Einsteins Relativitätstheorie manifestiert sich Gravitation als Krümmung der Raumzeit. Aber gibt es ein vermittelndes Quantenteilchen? 

Ist die Gravitation gequantelt?

Das hat Folgen: Alle anderen Grundkräfte sind durch den Austausch diskreter Teilchen quantisiert – sie lassen sich daher auch über die Quantenmechanik beschreiben. Nicht so die Gravitation: Einsteins Relativitätstheorie ermöglicht es zwar, die Gravitation mit den Mitteln der klassischen Physik zu beschreiben. Mit der Quantenphysik ist dies aber nicht vereinbar. Es gibt theoretische Ansätze, die diese Quadratur des Kreises versuchen, darunter die Schleifen-Quantengravitation, die String-Theorie oder auch die Idee einer superfluiden Raumzeit.

Doch bisher scheiterten alle Modelle an einem entscheidenden Punkt: Es fehlen experimentelle Belege dazu, ob die Raumzeit gequantelt ist oder nicht. Bisherige Tests blieben uneindeutig. „Die Vereinheitlichung von Gravitation und Quantenmechanik bleibt eine der grundlegendsten offenen Fragen der Physik“, erklären Joseph Aziz und Richard Howl von der University of London. 

Feynmans Experiment und die „spukhafte Fernwirkung“

Es gibt aber ein Experiment, das vielleicht endlich eine Antwort liefern könnte. Vorgeschlagen wurde es bereits 1957 vom US-Physiker Richard Feynman. In diesem Experiment bringt man ein möglichst schweres, dichtes Objekt in eine quantenphysikalische Überlagerung und lässt es dann mit einem zweiten Objekt interagieren. Ist die Gravitation gequantelt, müssten sich beide Objekte auch miteinander verschränken lassen. „Dies galt bisher als eindeutiger Beweis dafür, dass die Gravitation den Gesetzen der Quantenmechanik folgt“, erklären die Physiker.

Der Grund: Gängiger Theorie nach kann es in der klassischen Physik keine „spukhafte Fernwirkung“ geben. Denn für die Verschränkung ist ein nicht-lokaler Informationsaustausch zwischen den verschränkten Objekten nötig – beispielsweise durch gequantelte Trägerteilchen. Weist das Experiment eine Verschränkung nach, muss es demnach Gravitonen und damit eine Quantisierung der Gravitation geben – so die Annahme.

Nichtlokaler Austausch auch ohne Quantelung?

Genau diese Annahme widerlegen Aziz und Howl nun jedoch. „Wir zeigen, dass auch lokale, klassische Theorien der Gravitation eine Quantenkommunikation und damit eine Verschränkung erzeugen können“, schreiben sie. Basis ihrer Argumentation ist die Quantenfeldtheorie (QFT). Nach dieser sind physikalische Felder und ihre jedem Punkt zugeordneten Werte die Grundeinheiten, die alle Teilchen hervorbringen. Ein Beispiel dafür ist das Higgs-Boson, das sich auch als Manifestation des Higgs-Felds beschreiben lässt. 

Wie die beiden Physiker erklären, gilt die Quantenfeldtherorie auch für Materie. In einem solchen Materiefeld können auch virtuelle Teilchen entstehen – nicht direkt beobachtbare Zwischenzustände von Wechselwirkungen. „Auf der Ebene der Feldtheorie gibt es demnach auch den Austausch virtueller Materieteilchen zwischen Massen“, erklären Aziz und Howl. Daraus wiederum folgt, dass es auch ohne Gravitonen einen nichtlokalen Informationsaustausch geben kann – und damit eine Verschränkung.

die Rote Linie
Im Experiment müsste sich eine echte Quantenverschränkung bei den Massen- und Kohärenzzeiten zeigen, die links der roten Linie liegen. Die rein klassischen Verschränbkungs-Effekte könnten hingegen rechts der Roten Linie auftreten. 

Ablesbar nur an subtilen Unterschieden

„Die bloße Beobachtung einer Verschränkung im Feynmannschen Experiment kann daher nicht als Beweis für eine gequantelte Gravitation gelten“, schreiben die Physiker. Denn auch eine klassische Gravitation kann eine Art Verschränkung zwischen den Massen erzeugen – selbst wenn es keine gequantelten Gravitonen gibt. Daher kommt es auf die Parameter und die Art des Experiments an, ob die beobachtete Verschränkung eine Quantengravitation anzeigt oder nicht.

Was aber bedeutet dies konkret für die experimentelle Überprüfung? Das rechnen die beiden Forscher in ihrer Studie vor. Ihren Ergebnissen nach gibt es demnach Unterschiede in der Abhängigkeit der Verschränkung von Masse, Abstand und Wechselwirkung. Der Einfluss dieser Parameter ist bei der klassischen, nicht gequantelten Gravitation etwas anders als bei der Quantengravitation.

Experimente werden noch schwieriger

„Dies hat direkte Konsequenzen für zukünftige Experimente, die die Quantennatur der Gravitation über die Verschränkung testen wollen“, sagt der nicht an der Studie beteiligte Physiker Zachary Weller-Davies von InstaDeep London. So können Forschende die neuen Erkenntnisse nun nutzen, um die Experimentparameter so anzupassen, dass die irreführende Verschränkung durch klassische Effekte minimiert wird.

„Die Analyse von Aziz und Howl macht klar, dass künftige Experimente sowohl die Stärke als auch das Skalierungsverhalten der Verschränkung messen und dies dann mit den Vorhersagen der klassischen Physik und der Quantentheorien vergleichen müssen“, erklärt Weller-Davies. „Solche Experimente sind aber eine enorme Herausforderung, weil sie eine präzise Kontrolle über Quantenzustände über mehrere Größenskalen hinweg erfordern.“ (Nature, 2025; doi: 10.1038/s41586-025-09595-7)

Quelle: Nature; 23. Oktober 2025 - von Nadja Podbregar

 

Sonntag, 20. Juli 2025

Ist die Stringtheorie widerlegbar?

Spaciges Computerrendering mit einem Lichtkreuz in der Mitte.               zu Jochen Ebmeiers Realien
aus derStandard.at, 20. 7. 2025  Die Stringtheorie zeichnet ein spektakulär anderes Bild des Mikrokosmos, das im Vergleich zum bisher Dagewesenen so fremdartig wie diese künstlerische Computervisualisierung anmuten kann. Experimenten ist sie aber kaum zugänglich.
 
Bereich des Möglichen
Neues Teilchen kann über das Schicksal der Stringtheorie entscheiden
Die Theorie, wonach Elementarteilchen winzige Fäden sind, lässt sich womöglich doch mit verfügbaren Technologien überprüfen. US-Forschende fanden eine entscheidende Lücke

Doch wer einen Blick an die Grenzen des menschlichen Verständnisses in der Welt des Mikrokosmos wagt, wo Physikerinnen und Physiker auf der Suche nach einer alles beschreibenden Weltformel sind, wird sehen, dass es in der Wissenschaft unerwartet schwierig sein kann, unrecht zu haben.

Eine Theorie, die besonders mit diesem Problem konfrontiert ist, ist die Stringtheorie. Es scheint schier unmöglich zu sein, sie auf eine bestimmte Aussage festzunageln, die mit auf der Erde durchführbaren Experimenten überprüfbar ist. Eine Forschungsgruppe von der US-amerikanischen Pennsylvania State University hat nun einen neuen Vorschlag gemacht, wie man die Stringtheorie endlich beim Wort nehmen könnte. Das Team veröffentlichte im Fachjournal Physical Review Research eine Studie, deren Titel ins Deutsche übersetzt, lautet: "Wie man Stringtheorie mit einem Teilchenbeschleuniger falsifiziert".

Der Physiker Jonathan Heckman, der an der Universität Pennsylvania arbeitet und einer der Studienautoren ist, hält die Stringtheorie für einen guten Kandidaten einer Theorie, die Gravitation und Quantenphänomene verbindet. "Einer der Nachteile der Stringtheorie besteht jedoch darin, dass sie in einer hochdimensionalen Mathematik und einer riesigen 'Landschaft' möglicher Universen operiert, was ihre experimentelle Überprüfung enorm erschwert", erklärt Heckman.

Dabei ist das Bild, das sie vom Mikrokosmos zeichnet, eigentlich fundamental anders als alles zuvor Vorgeschlagene. "Die meisten Versionen der Stringtheorie setzen insgesamt zehn oder elf Raumzeitdimensionen voraus, wobei die zusätzlichen Dimensionen sozusagen 'zusammengerollt' sind oder sich in extrem kleinen Maßstäben ineinander falten", erklärt seine Kollegin Rebecca Hicks. Die besonderen Eigenschaften dieser Geometrie zeigten sich aber erst bei extrem hohen Energien, sagt Hicks. Diese lägen "weit jenseits von dem, was wir typischerweise in Beschleunigern antreffen oder überhaupt erzeugen können."

Eine riesige, kreisrunde Metallstruktur, aus der zahllose Kabel ragen.
Der CMS-Detektor ist einer von vier Großdetektoren im Teilchenbeschleuniger LHC. Unter anderem hier wurde das Higgs-Teilchen beobachtet.

Schwache Beschleuniger

Warum sind "Beschleuniger" – gemeint sind Teilchenbeschleuniger – hier so wichtig? Um auch die selteneren und ungewöhnlichen Bestandteile der Materie herzustellen und zu vermessen, braucht es extrem hohe Energien. Die lassen sich erzeugen, wenn man bekannte, in der Natur verfügbare Teilchen auf extrem hohe Geschwindigkeiten beschleunigt und dann aufeinanderprallen lässt.

Solche Teilchenbeschleuniger sind seit Jahrzehnten die wichtigste Informationsquelle für die Teilchenphysik und sorgten für unzählige wichtige, mit Nobelpreisen gewürdigte Einsichten. Doch um tiefer und tiefer in den Mikrokosmos einzudringen, braucht es immer höhere Energien, die von immer aufwendigeren und leistungsfähigeren Beschleunigern bereitgestellt werden müssen.

Der derzeit aufwendigste ist der Large Hadron Collider am Kernforschungszentrum Cern bei Genf. Es brauchte diese Maschine, die als komplizierteste je von Menschen gebaute gilt, um vor inzwischen rund 13 Jahren mit dem Higgs-Boson nach langem wieder ein völlig neues fundamentales Teilchen zu entdecken. Diese Entdeckung blieb ein Einzelfall. Man hat, salopp gesagt, alles gesehen, was es in diesem Energiebereich zu sehen gibt. Mehr Teilchen würden wohl erst bei noch höheren Energien auftauchen – vielleicht.

Fäden aufdröseln

Das gilt auch für die Besonderheiten der Stringtheorie. "Wenn man die Energie weit nach oben schraubt, sieht man die Wechselwirkungen so, wie sie wirklich sind – Saiten, die schwingen und kollidieren", erklärt Hicks (zu unterscheiden von "Higgs", dem Namen des Mannes, nach dem das Teilchen benannt ist). "Bei niedrigeren Energien gehen die Details verloren, und wir sehen nur noch die bekannten Teilchen. Es ist so, als ob man aus der Ferne die einzelnen Fasern eines Seils nicht mehr erkennen kann. Man sieht nur eine einzige, glatte Linie."

Doch um diese Effekte sichtbar zu machen, ist nicht nur der LHC, sondern sind auch alle bisher vorgeschlagenen künftigen Superbeschleuniger zu schwach. Die Stringtheorie scheint damit zu einem merkwürdigen Schattendasein verdammt – lebendig, weil sie nicht widerlegt ist, aber doch weit unter ihren eigenen Ansprüchen, weil sie nicht angemessen überprüft werden kann.

Das Team aus Pennsylvania nahm nun die Stringtheorien – eigentlich gibt es mehrere, die jedoch zum Teil nur mehrere Seiten derselben Medaille sind –, genauer unter die Lupe, um nicht doch irgendwelche Aussagen darin zu finden, die mit menschenmöglichen Beschleunigern wie dem LHC überprüft werden können. Und dabei wurden sie nun fündig.

Computerbild mit einem blauen Zylinder und Teilchenbahnen im Inneren.So sieht der CMS-Detektor des LHC Teilchenzerfälle. Aus den Bahnkurven lässt sich auf die Natur der Teilchen rückschließen.

Die Zahl fünf

Es gibt offenbar eine mögliche Konstellation von Elementarteilchen, die Stringtheorien nicht beschreiben können, und zwar eine aus fünf einzelnen Teilchen. Zur Erklärung: Die aktuell bekannten Teilchen lassen sich in Zweiergruppen zusammenfassen, jedes Elektron besitzt als Partner ein Neutrino, während jedes Quark – die Teilchen, aus denen die Teile von Atomkernen bestehen – ebenfalls einen Partner besitzt. Das Up- und das Down-Quark zum Beispiel, die in unterschiedlichen Konstellationen Neutronen und Protonen bilden, sind ein solches Paar, analog zum Elektron und seinem Neutrino.

Das neue Konzept postuliert nun eine Gruppe von Teilchen, die kein Paar, sondern eine Fünfergruppe bilden. Anzeichen für die Existenz einer solchen Struktur gibt es bislang nicht. Doch offenbar sind Stringtheorien nicht in der Lage, sie zu beschreiben, und das macht sie interessant. "Wir haben alles durchforstet, und dieses fünfköpfige Paket taucht einfach nicht auf", sagt Heckman.

Physikalisch würde sich das Konzept in der Anwesenheit eines sogenannten Majorana-Fermions äußern. Das ist ein Teilchen ohne Ladung, das sein eigenes Antiteilchen ist, wie eine Münze mit zwei verschiedenen Seiten. Ohne weiter auf die Subtilitäten eines solchen Teilchens einzugehen, soll gesagt sein, dass es auch in anderem physikalischen Kontext von Interesse ist, experimentell aber noch nicht nachgewiesen werden konnte, außer als sogenanntes Quasiteilchen in Festkörpern.

Bisher keine Spur

Der neue Vorschlag ist ein seltener Lichtblick in einer seit vielen Jahrzehnten andauernden Krise. Das Team stellt dabei klar, dass man nichts gegen die Stringtheorie habe. "Wir wollen nicht, dass die Stringtheorie scheitert", sagt Hicks. "Wir machen einen Stresstest und üben mehr Druck aus, um zu sehen, ob sie standhält."

Doch das Konzept könnte kurioserweise ein ähnliches Schicksal erleiden wie die Stringtheorie selbst. Der Spielraum des LHC scheint nämlich bereits ausgeschöpft zu sein. Das Team suchte in bisherigen experimentellen Daten des LHC nach Spuren der fünfteiligen Strukturen. "Wir haben Suchvorgänge, die ursprünglich für 'Charginos' – hypothetische geladene Teilchen, die von der Supersymmetrie vorhergesagt werden – entwickelt wurden, neu interpretiert und nach Signaturen von 5-Plet-Teilchen gesucht", sagt Hicks. "Wir haben bisher keine Beweise gefunden, was bedeutet, dass jedes 5-Plet-Teilchen mindestens 650 bis 700 GeV schwer sein muss, fünfmal schwerer als das Higgs-Boson."

Damit ist die Existenz dieser Strukturen weiterhin nicht ausgeschlossen, doch möglicherweise braucht es einen größeren Beschleuniger, um sie – vielleicht – zu entdecken. Glücklicherweise erhält der LHC gerade ein Upgrade, das zwar keine höheren Energien, aber zumindest mehr Teilchenkollisionen bringen wird. Vielleicht lässt sich das sonderbare Teilchen mit seinen vier Partnern dann ja doch noch blicken.

Freitag, 20. Juni 2025

Quanten, Gravitation und die Weltformel.

Wirbel und Wellen auf schwarzem Hintergrund 
aus spektrum.de, 27. 1. 2025                                                                   u Jochen Ebmeiers Realien
 
Quantengravitation: Die Suche nach einer Weltformel
Geschichte der Quantengravitation
Seit einem Jahrhundert versuchen Fachleute, die Quantenphysik mit der Schwerkraft zu vereinen. Die Geschichte ist durchzogen von vielen Durchbrüchen, Wendungen und Streitigkeiten. Ein Überblick über die Entwicklungen der wichtigsten Ansätze.

Themenwoche: Die Jagd nach der Weltformel

Die Gravitation sticht als einzige der vier Grundkräfte heraus: Anders als der Elektromagnetismus und die Kernkräfte scheint sie nicht den seltsamen Regeln der Quantenphysik zu folgen. Viele Physiker sind davon überzeugt, dass eine Theorie der Quantengravitation für ein vollumfängliches Verständnis unserer Welt nötig ist. In dieser Themenwoche beleuchten wir einige Anwärter einer solchen Theorie – und erklären, wie man sie testen könnte.

Wissenschaftsgeschichte: Die 100 Jahre lange Suche nach einer Weltformel
Schleifenqantengravitation:
Das Ende der Zeit
Teleparallele Gravitation:
Eine neue Raumzeit für eine Weltformel
Nichtkommutative Geometrie:
Eine quantenmechanische Struktur des Kosmos
Entropie:
Schwarze Löcher als Schlüssel zur Weltformel
Experimente:
Folgen Raum und Zeit den Gesetzen der Quantenphysik?
Gödelsche Unvollständigkeit:
Ist die Frage nach einer Weltformel unentscheidbar?

»Es gab eine Zeit, in der in den Zeitungen stand, dass nur zwölf Männer die Relativitätstheorie verstanden haben«, sagte Richard Feynman 1965. »Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Nachdem die Leute die Abhandlung (von Einstein) gelesen hatten, haben viele die Relativitätstheorie auf die eine oder andere Weise verstanden – sicherlich mehr als zwölf.« Was die zweite große Revolution der Physik in den 1920er Jahren anging, hatte Feynman hingegen eine andere Meinung: »Ich kann wohl mit Sicherheit sagen, dass niemand die Quantenmechanik versteht.« Und diese Meinung vertreten viele Fachleute noch heute, 60 Jahre später.

Kurz nach Einsteins bahnbrechenden Erkenntnissen entstand eine neue Theorie, welche die Materie im Universum beschreibt. In dieser verschwimmen die Grenzen zwischen Wellen und Teilchen; viele Größen wie die Energie von Atomen scheinen nur noch häppchenweise (gequantelt) aufzutauchen. Und das vielleicht seltsamste Phänomen: Die Quantentheorie ist von einer grundlegenden Ungewissheit geplagt. Zahlreiche Größen lassen sich nicht mehr mit vollständiger Sicherheit bestimmen – nicht einmal mathematisch. 

Albert Einstein war bereits während der Veröffentlichung seiner allgemeinen Relativitätstheorie im Jahr 1915 davon überzeugt, dass seine Theorie der Schwerkraft nicht endgültig ist und in ein allgemeineres Konzept eingebettet werden sollte. Ausschlag dafür gab unter anderem das damalige Atommodell. Anfang des 20. Jahrhunderts gingen Fachleute davon aus, dass Elektronen den Atomkern umkreisen. Das sorgt aus elektrodynamischer Sicht für Probleme, denn Ladungen auf Kreisbahnen geben Strahlung ab, wodurch sie Energie verlieren. Den Berechnungen zufolge müsste ein Elektron innerhalb von nur 10-10 Sekunden in den Atomkern stürzen. Ein ähnliches Problem gab es auch bei Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie: Demnach strahlt eine beschleunigte Masse (selbst eine so kleine wie die des Elektrons) Gravitationswellen aus, was ebenfalls einen Energieverlust bedingt. Allerdings ist dieser für Elektronen so gering, dass die Teilchen erst nach etwa 1030 Jahren mit dem Kern zusammenprallen würden – eine Zeitspanne, die (wie wir heute wissen) die bisherige Lebensdauer unseres Universums weit übertrifft.

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Auch wenn Einstein mit einigen widersinnigen Konsequenzen der Quantenmechanik haderte, hatte er doch das Gebiet mitbegründet, als er feststellte, dass Licht nur gequantelt in Form von Photonen vorkommt. Er ging davon aus, dass auch die Schwerkraft im Rahmen der Quantentheorie verändert werden müsse. Während er sich fortan erfolglos um eine Erweiterung seiner allgemeinen Relativitätstheorie bemühte, zeigten sich andere Fachleute weniger besorgt.

Dass Atome eine Lebenszeit von 1030 Jahren haben sollten, war mit den damaligen Modellen der Physik vereinbar. Schließlich würde man einen Kollaps höchstwahrscheinlich niemals bezeugen können. Deswegen widmeten sich die Physikerinnen und Physiker dringenderen Problemen, etwa der vollständigen Entwicklung der Quantenmechanik, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, sowie einer Quantentheorie des Elektromagnetismus, die das Atommodell retten und erklären sollte, warum Elektronen nicht innerhalb kürzester Zeit in den Kern stürzen. »Es war ein Zeitalter des großen Umbruchs«, sagt der Wissenschaftshistoriker Alexander Blum vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, der zu der Geschichte der Quantengravitation forscht. »Es war damals keineswegs ausgemacht, dass es die Quantenphysik auf der einen und die allgemeine Relativitätstheorie auf der anderen Seite geben würde.«

Einige Fachleute gingen davon aus, dass eine Quantentheorie des Elektromagnetismus automatisch einen Weg eröffnen würde, auch die Schwerkraft zu quantisieren – schließlich ähneln sich die Formeln beider Theorien für schwache Felder. In beiden Fällen nimmt die Kraft zwischen zwei Objekten mit quadratischem Abstand ab. So schrieben Wolfgang Pauli und Werner Heisenberg 1929 in einer Veröffentlichung zur Quantendynamik der Wellenfelder: »Erwähnt sei noch, daß auch eine Quantelung des Gravitationsfeldes, die aus physikalischen Gründen notwendig zu sein scheint, mittels eines zu dem hier verwendeten völllg analogen Formalismus ohne neue Schwierigkeiten durchführbar sein dürfte.«

Selbst wenn sich das aus heutiger Sicht als falsch erwiesen hat: Ganz Unrecht hatten die beiden Theoretiker nicht. Tatsächlich fand sich schnell eine quantisierte Version der Schwerkraft – allerdings nur für den Fall, dass die Gravitation sehr schwach ist und die Raumzeitkrümmung keine Rolle spielt. Darum dreht sich auch der erste Teil von Matvei Bronsteins Doktorarbeit: Er reproduzierte dieses Ergebnis auf elegante Weise. Im zweiten Teil seiner Arbeit untersuchte Bronstein, wie sich die Situation verändert, wenn die Schwerkraft große Werte annimmt.

Angespornt wurde er dabei von einem Fehler, den der renommierte sowjetische Physiker Lew Landau gemacht hatte. Dieser hatte fälschlicherweise behauptet, eine quantisierte Version der Elektrodynamik verhindere es, dass man das elektromagnetische Feld an bestimmten Raumpunkten messen könnte. Schnell bemerkten Fachleute den Fehler in Landaus Arbeit. Doch Bronstein erkannte, dass sich Landaus Überlegungen auf die Schwerkraft übertragen lassen. Und dort schien Landaus Argument seine Gültigkeit zu behalten: Die einsteinsche Gravitation lässt sich nicht an präzisen Raumpunkten vermessen, wenn man die Quantenphysik mit einbezieht.

Das verdeutlichte Bronstein mit einem Gedankenexperiment: Was passiert, wenn man einen winzigen Bereich der Raumzeit untersuchen möchte – sprich, das Gravitationsfeld an einem Punkt im Raum bestimmen will? Dafür kann man sich ein Mikroskop vorstellen, das immer weiter an einen Ort heranzoomt. Je feiner man den Raum abgrenzt und je kleiner die Distanz wird, die man auflösen möchte, desto größer wird laut heisenbergscher Unschärferelation der Impuls im beobachteten Bereich. Die Unschärferelation verknüpft beide Größen miteinander. Je präziser man die eine kennt, desto ungenauer wird die andere. Diese Unsicherheit wächst immer stärker an, wodurch der Impuls (und damit die Energie) irgendwann so groß wird, dass, wie wir heute wissen, ein Schwarzes Loch entstehen würde. Das verhindert jede Vermessung des Bereichs. Verbindet man Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie, ergibt sich eine natürliche Barriere, die es verhindert, die Geometrie eines Punkts genau aufzulösen. »Es ist kaum möglich, die Quantengravitationstheorie auf diesen Bereich auszudehnen, ohne die klassischen Konzepte gründlich zu überarbeiten«, schloss Bronstein daher in seiner Arbeit. Man müsse sich deshalb von der riemannschen Geometrie, auf der die allgemeine Relativitätstheorie aufbaut, und von dem bisherigen Bild der Raumzeit verabschieden.

Zwei Kugeln auf einer gekrümmten Raumzeit
Allgemeine Relativitätstheorie | Mit seiner allgemeinen Relativitätstheorie beschrieb Albert Einstein die Schwerkraft als Folge einer gekrümmten Raumzeit.

Dieses Fazit erscheint heute radikaler als zur damaligen Zeit. Die physikalische Welt hatte gerade mehrere Umstürze erlebt, was einen solchen Perspektivwechsel nicht so außergewöhnlich machte. Doch die Fachwelt, die mit anderen Fragestellungen beschäftigt war, widmete Bronsteins Ergebnissen nur wenig Aufmerksamkeit. »Bronstein war ein historischer Ausreißer«, sagt Blum. »Im Nachhinein wird er oft als Visionär bezeichnet, aber es gab damals noch nicht die theoretischen Grundlagen, um seine weit reichende Aussage zu untermauern. So gab es zu Bronsteins Zeiten das Konzept des Schwarzen Lochs noch gar nicht.« Sein Gedankenexperiment sei zwar nachvollziehbar, aber es fehlte ein solider Ansatz, der Quantenphysik und allgemeine Relativitätstheorie miteinander vereint, an dem das exemplarisch gezeigt wird. Leider blieb dem Physiker trotz seines jungen Alters kaum noch Zeit, seine weitere Arbeit fortzuführen: 1937 wurde Bronstein im Zuge der stalinistischen Säuberungen im Alter von 30 Jahren verhaftet und kurz darauf getötet.

Mit diesem tragischen Ende lag auch das Gebiet der Quantengravitation gute 15 Jahre lang brach. Erst in den 1950er Jahren kam der Physiker John Wheeler auf ähnliche Schlüsse wie Bronstein, ohne von dessen Arbeiten gewusst zu haben. In dieser Zeit keimten drei grundlegend verschiedene Ansätze für eine Theorie der Quantengravitation auf, die in abgewandelter Form bis heute verfolgt werden. Mehrmals schien es, als stünde eine ausgearbeitete Theorie kurz bevor – doch jedes Mal gab es herbe Rückschläge, so dass bis heute eine quantenphysikalische Theorie der Schwerkraft fehlt.

Erste Schritte in Richtung Quantengravitation

Bereits in den 1930er Jahren hatten Bronstein und andere Kollegen den Fall einer flachen Raumzeit, also schwacher Gravitation, untersucht und quantisiert. Um auch die Raumzeitkrümmung in diesen Ansatz einzuführen, fügten Fachleute zunächst kleine Schwankungen zur flachen Geometrie hinzu. Ziel war es, diese Änderungen durch eine Quantentheorie auszudrücken. Das ist ein beliebter Ansatz in der Physik, der als Störungstheorie bezeichnet wird: Man beginnt mit dem denkbar einfachsten Spezialfall, der sich meist noch exakt lösen lässt (in diesem Fall die flache Raumzeit), und fügt dann nach und nach kleine Abweichungen hinzu, um kompliziertere Fälle zu betrachten.

Schnell fiel auf, dass sich die kleinen Störungen der flachen Raumzeit durch ein bestimmtes Teilchen beschreiben lassen, das so genannte Graviton. In diesem Bild ergibt sich die gekrümmte Raumzeit der allgemeinen Relativitätstheorie durch eine flache Geometrie, die durch das Graviton verformt wird. Ergebnisse dieses Wegs sollten sich in den 1980er Jahren schließlich mit der Stringtheorie verbinden lassen.

Infografik Renormierung
Renormierung | Messgrößen wie die Ladung eines Teilchens entsprechen nicht ihren tatsächlichen (»nackten«) Werten. Weil das Vakuum nicht leer ist und aus vielen kurzzeitig erscheinenden Teilchen-Antiteilchen-Paaren besteht, schirmen diese die Ladung eines Elektrons ab. Je mehr man sich dem Teilchen nähert, desto größer erscheint sie. Solche Effekte muss man berücksichtigen, wenn man die Gleichungen der Quantenfeldtheorien auswertet.

Einen anderen Ausgangspunkt für eine Quantengravitationstheorie bietet die so genannte kanonische Quantisierung. In diesem Fall wird die Raumzeit nicht in zwei Versionen (flach plus Störung) aufgeteilt, sondern soll als Gesamtes quantisiert werden. Dafür braucht man die grundlegenden Größen einer Theorie, etwa die Energiefunktion und einige Beobachtungsgrößen, und drückt diese quantenmechanisch aus. Auf diese Weise fließen die Unschärferelationen sowie die häppchenweise auftretenden Werte, die charakteristisch für die Quantenphysik sind, in die ursprünglich klassische Theorie ein. Ziel des kanonischen Ansatzes ist es, eine Art Schrödingergleichung zu finden, welche die zeitliche Entwicklung eines Systems beschreibt. Im Fall der Schwerkraft entspricht das betrachtete System aber nicht irgendwelchen Teilchen, sondern der Raumzeit. Dieser Ansatz führte in den 1980er Jahren schließlich zur Schleifenquantengravitation.

Der dritte Ansatz beruht auf so genannten Pfadintegralen. Bei dieser Methode erhält man eine Quantentheorie, indem man alle verschiedenen Möglichkeiten, wie sich ein System verändern kann, addiert. Für eine Quantengravitationstheorie müsste man daher alle möglichen Formen der Raumzeit summieren, um daraus abzuleiten, wie sich das Universum entwickelt. Dieser Zugang führte später zu Ansätzen wie der kausalen dynamischen Triangulation.

Damit hatten die Fachleute drei grundlegend verschiedene Wege, die sie für eine Theorie der Quantengravitation verfolgen konnten. Mittels aller drei Methoden lässt sich die Mechanik in die Quantenmechanik überführen. Entsprechend waren die Fachleute Ende der 1950er Jahre hoffnungsvoll, dass zumindest einer der Ansätze bei der Gravitation funktionieren würde. Und tatsächlich sahen die Ergebnisse in den folgenden zehn Jahren viel versprechend aus.

So konnte Feynman die ersten Quanteneffekte aus dem störungstheoretischen Ansatz ableiten. Zudem gelang es im Fall der kanonischen Quantisierung, die Energiefunktion aus Einsteins ursprünglichen Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie herzuleiten. Es schien nicht mehr viel für eine funktionierende Theorie der Quantengravitation zu fehlen.

Die Abwärtsspirale

Doch dann kamen die Rückschläge. Denn der störungstheoretische Ansatz führt bei allen Quantenfeldtheorien zu Problemen: In den mathematischen Termen tauchen unweigerlich Unendlichkeiten auf. Die Physiker Gerardus t'Hooft und Martinus Veltman untersuchten in den 1970er Jahren, wie sich diese Unendlichkeiten beheben lassen. Statt sich direkt der störungstheoretischen Gravitation zu widmen, begannen sie ihre Analyse an so genannten Yang-Mills-Theorien, zu denen unter anderem das Standardmodell der Teilchenphysik zählt. Es sollte eine Art Aufwärmübung sein.

Die beiden Forscher bewiesen, dass Yang-Mills-Theorien »renormierbar« sind. Das heißt: Indem man einige als konstant angenommene Werte wie die Elektronenmasse, Elektronenladung und die Wechselwirkungsstärke als veränderlich ansieht, lassen sich die Unendlichkeiten beseitigen. Was wie ein seltsamer Trick wirkt, lässt sich physikalisch rechtfertigen.

Wenn man die Ladung eines Elektrons bestimmt, tut man das in der Regel aus der Ferne. Nähert man sich dem Elektron an, spielen Quanteneffekte eine Rolle. Laut der Quantentheorie ist der leere Raum nie wirklich leer, ständig entstehen Teilchen-Antiteilchen-Paare, die sich sogleich wieder vernichten. In der unmittelbaren Umgebung eines Elektrons schwirren diese Paare herum und richten sich so aus, dass ihre Ladungen die des Elektrons abschirmen. Je weiter man sich einem Elektron also nähert, als desto größer stellt sich dessen wahre Ladung heraus. Demnach variiert die wahrgenommene Ladung eines Teilchens mit der Distanz, aus der man es betrachtet. Indem man das beachtet, verschwinden die Unendlichkeiten der störungstheoretischen Yang-Mills-Theorie.

Eine flache Raumzeit und kleine Störungen
Störungstheoretischer Ansatz | Es gibt verschiedene Ansätze, um die Gravitation zu quantisieren. Eine Möglichkeit besteht darin, von einer flachen Raumzeit auszugehen und kleine Störungen hinzuzufügenvgl. hier

Die Unendlichkeiten zeigen in diesen Fällen also nur an, dass etwas Wichtiges nicht bedacht wurde. Mit Hilfe der Renormierung konnten 't Hooft und Veltman viele Quantenfeldtheorien vor dem Untergang retten. Für dieses Ergebnis ihrer Aufwärmübung erhielten sie im Jahr 1999 den Nobelpreis für Physik.

Doch als die beiden Physiker im Jahr 1974 die störungstheoretische Gravitation mit ihrem Renormierungsformalismus untersuchten, stießen sie auf eine unangenehme Überraschung. Die unendlich großen Terme scheinen niemals zu versiegen. Wie sich herausstellt, müsste man unendlich viele Variablen renormieren, damit die Theorie endlich bleibt. Damit war klar: Die allgemeine Relativitätstheorie ist aus störungstheoretischer Sicht nicht renormierbar – die Unendlichkeiten bleiben immer bestehen. Das versetzte dem Ansatz, bei dem kleine Störungen einer flachen Raumzeit hinzugefügt werden, den Todesstoß. Die einzige Möglichkeit, diese Methode zu retten, besteht darin, eine neue Theorie der Schwerkraft zu finden.

Auch der kanonische Zugang zur Quantengravitation mündete in den 1970er Jahren in eine Sackgasse. Bei diesem Ansatz versuchte man, anhand der Energiefunktion eine Art Schrödingergleichung aufzustellen, mit der sich die zeitliche Entwicklung des Universums berechnen lässt. Dazu stellten sich die Fachleute einen extrem abstrakten Raum vor, dessen Punkte jeweils einer möglichen Geometrie der Raumzeit entsprechen. Die Energiefunktion sollte bestimmen, wie man sich durch diesen Raum bewegt, also wie sich die Geometrien der Raumzeit nach und nach verändern.

Bei den übrigen Grundkräften erwies sich der kanonische Ansatz als erfolgreich. Allerdings nimmt die Energiefunktion für die allgemeine Relativitätstheorie eine völlig andere Form an als in den anderen Fällen. Durch die vielen Symmetrien der Raumzeit gibt es beispielsweise etliche Wahlfreiheiten, gleichzeitig müssen die Formeln für eine passende Theorie zahlreiche Bedingungen erfüllen. Als Fachleute diese auswerteten, stellten sie mit Erschrecken fest, dass die Zeitvariable aus den Formeln verschwindet. Demnach gibt es in der Theorie keine Zeitentwicklung. Tatsächlich gilt das bereits für die klassische Theorie der Schwerkraft, nicht für die quantisierte. Das löste Diskussionen darüber aus, ob man sinnvolle Physik ohne eine zeitliche Größe machen könnte.

Ein Würfel, der in viele kleine Würfel unterteilt ist
Kanonischer Ansatz | Beim kanonischen Zugang zu einer Quantengravitationstheorie wird der der so genannte Zustandsraum in kleine Häppchen (hier: Würfel) aufgeteilt. Jeder Punkt im Zustandsraum entspricht einer bestimmten Form, welche die Raumzeit annehmen kann.

Nur beim dritten Ansatz der Quantengravitation, dem Feynman-Pfadintegral, gab es zu jener Zeit Fortschritte, die Hoffnung aufkommen ließen. Verantwortlich dafür war vor allem Stephen Hawking, der Quantenteilchen in einer gekrümmten Raumzeit untersuchte. Dabei erkannte er, dass sich die Summe über alle Raumzeitgeometrien sehr einfach berechnen lässt, wenn man vier Raumkoordinaten statt einer Zeit- und drei Raumkoordinaten betrachtet. Was zunächst viel versprechend wirkte, führte allerdings auch in einer Sackgasse. Denn der Ansatz ließ sich nicht für Systeme mit einer zeitlichen Koordinate verallgemeinern.

Damit steckte die Quantengravitation Ende der 1970er Jahre in einer Krise. Und es war keine naheliegende Lösung in Sicht.

Neue Hoffnung keimt auf

Mitte der 1980er Jahre schien sich das Blatt zu wenden. Nachdem der störungstheoretische Ansatz begraben wurde, erwachte eine alte Idee wieder zum Leben: die der Stringtheorie, eine Quantentheorie von eindimensionalen Fäden, die sich durch die Raumzeit bewegen. Fachleute hatten dieses Modell zwei Jahrzehnte zuvor genutzt, um zu beschreiben, wie Protonen und Neutronen im Atomkern miteinander wechselwirken. Diese Form der Stringtheorie wurde jedoch durch die Quantenfeldtheorie der starken Kernkraft abgelöst, die Quantenchromodynamik.

Den Forschenden war jedoch aufgefallen, dass die Fäden in der Stringtheorie nicht nur die Verbindung von Quarks modellieren, sondern manche Schwingungen der Objekte die Eigenschaften eines Gravitons aufweisen. So keimte die Hoffnung auf, dass auch die anderen Teilchen – Quarks, Gluonen, Elektronen und so weiter – aus den verschiedenen Vibrationen der Strings hervorgehen könnten. Und es schien, als ließe sich die Theorie renormieren. Das war die Geburtsstunde der Stringtheorie als Kandidat für eine Weltformel. Die Stringtheorie beschreibt eine kontinuierliche Raumzeit, in der sich die eindimensionalen Fäden bewegen, und kann einige Ergebnisse der störungstheoretischen Quantengravitation reproduzieren, die Feynman vorangetrieben hatte.

Tatsächlich geht die Stringtheorie weit über den störungstheoretischen Ansatz hinaus. Anstatt bloß eine Quantenversion der Schwerkraft zu bieten, könnte sie alle Grundkräfte miteinander vereinen. Dass sich die Gravitation vielleicht nur in Verbindung mit den anderen Kräften quantisieren lässt, ist nicht völlig abwegig: Die Quantenfeldtheorie der schwachen Kernkraft lässt sich beispielsweise nur in Kombination mit der Elektrodynamik entwickeln. So erhält man die elektroschwache Theorie.

Schnell tauchten aber erste Schwierigkeiten auf. Die Stringtheorie funktioniert beispielsweise nur mit einer zehn- oder höherdimensionalen Raumzeit. Da wir nur drei Raumdimensionen wahrnehmen, schlossen die Fachleute, dass die übrigen sechs ganz klein aufgewickelt sein müssten. Je nachdem, zu welcher Form sie komprimiert sind, ergeben sich andere Gesetzmäßigkeiten. Aufgabe ist es daher, jene Formen zu finden, die zu unserer beobachteten Welt passen. Die Theorie hat weitere Überraschungen parat: Sie sagt zu jedem der bekannten Elementarteilchen ein Partnerteilchen voraus, von denen bisher noch kein einziges beobachtet wurde. Dennoch stieg das Interesse an der Stringtheorie in den 1980er Jahren stark an, als klar wurde, dass sie offenbar eine störungstheoretische Formulierung erlaubt.

 
Viele verschiedene Raumzeitformen, die durch ein Pluszeichen verbunden sind
Pfadintegral-Quantisierung | Um die Theorie der Schwerkraft in eine Quantentheorie zu verwandeln, kann man alle möglichen Geometrien der Raumzeit durch ein so genanntes Pfadintegral summieren.

Zugleich erlebte auch der kanonische Ansatz einen Aufschwung, als der Physiker Abhay Ashtekar eine neue Möglichkeit fand, um die Zeitentwicklung in der allgemeinen Relativitätstheorie zu untersuchen. Anstatt einen abstrakten Raum mit allen möglichen Geometrien einer Raumzeit zu untersuchen, wandte sich Ashtekar einer anderen Größe zu, dem so genannten Zusammenhang. Dieser beschreibt, wie sich ein Vektor (oft als Pfeil dargestellt) ändert, wenn man ihn entlang einer gekrümmten Oberfläche bewegt. Über den Zusammenhang lässt sich die Krümmung der Raumzeit ermitteln, die in der Mathematik üblicherweise durch die so genannte Metrik beschrieben wird. Durch diesen Wechsel von der Metrik zum Zusammenhang erkannte Ashtekar, dass die Energiefunktion und der zu Grunde liegende Raum, durch den die verschiedenen Geometrien des Universums codiert sind, einer Quantentheorie ähneln.

Den endgültigen Durchbruch beim kanonischen Ansatz lieferte ebenfalls eine ältere, bereits verworfene Theorie. Der Physiker und Nobelpreisträger Kenneth Wilson hatte 1974 Schleifen eingeführt, um die Vorgänge der starken Kernkraft jenseits der Störungstheorie zu beschreiben – also dann, wenn die starke Kernkraft wirklich stark ist. Wie sich herausstellte, führt das mathematische Konzept der Schleifen auf einer flachen Raumzeit jedoch zu Problemen. Die Physiker Ted Jacobson und Lee Smolin erkannten 1988, dass diese Schleifen für eine Theorie der Schwerkraft funktionieren, die ohne eine zu Grunde liegende Raumzeit auskommt, sondern die Raumzeit selbst beschreibt. Indem man den abstrakten Raum durch Schleifen ausdrückt, lässt sich die Theorie quantisieren. Damit war die Schleifenquantengravitationstheorie geboren.

Auf Basis dieser neuen Formulierung ließen sich 1992 erstmals konkrete Berechnungen durchführen. So leitete der Physiker Carlo Rovelli zusammen mit Ashtekar und Smolin die Struktur der Raumzeit gemäß der Theorie her. Demnach besteht sie aus einer Art Gewebe mit schaumartiger Struktur. Damit sagt die Schleifenquantengravitation eine diskrete Raumzeit voraus. Wenige Jahre später zeigten Forschende, dass gewisse geometrische Größen wie Flächen oder Volumen nur häppchenweise vorkommen, also quantisiert sind.

Auch im dritten Bereich, der Pfadintegral-Quantisierung, gab es in den 1990er Jahren Fortschritte. Der mathematische Physiker Edward Witten, der im Bereich der Stringtheorie forscht, quantisierte eine dreidimensionale Version der allgemeinen Relativitätstheorie (mit nur zwei Raum- und einer Zeitdimension) mit Hilfe der Pfadintegrale.

Erste Vorhersagen

Zu jener Zeit lieferten die verschiedenen Ansätze der Quantengravitationen erste Ergebnisse. Wieder keimte die Hoffnung auf, eine vereinheitlichte Theorie könnte kurz bevorstehen. Doch wie in den Jahrzehnten zuvor gab es auch dieses Mal Rückschläge.

Mit fortschreitender Computerleistung entwickelte sich aus dem Pfadintegral-Ansatz ein neues Gebiet: das der kausalen dynamischen Triangulation. In diesem werden, wie zuvor auch, alle möglichen Raumzeitgeometrien summiert. Allerdings gehen die Fachleute dabei nicht von einer kontinuierlichen Struktur aus, sondern von einer gekörnten. Die Raumzeit wird durch eine Art Gitter aus winzigen Dreiecken angenähert, damit sie ein Computer verarbeiten kann.

Auch bei der Stringtheorie und der Schleifenquantengravitation gab es einen Durchbruch – bemerkenswerterweise fast gleichzeitig. 1996 konnten beide Theorien ein zentrales Ergebnis reproduzieren, das Stephen Hawking in den 20 Jahre zuvor bewiesen hatte. Als Hawking das Verhalten von Quantenteilchen in stark gekrümmten Räumen rund um Schwarze Löcher untersucht hatte, erkannte er – zusammen mit seinem Kollegen Jacob Bekenstein – eine seltsame Eigenschaft von Schwarzen Löchern, die sie von allen anderen Objekten im Universum zu unterscheiden scheint: Ihre Entropie wächst mit ihrer Fläche statt ihrem Volumen. Seither war klar, dass eine Theorie der Quantengravitation dieses Resultat liefern muss. Dass sowohl die Stringtheorie als auch die Schleifenquantengravitation dieses Verhalten vorhersagen, löste großen Enthusiasmus aus.

Doch die Zeit der gemeinsamen Feierlichkeiten währte nicht lange. Denn schon bald brach einer der größten Konflikte aus, den die Welt der Physik je gesehen hat.

Die friedlichen Zeiten sind vorbei

Seit ihren Anfängen in den 1980er Jahren wuchs das Feld der Stringtheorie in den USA sehr schnell an – viel rascher als die anderen Ansätze für Theorien der Quantengravitation. »Das liegt unter anderem an den Grundlagen der Stringtheorie, die von der Teilchen- und Hochenergiephysik kommen«, erklärt Blum. Durch das Manhattan-Projekt hatte die Politik ein großes Interesse an Forschung in diesen physikalischen Bereichen und förderte entsprechende Vorhaben. »In den 1970er Jahren war die Arbeit am Standardmodell der Teilchenphysik so gut wie abgeschlossen«, sagt Blum. Viele Fachleute suchten nach neuen Herausforderungen und wandten sich daher der Stringtheorie zu. So wuchs der Bereich zu einem »übermächtigen Apparat« an, führt Blum aus: »Die Community der allgemeinen Relativitätstheorie, aus der letztlich die Schleifenquantengravitation entstand, war zum Beispiel viel kleiner.«

Trotz ihrer Größe war die Stringtheorie nicht von Erfolgen gekrönt, sondern machte schwer wiegende Probleme: Die Vorhersagen deckten sich nicht mit den Messungen. Zum Beispiel sagte die Theorie eine »R-Symmetrie« voraus, die sich durch bestimmte Teilchenzerfälle äußern sollte. In Experimenten konnten diese allerdings nicht nachgewiesen werden. Also veränderten Stringtheoretiker ihre Modelle, damit sie wieder zu den Beobachtungen passten. Gleiches geschah, als die vorhergesagten Partnerteilchen ausblieben. Stets schien es eine Stellschraube zu geben, an der man drehen konnte, um die erwarteten Belege zu rechtfertigen. Einige Kritiker zweifelten daher zunehmend an der Wissenschaftlichkeit des Bereichs überhaupt.

Und auch die zehndimensionale Raumzeit, welche die Theorie vorhersagt, wuchs 2003 zu einem weitaus größeren Problem an als geahnt. Wie sich damals herausstellte, gibt es extrem viele verschiedene Möglichkeiten – etwa 10500, wie die überschüssigen Raumdimensionen aufgerollt sein könnten. Jede entspricht einer Beschreibung eines Universums. »Das Problem ist nicht unbedingt die schiere Anzahl«, sagte die Physikerin Sabine Hossenfelder zu Arte, »sondern dass bisher keine Lösung gefunden wurde, die unserem Universum entspricht.« Da sich bisher nicht bestimmen lässt, welche Variante mit unserer Welt übereinstimmt, sagen manche Stringtheoretiker, dass sie alle realisiert sein könnten – und wir in einem Multiversum leben.

Trotz all dieser Rückschläge hatten zahlreiche Stringtheoretiker wissenschaftliche Lehrstühle an Universitäten inne, produzierten viel zitierte Veröffentlichungen, bekamen Forschungsgelder und gewannen Preise. Allerdings sind die Ressourcen in der Wissenschaft – insbesondere in der Grundlagenphysik – stark begrenzt. Kein Wunder also, dass schon bald ein Streit ausbrach.

»Das wird einfach immer unverschämter und lächerlicher«, beschrieb Peter Woit seine Gedanken, die er im Jahr 2004 hatte, im Magazin »Nautilus«. Er startete damals einen Blog, in dem er Kritik an der Stringtheorie übte. »Es gab diese riesige öffentliche Werbung für die Theorie, all diese Aussagen, wie wunderbar die Stringtheorie ist … Doch sie funktionierte nicht.« Sein Hauptkritikpunkt war – und ist noch heute, dass die Theorie keine überprüfbaren Vorhersagen macht.

Die Situation eskalierte, als 2006 zwei Bücher erschienen, die aus diesem Grund hart mit der Stringtheorie ins Gericht gingen: »Not even wrong« von Woit und »The trouble with physics« von Smolin. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Einige Stringtheoretiker reagierten heftig auf die beiden Werke. Besonders Lubos Motl, der kurze Zeit später seinen Lehrstuhl an der Harvard University verließ, überschlug sich mit persönlichen Angriffen. Auch andere bekannte Größen der Stringtheorie ließen ihrem Unmut freien Lauf. In Zeitungsartikeln, auf Konferenzen und online feindeten sich beide Seiten an. »Wie viele andere verfolgte ich die Entwicklung wie eine Boulevardzeitung. Es war die Physikversion von Big Brother oder den Kardashians«, resümierte der Physiker Abhishek Agarwal, Redakteur bei der renommierten Fachzeitschrift »Physical Review Letters«.

»Die Diskussion versiegte in den 2010er Jahren schließlich«, sagt Blum. Viele Fachleute waren zuvor davon ausgegangen, dass der 2010 in Betrieb genommene Teilchenbeschleuniger LHC am europäischen Kernforschungszentrum CERN die von der Stringtheorie vorhergesagten Partnerteilchen nachweisen würde. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. Bis heute gibt es keinen Hinweis auf eine Supersymmetrie. »Die Stringtheorie ist spektakulär. Viele Stringtheoretiker sind wunderbar. Aber die Erfolgsbilanz für qualitativ korrekte Aussagen über das Universum ist wirklich miserabel«, sagte der Physiker Nima Arkani-Hamed 2024 zu »Quanta Magazine«.

Leider blieben auch andere Hinweise auf eine Physik jenseits des Standardmodells aus. »Dadurch geriet die Grundlagenphysik allgemein unter Druck«, sagt Blum, »nicht nur die Stringtheorie.« Plötzlich spielten die internen Streitigkeiten von Quantengravitationstheoretikern keine so große Rolle mehr, als sich außerdem Physiker aus anderen Gebieten wie der Festkörperphysik über die Vergabe von Forschungsgeldern beschwerten.

Nach der Krise ist vor der Krise

Was hat sich seither im Bereich der Quantengravitation getan? »Noch immer sind die Stringtheorie und die Schleifenquantengravitation die wichtigsten Vertreter, wenn man die Größe der Community betrachtet«, bilanziert Blum. Doch beide Gebiete scheinen seit mehreren Jahren zu stagnieren. »Die vollmundigen Ankündigungen, wie es sie in den 1990er Jahren gab, bleiben inzwischen aus«, erklärt der Wissenschaftshistoriker. Angesichts der Kritik, die es in der Vergangenheit gegeben hatte, lehnen sich die Forschenden nicht mehr so weit aus dem Fenster. »Auch der Wissenschaftsjournalismus ist in den Bereich zurückhaltender geworden«, sagt Blum.

Rollentausch

Seit den so genannten »String wars« haben sich die Gemüter beruhigt, wie eine 2014 stattgefundene Konferenz in Puerto Rico verdeutlicht. Dort wurden Carlo Rovelli, einer der berühmtesten Vertreter der Schleifen-Quantengravitation, und der renommierte Stringtheoretiker Raphael Bousso auf die Bühne geholt und gebeten, jeweils ein Plädoyer für die Gegenseite zu halten. Herauskam eine freundliche und voller Witze und Ironie geführte Debatte, bei der die beiden Physiker auf die Schwächen der jeweiligen Theorien eingingen.

In den vergangenen Jahren hat sich der Fokus vieler Stringtheoretiker verschoben. Statt weiterhin nach einer Weltformel zu suchen, widmen sich viele der Anwendung stringtheoretischer Konzepte auf andere Bereiche wie die Kernphysik oder die Festkörperphysik. Die Grundlage dafür legte eine Entdeckung, die der argentinische Physiker Juan Maldacena im Jahr 1997 machte. Er fand eine Verbindung zwischen einer fünfdimensionalen Raumzeit mit Quantengravitation (einer einfachen Version der Stringtheorie) und einer bestimmten Quantenfeldtheorie ohne Schwerkraft, die sich auf deren vierdimensionalem Rand abspielt. Diese als AdS-CFT-Korrespondenz bekannte Verbindung wird seither intensiv erforscht und lässt sich etwa zur Beschreibung von Phasenübergängen nutzen – für eine Quantengravitationstheorie eignet sie sich hingegen bislang nicht.

Auch die Schleifenquantengravitation scheint festzustecken. Sie liefert keine Vorhersagen, die sich in naher Zukunft überprüfen ließen. Ebenso ist unklar, ob sich die Modelle der Raumzeit, die sich aus der Theorie ergeben, mit den von uns beobachteten Symmetrien decken.

Da die zwei bisherigen Favoriten nicht weiterkommen, wenden sich Fachleute nun vermehrt anderen Herangehensweisen zu. »Mit der Krise der spekulativen Ansätze bekommen bescheidenere Ideen Aufwind«, erklärt Blum. So sei beispielsweise die »asymptotische Sicherheit« ein wachsender Bereich, der ohne zusätzliche Teilchen oder Raumdimensionen auskommt. »Die Hauptschwierigkeit ist bei allen Theorien aber die mathematische Komplexität«, sagt Blum. »Man muss die atomistische Materie mit einer kontinuierlichen Raumzeittheorie verbinden.« Die Stringtheorie tut das, indem sie auf eindimensionale Fäden zurückgreift, die Schleifenquantengravitation hingegen durch eine gekörnte Raumzeit.

Wieder andere, wie der Physiker John Oppenheim, verfolgen einen völlig abweichenden Gedanken. Oppenheim vertritt die unkonventionelle Ansicht, dass die Schwerkraft überhaupt nicht den Gesetzen der Quantenphysik folgt, sondern sich auch weiterhin durch eine klassische Theorie beschreiben lässt. »Im Prinzip folgt er damit dem allgemeinen Trend, einen minimalistischen Ansatz zu wählen«, stellt Blum fest, »nachdem jahrzehntelang ausladende Spekulationen die Nase vorne hatten.« 

 

 

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                         zu   öffentliche Angelegenheiten aus derStandard.at, 11. 9. 2026                                            Modern...