Dilthey
aus nzz.ch, 19. 8. 2028 zu Philosophierungen
Zu
viel Identitätspolitik, zu wenig Charakter: Der Glaube an die
Gei-steswissenschaften schwindet. Auch weil die mitreissenden Denker der
Gegenwart fehlen
Butler,
Foucault, Rorty oder Habermas brauchen Nachfolger. Die jüngeren
Generationen haben bisher keine hervorgebracht. Woran liegt das?
von Hans Ulrich Gumbrecht
Seit
der deutsche Philosoph Wilhelm Dilthey ihnen an der Wende zum
zwanzigsten Jahrhundert einen gemeinsamen Namen gab, haben die als
Geisteswissenschaften bekannten akademischen Disziplinen einen Diskurs
von der eigenen Krise kulti-viert. Diese erstaunliche Bewegung mag sich
zunächst aus dem scharfen Kontrast gegenüber den Naturwissenschaften
ergeben haben.
Während
die Erforschung der Natur solch grenzenloses Ansehen vor allem genoss,
weil ihre Ergebnisse der etablierten Industrie wie der entstehenden
Technologie neue Ziele und Verfahren der Produktion lieferten, schien
die Wirkung der Geistes-wissenschaften auf Prozesse individueller Bildung
beschränkt. Doch die permanen-te Selbstverpflichtung, gegen einen
Eindruck von Unterlegenheit eigene Leistungs-potenziale herauszustellen,
wurde für die Geisteswissenschaften langfristig zu einem Erfolgsrezept.
Der
Kampf um Anerkennung hat ihnen einen sicheren Status in der
Öffentlichkeit eingebracht – und über Jahrzehnte wohl auch eine
Beliebtheit bei Studenten.
Ohne
den andauernden Kampf um die Anerkennung besonderer Funktionen hät-ten
sie wohl nie diesen öffentlichen Status und ihre lange bestehende
Beliebtheit bei Studierenden gewonnen. Mittlerweile ist jedoch eine
paradoxale Entwicklung einge-treten, die angesichts handfester
Krisensymptome den traditionellen Pessimismus in bequeme
Selbstzufriedenheit umgekehrt hat.
Lob auf die absteigenden Disziplinen
Unter
lokal je spezifischen Bedingungen sind die Belegzahlen der
Geisteswissen-schaften international seit 2010 um mehr als vierzig
Prozent gesunken, und keine gegenläufige Tendenz ist abzusehen.
Verwaltungen wie zuständige Ministerien sehen die Verluste als
«strukturell» an und reagieren mit herabgestuften Finanz-zuweisungen auf
allen Ebenen.
Ausgerechnet
in dieser Situation tauchen eigentümlich triumphalistische Töne zum Lob
der absteigenden Disziplinen auf. Gemäss einem Bericht des Magazins
«The New Yorker» wollen Englischprofessoren entdeckt haben, dass,
entgegen den vor-herrschenden Erwartungen, College-Studenten, die sich
auf Literatur, Philosophie oder Geschichte konzentrieren, langfristig
grössere Einkommen erzielen als die Absolventen der sogenannten
STEM-Fächer (Science, Technology, Electronics, Mathematics).
Eine
entsprechende Verschiebung soll sich auch hinsichtlich der
Qualifikationsvor-aussetzungen für einflussreiche politische Ämter
abzeichnen, und europäische Au-toritäten wie der Philosoph Markus Gabriel
schlagen kurzerhand ihren Fächern Führungskompetenz bei der Lösung
praktisch-politischer Probleme zu.
Die mitreissenden Denker fehlen
Nur
wenige Aussenbeobachter trauen im Ernst einem derart gehobenen
Selbst-gefühl, doch sie schenken den Geisteswissenschaften gerne
taktvolles Bedauern, wie es angeschlagenen Helden der Vergangenheit
gebührt. Nie zur Rede kommt dabei allerdings der eine ins Auge
springende Anlass für abnehmende Studenten-zahlen und schwindende
Unterstützung, weil ihm offenbar der Verdacht anhängt, sachfremd oder
gar populistisch zu sein.
Den
Geisteswissenschaften von heute fehlen mitreissende Protagonisten,
Denker, deren Vorlesungen Erlebniswert haben, deren Meinungen
öffentliche Kontroversen auslösen und deren Bücher zu Bestsellern
werden. Gestalten aus ihrer goldenen Epoche wie Hélène Cixous oder
Judith Butler, wie Michel Foucault, Richard Rorty oder Jürgen Habermas
haben keine Nachfolger in den jüngeren Generationen ge-funden – und sich
sympathischerweise darüber kaum Gedanken gemacht. Hier aber liegt ein
Grund der gegenwärtigen Krise in den Geisteswissenschaften, den nie-mand
im Visier hatte und mit dem ihre angestrengte neue Euphorie nicht
zu-rechtkommt.
Die
Zahl herausragender individueller Begabungen im Denken und Schreiben
hat keine dramatischen Veränderungen durchlaufen. Also können wir aus
historischer Perspektive zu erklären versuchen, unter welchen
Voraussetzungen weithin sicht-bare Gestalten die zweite Hälfte des
zwanzigsten Jahrhunderts zu einer grossen Zeit der Geisteswissenschaften
gemacht haben. Zudem: Warum gelingt es ihren Fächern heute nicht, aus
dem Schatten jener Vergangenheit herauszutreten?
Aufbruch der Brüder Grimm
Lange
vor Diltheys programmatischen Schriften waren nach 1800 unter dem
Ein-druck der bürgerlichen Revolutionen erste Lehrstühle für
Nationalliteraturen, klassische Philologie oder Kunstgeschichte
entstanden. Ihren Inhabern war daran gelegen, die Versprechen der
Aufklärung von einer besseren Zukunft im Rückgriff auf kulturelle
Traditionen der Vergangenheit zu illustrieren und als motivierenden
Horizont der Existenz am Leben zu halten.
Die
Brüder Grimm verkörperten diesen Aufbruchsmoment durch die Konvergenz
ihrer Arbeit als philologisch ausgebildete Herausgeber volkstümlicher
Erzählungen mit dem Engagement für demokratische Formen der Politik in
der Gruppe der «Göttinger Sieben», Professoren wie ihnen war es zu
verdanken, dass Literatur und ihre Geschichte während des neunzehnten
Jahrhunderts fortschreitend die Funk-tion der Religion als Sinnrahmen
europäischer Gesellschaften übernahmen.
An
solche Traditionen konnten ihre Kollegen im Zeitalter der Ideologien
zwischen den beiden Weltkriegen kaum anschliessen, ohne sich auf
problematisch politische Rollen im Spannungsfeld zwischen Kommunismus
und Faschismus einzulassen. Erst nach einer Phase der Reaktion mit
demonstrativer Nüchternheit und aus-schliesslicher Konzentration auf
kulturelle Gegenstände der Vergangenheit. Dazu gehören die Methoden der
immanenten Interpretation und die Theorien des Strukturalismus.
Nach
1960 setzte eine Epoche unerhörter Produktivität und Resonanz für die
Geisteswissenschaften ein, der herausragende Gestalten ihren singulären
Glanz gaben. Drei Veränderungen waren eingetreten, welche ihnen auf die
Bühne der Öffentlichkeit halfen.<
Vor
allem hatten der Kollaps des Faschismus und die Distanz gegenüber dem
Kommunismus in den westlichen Ländern zusammen mit fortschreitender
Säku-larisierung auf Kosten der Religion ein Vakuum der Orientierung
hinterlassen. Dieses besetzten neben existenzialistischen
Intellektuellen nun auch Professoren durch ihre Ideen.
Es
gab eine Sehnsucht nach ebenso gut begründeten wie attraktiven
Weltentwürfen. Zugleich war die Überzeugung lebendiger als je zuvor,
dass verbindliche Wahrheit durch systematisches Denken und einfühlende
Interpretationen zu erreichen sei.
Ein
Theoriegebäude wie den Neomarxismus von Theodor W. Adorno oder die
Textauslegungen einer Autorität der Literaturwissenschaft wie des
Zürcher Germa-nisten Emil Staiger zu kritisieren, hiess damals nicht,
grundsätzlich an der Möglich-keit von Wahrheit zu zweifeln. Selbst
Antagonisten gingen davon aus, dass sich am Ende scharfer
Auseinandersetzungen die wahre Position zum Gewinn der Gesell-schaft
durchsetzen würde.
Schliesslich
löste auch die Frage leidenschaftliche Debatten aus, ob
Wirklichkeits-beschreibungen immer vom Standpunkt ihrer Autoren abhängen
mussten (also «Konstruktionen» waren) oder einen absoluten
(«realistischen») Stellenwert in Anspruch nehmen konnten.
Prominente, manchmal abgehobene Intellektuelle
Solche
von den Geisteswissenschaften ausgehende Fragen galten auch in der
nichtakademischen Welt als «praxisrelevant» (ein Lieblingswort jener
Jahre). Zwei ineinander verwobene öffentliche Debatten entfalteten sich.
Im Vordergrund stand die Konkurrenz zwischen «progressiven» und
«konservativen» Vorstellungen vom gemeinsamen Leben. Oder jene zwischen
Zukunftsvisionen wie der auf umgreifen-den Konsens abgestellten «Theorie
des kommunikativen Handelns» von Jürgen Habermas und auf der anderen
Seite Büchern wie Hans Blumenbergs «Legitimität der Neuzeit», die
Errungenschaften und Chancen der historisch entstandenen Welt
hervorhoben.
Doch
auch die Skepsis gegenüber dem Wirklichkeitsstatus und die Frage nach
möglichen Konsequenzen fanden ein breites Interesse, das den Fokus der
Feuilletons auf geistige Diagnosen der Gegenwart verschob. Ihren
Horizont markierten Positionen wie Jean-François Lyotards Begriff von
der «Postmoderne» als Grenze zu einer neuen Erkenntnispraxis, die der
Geschichte ihre Autorität nahm. Genauso Jacques Derridas
«Dekonstruktion» als Kritik des Glaubens an adäquater menschlicher
Selbstbeobachtung und Michel Foucaults Analysen zur Dekadenzgeschichte
einer überoptimistischen Konzeption von der Menschheit.
Vor
dem Hintergrund ihrer akademischen Karrieren bildeten solche Autoren
vor allem in Frankreich eine neue Rolle des prominenten und manchmal
abgehobenen Intellektuellen aus. Zu Foucaults in mehrere Säle
übertragenen Vorlesungen am Collège de France versammelten sich Tausende
faszinierte Hörer, denen es nicht um Studienbelege ging; von der ersten
persönlichen Begegnung zwischen Habermas und Derrida berichteten die
Tageszeitungen auf ihren Titelseiten mit Fotos, die Derrida wie einen
weltlichen Propheten aussehen liessen; und Lyotards «Condition
postmoderne» musste man einfach gelesen haben, um mitreden zu können.
Heute
erreichen auch Geisteswissenschafter von vergleichbarem intellektuellen
Kaliber nie solch intensive Aufmerksamkeit, und selbst die Aura der
verbliebenen Protagonisten aus dem goldenen Zeitalter ist verloschen.
Dies mag mit der Tat-sache zu tun haben, dass sich ihre Disziplinen seit
Beginn des Millenniums immer mehr und inzwischen beinahe ausschliesslich
auf Phänomene kollektiver Identität konzentrieren, die mit universalem
Publikumsinteresse nur schwer vermittelbar sind.
Wenn
die Perspektiven von Geschlechteridentität vielleicht noch gelegentlich
die «je anderen» Gruppen angehen mögen, so neigen Diskussionen über
nationale, soziale und kulturelle Identitäten dazu, sich in Zirkeln von
Selbst-Affirmation oder Selbst-Variation zu isolieren.
Neben
übergreifenden Themen ist den Geisteswissenschaften aber auch das
Ver-trauen ihrer Studierenden und Leser auf Einsichten verlorengegangen,
zu denen allein das Denken führen kann. Selbst unter Bildungsbürgern
sind mittlerweile an die Stelle von Begriffen und Theorien als Medium
zur Erfassung von Wirklichkeit elektronisch ermittelte Statistiken
getreten. Ihre trocken-definitiven Zahlen lassen brillanten
Spekulationen kaum noch Raum.
Hans Ulrich Gumbrecht
ist Albert Guérard Professor in Literature, emeritus, an der Stanford
University, Distinguished Professor of Romance Literatures an der Hebrew
University, Jerusalem, und Distinguished Emeritus Professor an der
Universität Bonn.
Nota. - Nicht die mitreißenden Denker fehlen, sondern mitreißende Gedanken. Das ist nicht trivial. Gedanken müssen in der Luft liegen, um Erfolg zu haben - dann werden sich schon welche finden, die sie publikumswirksam vorzutragen wissen. Wenn aber die Ideen sich als Mehltau niederschlagen, geraten auch die Vorträger in Vergessenheit. Wenn Foucault unlängst wieder Aufmerksamkeit fand, lag das nicht an seinen Ideen.
Mitreißende Denker werden durch mitreißende Gedanken generiert, nach denen muss man schauen, nicht nach den eigenen Chancen auf dem Jahrmarkt der Eitel-keiten. Und mitreißende Gedanken werden nicht generiert, indem man aufs Mit-reißen schaut, sondern auf die Gedanken, und eben nicht auf das, was in der Luft liegt.
Hier könnte ich aufhören. Aber das ist nicht bloß ein Zirkel, sondern eine Spirale. Denn was in der Luft liegt, kann auch der Smog von ein paar Jahrzehnten sein - oder Jahrhunderten. Man muss wohl schon auf die Luft achten, und sei es nur, um sie auf-zu-klären. Womit sonst aber als - Ideen?
Und nicht muss man darauf schauen, ob sie denn neu sind, neuer als das jüngst Verschimmelte. Manchmal wirkt ein Zurück zu den Quellen Wunder.
Unsere Quelle ist das Scheitern der kopernikanischen Revolution vor schon gut zweihundert Jahren, das Versickern und Versanden der Vernunftkritik. Danach ist viel passiert, aber die Wunde schwärt immer noch. Als hätte es die Kant'sche Kritik nie gegeben, brach nach dem Hegel'schen Desaster wieder treuherzige Positivität aus, jeder durfte mal sein Glück versuchen. Lebensphilosophie, Technizismus und Organik, Spiritismus und Naturmystik. Die Neukantianer schufen der Deutschen Hochschulphilosophie ihren Raum, aber die blieb summa summarum hölzernes Bücherwissen.
Metaphysik fand derweil in Makro- und Mikrophysik ihre heimlichen Schlupflöcher. Der originelle, aber improvisierte Versuch Husserls, mit der Phänomenologie eine neue Kritizität zu begründen, wurde umgehend von Heidegger verballhornt, und die Vernunft kam in Verruf.
So nahm das zwanzigste Jahrhundert seinen bekannten Lauf. Nach dem großen Krieg fiel der Philosophie eine restaurative Rolle zu. Geisteswissenschaft und Her-meneutik brachten den gesunden Menschenverstand zu neuen Ehren, und die Frankfurter Schule goss darüber ihren beschwipsenden Jargon.
Der Status quo ante war wiederhergestellt. Es folgten Dekonstruktivismus und Postmoderne und Anything goes. Philosophie ward eine Sache des Feuilletons, doch kein Hahn krähte noch nach ihr. Sie blieb übrig als universitäres Orchide-enfach, das sich so eben noch gegen den kw-Vermerk behauptet.
Da stehen wir nun. Gegenwartsphilosophie ist akademisch und zerfällt in zwei breite aber nicht reißende Ströme, die miteinander nur an den Rändern in Berüh-rung kommen, im großen Ganzen aber jede in bleiern ruhigem Fluß vor sich hin murmelt, bibliometrische Journale füllt und von der restlichen Welt nicht beachtet wird: hier das unerschütterliche Lager der kontinentalen historisch-philologieschen Spitzenklöpper, da die bewegten Meuten der systematisch-analytischen Flohknicker, die frohgemut nochmal ganz von vorne anfangen wollen.
Würde es etwas ändern, wenn auf einer der beiden Seiten eine Phönix aufstiege und überall Applaus fände?
Ein frisches Gesicht, ein klingender Name werden erst was hermachen, wenn sie was Neues zur Sprache bringen. Wir leiden seit zweihundert Jahren an jener schwä-renden Wunde, die nur darauf wartet, erfragt zu werden, um fast spontan zu ihrer Selbstheilung zu finden. Und nach so langer Verschleppung wäre das was Neues.
Lesen Sie weiter in
Nachtrag. - Vor ein paar Tagen fand sich in der FAZ ein Beitrag von André Kieserling über das, Was im Bewerbungsverfahren an der Uni wirklich zählt. Er fasst ihn einleitend so zusammen: "Auch bei der Personalauswahl an Universitäten kommt es nicht nur auf
Fachwissen an. Platzhirsche haben keine Chance. Nettes Mittelmaß setzt
sich durch."
Soviel dazu.
JE