Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ... gab es ein lebendigesphänomenologischesSchrifttum. DasseinesTagesPhilosophie auf die komple-mentär sterilen Lager von 'kontinentalen' Historikern und transatlantisch-'syste-matischen' Begriffsatomisten reduziert sein würde, hat man sich nicht träumen lassen. Bevor die Verheerung des postmodernen Anything goeshereinbrachen, meinte man unbefangen, dass es der Philosophie um Wahrheit zu tun sei. Seither begnügen sich die einen mit definitorischen, die andern mit philologischen Mikro-logien, und wer etwas verstehen will, bleibt mit seinem Durst allein. Da sollte eine Wiederbelebung phänomenologischen Denkens heilsam sein.
Das Hauptverdienst der phänomenogischen Schule war, Wissen als einen intentio-nalen Akt und nicht als räsonnierende Empfängnis aufzufassen. Das macht ihre Nachbarschaft zur Transzendentalphilosophie aus. Der Unterschied liegt in der Enge ihres Horizonts und der Arglosigkeit ihrer Verfahren - eins folgt aus dem jeweils anderen.
Transzendentalphilosophie beginnt als Kritik - nicht als Herumdoktern an den Ele-menten vorliegenden Wissens, sondern als Erwägung der Vernunft selbst. Die Phä-nomenologie - die so heißt, weil sie die Erscheinungsweisen des Bewusstseins zu ihrem Gegenstand macht - zieht von den uns gegebenen Begriffen all das ab, was an ihnen zufällig sein und also in je besonderenErfahrungengegründetseinkönnte,um Schritt für Schritt in eidetischer Reduktionden originären Wesenskern freizu-legen. Je mehr Einzelbstimmungen vom Begriffsphänomen abgezogen werden, um-so mehr verblasst die Begrifflichkeit selbst und umsomehr Bild muss an ihre Stelle treten. Am Ende steht die Wesens-Schau, deren großer Mangel darin liegt, dass sie nicht mitgeteilt werden kann, weil sie keine Worte mehr hat.
Dieser Mangel ist irreparabel. Wenn restlos alle Begriffe der reduktionellen Kur unterzogen wären, könnte man sich doch immer noch nicht auf sie verständigen und keiner hätte etwas gewonnen.
Das immerhin ist der Anspruch der 'systematischen' Sprachanalytiker: dass am Ende alle erdenklichen Begriffe unmissverständlich definiert, und dass etwelche Meinungverschiedenheiten eo ipso unmöglich geworden wären.
An der Stelle spätestens stößt die dogmatische Prämisse auf, die die Phänomeno-logen mit den Sprachanalytikern teilen: die Annahme atomarer Sinn-Kerne als letztendlichem Ursprung der in den "Sprachspielen" tatsächlich verwendeten Begriffe.
Als Edmund Husserlvor ziemlich genau hundert Jahren die platonischen Konse-quenzen seines Systems unter die Nase gerieben wurden, brach er seine diesbezüg-lichen Spekulationen ab. Das eigentliche Problem hätte an diesem Punkt aber erst begonnen: Wie hätten es diese an-sich-seienden eidoi wohl angestellt, in die Intenti-onalität wirklicher historischer Subjekte einzusickern? (Wittgenstein dagegen haben systematische Fragen nie gekratzt.)
Der Pferdefuß war, dass die Phänomenologie bei den Begriffen* als Erscheinungs-weisen des Bewussstseins angefangen hat. Erscheinungsweise des Bewusstseins ist die ganze Vernunft selber. Sie ist das Phänomen, das es zu analysieren gilt, nicht ihre verstreuten Moleküle.
Kant hat damit begonnen, aber weiter als bis zum "Apriori", den zwölf Kategorien und den beiden Anschauungsformen, ist er nicht gekommen. Fichte wollte mit der Wissenschaftslehre den Rest besorgen, doch fertig ist auch er nicht geworden und ist kurz vor Schluss sogar vom Wege abgekommen.
Vorgedrungen war er bis zum Ursprung: dem Ich, 'das sich selbst setzt, indem es sich ein/em Nicht-Ich entgegensetzt'. Eine andere Bestimmung kann ihm nach vollständiger analytischer Reduktion nicht mehr zugerechnet werden, als die, zu wollen - denn ohne dies hätte es nie anfangen können.
Aus dieser einen und einzigen Prämisse muss der ganze Entwicklungsgang der Vernunft rekonstruiert werden können, und wenn dies gelingt, ist sie wohl nicht bewiesen, aber immerhin so weit gerechtfertigt, dass sie dem Ganzen als Postulat zu Grunde gelegt werden kann. Diese Rekonstruktion ist derWissenschaftslehre,uner-achtet einiger weniger Lücken und einzelner Abwege, gelungen.
Und seien Sie versichert: Psychologie war dabei an keiner Stelle vonnöten.
So konnte Reinhard Lauth, der Herausgeber der Fichte-Gesamtausgabe, denn sa-gen: die Phänomenologie habe zur Erkenntnis 'nichts beigetragen, was nicht die Transzendentalphilosophie früher und besser ausgesprochen hat'. JE 16. 2. 22
*) statt von den Vorstellungen als ihrem Rohmaterial
Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es ein lebendigesphä-nomenologischesSchrifttum. DasseinesTagesPhilosophie auf die komplementär sterilen Lager von 'kontinentalen' Historikern und transatlantisch-'systematischen' Begriffsatomisten reduziert sein würde, hat man sich nicht träumen lassen. Bevor die Verheerung des postmodernen Anything goeshereinbrachen,
meinte man un-befangen, dass es der Philosophie um Wahrheit zu tun sei.
Seither begnügen sich die einen mit definitorischen, die andern mit
philologischen Mikrologien, und wer etwas verstehen will, bleibt mit seinem Durst allein. Da sollte eine Wiederbelebung phänomenologischen Denkens heilsam sein.
Das
Hauptverdienst der phänomenogischen Schule war, Wissen als einen
intentio-nalen Akt und nicht als räsonnierende Empfängnis aufzufassen.
Das macht ihre Nachbarschaft zur Transzendentalphilosophie aus. Der
Unterschied liegt in der Enge ihres Horizonts und der Arglosigkeit ihrer
Verfahren - eins folgt aus dem jeweils anderen.
Transzendentalphilosophie beginnt als Kritik - nicht als Herumdoktern an den Elementen vorliegenden Wissens, sondern als Erwägung der Vernunft selbst.
Die Phänomenologie - die so heißt, weil sie die Erscheinungsweisen des
Bewusstseins zu ihrem Gegenstand macht - zieht von den uns gegebenen
Begriffen all das ab, was an ihnen zufällig sein und also in je
besonderenErfahrungengegründetseinkönnte,um Schritt für Schritt in eidetischer Reduktion den
originären Wesenskern freizulegen. Je mehr Einzelbestimmungen vom
Begriffsphänomen abgezogen wer-den, umso mehr verblasst die
Begrifflichkeit selbst und umsomehr Bild muss an ihre Stelle treten. Am Ende steht die Wesens-Schau, deren großer Mangel darin liegt, dass sie nicht mitgeteilt werden kann, weil sie keine Worte mehr hat.
Dieser
Mangel ist irreparabel. Wenn restlos alle Begriffe der reduktionellen
Kur unterzogen wären, könnte man sich doch immer noch nicht auf sie
verständigen und keiner hätte etwas gewonnen.
Das
immerhin ist der Anspruch der 'systematischen' Sprachanalytiker: dass
am Ende alle erdenklichen Begriffe unmissverständlich definiert, und
etwelche Mei-nungverschiedenheiten eo ipso unmöglich geworden wären.
An
der Stelle spätestens stößt die dogmatische Prämisse auf, die die
Phänomeno-logen mit den Sprachanalytikern teilen: die Annahme atomarer Sinn-Kerne als letzt-endlichem Ursprung der in den "Sprachspielen" tatsächlich verwendeten Begriffe.
Als Edmund Husserlvor
ziemlich genau hundert Jahren die platonischen Konse-quenzen seines
Systems unter die Nase gerieben wurden, brach er seine diesbezüg-lichen
Spekulationen ab. Das eigentliche Problem hätte an diesem Punkt aber
erst begonnen: Wie hätten es diese an-sich-seienden eidoi wohl angestellt, in die Intenti-onalität wirklicher historischer Subjekte einzusickern? (Wittgenstein dagegen haben systematische Fragen nie gekratzt.)
Der Pferdefuß war, dass die Phänomenologie bei den Begriffen als Erscheinungs-weisen des Bewussstseins angefangen hat. Erscheinungsweise des Bewusstseins ist die ganze Vernunft selber. Sie ist das Phänomen, das es zu analysieren gilt, nicht ihre verstreuten Moleküle.
Kant
hat damit begonnen, aber weiter als bis zum "Apriori", den zwölf
Kategorien und den beiden Anschauungsformen, ist er nicht gekommen. Fichte wollte mit der Wissenschaftslehre den Rest besorgen, doch fertig ist auch er nicht geworden und ist kurz vor Schluss sogar vom Wege abgekommen.
Vorgedrungen
war er bis zum Ursprung: dem Ich, 'das sich selbst setzt, indem es sich
ein/em Nicht-Ich entgegensetzt'. Eine andere Bestimmung kann ihm nach
vollständiger analytischer Reduktion nicht mehr zugerechnet werden, als
die, zu wollen - denn ohne dies hätte es nie anfangen können.
Aus
dieser einen und einzigen Prämisse muss der ganze Entwicklungsgang der
Ver-nunft rekonstruiert werden können, und wenn dies gelingt, ist sie
wohl nicht bewie-sen, aber immerhin so weit gerechtfertigt, dasssiedem GanzenalsPostulatzuGrun-de gelegt werden kann. Diese Rekonstruktion
ist derWissenschaftslehre,unerachtet einiger weniger Lücken und einzelner Abwege, gelungen.
Und seien Sie versichert: Psychologie war dabei an keiner Stelle vonnöten.
So konnte Reinhard Lauth, der Herausgeber der Fichte-Gesamtausgabe,
denn sa-gen: die Phänomenologie habe zur Erkenntnis 'nichts beigetragen,
was nicht die Transzendentalphilosophie früher und besser
ausgesprochen hat'.
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
"Von heutigen Schulkindern werden 50 bis 70 Prozent später keine Arbeit haben"
Der KI-Ethiker
Peter G. Kirchschläger warnt, dass es bald nicht mehr genügend bezahlte
Arbeit geben wird. In seinem neuen Buch plädiert er für ein bedingtes
Grundeinkommen
Interview von Reinhard Kleindl
Wie werden wir in einigen Jahren leben? Viele Fachleute sind
überzeugt, dass Künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft bald stark
verändern wird. Der auf KI spezialisierte Ethiker Peter G.
Kirchschläger, der in der Schweiz an der Universität Luzern forscht,
untersucht die Auswirkungen dieser datenbasierten Systeme (DS), wie er
sie lieber nennt. Sein Vorschlag einer Institution der Vereinten
Nationen, die nach dem Vorbild der Internationalen
Atomenergie-Organisation der Uno die Gefahren von datenbasierten
Systemen managen soll, fand starke Unterstützer, darunter
Uno-Generalsekretär António Guterres, den verstorbenen Papst Franziskus
oder den Dalai Lama.
In seinem neuen Buch Ethics and the Digital Transformation of Human Work
beleuchtet Kirchschläger die Auswirkungen der Revolution auf die
Beschäftigung von Menschen, und wieder hat er prominente Fürsprecher,
darunter Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank. Er
glaubt, dass bereits jetzt radikal gegengesteuert werden muss, wie er
dem STANDARD erzählt.
STANDARD: Viele gehen davon aus, dass datenbasierte
Systeme eine neue Industrielle Revolution auslösen. Sie könnte gar
zehnmal größer und schneller sein als die letzte, wenn man
Nobelpreisträger Demis Hassabis glaubt. Andere glauben eher an eine
Blase. Wie groß können die Umwälzungen ihrer Ansicht nach sein?
Kirchschläger: Rein von den technischen
Möglichkeiten und dem Potenzial, das in datenbasierten Systemen steckt,
würde ich schon von enormen Umwälzungen ausgehen, die sich auch ganz
spezifisch von früheren technologiebasierten Wandelepochen
unterscheiden. Weil sie auch unser Privatleben transformieren und da sie
viel stärker auf die Art und Weise, wie wir nachdenken und das, was wir
kreativ tun, Einfluss nehmen. Ein weiteres wesentliches
Unterscheidungsmerkmal ist das Tempo der Entwicklung. Es gibt
explosionsartige Technologiesprünge, auf die sich einzelne Menschen,
aber auch Gesellschaften nicht einstellen können.
STANDARD: Wie wird sich das Ihrer Meinung nach auf das Arbeitsleben der Menschen auswirken?
Kirchschläger: Ich würde argumentieren, dass es zu einer massiven Reduktion beruflicher Aufgaben kommen wird.
STANDARD: Sie sprechen also von einer Reduktion der
Jobs insgesamt, nicht dem Aussterben bestimmter Sparten. Diese Angst gab
es schon in der Vergangenheit, aber die befürchtete
Massenarbeitslosigkeit ist nicht eingetreten. Sollte man nicht daraus
lernen und optimistischer sein?
Kirchschläger: Ich warne davor, diesen Denkfehler zu
machen. Es ist richtig: Auch bei früheren Wandelepochen gab es diese
Sorge, passiert ist dann aber das Gegenteil. Aber sind wir uns sicher,
dass es auch dieses Mal gleich abläuft wie früher, oder kann es nicht
sein, dass sich diese technologiebasierte Wandelepoche von den früheren
unterscheidet? Ich habe in meinem Buch 30 wesentliche
Unterscheidungsmerkmale identifiziert.
STANDARD: Welche Unterschiede sehen Sie?
Kirchschläger: Aktuell ist die Zielsetzung von
datenbasierten Systemen ganz klar der Ersatz und nicht die Erleichterung
von Arbeit. Es geht darum, bezahlte berufliche Aufgaben durch
datenbasierte Systeme erfüllen zu lassen, um Kosten zu sparen. Ein
Beispiel, wo wir das bereits im Alltag erleben, sind automatisierte
Kassensysteme. Dort geht es nicht darum, die Arbeit von Kassiererinnen
und Kassierern angenehmer zu gestalten oder zu erleichtern, sondern sie
zu ersetzen. Das zweite wesentliche Merkmal ist, dass es dieses Mal alle
beruflichen Aufgaben betrifft und nicht mehr nur jene, die wenige oder
keine beruflichen Qualifikationen voraussetzen, wie das früher war.
STANDARD: Sprechen Sie hier wirklich von allen
beruflichen Aufgaben? Handwerkliche Tätigkeiten scheinen aktuell weniger
betroffen zu sein.
Kirchschläger: Auch der Kontext, in dem sich eine
handwerkliche Tätigkeit entfaltet, lässt sich anhand von Daten abbilden.
Wir können gewisse Regeln festlegen, die ein System entsprechend
trainieren kann. Und Roboter können schon heute alle möglichen
Bewegungen lernen. Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass das nicht
immer in gleicher Qualität erfolgen muss im Vergleich zu einem Menschen.
Wenn es etwa um emotionale und soziale Intelligenz geht, also alles,
was mit zwischenmenschlicher Interaktion zu tun hat, wird es Abstriche
geben. Der entscheidende Punkt ist nur, ob noch jemand bereit ist, für
diese Qualitätsdifferenz einen höheren Preis zu bezahlen.
STANDARD: Früher sorgte das höhere Wirtschaftswachstum in Summe für mehr Jobs, obwohl bestimmte Jobs ausstarben.
Kirchschläger: Der entscheidende Punkt ist meiner
Meinung nach, dass diesmal Wachstum ohne Steigerung von menschlicher
Arbeit möglich ist. Also eine effizientere und effektivere
Wertschöpfungskette, die schlussendlich ein Mehr an Ressourcen
erwirtschaftet, aber mit viel weniger Menschen, die daran teilnehmen und
daran teilhaben.
STANDARD: Weniger arbeiten zu müssen kann im Prinzip auch etwas Positives sein. Warum ist das hier ein Problem?
Kirchschläger: Wenn wir alle, Sie und ich, weniger
oder gar nicht mehr arbeiten müssen, muss es nicht von Anfang an eine
ethisch schlechte Nachricht sein. Ethisch problematisch wird es dann,
wenn Menschen sich kein menschenwürdiges Dasein mehr leisten können. Das
Resultat der Wertschöpfung dieses Wachstums wird in nur ganz wenigen
Händen landen. Und das ist eine potenzielle Quelle für sozialen
Unfrieden.
STANDARD: Was wäre Ihrer Ansicht nach also zu tun?
Kirchschläger: Wir müssen darüber nachdenken, wie
wir unsere Gesellschaft und unser wirtschaftliches System umgestalten
können, sodass wir noch ein menschenwürdiges Dasein und eine nachhaltige
Zukunft ermöglichen können. Ich würde da mit einem ganz konkreten
Vorschlag ansetzen, dem sogenannten SERT-Modell. SERT steht für
Society-, Entrepreneurship-, Research-Time-Modell
(Gesellschafts-Unternehmertum-Forschungs-Zeit-Modell). Dahinter steht
die Idee eines bedingten Grundeinkommens. Die Entkopplung zwischen
Einkommen und Arbeit wird nötig, weil es nicht mehr genügend bezahlte
Arbeit für Menschen geben wird, um sich ein menschenwürdiges Dasein
leisten zu können.
Ein Roboter im European Operations Innovation Lab des IT-Riesen
Amazon, das sich im italienischen Vercelli befindet. Bisher dienten
Maschinen hauptsächlich zur Unterstützung von Menschen. Laut Ethiker
Kirchschläger könnte der Mensch diesmal aber komplett ersetzt werden.
STANDARD: Welche Bedingungen sind an den Bezug dieses Einkommens geknüpft?
Kirchschläger: Es soll einen Gesellschaftsdienst
geben, wo ich in einem frei und selbstbestimmt gewählten Bereich einen
Beitrag zur Gesamtgesellschaft zu leisten habe. Das Modell orientiert
sich am schweizerischen Zivildienst. Ich kann also frei wählen, ob ich
mit Kindern und Jugendlichen etwas unternehmen, mich um ältere Personen
kümmern oder etwa auf einem Bergbauernhof helfen will. Wer sich
unternehmerisch engagiert oder in Forschung und Innovation aktiv ist,
kann von diesem Dienst zum Teil befreit werden.
STANDARD: Warum bedingt und nicht unbedingt, wie es in der Politik teils diskutiert wird?
Kirchschläger: Der Ausgangspunkt ist durchaus eine
kritische Auseinandersetzung mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, das
wichtige Funktionen von bezahlter Arbeit, wie zum Beispiel Sinn- und
Identitätsstiftung oder soziale Integration, nicht adressiert.
STANDARD: Was bedeutet das für die Ausbildung von jungen Menschen, wenn sie womöglich keine Jobs mehr ausüben müssen?
Kirchschläger: Wir müssen uns ansehen, was die
Alleinstellungsmerkmale von uns Menschen sind. Bei allem, was mit
Mathematik und Programmierung zu tun hat, dem Umgang mit großen
Datenmengen oder logischem Ableiten, da sind uns Maschinen bereits
massiv überlegen. Das wird in Zukunft noch explosionsartig zunehmen, und
zwar wahrscheinlich eher in den nächsten Monaten als in den nächsten
Jahren. Es gibt aber Intelligenzbereiche, wo Menschen etwas tun können,
was Maschinen nicht können, zum Beispiel in den Bereichen der
emotionalen und sozialen Intelligenz und der zwischenmenschlichen
Interaktion. Ethisches Entscheiden, Moralfähigkeit, Selbstbestimmung
sind Dinge, die Maschinen nicht können. Und wir sollten, wie ich
argumentieren würde, in Bildung und Ausbildung den Schwerpunkt auf diese
Bereiche setzen, wo Maschinen nicht hinkommen. Also Philosophie, Ethik,
kritisches Denken, musische Fähigkeiten, allgemeine Kreativität, aber
auch Umgang mit Unsicherheit.
STANDARD: Sie würden auf Mathematikunterricht verzichten?
Kirchschläger: Ich sage nicht, dass wir keine
Mathematik mehr machen sollen. Natürlich sollten wir das tun, weil es
unser Denken schult und wir uns damit persönlich weiterentwickeln
können. Aber wir sollten im Blick haben, dass es künftig kein
Alleinstellungsmerkmal von Menschen mehr sein wird.
Bislang waren soziale Roboter eher kaum ernstzunehmende Spielerei. Auch das könnte sich schnell ändern.
STANDARD: Aber müssten Menschen nicht umgekehrt mehr
mathematische und technische Fähigkeiten lernen, um im Wettbewerb gegen
datenbasierte Systeme bestehen zu können?
Kirchschläger: In spezifischen technischen
Fertigkeiten haben wir in der Gegenwart schon keine Chance mehr im
Wettbewerb mit Maschinen, und es gibt keinen Grund, warum wir diesen
Rückstand in Zukunft aufholen oder Maschinen sogar wieder überholen
sollten. Wir sollten also auf Intelligenzbereiche setzen, wo sich
Menschen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft von Maschinen
unterscheiden werden. Das bedeutet nicht, dass man die Nutzung neuer
Medien und technologischer Möglichkeiten oder den kritischen Umgang mit
datenbasierten Systemen nicht in der Schule oder in Bildungsprozessen
thematisieren soll. Ich würde gleichzeitig vorschlagen, dass man die
Schule als bildschirmfreie Oase organisieren sollte.
STANDARD: Wie lange haben wir Ihrer Ansicht nach Zeit, diese Veränderungen umzusetzen?
Kirchschläger: Wir sollten jetzt damit beginnen.
Wenn man es etwa aus der Perspektive eines Kindes betrachtet, das jetzt
in die erste Klasse geht, wird sich die Arbeitswelt nach neun Jahren
Pflichtschule schon massiv verändert haben. Ich gehe davon aus, dass 50
bis 70 Prozent der Kinder in einer solchen Schulklasse nie in ihrem
Leben eine berufliche Tätigkeit wahrnehmen können. Diese Entwicklung
zeichnet sich ab. Da gibt es dringenden Handlungsbedarf und wir sollten
da nicht länger zuwarten.
Nota. -"Wieso denn bedingt?"
Man mache sich nichts vor: In der Sache wäre es eine ebenso gründliche Revolution wie die Erfindung der Arbeitsgesellschaft von 12 000 Jahren. Aber sie würde sich dimensional von jener unterscheiden: Sie müsste begriffen werden nicht nach ihrem Niedergang - so wie jene -, sondern vor ihrem Entstehen. Sie könnte nicht wild wu-chern, sondern nur planmäßig Schritt für Schritt in die Welt gesetzt werden.
Der nächstliegendeKommentar vonOttoNormalverbraucher:Das geht gar nicht. Und tatsächlich erlaubt unsere Geschichte keine hoffnungsvolle Prognose.
Doch zu behaupten, dass es nicht gehen könne, weil es noch nie gegangen ist, wäre dogmatisch. Es ist noch nie gegangen unter den Bedingungen der... Arbeitsgesell-schaft, die es doch gerade zu überwinden gilt. Das wird mühselig genug sein - und in der Tat unmöglich, wenn man nicht schafft, sich deren Logik probehalber aus dem Kopf zu schlagen.
Und schwer genug wird gerade der Anfang. Das werden die heute lebenden Gene-ationen kaum erleben, dass es damit wenigstens losgeht, und die eigentliche Probe auf die Brauchbarkeit der Begriffe beginnt mit der Umsetzung erst. Eile ist ganz fehl am Platz.
*
Jetzt komme ich überhaupt erst auf den Punkt: Details werden über Jahrzehnte erst in theoretischen Modellen durchgespielt werden müssen. Es gibt - und das ist ent-scheidend - keinen Anlass, sie heute schon wie Glaubensartikel vor sich her zu tra-gen. Um zu entscheiden, welche Mittel zum Zweck überhaupt taugen, muss der Zweck selbst geklärt werden.
Der Zweck ist kein karitativer. Er ist der politischste, der jemals ins Auge gefasst wurde: Erstens gilt es, die Arbeit und ihre Produkte so zu verteilen, dass nichts un-erledigt bleibt, und so, dass sie nicht mehr als eine unausweichliche Last empfunden werden muss. Und zweitens gilt es - das ist Mittel und Zweck zugleich -, die seit hundert Jahren fortwuchernden Verwaltungsmonstren aufzulösen, die die Produk-tion nicht fördern, sondern einschränken. Ohne diese Verbindung bleibt der erstreb-te Zweck utopisch.
Beide zu vereinen wäre die historische Errungenschaft, die die digitale Revolution und die Globalisierung rechtfertigen könnte. Darüber ist zu streiten und nur in diesem Licht können Einzelheiten überhaupt gewertet werden. JE
Es
gab eine Zeit, da stand es fest, wie die Welt beschaffen ist, und daß
sie so zu bleiben hat. Ihr Sein war auch schon ihr Sollen. Es war klar,
was die Regel war und was die Ausnahme, was Gesetz und was Abweichung,
was normal war und was un-normal; und darüber, daß es weiterhin klar
bliebe, wachten geistliche und weltliche Hoheiten, denn dafür waren sie
da. Zwar ist die Welt in ihrer Wirklichkeit noch niemals heil gewesen,
und ob das, was Pfaffen, Ärzte und Polizisten jeweils für die Regel
hielten, von den Statistikern auch als gesellschaftlicher Durchschnitt
wieder-erkannt worden wäre, ist eine Frage für sich. Doch für die
gesellschaftliche Normalität ist weniger entscheidend, ob sie ist, als
daß sie gilt. Die
mentale Verfassung eines Gemeinwesens ist für die Individuen, die es
ausma-chen, selber eine objektive Gegebenheit. Sie besteht nicht bloß –
gedacht – in den Köpfen, sondern – real – in Raum und Zeit: in Gestalt
der Institutionen. Der Sinn unserer Institutionen liegt, nach Arnold Gehlens klassischer Definition,[1]
der Entlastung der „instinktentbundenen“ menschlichen Individuen von
„zuviel Unterscheidungs- und Entscheidungsdruck“ in einem stets
unübersichtlicheren, immer ‘offeneren’ Universum. Die
sozialen Dienste sind solche Institutionen, und die Professionellen,
die darin arbeiten, sind vergesellschaftete Wesen. In einem Gemeinwesen,
das sich als end-gültig vorkommt, ist der Staat Hoheit, die dem, der in
die Irre geht, den rechten Weg weist; die ihn „ins Gemeinwesen (re-)
integriert“. Er ist hier – Vater, und in gütiger Strenge kümmert er sich
um die Seinen. Unter solchen Prämissen ist die Sozialarbeit, sie mag
wollen oder nicht, selbst hoheitlicher und normativer Ord-nungsdienst.
Die
moderne Gesellschaft versteht sich – weil sie Verkehrs- und
Leistungsverhältnis ist – nicht als Familie noch als Topos in einem
Heilsgeschehen, sondern als nützli-che Einrichtung, die die Unendlichkeit
der Warenflüsse wahrt. Als Zirkulationspro-zeß ist sie wesentlich eine
Open-end-Veranstaltung. Folgerichtig verheißt sie ihren Teilhabern auch
nicht Happiness, sondern lediglich the Pursuit Of…[2] Sie ist Gesellschaft, nicht Gemeinschaft. Gegen
die geweihten Ordnungen einer seelenvollen Vergangenheit nimmt sie sich
kalt und kärglich aus. Dabei ist sie das heroische Zeitalter; denn sie
hat den Men-schen auf seine eignen Füße gestellt und uns zur Freiheit
verurteilt.
In
aller Konsequenz erleben wir es erst jetzt. Individualisierung,
Differenzierung, Pluralisierung bedeuten eine Informalisierung der
Verkehrsformen, wo alles immer wieder neu ausgehandelt werden muß. Was
Ausnahme ist und was Regel, wer kann es noch sagen? Es ist keine Frage
der richtigen Lehre mehr, sondern eine praktische Evidenz: Selbst wenn
sie es wollte, die Sozialarbeit kann gar nicht mehr normativ sein – weil
die verbindlichen Normen fehlen.[3] Nichts ist mehr selbstverständlich. Und ist ersteinmal das Sollen problematisch, dann versteht sich bald auch das… Sein nicht mehr von selbst.[4] Neomoderne Dieser
Verlust der Selbstverständlichkeiten ist in den Sozialwissenschaften
unter dem Stichwort „Modernisierung moderner Gesellschaften“
thematisiert und in der Öffentlichkeit vornehmlich durch die von Jürgen
Habermas entwickelte Formel von der „neuen Unübersichtlichkeit“, dann
durch den von Ulrich Beck geprägten Begriff der „Risikogesellschaft“
bekanntgeworden. Damit ist ein säkularer Prozeß bezeichnet, der mehr
oder weniger alle industriellen Gesellschaften erfaßt und durch seine
grundlegende Ambivalenz geprägt ist: „nämlich einerseits eine rasch
voranschreitende Erosion traditioneller sozialer Institutionen und der
mit diesen verbundenen normativen Muster. Dieser korrespondiert
andererseits eine Zunahme von Möglichkeiten der individuellen Gestaltung
des Lebenslaufs, die sich aber zu-gleich als Zwang zu
eigenverantwortlicher Entscheidung erweisen.“[5] Möglichkeit
als Zwang: Der moderne Mensch hat immer weniger, woran er sich halten
könnte, er muß sich überall selbst zurechtfinden. Allenthalben vermehren
sich „die vorfindbaren Subkulturen, driften auseinander, zersplittern,
differenzieren sich und verlieren immer mehr gemeinsame Werte und
Nenner. Die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen wächst,
und einst bindungsfähige Instanzen wie Religionen, Parteien und
Ideologien verlieren an Bedeutung.“[6]
Reichte
es ehedem aus, wenn er keinen Fingerbreit von Gottes Wegen abwich, so
irrt der Mensch heut auf eigne Faust durchs Leben; irrt und verirrt sich
auch. Daß er immer wieder mal fremden Rat braucht, ist nicht mehr die
Ausnahme, sondern gehört schon zur Regel. Der
Bedarf an Beratung wächst. Doch „mit der Generalisierung der
Lebensrisiken werden zugleich die Problemlagen der einzelnen Menschen
untypischer und folglich die benötigten Hilfen unspezifischer, so daß
sich nichtmal mehr umrißhaft sagen läßt, welches Individuum ‚heil’ und
welches ‚beschädigt’ ist. Hilfe muß sich deshalb wegbewegen von der
reinen Defizitorientierung (geben, was fehlt) hin zu einer Stützung von
Lebenszusammenhängen (‚Unterstützungsmanagement’), in der die eigenen
Ressourcen aktiviert werden und tragende Beziehungsgeflechte entstehen
oder sich erweitern: vom Fall zum Feld. Der moderne Sozialarbeiter ist
zuerst Vermittler von ‚Beziehungen’, also Unterstüt-zungs- und
Dialogmanager... Soziale
Arbeit zielt zuerst auf die Ressourcen im Feld (Netzwerke), danach
vermit-telt sie im gegebenen Fall die Individuen mit den dort vorhandenen
Helfern, und erst in dritter Instanz bemüht sie professionelle Hilfe
(Experten) für den Einzel-fall.“[7] gesellschaftlicheInstanz Die
Sozialarbeit ist nicht aus Begriffen und theoretischen Systemen
entstanden, sondern aus Problemen, die akut wurden und „sich zeigten“:
nicht doktrinal, sondern ‚aporetisch’; nicht diskursiv, son-dern
pragmatisch. Ihre nachträglichen begrifflichen Systematisierungen
entstanden immer erst aus dem Bedürfnis, die tatsächliche Praxis der
Sozialarbeit zu rechtfertigen vor ihren gesellschaftlichen
Voraussetzungen. Inzwischen
ist sie aber zu einem Industriezweig geworden, der Hunderttausenden ein
Aus-, d. h. Einkommen gibt; aus öffentlichen Mitteln. Da geht es nicht
länger an, daß sie gedanklich bei ihren Nachbarfächern zur Untermiete
wohnt. Die Zeit für eine kohärente Selbstreflexion ist überreif. Statt
auf Pump weiter zu wursteln, schuldet sie der Öffentlichkeit eine
umfassende Ortsbestimmung im gesellschaft-lichen Gefüge. Daß
sie es von allein bislang nicht dazu gebracht hat, liegt an ihrer
Geschichte. Als marginaler Nothelfer unter obrigkeitlicher Prämisse
hatte sie nur Löcher zu stopfen, und ihre Selbstzeugnisse waren
buntscheckig wie ein Narrengewand. Ihre Stellung-nahmen konnten punktuell
bleiben – und negativ: Was nicht sein soll… Sie hatte ja per Definition
mit Randgruppen zu tun und mit den Ausnahmefällen. Doch
heute ist sie keine Rand-Erscheinung mehr, sondern selbst eine Säule im
ge-sellschaftlichen System – die Landnahme seit ‘68 und die Explosion
der Stellen-pläne sind der äußere Erweis. Da muß ihr Selbstverständnis
allgemein werden und positiv: Was sie sein will. In
der informalisierten, individualisierten und pluralistischen
Zivilisation heißt ihre Aufgabe eben nicht mehr: Menschen in eine wahre
Ordnung fügen, sondern: ihnen auf ihrer Irrfahrt unter die Arme greifen.
Statt normativ und interventionistisch, ist sie nurmehr regulativ und
subsidiär. Aber sie ist nun auch nicht mehr residual und okkasionell,
sondern allgemein und notwendig. In einer Wertordnung, die durch die
freie Wahl der Lebensstile ausgezeichnet ist, gehört helfende Beratung
unter die Be-dingungen der Wahlfreiheit. vermitteln Die
‚entlastenden’ Institutionen der neo-modernen, neo-bürgerlichen
Gesellschaft verlieren den traulichen Charakter von
gemeinschaftsförmigen Sozialisations-Strukturen, an die man habituell
heran-, in die man organisch hineinwächst, und mutieren zu –
kommerziellen und öffentlichen – Vermittlungs-Agenturen, die die
verlorenen Zusammenhänge ersetzen, indem sie die vereinzelten Individuen
‚be-kannt machen’ mit den im aufgesplitterten ‚Feld’ verstreuten
sachlichen und hu-manen Ressourcen. [8]
Sie ‚entlasten’ die Menschen weiterhin – beim Gehen, aber nicht mehr
bei der Wahl des rechten Weges im Wirrwarr der Welt. Das isolierte
Individuum kann sich nur als „Ego-Netzwerker“ behaupten; und immer
wieder gleiten dieser oder jenem die Fäden aus der Hand.
Professioneller
Rat wird nötig. Sache der Sozialarbeit ist nun „die Mobilisierung
vorhandener Ressourcen im gegebenen (personalen) Netzwerk und
andererseits die Schaffung neuer ergänzender Netzwerke durch formale
Dienste und informelle Helfer“[9].
Der spezifische Dienst, den sie anbietet, ist – Vermittlung. Sie macht
sich selbst mit Andern bekannt, um Andre miteiander bekannt zu machen. Sozialarbeit
wird zu einem Mitbewerber in der großen Dienstleistungsbranche der
Berater. Als Anbieter auf dem Markt wird sie zu einem Organ der zivilen
Gesell-schaft. Sie hört auf, politisch zu sein.
Ihre
Aufgabe ist es nicht, der Gesellschaft den rechten Weg zu weisen,
sondern die tatsächlichen Mutationsprozesse moderierend zu ‚begleiten’.
Sie ist ‚parteilich’, denn sie dient aber den Privatleuten und nicht den
Staatsbürgern.[10]
Sie wird so zu einer Instanz gesellschaftlicher Selbstregulation:
Energien, die sonst aneinander vorbei-liefen, ins Leere gingen und
brachlägen, werden miteinander artikuliert und verban-delt; Kollisionen,
in denen viel Energie verglüht, werden abgewendet, wo sie nicht nützen.
Sie ist ein „Gelenkstück“[11], intermediär, informell und alltäglich. Oder, mit der Sprache der Kybernetik zu reden, ein Regler.[12] Das
kann auf Dauer nicht ohne Folgen für ihre institutionelle Verfassung
bleiben, wenn anders sie nicht als ineffektiv und zu teuer aus dem
Gesellschaftskörper aus-geschieden werden will. Denn wenn Soziale Arbeit
die höhern Weihen der Wahren Ordnung verliert und zu einem innern Organ
der zivilen Gesellschaft profaniert, darf diese gerechterweise die Frage
stellen, ob sie sich jene leisten will. Also ob die von jener
erbrachten Leistungen den mit ihr getriebenen Aufwand wert sind. der Wert der Sozialarbeit Ja,
was ist die Sozialarbeit denn „wert“? Dies ist ihr entscheidender
Unterschied von anderen Dienstleistungen: daß die hier erbrachte
Lohnarbeit nicht gegen Kapital ausgetauscht wird, sondern gegen Revenü –
einen außerökonomischen (hier: poli-tischen) Abzug vom Profit der
andern.[13]
Es gibt nur einen, monopolistischen Nachfrager nach Sozialarbeit,
nämlich das (staatlich verfaßte) Gemeinwesen selbst. Es kauft nicht, wie
der Kapitalist, die Arbeitskraft der Sozialarbeiter, um ihr
Ar-beitsprodukt an Dritte weiterzuverkaufen; sondern es heuert den
Sozialarbeiter, um seine Leistung selber zu verbrauchen – d. h.
unentgeltlich an seine bedürftigen Glieder weiterzureichen. Etwa so, wie
ein Duodez-Fürst sich einen Hofpoeten hält, der für alle reimt. Der
Anbieter – Sozialarbeiter, Träger, Initiativen – gibt es viele, aber nur
einen möglichen Käufer: den – hier zutreffend so genannten – Souverän.
Denn da er am Markt auf keinen Mitbewerber trifft, kann er den Preis je
nach sei-ner fancy (Marx) ermessen; je nachdem, was sie ihm
„wert“ ist. Eine prozessierende Reduktion des Preises der Sozialarbeit
auf ihren Tauschwert findet – anders als bei solchen Dienstleistungen,
die Kapital verwerten, welches seinerseits auf dem Markt konkurriert –
auch mittelbar nicht statt. Reduktion
der Preise auf den Tauschwert, daß heißt Ermittlung der
„gesellschaft-lich notwendigen Arbeitszeit“ durch den Realprozeß der
Zirkulation: Es muß sich – im ‚Spiel von Angebot und Nachfrage’ –
herausstellen, wieviel der tatsächlich auf-gewendeten Arbeitszeit
‚gesellschaftlich notwendig’ war, und das heißt a limite: ob sie
überhaupt notwendig war. Wenn
es aber nur einen Nachfrager gibt, findet ein solches Spiel nicht
statt. Wieviel von ihrem verfügbaren Arbeitszeitbudget eine Gesellschaft
für Sozialarbeit „übrig-hat“, läßt sich nicht ex post im Verkehr Aller
mit Allen (faktisch) ausmitteln, son-dern immer nur ex ante (normativ)
festlegen. Der „Wert der Sozialarbeit“ ist keine ökonomische, sondern,
wer hätte das gedacht, eine politische Größe.
kopernikanische Wende Da
wissen die Sozialarbeiter nicht mehr, woran sie sind. Eben machen sie
sich, un-ter Schmerzen, daran, ihre pastoralen Prätentionen auf
Missionierung und Gesell-schaftsreform fahrenzulassen und sich zum
dienenden Organ der zivilen Welt zu bescheiden; und gleich müssen sie
sich sagen lassen, daß der Preis für ihre Mühen nichtsdestoweniger…
politisch bemessen wird! Ja wie denn nun?
Das
Paradox, in das sie sich geworfen fühlen, ist dennoch bloßer Schein. Er
ent-steht nur, wenn es der Selbstreflexion an Radikalität fehlt, weil
sie sich vor ihren Resultaten fürchtet.
Sie
hatte sich – ewig maulend zwar, denn Klappern gehört zum Handwerk – im
Schatten der Macht häuslich eingerichtet, von der sie selbst einen
Zipfel in Händen halten durfte. Daß es Sache der Obrigkeit sei, für
Richtigkeit zu sorgen, darüber war man ja einig. Wie Unrichtigkeit zu
definieren; wo, wie groß und wie zahlreich die Löcher im „Netz der
psychosozialen Versorgung“, und wie die Mittel zu bemessen seien, sie zu
stopfen – darüber gab es immer wieder Streit. Denn da die einen im-mer
wieder nur mehr haben wollten – mehr Geld, mehr Stellen, mehr Staat -,
ge-wöhnten sich die andern endlich an, grundsätzlich weniger
herauszurücken. Doch an der obrigkeitlichen Prämisse hielten sie beide
fest: daß die Politik eine Instanz über der zivilen Gesellschaft zu sein
habe, und nicht Organ in ihr. Daß also die Polis gleichzusetzen sei mit
– ihren Bediensteten.[14]
In
Wahrheit hat das Politische viele Stufen. Es beginnt überall dort, wo
Öffentlich-keit entsteht, denn die bedeutet Reflexion und ist ein
Einbruch in die Selbstver-ständlichkeit, welche ihrerseits das
Unpolitische schlechthin darstellt. (Die systema-tische Scheidung unseres
Lebens in einen öffentlichen und einen privaten Bereich ist eine der
großen revolutionären Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft.)
Verwaltungshandeln
ist nur ein ganz untergeordneter Teil des Politischen, und je mehr es
sich der Öffentlichkeit zu entziehen neigt, seine ständige Bedrohung.
Staatliche Bürokratie ist ein Erbstück der absolutistischen Monarchien,
die die Geltung des Öffentlich-Allgemeinen erst mit ihrer Hilfe gegen
die partikularen Ansprüche der Feudalen erzwingen konnten – um sie dann
gegen die bürgerliche Revolution zu wenden. Sie ist nicht die legitime
Tochter, wie Max Weber meinen konnte,[15] der Warenproduktion und ihres Rationalisierungsgebots, sondern ein vorbürgerliches Residuum.
Sie zählt zu den unproduktiven faux frais
der bürgerlichen Verkehrsweise, und hat nur als Polizeikorps jenseits
der zivilen Gesellschaft Bestand. (Es fragt sich bloß, in wessen Auftrag
– wenn nicht ihrem eigenen.)
So
und nicht anders ist, unerachtet der subjektiven Intentionen ihrer
Protagonisten, auchdie sozialeArbeitentstanden. Es ist diekopernikanischeWende ihrerGeschich-te, daß sie sich inzwischen als
deren immanente Funktion neu bestimmt.
Politisierung des Alltags
Politisch
ist nicht nur der Staat, und öffentlich ist nicht erst die Behörde.
Überall, wo das Gemeinwesen als solches „in Erscheinung tritt“,
geschieht Politisches.[16]
Daß es dabei nicht mit einer, sondern zuerst immer mit vielen Stimmen
redet, liegt in seiner Natur (oder etwa nicht?!). Dabei kann es nicht
bleiben, gewiß, es muß sich, als Hoheit, zu einem handlungsfähigen
Willen konstituieren – nämlich immer da, wo das Allgemeine mit
Zwangsgewalt gegen das Partikulare zur Geltung gebracht werden muß;
sonst nicht.
Sache
der Sozialarbeit ist nun aber nicht mehr die Geltendmachung von
Allgemei-nem gegen die Privaten, sondern Mediation zwischen den Privaten
(und den ‚Dien-sten’). Sie ist funktional, nicht (mehr) hoheitlich.
Dem entspricht, daß mit der „reflexiven Moderne“ der Risikogesellschaft[17] das Politische in den bürgerlichen Alltag selber eingekehrt ist. Die Konflikte innerhalb der zivilen Gesellschaft[18]
werden zunehmend zwischen den Privaten (den diesbe-züglich so genannten
„Betroffenen“) selbst ausgehandelt – ohne den souveränen Eingriff des
Staats, dessen Legitimität längst in Zweifel steht, denn „einerseits
stirbt er ab, andererseits muß er neu erfunden werden“. Er stirbt ab –
als besonderes We-sen, als Gebilde einer Souveränität und als
hierarchischer Koordinator. Er muß neu erfunden werden: „An die Stelle
des Handlungsstaats tritt der Verhandlungsstaat.“ [19]
Wenn nun die zivile Gesellschaft selbst politisch wird, dann verlieren die konstitu-ierten Korps der volontégénérale
ihre Sonderrolle, aus ihrer Stellung über dem und gegen den
bürgerlichen Alltag sinken sie in ihn herab und lösen sich darin auf.
„Der Staat muß Selbstbegrenzung, Selbstenthaltung praktizieren, Monopole
aufgeben.“ [20] Zum
Beispiel in der sozialen Arbeit. So wie jener seine Rolle als ideeller
Gesamt-Sozialarbeiter einbüßt, verliert diese ihre Sendung als der
authentifizierte Gemein-sinn und ist nicht mehr politischer als irgendwer
sonst. Sie hören auf, miteinander ein privilegiertes Verhältnis zu
haben. wer zahlt? Bleibt immerhin die Frage: Wer zahlt?
Jedenfalls
nicht der Ratsuchende selbst. Denn das wäre widersinnig: Helfende
Beratung würde zum Luxuskonsum für Besser- verdienende; eine Variante
des Psycho-Booms. Eine allgemeine Dienstleistung kann sie nur sein, wenn
die Ein-gangsschwellen niedrig sind: auch die finanziellen. Daß es
Helfende Beratung gibt, ist im Ganzen eine Gemeinschaftsaufgabe. Darum
ist sie noch lange nicht Amtswaltung des Gemeinwesens am Einzelnen.
Helfende Beratung kommt durch Vertrag zustande, nicht als
Maßnahme. Unser Rechtssystem beruht darauf, daß keiner ohne rechtlichen
Beistand bleibt, wenn er ihn braucht. Deshalb gibt es kommunale
Rechtsberatung und das Armenrecht. Daß es sie gibt, liegt im
öffentlichen Interesse. Daß
die Menschen gesund und leistungsfähig bleiben, liegt im öffentlichen
Inter-esse. Deshalb gibt es ein öffentlich verfaßtes Gesundheitssystem.
So umstritten seine Kosten immer wieder sind: Daß es sich um
Dienstleistungen an Privatleuten handelt und nicht um Vollstreckung
eines Staatszwecks, das hat noch keiner in Frage gestellt. Und
daß zum Setzen der fachlichen Maßstäbe letzten Endes die jeweilige
Fachwelt – der Juristen hier, der Mediziner dort – immer noch am ehesten
qualifiziert ist, auch nicht. Was
wäre also daran paradox, wenn die Existenz eines Systems Helfender
Beratung durch das Gemeinwesen finanziert, seine Wirkweise aber privat
verfaßt wäre? Es ist der Dünkel des öffentlichen Dienstes ebenso wie der
Geltungsdrang manchen Sozi-alarbeiters, der hier eine Denkhemmung
aufbaut; nicht der gesunde Menschenver-stand. Daß
Helfende Beratung nicht in den öffentlichen Dienst gehört, hat seine
sozusa-gen ‚technologischen’ und ‚ergonomischen’ Gründe: Der Charakter
der Tätigkeit selbst – erraten, erfinden, verlocken, präsentieren,
simulieren – hat mehr mit Kunst zu tun als mit Ordnung.[21]
Aber darin kommt nur zum Ausdruck, daß sie ihrer Ortsbestimmung nach
nicht mehr Hoheit ist, sondern Medium gesellschaftlicher
Selbstorganisation. Daß sie es ist, liegt im Interesse des Gemeinwesens. Um es zu sein, dient sie nicht jenem, sondern den Privatleuten. Doch
mit der Frage, wer zahlt, erledigt sich nicht die Frage, was es kostet.
Wieviel und welche Art sozialer Arbeit eine Gesellschaft nötig zu haben
meint und was sie ihr wert ist, ist eine politische Frage. Aber nicht
nur. Es ist auch eine fachliche Frage; sobald es nämlich um die
Qualitätskriterien geht. Und darüber entscheidet am besten die Fachwelt
selbst, nicht die konstituierten politischen Korps. Darüber,
wieviel das Gemeinwesen für soziale Arbeit ausgibt, sollte die
Sozialarbeit besser nicht mitreden wollen: in wessen Namen wohl? Auch
nicht darüber, wie das Geld verteilt wird: Das gibt nur Zank. Aber die
fachlichen Maßstäbe, nach denen der Hoheitsträger über die Verteilung
öffentlicher Mittel entscheidet, die kann nur sie setzen und kein
anderer. Dazu
freilich müßte sie mit einer Stimme reden. Das heißt, sie müßte sich
selbst repräsentieren können. Also sich selbst verfassen: repräsentativ
heißt öffentlich (nach innen wie nach außen). Als
wir vor drei Jahren der Fachwelt unsern Vorschlag zur
Selbstorganisation der Sozialarbeit in einer öffentlich-rechtlichen
Kammer vortrugen,[22]
da wurde er mit ohrenbetäubendem Schweigen begrüßt. Dabei ist es bis
heut geblieben. Kein Wunder: Weder die Verwaltung hätte einen Vorteil
davon, noch die „Betroffenen“ selbst. Der Vorteil läge ganz und gar
beim… Gemeinwesen. – Vielleicht liegt hier eine dankbare Aufgabe für die
akademischen Vertreter unseres Fachs? Dann wüßten sie auch endlich, wo
sie hingehören. Daß
eine gründliche Umordnung der sozialen Arbeit auf der Tagesordnung
steht, ist außer Frage. Es kann ja sein, daß unser Vorschlag zur
„Verkammerung“ der Weisheit letzter Schluß nicht war. Aber ein anderer
ist bislang nicht gemacht worden. Wie wärs, wenn die Debatte sich
wenigstens auf das Niveau erheben würde, das heute schon möglich ist?
[1] Gehlen, A., Urmensch und Spätkultur, Ffm 1977, S. 43 [2] so in der amerikanischen Erklärung der Menschenrechte [3]
Ein letztes Aufbegehren des Kümmer-Prinzips in der Sozialarbeit war der
missionarisch-agitatorische Gestus der 68er: Sogenannte Randgruppen
sollten emanzipiert werden. Aber in der individualisierten
Risikogesellschaft läßt sich jede willkrlich herausgegriffene
Menschenmenge ‚irgendwie’ als Randgruppe definieren. Der
emanzipatorische Anspruch entpuppt sich so als Vehikel berufsständischer
Landnahme. [4] „Wenn
man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man
sich befindet.“ Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Ffm 1987, S. 188 [5] aus Winkler, M., Stellungnahme zur Konzeption eines Verbundes von Kinderhäusern im Berliner Raum (unveröffentlicht [6]Hinte, W., Die mit den Wölfen tanzen, in Sozial Extra 7-8/93 [7] aus Hinte, W., Gutachterliche Stellungnahme zum Kinderhaus in Berlin-Friedrichshain (unveröffentlicht) [8]
krassestes Beispiel : die Entwicklung der Schule von der Charakter- und
Status-Schmiede zu ‚Informations’-Börse und zu ‚Verhaltens’-Studio [9]vgl.
Nowak, J., Computerunterstützte Netzwerkarbeit als Case Management –
Sozialarbeit in einer sich zerfasernden Gesellschaft, in Soziale Arbeit 3/90. [10]
Ja, als eine der Bedingungen persönlicher Wahlfreiheit setzt sie manche
Menschen erst instand, Staatsbürger zu werden; vgl. hierzu den
Abschnitt "Wahlfreiheit und Sozialstaat" in unserm Beitrag Das Kinderhaus –
Modell für die Sozialarbeit der Zukunft in ‚Jugendhilfe’ (Luchterhand)
2/92 [11] siehe Fußn. 6) [12] vgl. Wiener, N., Kybernetik, Reinbek 1968 [13] vgl. Marx, K., Marx-Engels-Werke, Bd. 42, Bln 1983; S. 226ff [14]
Die bekannte Definition des Staates als eine „Ansammlung bewaffneter
Menschen“ war kritisch gemeint; aber die Nutznießer nehmen sie positiv:
Der Staat sind wir. [15]Weber,
M., Wirtschaft und Gesellschaft, Tbgn. 51972, v. a. S. 551ff. – Auch in
der großen Industrie sind Bürokratismus, Hierarchie, Kästchendenken und
lineare Entscheidungsprozesse Anachronismen aus deren Frühzeit: siehe
unsern Beitrag Eine Steinzeit-Technologie? in Sozial Extra, 7-8/93. – Die bürokratische Konterrevolution im jungen Sowjetstaat
wurzelte ihrerseits in dessen Herkunft aus einer vorbürgerlichen
Gesellschaft, nicht in bürgerlicher Digression; sonst sähe es in Rußland
heute anders aus. [16]
Die Definition des Politischen durch Bezugnahme auf den Klassenkampf
war nur haltbar unter der logischen Prämisse, daß wir in der Epoche der Weltrevolution lebten. Diese ist jedoch seit den Ereignissen der Jahre
1989-90 hinfällig. [17] Beck, U., Die Erfindung des Politischen, Ffm 1993, S. 214ff und pass. [18]
Als zivil verstehen wir alle, die nur sich selbst repräsentieren und
gegen andere kein Amt in Anspruch nehmen; politisch werden die Einzelnen
immer dann, wenn viele ‚sich selbst’ gemeinsam und gegenseitig
repräsentieren. Die moderne Staatsidee beruht auf der Vorstellung, daß
sich alle Einzelnen vertraglich gegeneinander verpflichtet hätten. Das
Politische und das Zivile sind also nicht substanziell, sondern nur
verhältnismäßig verschieden; nämlich nach dem Grad der Stellvertretung.