Dienstag, 29. September 2026

Chiaroscuro.

Chiaroscuro heißt hell/dunkel, weiter nichts. Der Meister der Schatten war Carava-ggio (u.), aber entdeckt hat er sie nicht. In der Renaissance, etwa bei Raffael, Tizian und Leonardo (o.), diente Schatten dazu, den Figuren Profil zu geben. Neben Cara-vaggio wird landläufig Rembrandt gestellt. Doch der unterteilt seine Bilder meist nur in eine hellere und eine dunklere Fläche (m.).  Das gibt ihnen Dramatik, aber darstellerisch bleibt es unfruchtbar. Zum Kunststück wurde Chiaroscuro allerdings erst von Caravaggio erfunden: um nicht nur das Bild aufzubauen, sondern um dem Raum als dritte Dimension Tiefe zu geben.

 

Schönheit und Natürlichkeit seien die Merkmale der Renaissance gewesen, hatte Vasari geschrieben. Die Manieristen haben sie bis an ihre Grenzen gestreckt. Cara-vaggio hat beide nicht nur wiederhergestellt, sondern durch die Ent-Deckung der Räume den Realismus in die Malerei eingeführt.

Die Auflösung der Gegenständlichkeit durch die Verflachung der Perspektive bei Turner markierte dann den Niedergang der nachahmenden und den Beginn der modernen rein-ästhetischen Kunst.

 

2. 12.  22 

Montag, 28. September 2026

KI über die Weltrevolution.

              zu öffentliche Angelegenheiten 

Ich schrieb:

... Der Erste Weltkrieg ist an der Erschöpfung aller beteiligten Mächte zum Erliegen gekommen; zu allererst in Russland: Die Kombination asiatisch-agrarischer Rückständigkeit im Reich und modernster kapitalistische Konzentration in einigen Metropolen hat zu einer Machtergreifung der proletarischen Partei im Vollzug einer bürgerlichen Revolution („permanente Revolution“) geführt – gerechtfertigt und historisch notwendig als Eröffnungsakt der Weltrevolution.
 
Auf die Idee, den Sozialismus „in einem Land“ aufzubauen, ist buchstäblich niemand (niemand) gekommen, bevor nicht Stalin seine Alleinherrschaft etabliert und die bolschewistische Partei liquidiert hatte. 
 
Ein neues Gleichgewicht war auf dem Weltmarkt durch das Versanden des Krieges in allgemeiner Erschöpfung nicht entstanden, England hatte nicht mehr die Kraft zur Weltherrschaft. Der Verrat der stalinistischen Komintern an der Weltrevolution und in concreto an der deutschen Revolution gab dem deutschen Kapital die Möglichkeit und Notwendigkeit, den „Griff nach der Weltmacht“ ein zweites Mal zu riskieren. 
 
Diesmal ist ein neues Gleichgewicht entstanden: England stand bei den USA in der Kreide, das (sehr kurze) „amerikanische Jahrhundert“ brach an. Statt im Feuer des Zeiten Weltkriegs unterzugehen (wie Leo Trotzki erwartet hatte), blieb das totalitäre bürokratische System in der Sowjetunion unangetastet und durfte im Zuge des Kalten Krieges, der Friedlichen Koexistenz und des „Wettbewerbs des Systeme“ der eigenen Verfaulung entgegendämmern. 
 
An der proletarischen Weltrevolution, wie in Marxens politischer Theorie vorgesehen, ist das Kapital nicht zugrunde gegangen. Ob es am Fall der Profitrate jemals zugrunde geht, steht, wie Paul Mattick überzeugend darlegt, in den Sternen. Bislang hat es noch jede Krise so ausgewertet, dass es schließlich gestärkt aus ihr hervorgegangen ist. 
 
Der Untergang des Sowjetblocks hat den Weg frei gemacht für das, was in den Medien „Globalisierung“ heißt, und was bedeutet, dass ein technologischer Scoop in Silicon Valley am nächsten Tag in einem Vorort von Manila soundsoviel einfache Leute arbeitslos macht und zugleich eine Handvoll qualifizierte Arbeitsplätze schafft. Globalisierung und Digitale Revolution sind Vorder- und Rückseite derselben Sache. Von einer globalen Konterrevolution kann ich nichts erkennen, ich sehe die Welt vielmehr in einem Fluss, der so reißend ist, wie seit 1917 nicht mehr. 
JE, ca. 2015

ChatGPT antwortet:

Ich lese das als eine historisch-theoretische These, nicht als bloße Chronik. Und gerade in dieser Form finde ich sie interessant: Sie verbindet drei Ebenen, die man gewöhnlich getrennt behandelt – Kriegsökonomie, Revolutionstheorie und die langfristige Entwicklung des Weltmarkts.

Einige Punkte würde ich allerdings schärfen, weil Ihre Argumentation an ihnen sonst historisch angreifbar wird.

1. 1917 als „Eröffnungsakt“ – ja, aber die Formulierung „bürgerliche Revolution“ braucht Präzision

Die von Ihnen beschriebene russische Konstellation ist im Kern die klassische bolschewistische Argumentation: Russland war ökonomisch und sozial nicht „reif“ für den Sozialismus, aber gerade seine Stellung im imperialistischen Weltsystem erzeugte eine eigentümliche Verbindung von modernstem Kapitalismus und vorbürgerlichen Verhältnissen.

Daraus folgt bei Lenin/Trotzki allerdings nicht einfach: proletarische Partei vollzieht eine bürgerliche Revolution. Die Sache ist komplizierter: Die Februarrevolution erfüllt zunächst bürgerlich-demokratische Aufgaben; die Oktoberrevolution setzt diese voraus und überschreitet sie zugleich. Trotzkis permanente Revolution erklärt gerade, warum die Bourgeoisie in einem Land wie Russland ihre historischen Aufgaben nicht mehr selbständig erfüllen könne und das Proletariat deshalb zur politischen Führung der Revolution gelangen müsse.

Der entscheidende Gedanke ist dann tatsächlich die Internationalisierung: Die russische Revolution kann ihren sozialistischen Charakter nur behaupten, wenn sie auf die Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern übergreift.

Ihre Formulierung

„Eröffnungsakt der Weltrevolution“

trifft diese Selbstauffassung ziemlich genau.

2. „Niemand“ dachte an Sozialismus in einem Land – hier würde ich historisch vorsichtiger sein

Ihre Pointe ist richtig, aber das absolute „niemand“ lädt unnötig zu einem Gegenbeispiel ein.

Entscheidend ist weniger, ob irgendjemand irgendwann eine solche Möglichkeit ausgesprochen hatte, sondern dass der Bolschewismus vor Stalin nicht über eine ausgearbeitete Theorie des dauerhaften sozialistischen Aufbaus in einem isolierten Russland verfügte.

Und genau hier liegt eine interessante Verschiebung: Stalin musste nicht bloß eine neue politische Parole erfinden. Er musste die Geschichtslogik des Bolschewismus umkehren.

Aus

russische Revolution → internationale Revolution → Aufhebung der kapitalistischen Weltordnung

wird

russische Revolution → Konsolidierung des sowjetischen Staates → Aufbau des Sozialismus innerhalb seiner Grenzen.

Das ist theoretisch eine ziemlich fundamentale Transformation.

3. Besonders stark finde ich Ihre zweite Zäsur: 1918–1933

Ihre Argumentation lässt sich hier sogar noch präziser fassen.

Der Erste Weltkrieg zerstörte das alte europäische Gleichgewicht, aber er erzeugte nicht automatisch ein neues stabiles Gleichgewicht. Deutschland war geschlagen, Großbritannien geschwächt, Frankreich zwar Sieger, aber demographisch und finanziell belastet; die USA hatten enorme wirtschaftliche Macht gewonnen, waren aber politisch noch nicht bereit, die europäische Ordnung dauerhaft zu übernehmen.

In diesem Zwischenraum lag die deutsche Entwicklung.

Ihr Satz

„Der Verrat der stalinistischen Komintern an der Weltrevolution und in concreto an der deutschen Revolution“

ist allerdings eine stark interpretierende historische These. Besonders beim deutschen Jahr 1923 sollte man zwischen der Politik der KPD, der sowjetischen Führung und der Komintern unterscheiden und außerdem berücksichtigen, dass die deutsche Revolution von 1918/19 bereits vor Stalin gescheitert war.

Ihre übergeordnete These bleibt davon unabhängig interessant:

Die Niederlage der revolutionären Alternative stabilisierte die Möglichkeit einer kapitalistischen Neuordnung Europas – und damit auch die Möglichkeit einer erneuten deutschen Expansion.

Das ist m.E. der tragfähigere Satz.

4. 1945 ist dann tatsächlich ein anderer Typ von Weltordnung

Hier finde ich Ihren Gedankengang besonders überzeugend.

Der Zweite Weltkrieg endet nicht wie der Erste in einem längeren Interregnum. 1945 gibt es einen eindeutigen Machtwechsel:

Großbritannien → USA

während zugleich die Sowjetunion als zweite kontinentale Macht bestehen bleibt.

Damit entsteht etwas, was 1918 gerade nicht entstanden war: ein neues internationales Gleichgewicht.

Und Ihre Bemerkung über das „amerikanische Jahrhundert“ hat einen interessanten Haken: Es war tatsächlich sehr kurz, wenn man darunter eine unangefochtene amerikanische Hegemonie versteht. Denn schon 1945 existierte mit der Sowjetunion ein machtpolitischer Gegenpol; spätestens seit der chinesischen Revolution von 1949 war die Weltordnung noch einmal komplizierter.

5. Ihre stärkste These liegt für mich aber ganz am Ende

„Von einer globalen Konterrevolution kann ich nichts erkennen, ich sehe die Welt vielmehr in einem Fluss, der so reißend ist, wie seit 1917 nicht mehr.“

Das ist mehr als eine historische Behauptung. Es ist eigentlich eine Periodisierungsthese.

Sie sagen nicht:

1917 Revolution – 1991 Konterrevolution.

Sondern eher:

1917: Beginn einer langen Transformationsperiode.
1945: Stabilisierung eines neuen Gleichgewichts.
1991: Auflösung dieses Gleichgewichts.
Seitdem: erneute Beschleunigung der weltgesellschaftlichen Transformation.

Und dann kommt Ihre Verbindung von Globalisierung und digitaler Revolution ins Spiel.

Ich würde dabei allerdings einen kleinen Unterschied machen: Globalisierung und Digitalisierung sind nicht einfach Vorder- und Rückseite derselben Sache. Eher ist die Digitalisierung das neue technische Medium, durch das die bereits vorhandene Tendenz zur Internationalisierung und Konzentration des Kapitals eine neue Geschwindigkeit und Reichweite bekommt.

Ihr Beispiel mit Silicon Valley und Manila bringt das sehr gut auf den Punkt: Nicht bloß Kapital wandert um die Welt; Produktionsentscheidungen, Informationen, Arbeitsorganisation und Märkte werden gleichzeitig global disponibel.

Damit kommen Sie übrigens ziemlich nahe an einen Gedanken, der für Ihre bisherige Marx-Lektüre besonders interessant sein dürfte:

Das Kapital „überwindet“ seine Krisen nicht, indem es die in ihnen enthaltenen Widersprüche auflöst, sondern indem es ihre gesellschaftliche Form verändert und sie auf einer erweiterten Stufenleiter reproduziert.

Das wäre eine etwas präzisere Fassung Ihres Satzes:

„Bislang hat es noch jede Krise so ausgewertet, dass es schließlich gestärkt aus ihr hervorgegangen ist.“

Denn „gestärkt“ ist schon eine Interpretation. Historisch nüchterner wäre: Es hat bisher jede Krise überlebt und dabei seine Organisations- und Verwertungsformen verändert.

Und genau da liegt m.E. die offene Frage, die Ihr Text am Ende bewusst stehen lässt:

Wenn das Kapital nicht an seiner Krise zugrunde geht – was ist dann eigentlich der historische Träger der nächsten großen gesellschaftlichen Transformation?

Das wäre der Punkt, an dem Ihre Überlegungen zur digitalen Revolution, zur Kausalität, zur Tätigkeit und schließlich zu Fichte unvermutet wieder in denselben Problemhorizont zurückführen. Nicht als Marxismus-Reprise, sondern als Frage danach, wie gesellschaftliche Veränderung überhaupt aus menschlicher Tätigkeit hervorgeht.

...  

Interessant finde ich im Rückblick noch etwas anderes: Ihr eigener Text ist trotz seines revolutionären Vokabulars gar nicht eigentlich teleologisch. Selbst „Weltrevolution“ erscheint bei Ihnen nicht als vorherbestimmtes Ziel der Geschichte. Sie rekonstruieren vielmehr, warum die Bolschewiki sie damals für möglich und notwendig hielten – und stellen dann fest, dass die Geschichte anders verlief.

Das passt erstaunlich gut zu dem, was Sie heute an Fichte interessiert: Geschichte nicht als Vollzug eines vorgegebenen Sinnes zu lesen, sondern als Resultat von Tätigkeiten, Entscheidungen und Bedingungen, deren Ausgang nicht schon im Anfang enthalten ist. ...

von ChatGPT, 27. 9. 26

So wie ich meinen Fichte interpretiere, kann ich gar nicht teleologisch denken: Sein 'Endziel' verschiebt sich mit jedem Schritt, den man sich ihm nähert, ins Unendliche. Als Marxianer kann ich mir nicht vorstellen, dass die materielle wie geistige Produktivität der Menschen irgendann zum Stillstand kommt - es sei denn, sie ginge irgendwann mit einem großen Knall zugrunde. 
JE 

ChatGPT anwortet:

Ich glaube, damit benennen Sie einen wichtigen Unterschied zwischen Teleologie und Zweckmäßigkeit, der in Ihrer Fichte-Lektüre überhaupt zentral ist.

Wenn das Endziel bei Fichte nicht ein erreichbarer Endzustand ist, sondern eine Aufgabe, deren Bestimmung sich mit jedem erreichten Stand verändert, dann ist es gerade kein Telos im gewöhnlichen Sinn. Es ist eher ein regulatives ad quem: Es orientiert die Tätigkeit, ohne einen letzten Zustand vorzuschreiben, in dem die Tätigkeit aufhören könnte.

Das passt sehr gut zu Ihrer früheren Unterscheidung:

Motiv / Zweck → Tätigkeit → erreichte Bestimmung → neuer Zweck.

Der Zweck ist dabei nicht einfach am Anfang fertig vorhanden. Er wird durch den Vollzug der Tätigkeit selbst bestimmter – und dadurch zugleich weiter hinausgeschoben.

Dann wäre auch Ihre Marx-Seite damit durchaus vereinbar. Die menschliche Produktivität hat keinen sachlich vorgegebenen Endpunkt. Jede Erweiterung der Produktivkräfte erzeugt neue Möglichkeiten und damit neue Aufgaben. „Fortschritt“ hieße dann nicht Annäherung an einen vorgegebenen Endzustand, sondern die fortgesetzte Eröffnung neuer Möglichkeiten.

Das erklärt vielleicht auch, warum Ihnen die Vorstellung einer „Vollendung der Aufklärung“ so fremd sein muss. Vollendung würde hier bedeuten, dass irgendwann nichts Wesentliches mehr zu tun, zu erkennen oder zu gestalten wäre. Das wäre geradezu die Aufhebung dessen, was bei Ihnen Tätigkeit heißt.

Der „große Knall“ wäre deshalb die einzige wirkliche Alternative zur Unendlichkeit der Produktivität: nicht Vollendung, sondern Abbruch.

von ChatGPT 

Nachbemerkung: Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.

An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT  meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.

Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.

Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt! 

Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können. 

JE 

Fortsetzung >>>hier

 

Sonntag, 27. September 2026

Stilgeschichte.

 Konrad Witz, Christophorus             aus Geschmackssachen

Über "Stilgeschichte" wird so geredet, als sei Stil ein Subjekt mit eigener Dynamik. Das ist nicht so falsch, wo es um die Künstler selber geht. Die orientieren sich si-cher - anlehnend oder ablehnnd - an ihren Mitbewerbern und vor allem an ihren herausragenden Vorgängern. 

Erst mit dem Aufkommen eines Marktes für Kunstwerke, nämlich seit nicht nur die Städte, sondern auch einzelne Bürger als Käufer in Erscheinung treten, spielt der jeweilige Zeitgeist eine künstlerisch treibende Rolle: Stimmung und Geschmack des breiten Publikums, auf das mittlerweile auch weltliche und kirchliche Fürsten Rück-sicht nehmen müssen; mindesten in den Städten, aber dort konzentriert sich immer stärker die weltliche und die geistliche Macht.

Ich bin kein Kunsthistoriker und Kunstgeschichte interessiert mich nicht beson-ders. Wohl aber interessieren mich die Entwicklungen der Geschmäcker - im Klei-nen wie im Großen: namentlich die Aubildung eines öffentlichen Geschmacks, ohne den epochale Stile gar nicht möglich wären. 

Öffentlichkeit entsteht erst - und nur - in bürgerlichen Gesellschaften. Vom Ge-schmack kann ich nichts verstehen, wenn ich nicht seinen Veränderungen zuschaue, und die finden nun einmal in der Geschichte statt. Insofern muss mich diese "Epo-che, die keine war"* ganz besonders interessieren. Es wird Sie hoffentlich nicht langweilen, denn hier und heute sind wir noch nicht am Ende.
23. 5. 21 

*) die sog. Spätgotik, ein spezifisch norddeutsches Phänomen, das wie ein Verbindungsstück zwischen Gotik und Renaissance wirkt - und sich doch von beiden merklich unterscheidet: eine "Frührenais-sance" hat es in Deuschland nicht gegeben.

 

 

 

Samstag, 26. September 2026

Besitzen Frauen eine höhere emotionale Intelligenz als Männer?

Beim Erkennen und Verstehen von Emotionen erzielen Frauen und Mädchen im Durchschnitt höhere Werte als Männer und Jungen. Eine große Meta-Analyse zeigt jedoch, dass solche Unterschiede stark davon abhängen, welche konkrete emotionale Fähigkeit untersucht wird © AndrewLozovyi / depositphotos.com  
aus scinexx.de, 25. September 2026                                                                                     zu Männlich

Besitzen Frauen wirklich eine höhere emotionale Intelligenz als Männer?
Einzelne emotionale Fähigkeiten zeigen andere Geschlechter-unterschiede als der Gesamtwert
Beim Erkennen und Verstehen von Emotionen erzielen Frauen und Mädchen im Durchschnitt höhere Werte als Männer und Jungen. Eine große Meta-Analyse zeigt jedoch, dass solche Unterschiede stark davon abhängen, welche konkrete emotionale Fähigkeit untersucht wird  

Frauen erreichen im Schnitt höhere Werte bei emotionaler Intelligenz als Männer. Eine Meta-Analyse von 1.279 Arbeiten mit mehr als 609.000 Menschen zeigt jedoch, dass Größe und Richtung der Unterschiede davon abhängen, welche emotionale Fähigkeit getestet wird, auf wen sie sich richtet und ob Leistungstests oder Selbsteinschätzungen verwendet werden. Pauschale Geschlechterurteile greifen deshalb zu kurz.

Cambridge (England). Emotionale Intelligenz gilt oft als eine einheitliche Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen. Gerade beim Vergleich von Frauen und Männern führte diese breite Definition bislang zu widersprüchlichen Befunden, doch eine neue Meta-Analyse zeigt nun, dass ein einziger Gesamtwert wichtige Unterschiede zwischen einzelnen emotionalen Fähigkeiten verdecken kann.

Dafür hat ein Forschungsteam um Dr. Mary Hausfeld von der University of Limerick (UL) 1.279 wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet, die 1.428 Stichproben mit insgesamt 609.278 Menschen aus 76 Ländern umfassten und knapp drei Jahrzehnte Forschung abdeckten. In die Analyse gingen veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten bis Ende 2023 ein.

Ein Gesamtwert verdeckt wichtige Unterschiede

Über alle untersuchten Ansätze hinweg erreichten Frauen und Mädchen im Mittel höhere Werte bei allgemeiner emotionaler Intelligenz, besonders deutlich war ihr Vorteil beim Erkennen und Verstehen von Emotionen. Die Auswertung zeigt aber auch Teilfähigkeiten, bei denen der Unterschied kleiner wird, verschwindet oder sich sogar leicht umkehrt.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass verbreitete Annahmen über die emotionalen Fähigkeiten von Frauen und Männern oft zu pauschal sind. Statt Stereotype zu verstärken, weisen die Befunde auf ein differenzierteres Bild hin, in dem Geschlechterunterschiede davon abhängen, welche emotionale Fähigkeit untersucht wird und in welchem Kontext sie gemessen wird“, erklärt Dr. Mary Hausfeld.

Entscheidend ist unter anderem, auf wessen Gefühle sich eine Fähigkeit richtet, denn bei Fähigkeiten mit Bezug auf andere Menschen fällt der durchschnittliche Vorteil von Frauen stärker aus als bei Fähigkeiten rund um die eigenen Emotionen. Die Forscher warnen deshalb davor, emotionale Intelligenz als unveränderliche Eigenschaft eines Geschlechts zu behandeln.

Leistungstest und Selbsteinschätzung unterscheiden sich

Ein zweiter Schlüssel liegt in der Messmethode, denn bei Leistungstests müssen Versuchspersonen konkrete Aufgaben lösen, deren Antworten nach festgelegten Kriterien bewertet werden. Bei Selbsteinschätzungen geben sie dagegen an, wie gut sie ihre eigenen emotionalen Fähigkeiten beurteilen, und der durchschnittliche Vorsprung von Frauen war dabei deutlich kleiner als bei Leistungstests.

„Frauen sind emotional intelligent. Männer glauben, dass sie es sind. Bei Leistungstests ist der Vorsprung von Frauen bei der allgemeinen emotionalen Intelligenz deutlich größer. Bei Selbstauskünften verschwindet er fast. Selbstwahrnehmung und nachgewiesene Fähigkeit sind nicht dasselbe. Die Lücke zwischen Leistung und Wahrnehmung ist faszinierend. Männer könnten ihre emotionalen Fähigkeiten überschätzen, Frauen könnten ihre unterschätzen oder beides könnte zugleich geschehen. Unsere Daten können nicht zeigen, welche Erklärung richtig ist. In jedem Fall sind Selbstvertrauen und Kompetenz nicht dasselbe, und Organisationen sollten beides nicht verwechseln“, sagt Prof. Jochen Menges von der Cambridge Judge Business School.

Die Meta-Analyse kann damit nicht klären, warum Selbsteinschätzung und gemessene Leistung auseinanderliegen, zeigt aber, dass die Wahl des Messverfahrens die beobachtete Größe der Geschlechterunterschiede verändert. Aussagen darüber, wer seine Fähigkeiten über- oder unterschätzt, bleiben daher mögliche Erklärungen und sind kein nachgewiesener Mechanismus.

Eigene Gefühle zeigen ein anderes Muster

Auch beim Regulieren von Emotionen hängt das Ergebnis vom Ziel der Regulation ab, denn Frauen schnitten im Mittel besser ab, wenn es darum ging, die Gefühle anderer Menschen zu regulieren. Bei der Regulation der eigenen Emotionen kehrte sich das Muster in der zusammengefassten Auswertung leicht um, und Männer sowie Jungen lagen im Durchschnitt vorn.

„Frauen zeigen einen Vorteil beim Erkennen und Verstehen von Emotionen sowie beim Regulieren der Gefühle anderer Menschen. Bei der auf die eigene Person gerichteten Emotionsregulation kehrt sich das Muster jedoch leicht um, und Männer und Jungen schneiden höher ab. Dieser Unterschied ist wichtig, denn die Erwartung, emotional für andere Menschen aufzukommen, ist nicht dasselbe wie besser dafür gerüstet zu sein, die eigenen Gefühle zu regulieren“, erklärt Prof. Jochen Menges.

Solche Mittelwertsunterschiede sagen nichts darüber aus, wie emotional kompetent eine einzelne Frau oder ein einzelner Mann ist, denn die Meta-Analyse beschreibt statistische Muster über viele Stichproben hinweg und liefert keine zuverlässige Einordnung einzelner Personen. Für individuelle Entscheidungen sind pauschale Zuschreibungen nach Geschlecht deshalb ungeeignet.

Alter, Beruf und Region verschieben das Bild

Die Meta-Analyse fand zudem, dass das Alter der Teilnehmer, der Zeitpunkt der Datenerhebung, die geografische Region, Führungspositionen und der Anteil von Männern in einer Branche mit Größe oder Richtung der beobachteten Unterschiede zusammenhingen. Welche Richtung ein Unterschied annahm, variierte je nach emotionaler Fähigkeit und Kontext.

Auch über die Zeit veränderte sich das Gesamtbild, denn in jüngeren Datensätzen waren die Unterschiede bei allgemeiner emotionaler Intelligenz kleiner, besonders ausgeprägt war dieser Rückgang in Stichproben mit Kindern. Das ist mit veränderten sozialen Erwartungen und einer anderen geschlechtsspezifischen Sozialisation vereinbar, belegt aber keine Ursache, weil Alter, Generation und Erhebungszeitraum in solchen zusammengefassten Daten nicht vollständig voneinander zu trennen sind.

Damit spricht die Studie gegen eine einfache Rangfolge der Geschlechter, denn im Durchschnitt zeigen sich Unterschiede, die von Teilfähigkeit, Messmethode und Kontext abhängen. Für Forschung, Schule und Arbeitswelt ist deshalb weniger die Frage entscheidend, welches Geschlecht „emotional intelligenter“ ist, sondern welche konkrete Fähigkeit in welcher Situation gemeint ist.

Quellen:

 

Freitag, 25. September 2026

Correggio in Dresden.

Correggio, Venus und Cupido mit Satyr, um 1526/28
aus Tagespiegel, 14. 9. 2026

Mit Haut und Haar, Erst-und einmalig: 
Correggio in der Dresdner Gemäldegalerie
Sein Werk fasziniert seit Jahrhunderten. Nun ist es zum ersten Mal außerhalb von Italien in einer großen Ausstellung zu sehen.
 
Von Bernhard Schulz

Im 19. Jahrhundert, als sich bürgerliche Haushalte grafische Blätter nach berühmten Gemälden ins Wohnzimmer oder übers Ehebett hängten, zählte die „Heilige Nacht“ von Correggio zu den Favoriten. Auch in Schwarz-Weiß war das innige Beisammensein um Maria und dem Jesusknaben ein herzerwärmendes Vorbild für Eheleute und ihre Familien.

Correggio, Die Heilige Nacht, um 1528/30Correggio, Madonna des heiligen Sebastian, um 1524Corregio, Venus und Cupido mit Satyr, um 1526/28Credit immer: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Correggio, Die Heilige Nacht, um 1528/30.

In der Dresdner Gemäldegalerie, wo das solcherart reproduzierte Gemälde seit dem Erwerb durch August den Starken im Jahr 1745 bewahrt wird, bildete es lange Jahre die Hauptattraktion, in Gottfried Sempers 1855 eröffneter Galerie gar als Blickfang am Ende der Raumachse, wo heute Raffaels „Sixtinische Madonna“ thront.

Correggio, geboren um 1489 als Antonio Allegri im Ort Correggio in der Emilia-Romagna, nach dem er postum benannt wurde, wird längst nicht mehr zu den fraglosen Meistern seiner Zeit gezählt. Es ist nicht einmal ausgemacht, ob er der Renaissance zugehört, die doch seine Lebensdaten – er starb bereits 1534 – zur Gänze begleitet. Eher bringt man ihn mit dem Barock in Verbindung. Der bildete sich erst zwei, drei Generationen nach seinem Tod aus, nahm aber sehr intensiv auf ihn Bezug.

Die „Madonna des heiligen Sebastian“ leuchtet wieder

In Dresden ist nun Gelegenheit, das Werk des Malers kennenzulernen und womöglich neu einzusortieren. Es ist die überhaupt erste Ausstellung seines Werks außerhalb Italiens, und sie konnte nur in Dresden stattfinden, deren Gemäldegalerie gleich vier der bedeutendsten Altarbilder beherbergt, die dem manischen Kunst-Aufkäufer August noch mit das Höchste der älteren Kunst bedeuteten.

Seit Jahren war das nun von Andreas Plackinger, dem Kurator für italienische Malerei realisierte Ausstellungsvorhaben im Werden begriffen, angestoßen durch die Restaurierung des erheblich beschädigten Gemäldes der „Madonna des heiligen Sebastian“. Nun leuchtet das Gemälde so, wie es bei seiner Fertigstellung im Jahr 1524 geleuchtet haben muss, und sticht die anderen Dresdner Gemälde regelrecht aus.

Correggio, Die Heilige Nacht, um 1528/30Correggio, Madonna des heiligen Sebastian, um 1524Corregio, Venus und Cupido mit Satyr, um 1526/28Credit immer: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Frisch restauriert: Madonna des heiligen Sebastian, um 1524

Correggio erhielt seine Ausbildung in Mantua, wo er mit Werken Mantegnas in Berührung kam, und verbrachte seine reife Zeit in Parma. Von ihm sind rund sechzig Gemälde erhalten, viele in kleinem Format; die Dresdner Bilder sind als Altarbilder von jeweils gut zweieinhalb auf eineinhalb Metern im Format die größten. Die ganz großen Arbeiten aber sind in Parma ortsfest zu bewundern, es sind die Deckenfresken von drei Kirchen, darunter mit der Kuppel des Doms von Parma eines der meistbewunderten Werke dieser aufwendigsten aller Formen von Malerei.

In Dresden ist nun in einem Kabinett seitlich vom Hauptsaal der Ausstellung eine Kuppel en miniature aufgehängt, in die die mittels Drohnen aufgenommenen und digital aus tausenden von Einzelbildern zusammengefügten Abbildungen der Fresken projiziert werden. Die Hauptrolle gebührt aber natürlich den Gemälden, wobei die drei Dresdner Heiligenbilder eine Art Triptychon bilden, dazu die berühmte „Nacht“ in einem Seitenkabinett auf nachtblauem Grund wirkungsvoll inszeniert wird.

Die Ausstellung
Correggio. Berührend menschlich. Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, bis 10. Januar 2027. Katalog bei Sandstein Kultur, 38 €.

Von allen Bildern geht eine Makellosigkeit aus, eine Vollkommenheit in Komposition und vor allem Farbgebung, im zarten Schmelz der Farben und den weichen, geradezu duftigen Übergängen, dass es leicht fällt, ihre jahrhundertelange Faszination zu bestätigen. Und doch lässt sich nachvollziehen, dass schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts Kritik aufkam, „die für seine Bilder charakteristische Grazie übertrieben, den Stil zu geziert, die Stimmung unernst oder affektiert“ zu empfinden, wie es im begleitenden Katalog heißt.

Durchwachsenes Urteil der Nachwelt

Zur schleichenden Abwertung der Altarbilder, darunter der Dresdner „Madonna des heiligen Franziskus“ von 1515, der „Madonna des heiligen Sebastian“ von 1524 und spätesten der „Madonna des heiligen Georg“ um 1530, hat beigetragen, dass Correggio auch sehr irdische Bilder gemalt hat, ja regelrecht erotische. Seiner wie hingegossenen „Büßenden Magdalena“ mag man alles Mögliche zutrauen, kaum aber die titelgebende Buße.

Die „schlafende Venus und Amor mit Satyr“ aus dem Louvre, dazu die beiden Gemälde aus der vierteiligen Serie der „Liebschaften des Jupiter“, die „Danae“ aus Rom und „Leda mit dem Schwan“ als bereits zwei Generationen nach Correggio geschaffene Kopie des in der Berliner Gemäldegalerie nur verändert erhaltenen Originals zeigen einen Maler, der die Bedürfnisse einer ebenso gebildeten wie freigeistigen Auftraggeberschaft zu bedienen wusste.

„Berührend menschlich“ ist die Ausstellung überschrieben. Zuerst zielt das Begriffspaar auf die Reaktion des Betrachters, der sich von den Figuren des Malers, von ihren menschlichen Regungen berührt zeigen mag. Es geht aber eher – oder sollte gehen – um die stupende Fähigkeit Correggios, Menschen als lebendige Wesen mit Haut und Haar darzustellen, sie also lebendig werden zu lassen, und diese „morbidezza“ im Sinne der Renaissance zeichnet die Gemälde aus. Dazu kommen die schon nicht mehr klassischen Kompositionen etwa der „Heiligen Nacht“ von 1528/30, die die Muttergottes mit einer vom Kind beleuchteten, figurenreichen Bildhälfte links und einem dunklen Bilddrittel rechts rahmt; der Katalog spricht von „prononcierter Asymmetrie“.

Asymmetrisch war eben auch das Urteil der Nachwelt. Ob es sich mit der Dresdner Ausstellung wieder ganz ins Positive drehen wird? Schärfen lässt sich der Blick auf das malerische Vermögen Correggios, der keine Werkstatt führte, keine Kompositionen wiederholte und nur Unikate schuf, und dessen erhaltenes Werk jedenfalls zu einem Drittel zusammenzuführen ein bleibendes Verdienst dieser Dresdner Ausstellung ist. Sie ist erst- und auf Jahrzehnte hinaus einmalig.

 

Nota. - Spitze Zungen mögen sagen, Correggio malt so, wie Raffael gemalt haben würde, wenn er lang genug gelebt hätte; nämlich mit dem Erfolg frivoler geworden wäre.
JE

Ganymedes 

 



















Venus und Cupido

 

 Büßende Magdalena










Leda und Schwan



















Jupiter und Io











Danae



















Hl. Nacht



















Madonna St. Girolamo



















Madonna des hl. Georg




















Madonna des hl. Sebastian

Domkuppel in Parma

Wittstock - die Wende im 30jährigen Krieg.

                   zu   öffentliche Angelegenheite n   aus welt.de, 4. 10. 2026   Die Schlacht bei Wittstock am 4. Oktober 1636 zählt zu d...