Sonntag, 24. September 2023

Mit KI gegen Bürokratie?

aus derStandard.at, 22. 9. 2023                                              zu öffentliche Angelegenheiten

AUTOMATISIERUNG
So gut kann KI bereits Jobs in Verwaltung und Buchhaltung ersetzen
In der Verwaltung fehlen Fachkräfte. Wer soll die Arbeit stemmen? Start-ups bieten mit künstlicher Intelligenz Lösungen an


von Melanie Raidl und Natascha Ickert

Eintönige Aufgaben, die laufend erledigt werden müssen, einfach auslagern: Viele bekannte Unternehmen verfrachten schon lange ihre Buchhaltung und Verwaltung in "Shared Service Center" nach Indien oder Osteuropa, wo diese Routinearbeiten erledigt werden. Aufgaben abgeben geht aber auch simpler, dachten sich Patrick Sagmeister, Christoph Pieler und Ulrich Tröller, als sie ihr Start-up 2016 gründeten. Eine künstliche Intelligenz, die Rechnungen automatisiert verwaltet, ist ihr Geschäftsmodell.

Ideen wie diese beschäftigen Unternehmen und Behörden immer häufiger, denn auch in diesem Sektor macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar. Jede zehnte Stelle in den Finanz- und Controlling-Abteilungen bleibt unbesetzt, zeigt die jüngste CFO-Befragung der Managementberatung Horváth. Fast die Hälfte des Personals im öffentlichen Dienst wird in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen, steht im Personaljahrbuch 2022. Bis dahin wollen rund 62 Prozent der Unternehmen in Österreich in digitale Technologien wie Cloud-Computing, Data-Analytics und KI investieren. Aber wie zukunftsfähig ist der KI-Sekretär?

Neue Bürokratiewelle

Christoph Haimberger, Geschäftsführer des AWS-Gründungsfonds, eines der größten Venture-Capital-Fonds Österreichs, sieht großes Potenzial in KI-Start-ups für Administration, weil "der Mehrwert bei den Unternehmen schnell sichtbar ist". Europa habe mit einer neuen Bürokratiewelle zu tun – wie etwa das Taxonomiegesetz von 2022 oder das EU-Lieferkettengesetz vom Juni dieses Jahres verdeutlichen. "Das sind immer mehr Herausforderungen, und Unternehmen können diese vor allem mit Technologie lösen."

Die durch die künstliche Intelligenz von Finmatics automatisierte Buchhaltung sollen bereits 900 Kanzleien und auch Firmen wie KPMG nutzen, erzählt Patrick Sagmeister, Co-Gründer des Start-ups. Die Technologie kann Rechnungen genauer einordnen: Die KI liest die Dokumente, klassifiziert sie, bucht sie richtig und teilt ihnen den richtigen Steuercode zu. Die Datensätze, mit denen die KI zunächst lernen konnte, brachte Christoph Pieler aus seiner vorigen Tätigkeit mit: Er betrieb selbst ein Shared Service Center. "Definitiv ändert sich dadurch, wie Buchhaltung betrieben wird", sagt Sagmeister. "Die Mitarbeitenden werden Datenprüfer, welche eine Benutzeroberfläche bedienen, statt einzelne Transaktionen zu prüfen."

KI-Lösungen

Die Firma Konzierge aus Wien hat sich mit ihrer Software juristische Dokumente vorgenommen. Das 2020 gegründete Start-up entwickelte eine Lösung für Verträge in Rechtsanwaltskanzleien und Notariaten. Mit dem Grundbuchimport und ein paar Klicks wird auf Basis des Kanzleimusters ein Vertragsentwurf generiert. Dieser kann dann als Word-Dokument heruntergeladen werden, und dann beginnt das Feintuning. Mithilfe der KI können nun in Word spezielle Klauseln durch eine KI gefunden und formuliert werden - mitsamt gerichtlicher Einschätzung, falls es Urteile zu den Klauseln gibt. "Ersetzt werden Rechtsanwälte oder Notare durch dieses Programm keinesfalls. Denn dadurch bleibt ihnen mehr Zeit für die Beratung der Klientinnen und Klienten", sagt einer der Gründer der Softwarefirma, Alexander Kryza. Die Pensionierungswelle trifft auch diese Branche. Momentan werden zahlreiche neue Rechtsanwältinnen gesucht.

Auch das Grazer Start-up Leftshift One entwickelte eine KI-Lösung für Firmen und den öffentlichen Dienst. Vor allem soll die Anwendung Wissen konservieren und Informationen suchen. Zusammen mit den Auftraggebenden erarbeiten Expertinnen von Leftshift One, welches Wissen in welcher Form digitalisiert und gefunden werden soll. "Man kann es sich wie ein internes Google vorstellen", sagt Patrick Ratheiser, einer der Gründer.

Aber auch Bürgerinnen und Bürger, die Fragen zu Anträgen oder Ähnlichem haben, können sich an den Chatbot wenden. Die KI spuckt dann die richtigen Antworten samt dem passenden Formular aus. "Ein wichtiger Unterschied zu ChatGPT ist, dass unsere Anwendung nichts frei erfindet und die Antworten immer einen Verweis auf die Quelle enthalten", sagt Ratheiser. Große Firmen der Pharma- und der Automobilindustrie in Österreich nutzen bereits die Dienste von Leftshift One. Die Speicherung und Nutzung der Daten liegt allein bei den Auftraggebern.

Women in AI und Gründerin und CEO von Compliance 2b, einem KI-Start-up für vereinfachtes Whistleblowing innerhalb eines Unternehmens. "Es kommen immer neue Formulare hinzu, und immer neue Strategien müssen eingehalten werden", sagt sie, "deshalb werden selbstständig arbeitende Algorithmen nicht erfolgreich sein." Und auch eine KI-Lösung überhaupt erst zu implementieren ist aufwendig und braucht Zeit, da sie mit den Auftraggebern erarbeitet wird.

Zwar könnten in Zukunft wiederkehrende Aufgaben durch KI-Lösungen gut ersetzt werden, dafür brauche es aber immer mehr Menschen, die verantwortlich für die Bewertung und die Freigabe sind. Braucht nun jede Firma KI-Experten? Nein, sagen die Gründer von Leftshift One und Konzierge. Die Programme werden so aufgesetzt, dass die Anwendenden die KI mit Daten füttern können, ohne selbst viel darüber wissen zu müssen. Falls ein Problem auftauche, könne man sich wieder an die Firma wenden.


Nota. - Das Elend mit der Bürokratie sind nicht die Papierberge, sondern die stetig wach-sende Masse von Berufstätigen, die keinerlei Verantwortung mehr tragen. Nicht nur verzö-gern sie die gesellschaftlichen Prozesse bis an die Grenze des Stillstands: Sie durchseuchen mit ihrer parasitären Mentalität das ganze gesellschaftliche Leben.

Die Papierberge kann KI vorteilhaft ersetzen. Die Bürokratenberge erst recht. Aber der Bedarf an Leuten, die Entscheidungen zu verantworten haben, wird wachsen. Statt Verwal-tung Wissenschaft und Kunst...
JE

Sein heißt bestimmtsein.

                                                        zu Philosophierungen

Der Physiker kann nicht sagen "Etwas ist". Er kann nur sagen, was ist; was es ist. Sein heißt für die Naturwissenschaft bestimmt sein. Bestimmt wodurch? Durch die Stelle, die es in einem Modell  besetzt; einem Schema von mehreren Seienden, die in Wechselwirkung eine Funktion erfüllen. Zusammengeführt zu einem System werden sie durch seine - d. h. ihre gemeinsame - Wirkung. Theoretisch kann jedes Seiende in mehreren Systemen - gleich-zeitig oder abwechselnd - eine Stelle besetzen, die ipso facto mit einander wechselwirkten; und in denen sie einmal so und einmal so bestimmt wären.

Mit Philosophie hat das nichts zu tun.

4. 9. 20

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem BlogJE

Samstag, 23. September 2023

Gibt es 'die Weltformel'?

                                        zuJochen Ebmeiers Realien   zu Philosophierungen

Von Philosophie verstehe ich etwas; von Transzendentalphilosophie, genauer gesagt. Auch von den Naturwissenschaften habe ich dies und das gehört, aber dass ich es verstünde, hatte ich nicht oft das Gefühl. Doch hier handelt es sich nicht um Naturwissenschaft, sondern um deren allgemeinverständliche Zusammenfassung. Ob und wieweit es zutrifft, kann ich nicht beurteilen; ich nehme an, dass es den 'Stand der Wissenschaft' loyal wiedergibt.

Die Philosophie lehrt mich, dass ich von den Dingen selber gar nichts weiß. Ich habe Vor-stellungen von ihnen, über die kann ich reden, und ich kann mich fragen, wie ich zu ihnen gekommen bin. Ich werde bemerken, dass ich bei der Aufnahme, Anordnung und Bewer-tung der Daten, die mir meine Sinnesorgane vermelden, gewisse Schemata verwende - das, was bei Kant das 'Apriori' heißt. Bis dahin ist das noch keine Philosophie, sondern ent-spricht den Ergebnissen der empirischen (psychologischen) Forschung. Wenn es stimmt, verwendet sie allerdings selber besagte Schemata, sie kommt hinterdrein und ist nicht be-fähigt, die Schemata auf ihre Herkunft und Berechtigung zu prüfen.

Das ist Sache der Philosophie, nämlich der kritischen oder 'Transzendental'-Philosophie; transzendental darum, weil sie nach den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit fragt. So kritisch und radikal sie immer verfährt - sie bleibt doch immer im Rahmen unserer tatsäch-lichen Vorstellungsmöglichkeiten; will sagen: andere Voraussetzungen als die, die sie selber macht, sind ihr nicht möglich.

Kant selber hatte die Möglichkeit offengelassen, dass unser Vorstellungsvermögen von einem Schöpfer so angelegt wurde, wie es eben ist. Der Naturwissenschaftler, der an dieser Stelle wieder zu Wort kommt, sagt, unser Vorstellungsvermögen ist wie jedes andere unse-rer Vermögen ein Produkt der natürlichen Evolution: Anpassung und Auslese. Wir können uns nicht vorstellen, was wir uns vorstellen könnten, wenn wir uns in einer anderen Ecke des Universums hätten entwickeln müssen; wir können uns nicht einmal vorstellen, was in unserer Welt die Biene dort sieht, wo bei uns das ultraviolette Licht unsichtbar wird.

Es ist Wunders genug, dass die irdische Beschränktheit unserer Vorstellungskraft uns nicht daran gehindert hat, durch das Übersetzen von konstruierten Begriffen in mathematische Formeln uns Dinge denkbar zu machen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wunder hat einen Namen, es heißt Symbolisierung. Mit den Symbolen können wir operieren, ohne unsere Vorstellungskraft jeweils mitbemühen zu müssen. Da-durch werden die Symbole indessen kein bisschen objektiver: Sie bleiben immer willkürlich gewählte Zeichen für eine subjektive Bedeutung. Die Bedeutung bezieht sich immer nur darauf, was wir mit dem Ding anfangen können, und nicht auf das, was das Ding 'ist', und ob eine Bedeutung 'stimmt', wird sich erweisen oder nicht.

Wenn also Einstein meinte, sein Geist könne sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben, dass es im Universum "zwei getrennte Felder gibt, die in ihrer Natur völlig voneinander un-abhängig sind", so sagt er etwas darüber, welche Vorstellungen unsere Gattungsgeschichte unserm Gehirn möglich gemacht hat; aber nichts über die Beschaffenheit der 'Dinge'. 

Es wäre des Wunders viel zu viel, wenn sich erwiese, dass wir durch das Kombinieren von Symbolen Formeln konstruieren können, denen 'das Ding' entspricht. Denn hier geht es nicht um dieses oder jenes Ding - da könnte der Zufall beispringen -, sondern um den In-begriff aller Dinge. Den könnte nur kennen, wer 'Alles' erschaffen hat. Und andernfalls gäbe es ihn gar nicht.

Indem nun die Transzendentalphilosophie den Gedanken einer Schöpfung undenkbar* macht, schließt sie die Möglichkeit einer Weltformel aus; und darauf will ich wetten. 

*) Kant hatte ihn dem Glauben zugestanden, aus der Wissscenschaft jedoch verbannt.

Kommentar zu  Gibt es die "Weltformel"? JE22. 9. 17



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. J E

Freitag, 22. September 2023

Gegeben oder zur Auslese geboten?

(Bild: Reto Althaus / NZZ)                                                                        zuJochen Ebmeiers Realien

Jacob von Uexküll hat vor bald hundert Jahren die mentale Grundausstattung eines jeden Lebewesens in ein Merknetz und ein Wirknetz unterschieden, und beide zusammen ergeben sie das, was seine Umwelt ausmacht. Das Merknetz umfasst alle Organe, durch die das Indi-viduum Informationen von außen aufgreift, und das Wirknetz diejenigen, die ihm erlauben, Informationen in seine Umgebung einzugeben. Die Umwelt besteht auf der einen Seite aus der ökologischen Nische, in die sich die Gattung evolutiv eingepasst hat, und auf der ande-ren Seite aus dem Merk- und Wirknetz, das sich evolutiv darauf eingestellt hat. Ich kann nicht erkennen, welche zusetzliche Erkenntnis James Gibson der Sache nach da hinzugefügt hat. 

Dies umso weniger, als nur wenig später Ernst Cassirer Uexkülls theoretisches Konzept um die Vorstellung des Symbolnetzes erweitert hat, das der Mensch zwischen Merk- und Wirk-netz geschoben und damit beide dimensional erweitert hat, wodurch ihm seine (in Merk- und Wirknetz beschlossene) Umwelt zu einer (offenen) Welt wurde. 

Dass man in Amerika Uexküll nicht kennt, ist schon erstaunlich genug. Aber Ernst Cassirer hat die letzten Jahre seines Lebens aus ungutem Grund in den Vereinigten Staaten ver-bracht, dort gelehrt und auch publiziert. Von dem muss man dort gehört haben. 
Kommentar zu Gegeben oder zur Auslesegeboten? JE , 19. 1. 17

'Von Kant zu Hegel'?

                                                                  zu Philosophierungen

Dass zu Hegels [heutigem Jubiläum] die Lobgesänge niederprasseln würden, war zu erwar-ten. Was dazu sachlich zu sagen war, finden Sie in meinem gestrigen Eintrag. Heute geht es um das Historische; um die folgenreichste Mystifikation der Philosophiegeschichte, ohne die noch der gegenwärtige Zwist zwischen 'systematischer' und 'kontinentaler' Philosophie gar nicht denkbar wäre. Nämlich um die Legende vom pp. Deutschen Idealismus unterm Titel "Von Kant zu Hegel".*

Um es vorab zu sagen: Das war keine böswillige Machination von Leuten, die es besser wussten. Der eine oder andere hätte sich ein wenig zusammenreißen können, doch summa summarum handelte es sich um das "notwendig falsche Bewusstein" von Leuten, die tiefer in ihre Zeit verstrickt waren, als sie ahnten.

Nicht zuletzt, sondern zuerst bei dem, der die Sache zugespitzt hatte und bei dem sie um-gekippt war. Korrekt müsste die historische Beschreibung lauten: Der Aufstieg der Trans-zendentalphilosophie und ihre Verkehrung ins GegenteilSebastian Ostritsch streift es gradmal am Rande.

Die Legende sagt: Kant habe die Objektivität des dogmatischen Rationalismus zu Fall ge-bracht. Fichte habe an dessen Stelle den Subjektiven Idealismus gesetzt. Schelling habe dessen Einseitigkeit zum Objektiven Idealimus ergänzt. Hegel habe schließlich Alles im Absoluten Idealismus vereinigt.

Was aber danach kam, sagt keiner mehr; es war das Ende der Philosophie für Jahrzehnte. Hegel hatte, seinem eigenen Anspruch entsprechend, das Philosophieren erschöpft.

Ich schlage daher eine andere Phrasierung vor. Kant fragte nicht nach diesem oder jenem, sondern nach der Vernunft selbst. Vernünftig oder unvernünftig ist nichts, was gewusst werden könnte, sondern das Wissen selbst. Das macht die Kopernikanische Wende aus. Wohl ist Wissen nur durch Erfahrung möglich; doch Erfahrung beruht auf einem Apriori, das vom Wissenden an das Erfahrbare herangetragen wird. Da bleibt Kant stehen. Woher das Apriori stammt, lässt er ganz offen. 

Fichte ging den zweiten Schritt. Das Apriori erwächst seinerseits aus der produktiven Ein-bildungkraft dessen, der Erfahrungen macht. Wird von der tatsächlichen Bestimmungen der Vernunft als vom Bedingten zurückgegangen auf das Bedingende, so kann sich am Schluss, das heißt eigentlich: am Anfang kein Faktum finden, sondern ein ursprünglicher Akt  - der Entschluss der Intelligenz, zu bestimmen. Wenn er selber nicht bedingt sein soll, muss er aus Freiheit geschehen sein, ohne sie keine Bestimmung des Unbestimmten. Ein Unbe-stimmtes ist aber gegeben und vorgefunden: Es ist das sinnliche Gefühl vom Widerstand der Sa-chen. Es zu bestimmen ist die Tätigkeit der Vernunft, und also nichts anderes als die Tätig-keit eines Vernünftigen.

Da er aus Freiheit gehandelt haben muss und ohne fremde Veranlassung, ist er noch ebenso unbestimmt wie die Widerstände, auf die er trifft und muss, indem er sie bestimmt, sich selbst bestimmen. Dies alles ist nichts Vorfindliches, das erfahren werden könnte. Es kann darauf lediglich geschlossen werden als auf ein Vorauszusetzendes. Da Vernunft in der Welt wirklich entstanden ist, muss ihr ein Anfang zugedacht werden, eine ursprüngliche prädika-tive Qualität, wie Fichte sie nennt; und ihr gegenüber die Widerstände der Dinge, die die Vernunft zu einer Welt bestimmt. Gedacht werden muss es als ein Absolutum, es ist nicht, wie der Stoff der Welt, vorfindlich, und ist bestimmbar nur durch sich.

Bei Fichte heißt es das absolute Ich. Man kann ihm in Raum und Zeit nicht begegnen und kann von ihm keine Erfahrung haben. Man kann es nur denken.

In Raum und Zeit begegnen kann man lebenden Personen, und weiß Gott Erfahrungen machen. Aber die sind Dieser und Einer und sind nicht aus Teilen zusammengesetzt. Man kann Merkmale an ihnen unterscheiden und sie unter diesem oder jenem Gesichtspunkt betrachten. Aber das sind alles keine Realien, sondern gedankliche Abstraktionen. Man kann auf sie reflektieren, doch dadurch werden sie nicht sachlich bedingt.

Eine solche Abstraktion ist das absolute Ich. Es ist dasjenige an den wirklichen Menschen, das vernünftige Zwecke setzt und nach ihnen handelt. Es ist nichts Reales, es 'kommt vor' allein in der Vorstellung; und anders wäre es ja nicht absolut. Man kann darauf reflektieren, aber dadurch würde es nicht in seinem etwaigen Sein, sondern lediglich in meiner Vorstel-lung 'bestimmt'.

Es wird lediglich gedacht; aber gedacht als eines, das sich selber bestimmt. Als ein Subjekt, das sein eignes Objekt, und als ein Objekt, das nichts als sein Subjekt selber ist.

Fichte nennt es darum das Subjekt-Objekt. Wir werden noch von ihm hören.

Von diesem Ausgangspunkt her entwickelt er die 'pragmatische Geschichte' des menschli-chen Geistes. Pragmatisch nämlich 'so, als ob' sie von Anbeginn auf ein Ziel hin gerichtet wesen wäre: die Vernunft. Sie lässt alles beiseite, was nicht dazugehört oder womöglich da-von abgelenkt hat, sie behält nur, was zur Vernunft führt.

Die ursprüngliche prädikative Qualität, alias produktive Einbildungskraft, ist nichts als ein fortwährender Trieb, zu bestimmen: sich selbst, indem es die Dinge, die Dinge, indem es sich selbst bestimmt. Man könnte meinen, der Trieb fände irgendwo, irgendwann sein Ziel. Aber das Ich, nämlich die prädikative Qualität, aus der es hervorging, war ohne Bestim-mung. Sein sich-selbst-Bestimmen ist seinerseits durch nichts bestimmt und ohne Ende. Das Ziel seines die-Welt-und-sich-selbst-Bestimmens ist schlechterdings durch nichts be-dingt. Es ist daher - ein Absolutes.

Vor oder hinter dem absoluten Ich also ein zweites Absolutes? Genaugenommen nicht. Denn eigentlich handelt es sich lediglich um zwei Ansichten des Absoluten, doch was man von hinten und vorn ansehen kann, ist bedingt und nicht absolut. Es handelt sich aber um eine und dieselbe Tätigkeit. Und nur, wenn wir Tätigkeit als eine Perlenkette von Taten auf-fassen und nicht als lebendig tun, nehmen wir eine Reihe von Mannigfaltigen wahr; andern-falls nur ein beständig fortschreitendes Agieren, das eo ipso eine Richtung hat, die ich mir nur als vorwärts und rückwärts veranschaulichen kann. Man mag es anders ausdrücken, und so tut es Fichte gelegentlichAbsolut und wirklich ist nur tun. Sein ist nur ein Reflexions-produkt.

*

Das war der Höhe- und Schlusspunkt der Transzendentalphilosophie. Jedenfalls idealiter. Fichte selbst ist davor zurückgeschreckt. Nicht die Anschuldigung des Atheismus hatte ihn wirklich wanken gemacht. Es war Jacobis Vorwurf des Nihilismus, die seine stets vorhan-dene, aber vom Aktivismus übertönte Sympathie für ein real Absolutes hervor- und in den Vordergrund rief: mehr Motiv als Grund.

Doch nun zu Hegel. Die Substanz, heißt es in der Einleitung zur Phänomenologie, müsse man "auch als Subjekt" auffassen. Das ist eine von den vielen unausgewiesenen Anleihen, aus denen Hegel sein System gebraut hat. Schelling, Hegels Zimmergenosse im Tübinger Stift, der zuerst als ein Popularisierer Fichtes galt, war auf die Idee gekommen, man bräuch-te das Subjekt - das transzendentale Ich - nur 'als Substanz aufzufassen', nämlich als Spino-zas deus sive natura, um die ganze sinnliche Welt von Raum und Zeit doch noch in der Transzendentalphilosophie unterzubringen, für die sich dort vorher kein Platz gefunden hatte. Schelling hat für den Rest seines Lebens darüber geschimpft, dass ihm Hegel seinen Einfall gestohlen und zum Grundstein seines Lehrgebäudes gemacht hätte.

Doch das war noch gar nichts. Nachdem Fichte an jenem Punkt den Rückzug angetreten hatte, konnte er ungeniert ein Realabsolutes zum Ausgangs- und Zielpunkt nicht einfach der Denk-, sondern der reellen Weltgeschichte machen! Plotins Dichtung vom Sein, das aus Laune oder Leidenschaft, jedenfalls ohne erkennbaren Grund "aus sich herausgeht", um sich in der Mannigfaltigkeit des Sinnlichen zu zerstreuen, und sich dann, wieder ohne Grund, neu zusammenrafft und in sich selbst, nun aber in praller Fülle und erfahrungssatt, zurückkehrt, wird zu einer rationellen Metaphysik mystifizert, in der das Große Ganze als... Subjekt-Objekt an die Stelle des biblischen Schöpfergottes tritt.

Danach war erstmal Schluss mit dem Philosophieren. Der kritische Aufbruch der Transzen-dentalphilosophie hatte im Verlauf der französischen Revolution für Furore gesorgt, doch wirklich Wurzeln geschlagen hatte er nirgends, und wo er immerhin Keime getrieben hatte, wurden sie nach dem Wiener Kongress ausgejätet. Das Bett war gemacht für das eklektische Räuchermännchen des ABSOLUTEN. Und es hat die Geister für wenigstens eine Genera-tion benebelt.

Die Transzendentalphilosphie ist seither, trotz manchen partikularen Rückgriffs auf Kant, nicht wieder aufgegriffen worden._____________________________________

*) Das epochemachende Werk von Richard Kroner hieß noch bescheiden: "Von Kant bis Hegel". Doch zum geflügelten Wort eignete sich die kräftigere Variante besser.

Kommentar zu 'Von Kant zu Hegel'?  JE 27. 8. 20

Donnerstag, 21. September 2023

Der ontogenetische Ursprung der Kausalität.


aus welt.de, 20. 9. 2023                  Schauen, greifen, lernen .                   zuJochen Ebmeiers Realien   zu Philosophierungen

Wie Babys lernen, ihre Welt zu kontrollieren
Schon in den ersten Monaten begreifen Babys, wie sie ihre Umwelt manipulieren können. Amerikanische Forscher haben das spielerische Lernen von Säuglingen untersucht und sind überrascht, wie früh die Kinder ihre ersten Aha-Momente erleben.


Von Martin Lindner

Was ist noch zufälliges Strampeln, und wo beginnt das Wollen und Wünschen? Diese Frage stellen sich wohl viele Eltern, die staunend dabeistehen, wenn ihre Babys sich immer gezielter bewegen und beginnen, ihre Umgebung zu beeinflussen. Die Entwicklung ist ein kleines Wunder.

Untersucht man dieses Lernen im Experiment, kommt Erstaunliches zutage, wie Entwicklungspsychologen nun im Fachjournal „PNAS“ berichten. Um das kindliche Bewegungslernen genauer zu verstehen, machte sich das Team um Scott Kelso von der Florida Atlantic University eine einfache und babytaugliche Methode zunutze. Dabei wird ein Füßchen der kleinen Strampler durch eine Schnur mit einem Mobile verbunden: Jede Bewegung der Beine lässt es über ihrem Köpfchen kreisen.

Der simple Versuchsaufbau erlaubt, die Wechselwirkung von Bewegung und Wahrnehmung zu studieren, selbst von Säuglingen, die erst wenige Monate alt sind. Je schneller sich das Mobile dreht, desto mehr wird das Baby zum Strampeln animiert, wodurch das Spielzeug zusätzlich an Fahrt gewinnt. „Die positive Rückkopplung verstärkt die Ursache-Wirkungs-Beziehung von Kleinkind und mobiler Bewegung“, beschreibt Kelso die grundsätzliche Beobachtung.

Allerdings fand sein Team mit computergestützten Analysen noch mehr heraus: So stellt sich bei den Säuglingen ein Aha-Erlebnis ein, wenn sie bemerken, dass sie das Geschehen beeinflussen. Mit einer bestimmten Reife erkenne der Säugling seine „kausalen Kräfte und geht von spontanem zu intentionalem Verhalten über“, sagt Kelso. Dieser kindliche „Heureka“-Moment lasse sich an einer abrupt gesteigerten Bewegungsrate ablesen.

Was überraschte: Die Babys strampeln keineswegs in einem fort, sondern legen immer wieder Pausen ein, in denen das Mobile zum Stillstand kommt. Nach Ansicht von Scott und Kollegen deutet dies darauf hin, dass die Säuglinge eine Art Gegenprobe machen: Bewege ich mich, kreist das Mobile über meinem Kopf. Bleibe ich ruhig, steht es still.

Wie schnell sich diese Einsicht einstellt, ist von Kind zu Kind durchaus verschieden. Manchen Babys geht schon nach einer Minute ein Licht auf, bei anderen fällt der Groschen erst später. Insgesamt vermittle dies den Kindern den Eindruck, dass sie in ihrer Umwelt in der Tat etwas bewirken könnten, folgern die Studienautoren.

„Generell müssen wir schon sehr jungen Babys viel mehr zutrauen, als man noch vor 20 Jahren dachte“, bekräftigt die Entwicklungspsychologin Birgit Elsner von der Universität Potsdam. Systematische Verhaltensbeobachtungen und moderne Analysemethoden hätten zu einem bemerkenswert differenzierten Bild der kindlichen Entwicklung geführt.

Das Klischee vom passiven Säugling ist lange passé. „Natürlich bleibt immer die Schwierigkeit, dass wir den Kindern nicht in den Kopf schauen können“, schränkt Elsner ein. Untersuchungen wie jene von Kelso und Kollegen halten lediglich das Bewegungsverhalten der Babys fest. Über die inneren mentalen Prozesse im Gehirn geben sie keine Auskunft.

„Wir gehen heute davon aus, dass Kinder ungefähr mit sechs Monaten beginnen, Handlungseffekte vorherzusehen – und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die anderer Personen.“ Aus einer simplen Verbindung von Bewegung und Effekt entstehe um das erste Lebensjahr herum eine erste, abstraktere Idee von Ursache und Wirkung. Das Gehirn reift in der Auseinandersetzung mit der Welt.

 
Nota I. - Es handelt sich um 'nichts als' den ontogenetischen Nachvollzug eines Großen phylogenetischen Sprungs. Der wird etliche Jahrtausende in Anspruch genommen haben, aber inzwischen ist er uns gattungsgeschichtlich angestammt. Die genetische Anlage ist da, aber sie muss "durch Erfahrung" aktiviert werden. Humes treuherzige Annahme einer blo-ßen Gewohnheit war ganz so falsch nicht, aber ohne die Kant'schen Kategorien schwebte sie in der Luft. "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts sind nichts als die Erwerbun-gen unserer Gattungsgeschichte." J. Habermas, Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Ffm. 1969, S. 161

 
Nota II. - Das obige Experiment hat eine unerwartete anthropologischen Pointe: Es beruht darauf, dass das Baby auf dem Rücken liegt und über ihm in Armlänge bewegliche Gegen-stände schweben. Für ein Tierkind eine ganz ungewöhnliche Position, aber für Menschen-kinder tagtäglicher Standard - und sie haben beide Hände frei!

Nach rund zwei Millionen Jahren Gattungsgeschichte ist das kein Pappenstiel.


Nota III. - Und noch ein anthropologischer Nachtrag: Einen bestimmten Zweck können sie mit Ihrem Eingreifen ja wohl nicht verfolgen. Also wird man wohl einen un bestimmten Zweck annehmen müssen. Einen 'Zweck-an-sich'? Einen Selbst-Zweck? Ein peiristisches Wollen? Spiel? - Ja, all das können und tun Tierkinder auch. Aber die haben nicht zwei freie Hände. Darum wird ihr Ein-Greifen selten anschauliche Folgen hervorbringen. Also An-schauung als Selbstzweck? Die müsste man ästhetisch nennen...
JE


Mittwoch, 20. September 2023

Wo die Vernunft wirklich herkam.

                                                        zu Philosophierungen

Vernunft im Leben 

Ihren Aufstieg zur westlichen Großmacht verdankt die Vernunft weder Galileo und Des-cartes noch Newton und Leibniz. Sie war vielmehr die Folge des Europäischen Bürger-kriegs, der im 17. Jahrhundert weite Teile des Kontinents verheerte. Ob die konfessionelle Zersplitterung seine Ursache oder mehr ein Vorwand war, wird kaum zu entscheiden sein, gewiss ist aber: Wer seinen Glauben ins Feld führte, goss Öl ins Feuer. Eine Rückkehr zu friedlichem Waren- und Geistesverkehr konnten nicht die verfeindeten Bekenntnise, son-dern nur eine geistige Autorität vermitteln, die über ihnen stand.

Ohne die geistigen Vorarbeiten von Hugo Grotius hätten die in Münster und Osnabrück versammelten europäischen Diplomaten sich kaum auf den Westfälischen Frieden ver-ständigen können: "Etsi deus non daretur" - so, als ob es Gott nicht gäbe. Und auch Thomas Hobbes' Entwurf eines absolutistischen Zwangsstaats war ein rationalistisches Friedensprojekt, denn ob Leviathans Haupt nun ein militärischer Usurpator oder ein legitimer Erbfürst war, interessierte ihn gar nicht. Sowohl das auf Naturrecht gegründete vertragliche Völkerrecht als auch die Absolute Monarchie waren Kinder der Vernunft. Ohne sie kein Vernunftzeitalter, keine Aufklärung.

Was ist Vernunft? 'Das, was bleibt, wenn das Dogma entfällt': ein Medium, das erlaubt, unterschiedslos über Alles zu urteilen, während die religiösen Dogmen immer wieder nur Besonderungen hervorriefen. Die elementare Vorstellung von Vernunft ist die einer absoluten Geltung.

Die Sache selbst war nicht neu, eine grobe Ahnung davon längst da, so dass eine Definition sich erübrigte. Denn was vernünftig in specie war, würde sich immer im täglichen Gebrauch einer Fähigkeit konkretisieren, die allen gemeinsam war, sensus communis.

- Vernunft, fernunst von ahd. ferniman, vernehmen. Wahrheiten hören, verstehen [=emp-fangen, passiv!]

- ratioraisonreason: von lat. reor, rechnen, später: kombinieren, erwägen [ratiocinatio bei Cicero: vernünftige philosophischer Überlegung; Römer: Juristik und Anwaltsrhetorik wichtiger als Philosophie; Recht bekommen vor Recht haben [aktiv!]

- bei ratio wird eher an messbare Verhältnisse gedacht, bei Vernehmen eher an Qualia; das eine aktiv konstruierend, das andere mehr passiv 'nehmend'.

Vernunft der Gelehrten 

- Wogegen ratio/Vernunft in ihrem Gebrauch den Anspruch auf Wahrheit schon mitbrin-gen, im ersten Fall mathematisch konstruierend, im zweiten dunkel raunend.

Plato hatte dóxa von epistémê unterschieden, aber eine Vernunft im kategorialen Unter-schied zu anderen intellektiven Modi kannten die Griechen nicht; die Grenzen etwa zwi-schen noûs und lógos blieben fließend. Noûs und davon abgleite nóein bezeichnet eher die subjektive Seite des Für-wahr-Erkennens. Die christliche Dogmatik bevorzugte daher den Logos als GOttes Wort. Neben der Theologie war für eine selbstständige philosophische Spekulation kein Platz.

von einem Notizblatt, vermutl. Sommer 2009

 

Das Obige sollte anscheinend fortgesetzt werden: mit dem Eingang der Vernunft in die spekulative Philosophie. Davon bin ich wohl abgekommen und der Zettel verlor sich in meinen Papieren. Hier nur soviel:

Als das Vernunftzeitalter begann.

Den Versuch, Vernunft zu kodifizieren und ihren Gebrauch unter den Gelehrten verbind-lich zu machen, hatte René Descartes schon 1637, mitten im Dreißigjährigen Krieg, mit dem Discours de la méthode unternommen. Seine Absicht war es ausdrücklich, jenseits der widerstreitenden Einzelmeinungen einen allgemeinen und zwingenden Maßstab zu setzen, an dem der Meinungsstreit schlechterdings und für jeden einsichtig entscheidbar wäre. Er war als Reiteroffizier am Krieg selber beteiligt gewesen und stand dem Problem noch näher als die in Münster und Osnabrück versammelten europäischen Diplomaten.

15. 10. 20


 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. J E

Epigenetik: Macht macht stark.

  aus derStandard.at, 8. 9. 2026                                                                                 z u Jochen Ebmeiers Reali...