Freitag, 28. Februar 2025

Europäische Verteidigungsgemeinschaft?

Friedrich Merz am Tag nach der Bundestagswahl.
aus Tagesspiegel, 28. 5. 2025                                                                               zu öffentliche Angelegenheiten

Nuklearer Schirm mit Paris und London?  
Merz offen für gemeinsame atomare Abschreckung aus Europa
Merz möchte mit europäischen Verbündeten über ein mögliches gemeinsames Atomwaffenprogramm sprechen. Frankreich hatte bereits Angebote gemacht, die Scholz aber ausgeschlagen hatte.

CDU-Chef Friedrich Merz möchte mit Frankreich, Großbritannien und anderen Verbündeten über ein europäisches System nuklearer Abschreckung verhandeln.

Gegenwärtig habe Deutschland die „atomare Teilhabe“ mit den USA, sagte Merz der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) laut Vorabmeldung vom Freitag. „Ob es mit Frankreich oder Großbritannien in diese Richtung gehen kann, das will ich in den Koalitionsverhandlungen und auch mit unseren Partnern in Europa, der EU und der Nato diskutieren.“ Das Angebot der Franzosen, „über einen gemeinsamen nuklearen Schirm für Europa zu sprechen“, habe schon der ehemalige französische Präsident „Charles de Gaulle in der Atomdoktrin der französischen Regierung in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts so aufgeschrieben, dass nämlich ein Angriff auf Deutschland auch den atomaren Schutz durch Frankreich aktivieren würde“.

Die Lage habe sich „jetzt noch einmal verändert, und deshalb sollten wir neu über dieses Thema gemeinsam nachdenken“, betonte der CDU-Chef.

In Bezug auf die nuklearen Schutzgarantien der USA sagte Merz, „zunächst einmal“ gälten die Konsultations- und Beistandsartikel vier und fünf des Nato-Vertrages „bisher unverändert“ weiter. „Damit gilt auch die nukleare Teilhabe Deutschlands mit den Amerikanern bis heute unverändert fort.“ Aber es gelte der Satz: „Lasst uns auf das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein.“

Laut Artikel vier des Nato-Vertrags „konsultieren“ sich die Nato-Staaten bei einer Bedrohung. Artikel fünf regelt zudem, dass sich die Länder beistehen, wenn eines angegriffen wird.

Auf die Frage, ob Deutschland sich im Fall einer nuklearen Abschreckung mit Frankreich und Großbritannien an den Kosten beteiligen müsste, sagte Merz, das sei „kein Thema, das heute auf meinem Schreibtisch zur Bearbeitung liegt“. Es gebe auch „keine Veranlassung“ darüber nachzudenken, ob Deutschland irgendwann selbst Atomwaffen haben sollte.

 

Nota. - Ob sich Trump beeinflussen lässt, kann man nicht wissen. Man muss es eben versuchen.
JE 

 

Hart an der Grenze.


Claude Monet, Das Unterholz im Wald von Saint-Germain 1882, 810 x 650  mm             zu Geschmackssachen

Aber gut gemacht, kann man nicht anders sagen.
Mein Tipp: Verkleinern Sie's ein bisschen auf Ihrem Bildschirm; dann wirkt es gleich seriöser.
Übrigens habe ich schon öfter auf die Herkunft der Fauves aus dem Impreeionismus hingewiesen; hier ein weiteres Beispiel.
 

 

Wer glaubt, wird selig.


aus Tagesspiegel, 28. 2. 2025                                                           
zu öffentliche Angelegenheiten

Die Reform der Berliner Verwaltung ist eines der zentralen Vorhaben der schwarz-roten Koalition unter Führung Wegners. Nach seiner Wahl zum Regierungschef hatte der 52-Jährige angekündigt, die Reform zur Chefsache zu machen. Verant-wortlich dafür, den Prozess zu koordinieren, ist Martina Klement (CDU), Staats-sekretärin für Verwaltungsmodernisierung. Sie erklärte zuletzt: „Mit dieser Reform räumen wir mal ganz grundsätzlich in der Berliner Verwaltung auf.“


Nota. - Berlin ist bekanntlich eine gottlose Stadt. Hier gloobn wa nich an Wunder.
JE

 

 

Donnerstag, 27. Februar 2025

Kunst aus der DDR im Kunsthaus Minsk, Potsdam


aus FAZ.NET, 11.02.2025                Werner Tübke, Drei Frauen aus Cefalù, 1983                    zu Geschmackssachen
                   
Faszinierende DDR-Kunst:
Als Erich Honecker für Deutschland ritt
Die Kunst der untergegangenen DDR musste sich immer wieder neu gegen den politischen Druck des Regimes behaupten. Daraus entstand ihre einzigartige Qualität. Das zeigt eine Ausstellung in Potsdam.

Im Jahr 1986 reiste der Dresdner Maler Stefan Plenkers zur Vorbereitung einer Ausstellung seiner Bilder in einer Westberliner Galerie in die andere Hälfte der geteilten Stadt. Sein Galerist fuhr ihn durch Kreuzberg, wo Plenkers fasziniert die Graffiti auf der Westseite der Berliner Mauer betrachtete. Auf dem Gemälde „Fremde Zeichen“, das im gleichen Jahr entstand, reduziert Plenkers die vielfarbigen Mauerzeichnungen auf ein Patchwork aus roten und schwarzen Formen, aus denen sich eine kopfstehende Figur heraushebt.

Ein DDR-Bauwerk, das über der Mauerkrone aufragt, scheint nach links wegzukippen, der rote Stern über dem Dach wirkt harmlos wie ein Windrad. Von rechts schiebt sich ein großer grüner Halbmond ins Bild. Plenkers war ein durchaus regimetreuer Maler, seine Ausstellung in Westberlin wurde durch den Staatlichen Kunsthandel der DDR finanziert. Auf seinem Bild sieht man davon nichts.

Der Freund bespitzelt den Freund

Zwei Jahre zuvor hatte Ralf Kerbach sein Dreierporträt „Dresdner Freunde“ vollendet. Kerbach war bereits 1982 nach zahlreichen Schikanen durch die Staats­sicherheit nach Westberlin übergesiedelt, sein Bild hält ei­ne Begegnung fest, die so nicht stattgefunden hat. Es zeigt die Künstlerin Cornelia Schleime und den Schriftsteller Sascha Anderson mit Kerbach selbst an einem Tisch. Der Maler hat seinen Blick abgewandt, während Anderson ihn durchdringend anschaut.

Cornelia Schleime, die einen Hummer als Kopfputz trägt, blickt als Einzige den Betrachter an. Schleime verließ im Herbst 1984 die DDR, beinahe ihr gesamtes Frühwerk ging dabei verloren. Sascha Anderson wurde 1991 von Wolf Biermann als Stasi-Informant enttarnt. Er hatte auch seine Dresdner Freunde Ralf Kerbach und Cornelia Schleime jahrelang bespitzelt.

Der Blick von der anderen Seite: Stefan Plenkers, „Fremde Zeichen“, 1986
Der Blick von der anderen Seite: Stefan Plenkers,  Fremde Zeichen 1986

Die Kunst der DDR war nicht sauber geteilt zwischen Oppositionellen und Konformisten. Ein vom Staat geförderter Maler wie Plenkers konnte einen kritischen Blick auf die Mauer werfen, ein Dissident wie Kerbach einen Spitzel idyllisieren. Am krassesten zeigt sich die Nichtidentität von Leben und Arbeit in der Malerei von Wolfgang Mattheuer. Mattheuer war von 1965 an Kunstprofessor in Leipzig und ein kulturelles Aushängeschild des Arbeiter- und Bauernstaats. 1974 gab er seine Lehrtätigkeit auf.

Im selben Jahr entstand „Freundlicher Besuch im Braunkohlerevier“. Drei fußlose Männer mit Pappkartons anstelle der Köpfe laufen durch eine Tagebaulandschaft. Der vorderste hält eine Rolle Papier und einen Blumenstrauß in den Händen. Auf die Kartons sind grinsende Gesichter gemalt. Ein Arbeiter, der ihnen entgegenkommt, schaut missmutig aus dem Bild. Das Gemälde nimmt ganze Filmreihen über den Alltag der späten DDR vorweg, etwa Andreas Dresens „Gundermann“; es entstellt den Parteiapparat zur Kenntlichkeit. Mattheuer aber hörte nicht auf, bunte und heitere neben ätzenden und traurigen Symbolbildern zu malen. 1977 vertrat er sein Land auf der Documenta 6. 1988 trat er aus der SED aus. Zu jener Zeit galt er der Stasi längst als Staatsfeind.

Der Verräter sitzt mit am Tisch: Ralf Kerbach, „Dresdner Freunde“, 1984
Der Verräter sitzt mit am Tisch: Ralf Kerbach, „Dresdner Freunde“, 1984

Der „Freundliche Besuch“ gehört ebenso wie „Fremde Zeichen“ und „Dresdner Freunde“ zur Sammlung des Software-Un­ter­nehmers Hasso Plattner. Im Kunsthaus Minsk in Potsdam, das Plattner vor dem Abriss rettete, indem er das einstige Edelrestaurant zum Schaufenster für seine Kollektion machte, wird der Blick auf deren Bestände jetzt ein weiteres Mal scharf gestellt. Der Trick, den die Ausstellung „Im Dialog“ dabei anwendet, ist ein alter Kuratoren-Kniff: Sie hängt zusammen, was nicht zusammengehört.

Hier ist es etwa Arno Rinks Porträt des Kunstkritikers Henry Schumann in der Werkstatt des Malers von 1968 und ein im Jahr darauf entstandenes Atelierbild von Mattheuer, auf dem ein brüllender Bürger mit Hut auf einer feisten Kirmes-Taube vor trostloser Leipziger Stadtlandschaft im Fenster­rahmen vorbeireitet. Für den heutigen Betrachter ist das Erich Honecker, der auf dem „Grauen Fenster“ das Gespenst des Sozialismus durch die Lüfte treibt.

Ein Kritiker im Atelier: Arno Rink, „Portrait Henry Schumann“, 1968
Ein Kritiker im Atelier: Arno Rink, Portrait Henry Schumann, 1968

Henry Schumann war auch der Autor eines Interviewbands, in dem Ende 1976 zwanzig vielversprechende Künstler der DDR vorgestellt wurden. Der Band, dessen Seiten im Parterre des „Minsk“ aus­liegen, versammelt heute wenig bekannte Namen wie Hartmut Bonk und Fritz Eisel, aber auch Größen wie Bernhard Heisig und Werner Tübke. Von Tübke, der auf die Frage nach seiner Ablehnung der modernen Kunst antwortet: „Moderne? Ich kenne keine Moderne“, zeigt die Ausstellung neben einer „Kreuzabnahme“ die „Drei Frauen aus Cefalù“ und „Der Narr und das Mädchen“, allesamt Vorstudien zu seinem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen.

Den Auftrag hatte er im Vorjahr erhalten; 1976 machte er sich an die Ar­beit, im Folgejahr fuhr er mit Mattheuer, Heisig und Willi Sitte nach Kassel. Wenn man Tübkes Bilder nach einigen Jahren Pause neben Werken jüngerer Künstler wie Cornelia Schleime oder Johannes Heisig (des Sohnes von Bernhard) wiedersieht, wird das Hermetische, gegen Erfahrung Abgedichtete seiner Virtuosenkunst deutlich, der im Reagenzglas des Ateliers gezüchteten Synthesen aus Goya und Altdorfer, Bosch und van Eyck.

Ein sozialistischer Himmelsreiter: Wolfgang Mattheuer, „Das graue Fenster“, 1969
Ein sozialistischer Himmelsreiter: Wolfgang Mattheuer, Das graue Fenster, 1969

Bei Schleime („Styx I und II“) spürt man dagegen die Bitterkeit des Heimatverlusts, während in Heisigs Dresdner Interieurs der Einfluss von Beckmann und Francis Bacon sichtbar ist – und die Auseinandersetzung mit dem ätzenden Expressionismus von Heisig père. Dieser selbst ist mit einem Agitpropbild von 1972 vertreten („Angela Davis und ihr Richter“), dessen antiamerikanisches Pathos so schrill wirkt, dass es schon wieder Ausdrucksqualitäten besitzt; nur hat es noch nicht den richtigen Dialogpartner gefunden. Man müsste es neben eine Warhol-Dose hängen, dann käme seine Hysterie zu ihrem Recht.

Die DDR ist Geschichte. Aber die Geschichten, die ihre Malerei erzählt, sind vielleicht doch die wichtigere Hälfte der deutschen Nachkriegskunst: weil sie die Spuren eines Kampfes tragen, der mehr war als ein Ringen ums Ich. Gewiss, es gibt auch die Heroen des Westens, das Trio Richter, Penck, Baselitz; aber auch sie stammen, kein Zufall, ursprünglich aus dem Osten. Als Mattheuer, Tübke, Heisig und Sitte zur Documenta eingeladen wurden, zogen alle drei ihre Teilnahme zurück. Das wäre ein schöner Dialog geworden. Er fand nicht statt.

Im Dialog – Kunst aus der DDR. Im Kunsthaus Minsk, Potsdam: bis 10 August. 
 
 
Mattheuer, Freundlicher Besuch im Braunkohlerevier, 1974 

 

Bloß nicht scheitern.

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Jahrelang habe ich ihn als untoten Wiedergänger verspottet. Dass er politisch was leisten kann, hat er noch nicht bewiesen - und nichtmal wirklich versucht. Aber auf seine Fortüne kommt es nun nicht an. Ob er besteht, ist zuerst nicht sein Problem, sondern unsres.

Die ersten Tage seiner neuen Rolle hat er bemeistert, ohne zu zagen. Das war nicht sicher. Man muss ihm, egal ob man ihn mag, das Beste wünschen. Dieses ist Welt-politik und kein ESC.

 

 

Folgt die natürliche Auslese einem natürlichen Zweck?

Fluoreszierende Bakterien
aus scinexx.de, 27. 2. 2025           Fluoreszierende Bakterien der Art Pseudomonas fluorescens können durch über Genera-tionen hinweg wirkende Selektion die Fähigkeit zur schnelleren Evolution entwickeln.                    zu Jochen Ebmeiers Realien

Ist Evolution doch nicht „blind“?
Selektion fördert die Fähigkeit zu zukünftigen Anpassungen
 
Kein Zufall: Die Evolution könnte weniger zufällig und „blind“ ablaufen als lange gedacht. Denn ein Experiment enthüllt, dass die natürliche Selektion nicht nur die jeweils bestangepassten Organismen begünstigt – sie fördert auch die Fähigkeit zu schnelleren zukünftigen Anpassungen durch „Hypermutati-on“. Dies widerspricht der traditionellen Vorstellung einer zufälligen Entwick-lung und deutet auf eine in gewisser Weise „gezielte“ Evolution hin, wie die Forschenden in „Science“ berichten.

Schon Charles Darwin erkannte die Selektion als treibende Kraft der Evolution. Demnach begünstigt die natürliche Auslese die Organismen, die am besten an ihre Umwelt angepasst sind. Sie produzieren mehr Nachkommen und geben damit ihre vorteilhaften Anpassungen an die nächste Generation weiter. Vorteile bringt dabei nur die Anpassung, die unter den gegenwärtigen Bedingungen einen Überlebens-vorteil darstellt. Die Evolution kann künftige Entwicklungen nicht vorhersehen – sie ist „blind“ für zukünftige Veränderungen. So jedenfalls die klassische Annahme.

Experiment
Ablauf des Experiments: Bakterielle Abstammungslinien (verbundene Knotenpunkte) müssen sich wiederholt an zwei abwechselnde Bedingungen anpassen. Viele Linien schaffen dies nicht und sterben aus. Die letzten überlebenden Stämme entwickeln aber besonders schnell mutierende Sequenzen in einem Schlüsselgen, die die Anpassung beschleunigen. 

Bakterien im Selektionstest

Doch jetzt stellt ein Experiment dies in Frage. Denn es belegt, dass die Evolution womöglich weniger zufällig agiert, als es die klassische Sichtweise vorsieht. Konkret haben Michael Barnett und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Evoluti-onsbiologie in Leipzig untersucht, ob sich die Selektion auch auf die Evolvierbarkeit auswirken kann. Damit überprüften sie eines der meistdiskutierten Konzepte in der Biologie: die Frage, ob die Evolution auch gezielt Mechanismen fördern kann, die zukünftige vorteilhafte Veränderungen begünstigen.

Für ihr drei Jahre laufendes Experiment nutzte das Team verschiedene Linien des Bakteriums Pseudomonas fluorescens, das in der Natur im Boden, auf Pflanzen und im Wasser, aber auch auf verdorbenen Lebensmitteln vorkommt. Die Mikroben produzieren eine Substanz, die unter UV-Licht leuchtet. Im Test setzten die Forschenden die Bakterienpopulationen abwechselnd zwei verschiedenen Umweltbedingungen aus. Linien, die sich nicht anpassen konnten, wurden aussortiert und durch erfolgreiche Linien ersetzt.

Selektion auf zwei Ebenen

Der Clou dabei: Durch diesen Ablauf wirkt die Selektion auf zwei Ebenen. „Bei den Individuen begünstigt sie diejenigen mit gerade passenden Phänotypen“, erklären Barnett und sein Team. „Bei den Stammeslinien haben diejenigen Vorteile, deren Merkmale die Entstehung adaptiver Phänotypen begünstigen.“ Wenn die Selektion auch auf dieser Ebene wirkt, müssten die Bakterien im Laufe des Experiments demnach eine verbesserte Fähigkeit schneller Anpassung und Mutation entwickeln.

Und tatsächlich: Im Laufe der Generationen bildete sich eine Bakterienlinie heraus, die sich besonders schnell an die wechselnden Bedingungen anpassen konnte. Ihre Zellen entwickelten schneller die Mutationen, die sie für die jeweilige Umwelt brauchten. „Obwohl die Selektion im kleinen Maßstab schnell wachsende Zellen begünstigt, waren die erfolgreichsten Bakterienlinien diejenigen, die die zu den zukünftigen Bedingungen passenden phänotypischen Varianten erzeugen konnten“, berichten Barnett und seine Kollegen.

Hypermutation als Anpassungs-Turbo

Die Ursache für diese „Anpassung ans schnelle Anpassen“ zeigte sich im Genom dieser Bakterienlinie: Im Laufe der Generationen hatten ihre Zellen einen hypermutierbaren DNA-Abschnitt entwickelt. Dieser Genort besitzt eine bis zu 10.000-mal höhere Mutationsrate als normal und kann daher sehr schnell die Funktion eines zentralen Regulatorgens verändern. Dieses wiederum wirkt auf weitere Gene, die die für die Anpassung wichtigen Merkmale steuern, wie die Forschenden erklären.

Für die Bakterien bedeutet dies: In den Populationen mit diesem hypermutierbaren Locus steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Zellen die Mutationen tragen, die beim Wechsel der Bedingungen günstig sind. Dadurch überlebt die Population als Ganzes, obwohl sie sich bei jedem Wechsel aufs Neue umstellen muss. Der hypermutierbare Locus ist darauf optimiert, diese Merkmalsveränderung schnell und umkehrbar auszulösen.

Evolution kann eine „Voraussicht“ entwickeln

Die Selektion hat demnach dafür gesorgt, dass diese Bakterienlinie auf zukünftige Veränderungen vorbereitet ist. „Indem wir die Evolution eines hypermutablen Locus nachweisen, zeigen wir, dass es bei der Anpassung nicht nur um das Überleben in der Gegenwart geht, sondern auch um die Verfeinerung der Fähigkeit, sich in der Zukunft anzupassen“, sagt Barnett. Damit stellt das Experiment die klassische Annahme in Frage, nach der die Evolution ohne Voraussicht abläuft.

„Unsere Ergebnisse bieten einen faszinierenden Einblick in die Art und Weise, wie die Evolution eine Art ‚Voraussicht‘ erlangen kann“, ergänzt Barnetts Kollege Paul Rainey. Die natürliche Auslese kann demnach die genetische Architektur so verändern, dass Organismen ihre Anpassung beschleunigen können. Diese Fähigkeit zur schnelleren Evolution könnte beispielsweise erklären, warum sich viele Krankheitserreger so schnell an Medikamente oder neue Wirte anpassen können. (Science, 2025; doi: 10.1126/science.adr2756)

Quelle: Science, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie; 27. Februar 2025 - von Nadja Podbregar

 

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