zu öffentliche Angelegenheiten...an die erste Stelle setzt, weil Deutschland nur in Europa gedeiht.
dreamstimeIm Grunde, so Bulthaup, müssten die „Ansätze“, sofern sie Facetten desselben Objekts entfalten, auch wenn sie einander widersprechen, in der Erkenntnis ihres Gegenstands zusammenstimmen. Tatsächlich aber zeige die „zu erkennende Sache“ den Erkennenden „so viele voneinander unabhängige Seiten, wie sich ‚Ansätze‘ zu ihr erfinden lassen“.

Solche leere Vielfalt kennt keinen am Objekt ausgetragenen Dissens: „Statt in der Erkenntnis der Sache zu konvergieren, spannen die ‚Ansätze‘ ‚Ebenen‘ auf, auf denen die Sache auf jeder ‚Ebene‘ ganz anders erscheint. Die Verschiedenheit der ‚Ebenen‘ garantiert, dass die verschiedenen Ansichten der Sache nicht untereinander in Konflikt geraten, und das heißt dann Pluralismus.“ Weil er in diesem Schwund des Objektbezugs eine Selbstzerstörung des Denkens erblickt, interessiert sich Bulthaup für den Deutschen Idealismus als historisch letzten Versuch der Selbstverpflichtung des Denkens auf die Erkenntnis unteilbarer Wahrheit. Bulthaups Stärke besteht darin, dass er historisch gewordene philosophische Begriffe vor allem Hegels aus ihrer Höhenluft zurückführt in die Wirklichkeit, in der sie geprägt wurden.
Das betrifft zuvorderst die Beziehung, die der Deutsche Idealismus in seinen erkenntnistheoretischen Reflexionen zu den Naturwissenschaften unterhielt. So veranschaulicht Peter Bulthaup Georg Wilhelm Friedrich Hegels Gedanken, dass der „Anfang“ seine „Wirklichkeit“ in dem habe, „was er nicht selbst ist, dessen Anfang er aber ist“, an Einsichten über die stoffliche Beschaffenheit des Wassers in der ionischen Naturphilosophie, die Grundlage neuzeitlicher Naturwissenschaft wurden: „Das Eis entsteht durch Verdichtung aus Wasser, und das Gasförmige, nämlich der Wasserdampf, entsteht durch Verdunstung des Wassers. Doch nicht nur das Eis und der Wasserdampf entstehen nach Thales unmittelbar aus dem Wasser, sondern alles Feste und Gasförmige … hatte das Wasser als Grundstoff … alle verschiedenen Aggregatzustände, die in der Erfahrung angetroffen werden können, … waren damit auf denselben Grundstoff zurückgeführt.“
Desgleichen erläutert er die Klassifikation der Tierarten in Rekurs auf Hegels Erwägungen über die Relation zwischen Identität und Differenz: „‚Alle Tiere‘ sind kein Gegenstand möglicher Untersuchung, denn … die Zoologie beginnt erst dort, wo ‚alle Tiere‘ unterschieden werden nach Gattungen und Arten. Für die Wissenschaft sind nun die unterschiedenen Tierarten jeweils einzelne Gegenstände“, aber, so Hegel, „sie sind es nur durch die Unterscheidung; und da die Unterscheidung in das urteilende Subjekt fällt, sind sie als unterschiedene Arten im Subjekt zusammengefasst“.
In solchen Mikrostudien führt Bulthaup weiter, was er in seiner im Jahr 1973 veröffentlichten Arbeit „Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften“ begonnen hatte. Er räumt mit dem positivistischen Mythos der Empirieferne der von Hegel sich bis in die Kritische Theorie fortschreibenden dialektischen Kritik auf, indem er deren verkapselten Erfahrungsreichtum entfaltet. Dabei ist seine Darstellung bei aller Dichte so gegenstandsnah und zugänglich geschrieben, dass sie auch Laieninteressierten zu empfehlen ist, für die sie dem Anspruch nach konzipiert wurde.
aus derStandard.at, 16. Dezember 2025 Keramik der Halaf-Kultur aus der Sammlung des British Museum in
London. zu Geschmackssachen, zu Jochen Ebmeiers Realien
Halaf-Kultur
Archäologen wollen älteste Evidenz für mathematisches Denken entdeckt haben
Die weltweit
frühesten botanischen Darstellungen auf 8000 Jahre alten Keramiken
enthalten laut einer neuen Studie auch Mathematik
Als der Beginn der Mathematik gelten praktische Zähl- und Maßaufgaben, die vor rund 5000 Jahren im Alten Babylonien gelöst wurden. Hierfür wurden Tontafeln benutzt, die sich im Übrigen viel länger hielten als die Papyrusrollen der Alten Ägypter. Die waren dann die zweite Hochkultur, die sich mit alltagspraktischen Berechnungen herumschlug.
Erst mit den großen griechischen Mathematikern wie Thales oder Pythagoras wurde die Mathematik mittels Beweisen und Lehrsätzen zur abstrakten Wissenschaft. Durch Euklids Buch Elemente aus dem dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erhielt dieses Denken eine axiomatische Fassung. In der Neuzeit kam es durch Descartes, Newton und Leibniz sowie durch Algebra und Analysis zu weiteren Abstraktionen des mathematischen Denkens.
Nun wollen zwei israelische Archäologen die Vor- und Frühgeschichte des mathematischen Denkens und der archäologischen Evidenz neu schreiben und gleich um ein paar Jahrtausende vorverlegen. Yosef Garfinkel und Sarah Krulwich (beide von der Hebräischen Universität Jerusalem) behaupten, dass rund 8000 Jahre alte botanische Kunstwerke auf bemalter Keramik aus der Halaf-Kultur Nordmesopotamiens mathematische Konzepte enthalten.
Wie Garfinkel und Krulwich im Journal of World Prehistory vermuten, hatten diese floralen Motive mehr als nur ästhetische Bedeutung. Sie würden ein bemerkenswert ausgefeiltes Verständnis von Zahlen, Raum und Ordnung zeigen.
Für ihre Studie analysierten die beiden die fein gearbeiteten Keramikgefäße, die von den Angehörigen der Halaf-Kultur hergestellt wurden, die zwischen etwa 5700 und 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung als Kleinbauern im heutigen Irak, Syrien und der Türkei lebten. Während die prähistorische Kunst von Darstellungen von Menschen und Tieren dominiert wurde, zeigen halafische Töpferwaren eine deutliche Vorliebe für die Darstellung der Pflanzenwelt.
Auf Schalen und Krügen sind häufig Blumen, Sträucher, Zweige oder Bäume zu finden und werden mit einem ausgeprägten Sinn für Ausgewogenheit dargestellt. Garfinkel und Krulwich analysierten hunderte dieser botanischen Motive auf der Keramik aus 29 archäologischen Stätten der Halaf-Kultur. Während einige dieser Darstellungen eine starke Ähnlichkeit mit realen Pflanzen aufweisen, sind andere Motive sehr stilisiert.
Alle freilich zeigen eine bewusste Komposition und Symmetrie. Dies deutet laut den Forschenden darauf hin, dass diese Motive wahrscheinlich Teil einer gemeinsamen Bildsprache waren und nicht nur der Dekoration dienten. Einer der spannendsten Aspekte der neuen Untersuchungen ist der Nachweis der wiederholten Verwendung numerischer Muster in Blumenmotiven.
Viele Gefäße zeigen Blumen mit Blütenblättern, die in geometrischen Reihen angeordnet sind, in Gruppen von 4, 8, 16, 32 und in einigen Fällen sogar 64 Elementen. Solche klar abgegrenzten Reihenfolgen deuten auf die Fähigkeit hin, Räume gleichmäßig aufzuteilen, sowie auf ein Verständnis von Verdopplung und proportionaler Ordnung. Dies, so die Autoren der Studie, weist auf eine Form der Arithmetik hin, die älter ist als die Entwicklung der Schrift oder der formalen Mathematik in Mesopotamien.
All diese Fähigkeiten lassen sich wahrscheinlich auf den frühbäuerlichen Alltag zurückführen. Das Leben in landwirtschaftlichen Gemeinschaften erforderte die Aufteilung von Land, die Aufteilung der Ernte und die Organisation gemeinschaftlicher Arbeit. Es sei laut Garfinkel und Krulwich wahrscheinlich, dass dieselben kognitiven Fähigkeiten, die für diese Aufgaben eingesetzt wurden, auch bei der Keramikdekoration zu beobachten sind, wo Symmetrie und Wiederholung erforscht und verfeinert werden konnten.
Interessanterweise handelt es sich bei den pflanzlichen Motiven nicht um Dinge wie Weizen oder Gerste, die konsumiert werden konnten. Stattdessen gehören dazu Blumen und Bäume, die eher wegen ihrer Schönheit als wegen ihrer Nützlichkeit geschätzt worden sein dürften, wie Garfinkel und Krulwich vermuten. Und in dieser besonderen Ästhetik sei überraschend viel Mathematik enthalten, wie die beiden resümieren.
Mathematisches Denken scheint also nicht plötzlich mit den ersten schriftlichen Aufzeichnungen in der späteren sumerischen Gesellschaft aufgetaucht zu sein, sondern dürfte sich bereits Jahrtausende früher durch visuelle Praktiken im Zusammenhang mit dem täglichen Leben entwickelt haben.
zu öffentliche AngelegenheitenDas ist, was für uns Deutsche den Ausschlag gibt.
Europa hat, wie üblich, den faulem Kompromiss gewählt. Faktisch, nämlich peku-niär, macht es für die Unkraine vorläufig keinen Unterschied; sie kriegen, was sie brauchen.
Doch symbolisch ist es von Gewicht. Sie haben Trumputin ihre Kehrseite gezeigt - aber mit dem Untertitel: Tritt feste zu!
Beigabe.
Ich habe ihn jahrelang als untoten Wiedergänger verspottet, und so, wie man ihn kannte, musste man meinen, er suche seine zweite Chance in der Politik nur aus Geltungsgründen. So hat er sich aber bis-lang dann doch nicht gezeigt.
In der Sache hat er sich noch nichts zuschulden kommen lassen. In der Form hat er gezeigt, dass er nicht wieder ganz dazugehört. Aber das darf man ihm zugute halten. Er tut, was er sachlich für gebo-ten hält, wem er dabei auf den Schlips tritt, kümmert ihn nicht: Das weist ihn aus als einen, der kein echter Parteipolitiker ist.
So einen brauchen wir als Bundeskanzler.
Er muss bereit sein, sich seine Mehrheit zu erkämpfen. Frau Merkel hat immer vorab dafür gesorgt. Das hat man ihr dann zum Vorwurf gemacht. Und man sieht, was ihr geblüht hätte, hätte sie's im Herbst 2015 auch so gehalten...
Der Sozialarbeiter ist folglich auch nicht mehr Wegweiser, sondern helfender Bera-ter. Das Leben ist so unübersichtlich geworden, daß sich keiner mehr in allen Le-bensbereichen gleichermaßen gut zurechtfindet. Irgendwo, irgendwann ist jeder mal auf einen Experten angewiesen: Rechtsberatung, Steuerberatung, Schönheitsbera-tung, Gesundheitsberatung, Vermögensberatung… Und eben immer öfter auch: Beratung in Fragen der persönlichen Lebensführung; des Zusammenlebens zumal. Denn hier ist nun nichts mehr selbstverständlich. Wie eine ‘richtige Familie’ auszu-sehen hat, traut sich nichtmal mehr der Gesetzgeber zu sagen. Was früher als siche-rer Hafen und ruhender Pol gegolten hat, ist heute der riskante Teil des Lebens par excellence.
Der
helfende Berater ist nurmehr regulativ wirksam, als ein Faktor unter
vielen andern in einem vielfältig bedingten Prozeß; nicht mehr normativ
als einer, der einen Zustand herbeiführt nach Maßgabe eines fixierten
Solls.
Darum
ist sein Wirken immer ad hoc. Der gegebene Rat ‚greift ein’ in den
aktuellen Lebenslauf – die Auseinandersetzung des Ratsuchenden mit sich
und den anderen. Den Interaktionsfluß unterbrechen, den Ratsuchenden
‚aus dem Verkehr ziehen’, um ihn in einem – künstlich – dafür eigens
eingerichteten Milieu (der ‚Station’) ei-nem erdachten Behandlungsplan zu
unterziehen und ihn hernach in seine – ihrer-seits un'behandelte' –
Lebenswelt zurückzuversetzen: das kann nur ausnahmsweise Sache der
Sozialarbeit sein, und ähnelt eher dem Eingriff des Arztes. Der gegebene
Rat des Sozialarbeiters ist immer nur so gut wie das, was der
Ratsuchende daraus macht, und zwar zuerst einmal hier und jetzt. Der
‚günstigste Zeitpunkt’ ist immer der, wo der Verirrte merkt, daß er einen Rat braucht: wenn die Nachfrage ‚sich zeigt’. Just in place und just in time müssen das Motto der Sozialarbeit sein. Per Definition ist sie dynamisch – und also nicht „stationär“.
Und
will sie den Bedarf an helfender Beratung ‚erkennen’ können, so muß sie
sich dort aufhalten, wo er ‚sich zeigt’: in den Wohngebieten…
singuläres Ereignis
Der
Ausdruck „Defizit“ hat damit keinen Sinn mehr in Hinblick auf eine zu
erfül-lende Norm, sondern nur noch gemessen an dem je singulären
Lebensplan des Ratsuchenden. Der Berater mag ihn in seinem Kopf haben,
solange er noch auf der Suche ist nach einer Einsicht in das besondere
Lebensproblem seines Kunden. Aber gegenüber einem Dritten kann er ihn
sinnvoll nicht mehr aussprechen. Ich schlage vor, ihn ganz aus unserm
Repertoire zu streichen.
Das
gilt übrigens für alle klassifikatorischen und „diagnostischen“
Vokabeln. Sie haben, wenn überhaupt, nur noch den Sinn, mir einen Zugang
zum Problem des Andern zu öffnen. Sie sind ein Geländer, an dem ich
mich ins Durcheinander eines fremden Lebens vortaste. Stehe ich erst
einmal mittendrin, kann ich loslassen und mit meinen eigenen Augen
sehen. Seh-, Denk- und Verständnis-Prothesen brauche ich dann nicht
mehr. Und einem Dritten brauche ich sie schon gar nicht mitzutei-len…
Helfende Beratung ist nämlich, wenn sie zustandekommt, per-sonale Begegnung. Das ist im-mer ein singuläres
Ereignis, das sich seiner Natur nach nicht wiederholen, und auch keinem
Außenstehenden adäquat mit-teilen läßt. Positive Regeln, „wie man sowas
macht“, gibt es na-turgemäß nicht. Man muß es versuchen, und dann wird
man sehen, ob es gelang. Allerdings ist es ratsam, dabei Regeln zu
beachten ; doch keine positiven, erfolgverheißenden, sondern kritische,
‚apagogische’ – solche, die mich in Schutz nehmen gegen einige allzu
bekannte Fehlerquellen, als da sind: die Gutgläu-bigkeit gegenüber der
Stimme des eignen Herzens; die Selbstverständlichkeiten einer
wohlmeinenden Öffentlichkeit; meine eigenen Standesinteressen, die sich
gern als ‚das Bedürfnis des Klienten’ tarnen – und gegen das, was ich
in den Büchern ge-lesen habe…
Artisten
Wer
diesen Beruf ergreift, sollte wissen, daß er sich auf ein Abenteuer
einläßt. Es ist ein Wagnis, das sich jeden Tag wiederholt: Er muß sich
in jeder Situation neu ent-scheiden, hinter jeder Wegbiegung mit einer
Überraschung rechnen und in jedem Moment bereit sein, die Pläne von
gestern umzustoßen.
Er muß vom Typus her ein Unternehmer sein.
Menschen
dieses Typus haben es im Öffentlichen Dienst bekanntlich schwer. Denn
der vertritt die Belange der Allgemeinheit, nicht die singulären
Anliegen von Privat-leuten. Er muß – im demokratisch-repräsentativen
Gemeinwesen zumal – auf Re-gelhaftigkeit, Vorschrift, Sicherheit und
Berechenbarkeit bedacht sein, und das im Interesse eines Jeden von uns.
Denn wie anders wäre eine rechtsstaatliche Verwal-tung möglich?
Ich
stimme nicht die tausendunderste Jeremiade über eine schlimme Bürokratie
an. Ein Grundbestand von Bürokratismus ist für den Rechtsstaat
unerläßlich, man kann den einen nicht ohne den andern haben.
Daß
dieser Grundbestand hier und anderswo weit überschritten wird, bin ich
zu bestreiten weit entfernt; aber das ist ein allgemein
gesellschaftspolitisches Thema, doch kein Fachproblem der Sozialarbeit,
und stellt sich bei Daimler und IBM nicht minder. Das Kreuz mit dem
Öffentlichen Dienst ist bloß, daß es dort kein Gegen-gewicht gibt.
Der
Sozialarbeiter lebt in einer völlig andern Welt. Ihm ist es
ausschließlich um das ganz persönliche Lebensproblem dessen zu tun, der
zu ihm gekommen ist und ihn um seinen Rat gefragt hat. Ob er ihn als
‚Fall’ einer ‚Regel’ zuordnen kann oder nicht, darf ihm herzlich
gleichgültig sein, denn er ist nicht dazu da, Regeln zu re-staurieren und
Normen geltend zu machen. Seine Aufgabe ist, dem Ratsuchenden, dem der
Überblick über die vielen Fäden seines Lebens verlorengegangen ist und
der sich wie in einem Knoten darin festgezurrt hat, bei der
Suche nach einem Aus-weg aus seiner Verstrickung zu helfen. Wenn ihm das
eine oder andere dabei be-kannt vorkommt, dann mag es ihm als
einstweilige Sehhilfe dienen, aber mehr auch nicht. Ansonsten ist er an
seine produktive Einbildungskraft verwiesen.
Man sieht: Gefordert sind in beiden Bereichen Vertreter
höchst gegensätzlicher Menschenschla-ge; hier Artisten auf dem
Drahtseil, dort verläßli-che Felsen in der Brandung. Man kann ohne
Schaden für die eigne Person nicht das eine und das andre zugleich sein
wollen.
Nicht von ungefähr ist das Burnout-Syndrom
die charakteristische Berufskrankheit des Öffentlichen Dienstes: Die
Anforderungen, die hier gelten, sind allzu fremd in der Welt des
bürgerlichen Alltags. Und nicht von ungefähr leiden unter allen
öffent-lich Bediensteten die Sozialarbeiter quantitativ wie qualitativ am
stärksten unterm Burnout: Von ihrer sachlichen Aufgabenstellung –
‚Objektebene’ – sind sie ‚Unternehmer’ par excellence; von den
institutionellen Bedingungen ihrer Praxis her – ‚Metaebene’ – sollen sie
perfekte Funktionäre sein, wie der Büro-hengst.
Wer da nicht über kurz oder lang zur Flasche greift, kann nicht begriffen haben, was von ihm verlangt wird! So
viel über das persönliche Dilemma des Sozialarbei-ters im öffentlichen
Dienst. Aber da ist darüberhinaus ein fachliches Dilemma. Denn der
einzelne Sozialarbeiter ist eben nicht – einzeln: Er ‚arbeitet’
im institu-tionellen Rahmen dieses oder jenen ‚Dienstes’. Der Dienst ist
eine ‚Abteilung’, ein Subsystem des ganzen hoheitlichen Apparats. In
ihm spiegelt sich wider: „die Rechtslage“! So viele Paragraphen, so
viele Leistungen, so viele Bedarfe, so viele Ansprüche, so viele Töpfe,
so viele… Dienste. Auf jedem Töpfchen ein Deckel-chen.
Die
hoheitlich Verwaltung, ‚Vater’ Staat, läßt ihren Blick über die zivile
Gesellschaft gleiten und rechnet dieselbe sich zu. Ihre systematische
Prämisse ist die Selbstdefi-nition der Dienste und Abteilungen durch „die
Rechtslage“ und die durch sie ge-botene „Maßnahme“. Unter diesem Aspekt
blicken sie hinaus ins ‚Feld’ und spähen sie nach ‚Merkmalen’, nach
denen sie das Feld ‚auf sich beziehen’, nämlich – qua ‚Klientel’ – unter
sich aufteilen können.
Doch
diese Optik ist fachlich falsch und schädlich. In der Wirklichkeit des
sozialen Feldes gibt es keine Gesetze, Kategorien, Typen, Störungen…,
und folglich auch keine ‚Fälle’ und keine ‚Merkmale’. Da gibt es nur
lauter Leute, und von denen kommen einige mit ihren Lebensproblemen
selber klar und andre nicht. Letzteren bietet die Sozialarbeit ihren
helfenden Rat an. Welchen, das hängt immer davon ab, wo das Problem
liegt (die Ratsuchenden täuschen sich allzuoft in diesem Punkt). Ihr
wahres pragmatisches Problem besteht nicht darin, die „richtige
Diagnose“ zu finden (nach objektivierbaren Vorgängen ), sondern die
Ratlosen, die noch nicht bemerkt haben, daß sie Hilfe brauchen – und
ipso facto dringender als die andern! -, auf ihr Hilfsangebot aufmerksam
zu machen. Sie muß im Feld Präsenz zeigen und – buchstäblich – sich
interessant machen. Sie muß sich ausprobieren lassen. Kurz, die
Inanspruchnahme ihrer Dienste muß so informell geschehen können, wie –
die andern Verkehrsakte der neomodernen, neobürgerlichen Gesellschaft
auch.
Oder noch kürzer: Sie darf nicht länger Behörde sein.

Falsch interpretiert: Seit fast 30 Jahren liefert die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) Einblicke in die menschliche Hirnaktivität. Doch Hirnforscher könnten diese Daten grundsätzlich falsch verstanden haben, wie eine neue Studie zeigt. Demnach gibt es keinen generell gültigen Zusammenhang zwischen dem im fMRT gemessenen Blutfluss und neuronaler Aktivität, schreiben die Experten in „Nature Neuroscience“. Was bedeutet dies für die Hirnforschung?
Die sogenannte funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) misst Signale aus dem menschlichen Gehirn in Echtzeit. Konkret misst sie den Blutdurchfluss in den Gefäßen des Gehirns. Bisher gingen Neurowissenschaftler davon aus, dass ein stärkeres Messsignal auch eine höhere neuronale Hirnaktivität bedeutet. Seit fast 30 Jahren interpretieren sie Forschungsdaten auf diese indirekte Weise.
Doch einige Tierversuche haben daran Zweifel geweckt. Sie legen nahe, dass die gängige Interpretation der fMRT-Aufnahmen falsch oder unvollständig sein könnte. Dieser Vermutung sind nun Forschende um Samira Epp von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sowie der Technischen Universität München nachgegangen. Dafür führten sie gezielt Untersuchungen an 40 gesunden Probanden durch und ließen diese verschiedene Aufgaben erfüllen.

Die Testpersonen sollten etwa Kopfrechnen oder sich etwas merken, während Epp und ihr Team die Aktivität in verschiedenen Hirnregionen der Probanden per fMRT ermittelten. Gleichzeitig maßen die Forschenden erstmals aber auch den tatsächlichen Sauerstoffverbrauch in diesen Hirnarealen mit einem neuartigen, quantitativen MRT-Verfahren.
Die Auswertung ergab überraschend: Ein erhöhtes fMRT-Blutfluss-Signal hing in vielen Fällen mit niedrigerem Sauerstoffverbrauch und damit niedrigerer statt höherer Hirnaktivität zusammen. Umgekehrt fanden Epp und ihre Kollegen auch verminderte fMRT-Signale in Regionen mit tatsächlich erhöhter neuronaler Aktivität. Je nach gestellter Aufgabe und untersuchter Hirnregion zeigten sich unterschiedliche physiologische Messwerte.
In rund 40 Prozent der Fälle waren Blutfluss und Sauerstoffgehalt nicht gekoppelt oder gar gegenläufig. Zum Beispiel stieg der Sauerstoffverbrauch in Hirnarealen, die beim Rechnen aktiv sind. Dieser Sauerstoff wurde allerdings aus dem Blut entnommen, ohne dass der Blutfluss selbst sich veränderte, wie die quantitativen MRT-Daten enthüllten. Das bedeutet, dass diese Hirnregionen aktiv sind und ihren Energiebedarf effizient decken, ohne dass dies im fMRT anhand einer gesteigerten Durchblutung sichtbar wäre.
„Das widerspricht der bislang geltenden Annahme, dass erhöhte Hirnaktivität immer mit erhöhtem Blutfluss zur Deckung des gestiegenen Sauerstoffbedarfs einhergeht“, erklärt Epp. „Da weltweit zehntausende fMRT-Studien auf dieser Annahme beruhen, könnten unsere Ergebnisse bei vielen davon zu entgegengesetzten Interpretationen führen.“ Das bedeutet, dass die meisten Studien wahrscheinlich richtig, viele aber auch falsch interpretiert wurden und neu ausgewertet werden müssen, darunter solche zu Hirnerkrankungen.
„Viele fMRT‑Studien zu psychiatrischen oder neurologischen Erkrankungen – von Depression bis Alzheimer – interpretieren Änderungen im Blutfluss als verlässliches Signal neuronaler Unter‑ oder Überaktivierung. Dies muss nun wegen der beschränkten Aussagekraft dieser Ergebnisse neu bewertet werden“, so Seniorautor Valentin Riedl von der FAU.
Patienten, bei denen mittels fMRT neuronale Defizite festgestellt wurden, haben demnach möglicherweise gar keine. Stattdessen könnten Gefäßveränderungen vorliegen, die die missverstandenen fMRT-Daten hervorgerufen haben, vermutet Riedl. Für reale Diagnosen müssen die Daten solcher Patienten nun erneut betrachtet oder neu gemessen werden.
Die Ergebnisse des Teams legen nahe, dass vor allem bei Studien zum „Default mode network“ Fehlinterpretationen vorliegen. Dieses Ruhezustandsnetzwerk ist unter anderem an der Selbstreflexion, am Planen und am Erinnern beteiligt, aber auch an ADHS und Depressionen. Die genauen Zusammenhänge könnten dabei aber andere sein als bislang gedacht.
Für künftige Studien schlagen Epp und ihre Kollegen vor, die herkömmliche fMRT-Methode mit quantitativen Messungen zum Sauerstofffluss zu ergänzen. Diese Kombination aus Blut- und Sauerstofffluss würde mehr Daten liefern und gesichertere Interpretationen ermöglichen.
Langfristig könnten auf diese Weise auch neue Gehirnmodelle entwickelt und Hirnkartierungen erstellt werden: Statt des Blutflusses würden die Karten dann den Sauerstoff- und Energieverbrauch darstellen, welche tatsächlich zur Informationsverarbeitung nötig sind. Damit könnten dann Alterungsprozesse, psychiatrische oder neurodegenerative Erkrankungen neu untersucht werden. (Nature Neuroscience, 2025; doi: 10.1038/s41593-025-02132-9)
Quelle: Technische Universität München, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; 17. Dezember 2025 - von Claudia Krapp
Nota. - Das ist ein ganz dicker Hund, dessen theoretische Tragweite noch gar nicht abzusehen ist.
Am Default Modus wird es deutlich. Einen "Ruhezustand" gibt es im organischen Bereich gar nicht, der Ausdruck ist eine irreführende Fiktion. Ein Organismus ruht nie, er betreibt mindestens Stoffwechsel, aber hier soll er außerdem "an der Selbst-reflexion, am Planen und am Erinnern beteiligt" sein. Kein Wunder, dass Blutzu-fuhr ihm dazu nicht reicht, und sie also für sich allein nichts anderes anzeigt als eben - Blutzufuhr.
Der 'Default modus' ist keine Abstraktion, denn er abstrahiert vom leben selbst, nämlich von dem, was an den Organen Funktion ist. Er kann also nicht als in Raum und Zeit vorkommend gedacht werden. In rein theoretischen Modellen ist so eine Fiktion vielleicht zweckmäßig, was weiß ich? Aber bestimmt nicht da, wo reelle Schlussfolgerungen gezogen werden. 'Reflexion, Planen und Erinnern' umfasst so gut wie alles, was wir geläufig unter Bewusstsein verstehen.
JE
Gabriele Münter, Dorfstraße in Blau aus Geschmackssachen
Allerdings ist die Formulierung zweckmäßig ohne Zweck genial, wenn auch nicht entfernt so paradoxal gemeint, wie sie klingt. Aber – sie bezeichnet eben nur das Schöne.
Als allgemeine Umschreibung des Ästhetisch-Ausgezeichneten reicht sie
vielleicht doch nicht. Denn zweckmäßig ist eben immer auch – mäßig; will
sagen, einem Maß zugeordnet, von dem ja immer noch zu erwarten ist, daß
es prinzipiell erfüllt werden könnte (vulgo Ideal).
– In der modernen Kunst wird dagegen an-scheinend auf das „Maß“ gerade
insofern Bezug genommen, als es absichtsvoll, d. h. polemisch verfehlt
wird...
aus Rohentwurf, 20.
© Klaus Stuttmann für den Tagesspiegel Die würden genau das tun, dessen sie die andern bezichtigen. Da kann einem die Wahl schonmal schwer...