Mittwoch, 24. Mai 2023

Auf dem Weg zur Sprache?

SChimpansenaus scinexx.de                                                                                            Schimpansen stoßen je nach Situation verschiedene Rufe aus – aber können sie diese auch sinnvoll kombinieren?                                                                                                  zu Jochen Ebmeiers Realien

Schimpansen nutzen auch kombinierte Rufe
Menschenaffen demonstrieren erste Ansätze einer kompositionellen Syntax

Neu kombiniert: Schimpansen könnten schon eine erste Voraussetzung für echte Sprache besitzen, wie Beobachtungen in Uganda nahelegen. Demnach kombinieren die Menschen-affen in bestimmten Situationen zwei Laute mit verschiedener Bedeutung miteinander – und geben ihnen damit eine neue Bedeutung. Diese Fähigkeit zur sinnvollen Kombination, kompositionelle Syntax genannt, könnte demnach schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffe und Mensch entstanden sein.

Ob mit „Huh“-Rufen, Grunzlauten oder Schreien: Auch Menschenaffen nutzen verschie-denste Lautäußerungen, um zu kommunizieren. Sie drücken damit Aggression, Wohlbe-hagen oder Angst aus und nutzen auch spezielle Alarmlaute, um ihre Artgenossen zu warnen. Ob Gorilla, Schimpanse und Co diese Laute jedoch kontrolliert verändern und kombinieren können oder ob sie rein instinktgesteuert sind, ist strittig – und damit auch, ob Menschenaffen schon das Rüstzeug für eine echte Sprache besitzen.

Ist Fähigkeit zur Bedeutungskombination einzigartig menschlich?

Doch wie sich nun zeigt, beherrschen Schimpansen offenbar doch ein erstes Merkmal echter Sprache: die Fähigkeit, einzelne Laute zu neuen Einheiten zusammenzufügen. Wir nutzen diese kompositionelle Syntax beispielsweise, um einzelne Wörter zu sinnvollen Sätzen zusammenzufügen oder um Dinge näher zu beschreiben – aus „Ball“ wird der „rote Ball“. Wann unsere Vorfahren diese Fähigkeit zur Kompositionalität jedoch entwickelten, ist bisher unklar.


„Der evolutionäre Ursprung dieser Fähigkeit ist umstritten, dabei geht es vor allem um die Frage, ob die kompositionelle Syntax ein einzigartiges Merkmal nur der menschlichen Kommunikation ist“, erklären Maël Leroux von der Universität Zürich und seine Kollegen. Zwar können einige Affenarten unter bestimmten Bedingungen zwei verschiedene Rufe kombinieren. Weil diese aber nicht zu den Menschenaffen gehören, ist strittig, ob dies nicht eine konvergente Entwicklung und damit keine evolutionäre Errungenschaft unserer direkten Affenvorfahren ist.

Das Experiment mit der Schlange


Um dieser Frage nachzugehen, haben Leroux und sein Team wilde Schimpansen in Uganda auf die Probe gestellt. Sie wollten wissen, ob diese Menschenaffen in spezifischen Situationen vielleicht doch eine kompositionelle Syntax nutzen. „Schimpansen produzieren Huu-Rufe, wenn sie überrascht werden, und ein Waa-Gebrüll, wenn sie bei Aggressionen oder bei der Jagd Unterstützung brauchen“, erklärt Leroux. Was aber passiert, wenn die Primaten von einer Bedrohung überrascht werden, bei der sie die Hilfe ihrer Artgenossen benötigen?

Für ihr Experiment versteckten die Biologen eine von einer echten Pythonhaut überzogenen Gummischlange im Gebüsch. Kam ein Schimpanse vorbei, zogen sie an einer Schnur, so dass die Schlange abrupt vor dem Schimpansen auftauchte. Anschließend zeichnete das Team die ausgestoßenen Laute des überraschten Affen auf und beobachtete, wie die Artgenossen auf seine Rufe reagierten.

Alarm- und Hilferufe kombiniert


Es zeigte sich: Beim überraschenden Auftauchen der bedrohlichen Schlange stießen die Schimpansen manchmal nur den Alarmruf Huu aus, in neun von 21 Tests kombinierten sie den Huu-Laut aber mit dem Waa-Ruf nach Unterstützung. „Unsere Beobachtungen legen nahe, dass die Tiere mehrere Rufe kombinieren, wenn sie einer Bedrohung ausgesetzt sind und andere Gruppenmitglieder zur Verteidigung rekrutieren wollen. So zum Beispiel bei der Begegnung mit einer Schlange“, sagt Leroux.

Tatsächlich bewirkte die Huu-Waa-Lautkombination bei den Artgenossenen des rufenden Schimpansen eine spezifische Reaktion: Während sie bei bloßen Alarmrufen meist wegblieben, eilten sie bei der Rufkombination deutlich häufiger herbei. Ähnlich fiel die Reaktion aus, als die Forschenden die verschiedenen Rufe per Lautsprecher ertönen ließen: „Das Playback der Huu-Waa-Kombination rief stärkere Reaktionen hervor, sie schauten beispielsweise länger hin und reagierten schneller als bei bloßem Alarm-Huus“, berichtet das Team.

Erbe schon unserer gemeinsamen Vorfahren?

Nach Ansicht von Leroux und seinem Team deuten diese Beobachtungen darauf hin, dass Schimpansen zumindest erste Ansätze einer kompositionellen Syntax zeigen: Sie kombinieren Alarm- und Hilferufe, ihre Artgenossen sowohl zu warnen als auch ihre Hilfe anzufordern. „Die Bedeutung der Ruf-Kombination ergibt sich damit aus der Bedeutung ihrer einzelnen Teile – damit repräsentiert dies eine der kompositionellen Syntax ähnliche Struktur“, schreiben die Forschenden.

Dies wirft auch neues Licht auf den Ursprung dieser Fähigkeit: „Menschen und Schimpansen hatten vor etwa sechs Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren. Unsere Daten deuten also darauf hin, dass die Fähigkeit, sinnvolle Vokalisationen miteinander zu kombinieren, mindestens sechs Millionen Jahre alt ist – wenn nicht sogar älter“, sagt Leroux. Das Kombinieren von Lauten könnte demnach schon vor dem Auftreten einer echten Sprache entstanden sein.

Wenn auch andere Menschenaffen diese Fähigkeit besitzen, dann könnte sie sogar noch weiter zurückreichen und schon beim letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen vorhanden gewesen sein. (Nature Communications, 2023; doi: 10.1038/s41467-023-37816-y)


Quelle: Universität Zürich
5. Mai 2023
- von Nadja Podbregar

Nota. - Wenn ich die Zeilen richtig entziffere, ist hier lediglich die Rede davon, dass Schim-pansen Laute mit einer bestimmten Bedeutung aneinanderfügen: dies! und das! Nicht ein-mal auf die Reihenfolge kommt es an.

Das wäre aber das Mindeste, was man unter kombinieren verstehen könnte; von Über- und Unterordnen gar nicht zu reden. Erst das würde man aber unter Syntax verstehen: dass die eine Aussage der andern ihre Rang anweist; nämlich die eine ein Bedeutungsfeld eröffnet, in dem die andere ihren Platz findet. 

Dazu ist das Aneinanderreihen von Sätzen natürlich die Voraussetzung. Aber mehr noch nicht. Da wurde wohl mal wieder ein kleiner empirischer Befund semantisch aufgebläht.
JE

Ästhetik und Kognition.


aus derStandard.at, 17. 5. 2023                                     Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapillus) können mit nur vier Noten und einer einfachen Grammatik verschiedene Botschaften an ihre Artgenossen senden.                                             zu Jochen Ebmeiers Realien
 
RICHTIG ZWITSCHERN

Schwarzkopfmeisen legen Wert auf korrekte Grammatik
Die nordamerikanischen Singvögel können korrekte von falschen Notenfolgen unterscheiden und bevorzugen fehlerfreie Darbietungen


Will man bei der Kommunikation verstanden werden, muss man sich an gewisse Regeln halten – dessen sind sich auch die Singvögel bewusst. Schwarzkopfmeisen achten bei ihren Zwiegesprächen mit Artgenossen penibel auf den richtigen "Satzbau" ihrer Rufe. Wie ein österreichisch- kanadisches Forschungsteam nun zeigte, können die in Nordamerika beheimateten Vögel korrekte von falschen Tonfolgen unterscheiden und präferieren fehlerfreie Rufe. Doch nicht jeder Vogel ist im gleichen Ausmaß sprachbegabt. Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter stellten auch individuelle Unterschiede bei den Fähigkeiten der Vögel fest.

So ähnlich wie menschliche Sprache

Marisa Hoeschele vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat mit ihren Kolleginnen und Kollegen von der University of Alberta (Kanada) 20 wild lebende Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapillus) gefangen und mit ihnen zwei Verhaltensexperimente durchgeführt. Diese Singvogelart verfüge über eine berechenbare Satzstruktur, "die jener der menschlichen Sprache nicht unähnlich ist", schreiben die Forscher in ihrer Arbeit.

Bereits seit längerem weiß man, dass bei den sogenannten Chick-a-Dee-Rufen der Vögel, die zum Beispiel für Warnungen vor Feinden oder zum Anlocken von Artgenossen angesichts einer Futterquelle verwendet werden, die Reihenfolge der vier verwendeten Noten immer gleich ist. "Note A kommt vor B, B kommt vor C und C kommt vor D. Einzelne Noten können auch ausgelassen oder wiederholt werden, wodurch sich mehrere Hundert mögliche Kombinationen bilden lassen, die sich alle an die grundsätzliche Reihenfolge halten", erklärt Hoeschele.

Gefahr in Abstufungen

Durch diese einfache Grammatik lassen sich mit nur vier Noten verschiedene Botschaften an die Artgenossen senden. So weiß man aus früheren Studien, dass sich die Zusammensetzung des Rufs ändert, je nachdem, wie gefährlich ein Raubtier eingeschätzt wird: So haben bei Eulen und Falken, die eine höhere Bedrohung darstellen, die Chick-a-Dee-Rufe mehr D-Töne als bei weniger gefährlichen Feinden.

In einem Experiment konnten die Forscher nachweisen, dass die Schwarzkopfmeisen falschen Satzbau auch tatsächlich als Kategorie erkennen. Dazu wurden den Vögeln drei verschiedene Sitzstangen angeboten: eine mit einem Lautsprecher, der korrekte Chick-a-Dee-Rufe abspielte, eine mit Rufen mit falschem Satzbau und eine Stange mit Stille. "Wir konnten eine deutliche Präferenz für die korrekten Rufe feststellen. Das beweist, dass die Vögel tatsächlich Kategorien für richtige und falsche Notenfolgen kennen", so Hoeschele.

"Interessanterweise" zeigten die Vögel auch eine Vorliebe für Stille: "Es kann sein, dass es für die Tiere ein wenig unbefriedigend ist, diese Rufe zu hören, wenn sie nirgends hinkönnen und sie deshalb gerne die Sitzstange ohne Rufe wählten", erklärte Hoeschele. In einem weiteren Experiment erhielten die Vögel Belohnungen in Form von Futter für Reaktionen auf korrekte Chick-a-Dee-Rufe bzw. auf solche mit falschem Satzbau.

Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter fanden hier individuelle Unterschiede in der Sprachbegabung: Individuen, die im ersten Experiment eine stärkere Präferenz für die korrekte Notenfolge zeigten, lernten schneller auf die falschen Rufe zu reagieren, berichten sie im Fachjournal "Behavioural Processes". "Falsche Notenfolgen kommen bei Schwarzkopfmeisen eigentlich nicht vor, die Vögel halten sich von Natur aus immer an die korrekte Abfolge. Einige Individuen scheinen aber eine besondere Begabung für solche Sprachspiele zu haben", sagte Hoeschele.

Weil die Schwarzkopfmeisen neben den Chick-a-Dee-Rufen noch eine Reihe anderer Rufe verwenden, die zum Teil noch komplizierter sind und deren Regeln bisher noch nicht untersucht wurden, ist derzeit noch unklar, wie komplex die Sprache der Vögel ist und welche Inhalte damit kommuniziert werden. (APA, red,)

Studie

Behavioural Processes: "Black-capped chickadees (Poecile atricapillus) discriminate between naturally-ordered and scramble-ordered chick-a-dee calls and individual preference is related to rate of learning."


Nota. - Ohne Distinktion kein Gedächtnis, ohne Gedächtnis kein Verstand, ohne Verstand keine Mitteilung.

Die Voraussetzung fürs Distinguieren ist ein Fühlen. Allerdings kann man Gefühltes auch nach Graden unterscheiden. Doch um Qualitäten - um die geht es hier - zu unterscheiden, muss man gewisse Grade auch wieder einander assimilieren können. Im obigen Versuch geht es um Töne und ihre Gradierungen. Deren Gradierungen unterscheidet man als Melodie und Rhythmus. Das sind ästhetische Qualitäten, die auf elementarster Ebene Kognition bedingen.

Baumgartens Bezeichnung der Ästhetik als "unteres Erkenntnisvermögen" ist doch nicht so falsch.
JE

Dienstag, 23. Mai 2023

Unser Stammgeflecht.


aus spektrum.de,22. 1. 2023                                                    zu öffentliche Angelegenheiten zu Jochen Ebmeiers Realien 

EVOLUTION
Am Anfang war das Stammgeflecht
Eine neue Studie zeichnet ein neues Bild vom Ursprung des Menschen in Afrika: Demnach entwickelte sich unsere Art dort an vielen Orten gleichzeitig.

von Jude Coleman

Modellrechnungen am Computer stellen die verbreitete Vorstellung in Frage, dass der moderne Mensch nur aus einer einzigen Region Afrikas stammt. Dazu haben Forschende eine große Menge genomischer Daten analysiert. Ihre Modelle legen nun nahe, dass der Mensch aus mehreren Urpopulationen hervorgegangen ist, die vor mehr als einer Million Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent verteilt waren. Alle Angehörigen dieser Populationen gehörten demnach trotz einiger genetischer Unterschiede zur selben Menschenart.

Das Wissenschaftlerteam stützt sich dabei auf Erbgutdaten von heutigen afrikanischen und europäischen Populationen sowie auf die DNA der Neandertaler. Publiziert hat das Team um Brenna Henn von der University of California in Davies und Simon Gravel von der McGill University in Montreal seine Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins »Nature«
.

Die Studie liefere weitere Belege für die Idee, dass es »nicht den einen Geburtsort in Afrika gibt und dass die Wurzeln der menschlichen Evolution sehr tief in die Vergangenheit in Afrika zurückreichen«, sagt Eleanor Scerri, Evolutionsarchäologin am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena, die nicht an der Studie beteiligt war.

Die alte Theorie, wonach die Art des modernen Menschen nur einen einzigen Ursprung hat, ist seit Jahrzehnten populär und stützt sich zum Teil auf fossile Funde. Laut Scerri passt sie aber nicht sonderlich gut zu den Daten. Werkzeuge und anatomische Merkmale, die dem Homo sapiens zugeschrieben werden, tauchen überall in Afrika ungefähr gleichzeitig auf. Hätte sich der moderne Mensch von einem einzigen Ort ausgebreitet, würde man eher erwarten, dass jüngere Fossilien weiter von einem zentralen Punkt entfernt sind und ältere näher an diesem Punkt zu finden sind.

Lianengeflecht statt dickem Baumstamm

Henn, Gravel und Kollegen gehen nun jedoch davon aus, dass die Menschenart, aus der sich der anatomisch moderne Homo sapiens entwickelte, aus räumlich verteilten Populationen bestand, die durch Afrika migrierten und dabei offenbar über Jahrtausende hinweg Genmaterial austauschten. »Unsere Wurzeln liegen in einer sehr vielfältigen Gesamtpopulation, die sich aus fragmentierten lokalen Populationen zusammensetzt«, sagt Scerri. Dies entspricht einem Stammbaum, der nicht aus einem oder mehreren dicken Stämmen besteht, sondern eher einem verwickelten Lianengeflecht. Die Forscher sprechen von einem »schwach strukturierten Stamm«.







Der Gedanke, dass es mehrere Ursprungsorte gibt, ist nicht neu, wohl aber die Auffassung, dass der menschliche Stammbaum an seinem unteren Ende ein solches Geflecht bildet. Brenna Henn zufolge hätten frühere Modelle mehrerer Ursprungspunkte deutlich weniger Parameter einbezogen als sie und ihr Team in der jüngsten Untersuchung.

Die Gruppe verwendete eine Software, die von Koautor Simon Gravel entwickelt wurde. Sie kann mit der umfangreichen Rechenleistung umgehen, die für ein solches Modell nötig ist. Das ermöglichte dem Team, mehr Daten einzubeziehen – anders als frühere Arbeiten, die zu wenige Gendaten verwendeten oder auf Erbgutsammlungen zurückgriffen, in denen Westafrika überrepräsentiert ist, wodurch die große genetische Vielfalt im Gesamtkontinent außen vor blieb. Die Folge: Das sich abzeichnende Gesamtbild der Geschichte des modernen Menschen und seiner Wanderbewegungen hatte Lücken.

Für die jüngste Studie bezogen die Forschenden auch DNA heutiger ost- und westafrikanischer Bevölkerungsgruppen mit ein sowie Erbgut von den Nama, die im südlichen Afrika leben. Das half der Gruppe, die Bewegung von Genen durch Raum und Zeit hinweg zu verstehen und zu verfolgen.

»Wir hatten uns vorgenommen, sehr systematisch und auf kreative Art und Weise die Modelle zu vergleichen«, sagt Henn. Herausgekommen sei ein ganz konkretes neues Modell für die menschliche Evolution.

Kein Aufeinandertreffen mit einem archaischen Unbekannten


In den Modellrechnungen können Populationen migrieren und miteinander verschmelzen, bei jedem Szenario entstehen andere Vorhersagen für den Genfluss über den Lauf von Jahrtausenden. Diese Vorhersagen werden anschließend mit der heute beobachteten genetischen Variation verglichen, um festzustellen, welche Modelle am besten zu den Daten passen.

Eine früher vorgeschlagene Erklärung für die heutige menschliche Vielfalt ist, dass sich Homo sapiens irgendwann vor relativ kurzer Zeit mit einer archaischen Menschengruppe vermischte, die sich viel früher abgespalten hatte und dann über Jahrhunderttausende isoliert geblieben war. Henn und Kollegen kommen jedoch zu einem anderen Ergebnis. Demnach passt das Modell des »schwach strukturierten Stamms« besser zu den Daten, als die Idee eines Aufeinandertreffens mit einer archaischen Gruppe.

Am Ende bleiben jedoch noch Fragen zum Ursprung des Menschen offen. Henn möchte zum Beispiel mehr DNA aus anderen afrikanischen Regionen einbeziehen, um zu schauen, ob die Ergebnisse dabei immer noch dieselben bleiben. Sie hofft auch, aus den Modellen Vorhersagen über Fundstücke machen zu können: Welche Merkmale würde man wo und wann bei menschlichen Fossilien erwarten?


Nota. - Wenn das zutrifft, käme dem aufrechten Gang eine noch größere Schlüsselrolle in unserer Evolution zu als gedacht. Denn nur solche Populationen, die nicht mehr von Ast zu Ast oder auf allen Vieren vorankamen, dürften sich wie angenommen kreuz und quer durch Afrika bewegt haben. Sollten sie zuvor noch nicht allzu eng mit einander verwandt gewesen sein - danach waren sie's. 
JE


Nota. Die obigen Fotos gehören mir nicht, ich habe sie im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

Montag, 22. Mai 2023

Nur drei, vier Töne Blau.

aus derStandard.at, 12. 5. 2023                                              zu Geschmackssachen; zu Jochen Ebmeiers Realien

WENIGER BLAUNUANCEN
Schimpansen sehen die Welt mit anderen Augen
Das Muster der Nervenverschaltungen der Netzhaut zeigt Unterschiede. Die Beobachtung untermauert Hinweise, dass die Farbwahrnehmung zwischen Arten variiert


Schimpansen sehen den blauen Teil der Welt wahrscheinlich weniger nuancenreich. Schuld daran ist das Fehlen einer speziellen Nervenzellverschaltung in der Netzhaut, die vor allem mit der Verarbeitung von Blautönen zu tun hat.

So ähnlich unsere nächsten lebenden Verwandten uns auch sein mögen, das eine Prozent, durch das wir uns genetisch von Schimpansen unterscheiden, hat es in sich: Eine Forschungsgruppe fand nun auch entscheidende Differenzen in den Sehsystemen der beiden Hominiden, deren letzter gemeinsame Vorfahre vor rund 25 Millionen Jahren lebte: Das Team mit Beteiligung aus Wien spürte evolutionäre Anpassungen in der menschlichen Netzhaut auf, die es uns erlauben, verstärkte Farbsehsignale an das Gehirn zu senden.

Verschiedene Entwicklungswege

In ihrer nun im Fachjournal "PNAS" erschienenen Studie haben Yeon Jin Kim, Dennis Dacey, Orin Packer von der University of Washington School of Medicine in Seattle (USA), Paul Martin und Ulrike Grünert von der University of Sydney (Australien) und Andreas Pollreisz von der Klinik für Augenheilkunde und Optometrie an der Medizinischen Universität Wien die Netzhaut-Nervenzellen und deren Verschaltungen genau unter die Lupe genommen. Die Frage war, inwieweit sich die Strukturen seit der Abspaltung der Arten verschieden entwickelt haben und wie sich etwaige Unterschiede auf das Farbsehen auswirken könnten.

Mit einer neuen dreidimensionalen Elektronenmikroskopie-Technik untersuchten die Forscher die retinale Konnektomik, also die feinen Nervenverschaltungen der Netzhaut. Sie konzentrierten sich auf jene Region der Retina, die bei Primaten für das scharfe Sehen verantwortlich ist – die Sehgrube oder Fovea centralis. Dort finden sich Sehzellen vom Typ der Zapfen. Sie sind für das Farbsehen verantwortlich, während die Stäbchen-Sehzellen für das Hell-Dunkel-Sehen zuständig sind.

Unter den Zapfen gibt es wiederum verschiedene Typen, die jeweils auf verschiedene Wellenlängen des Lichts reagieren. So sind die S-Zapfen vor allem für das Sehen im blau-violetten Bereich zuständig. M-Zapfen fungieren als Rezeptor für Grün und mehr oder weniger benachbarte Wellenlängen im Spektrum von Bläulich bis Orange. Die L-Zapfen sind vor allem für den roten Bereich zuständig. Die Farbwahrnehmung wird über Nervenzellschaltkreise ermöglicht, die die komplexen Informationen der unterschiedlichen Zapfentypen bündeln.

Auf diese Schaltkreise konzentrierten sich die Wissenschafter in ihrer Untersuchung – und fanden auch tatsächlich Unterschiede zwischen den Spezies: Demnach fehlt bei Affen eine Art der Nervenzellverschaltung, die vor allem mit der Verarbeitung von Blautönen in Zusammenhang steht, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit. Das dürfte Menschen das Sehen einer größeren Blauton-Bandbreite erlauben.

Das zeige, dass die menschliche Netzhaut in ihrer Feinstruktur einzigartig aufgebaut ist und dementsprechend auch ein ausgeprägteres Wahrnehmungsvermögen erlaubt. Denkbar sei, dass die abweichende Art der Verschaltung beim Menschen eine Anpassung an das Leben zu ebener Erde anstatt auf Bäumen ist, meinen die Wissenschafter.

Die in der Studie angewendete neue Methode, um neuronale Schaltkreise dreidimensional darzustellen, könne künftig dabei helfen, viele weitere Fragen zu beantworten. So etwa wie die Evolution das Nervensystem des Menschen hinsichtlich unserer einzigartigen Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen verändert hat, erklärte Pollreisz. (red, APA,)


PNAS: "Comparative connectomics reveals noncanonical wiring for color vision in human foveal retina."

Sonntag, 21. Mai 2023

Domestikation des Feuers.

aus derStandard.at, 20. 5. 2023                                                            zuJochen Ebmeiers Realien,  zu öffentliche Angelegenheiten

Verwandte des Menschen kochten wohl vor 250.000 Jahren in Europa am Lagerfeuer
Eine Fundstätte in Spanien liefert neue Hinweise auf die ältesten Kochstellen – sofern die Feuer nicht zur Verteidigung oder für andere Zwecke genutzt wurden


Das Rätsel des Feuers wird wohl nie zur Gänze gelöst gelöst werden. Zumindest, wenn es um die Frage geht, wann es in der Entwicklungsgeschichte des Menschen und seiner Verwandten erstmals genutzt wurde. Bisherige Hinweise lassen vermuten, dass Vorgänger des Homo sapiens im Osten Afrikas schon vor etwa 1,5 Millionen Jahren das Feuer für sich zu nutzen wussten.

400.000 Jahre alte Spuren des Feuers an archäologischen Fundstätten.
 

Doch zudem spielt es eine Rolle, ob die Feuerstellen kontrolliert angelegt wurden – und ob Essensreste vorhanden sind. Immerhin lässt sich so auf eine wichtige technische Entwicklung schließen beziehungsweise auf die Entwicklung des Kochens. Wie ein Forschungsteam im Fachjournal "Scientific Reports" berichtet, habe man die ältesten europäischen Spuren entdeckt, die auf praktisch genutztes Feuer schließen lassen – und die ältesten Funde in diesem Bereich um rund 50.000 Jahre übertroffen.

Demnach wurden die Überreste der Fundstätte Valdocarros in der Umgebung der spanischen Hauptstadt Madrid auf ein Alter von etwa 245.000 Jahren datiert. Am Fundort waren mehrere Feuerstellen erkennbar. Chemischen Analysen zufolge erreichte das Feuer Temperaturen zwischen 280 und 350 Grad Celsius – laut Studienautor Clayton Magill von der Heriot-Watt University im schottischen Edinburgh die beste Temperatur, um am Feuer zu kochen.

Auch der Nachweis von Kiefernholz und bestimmten Pilzen – die auf verrottendes Holz schließen lassen – ist interessant. Denn in der unmittelbaren Umgebung des Fundortes dürfte es laut Magill nicht sonderlich viele Kiefern gegeben haben, was vermuten lässt, dass das Holz extra zum Feuermachen an die Fundstelle gebracht wurde. Noch heute würden indigene Gruppen gern modriges Holz für Feuer nutzen, "weil es sich leichter im optimalen Temperaturbereich zum Kochen verbrennen lässt", sagte Magill dem "Guardian" zufolge.

Auch John Gowlett von der Universität Liverpool, der nicht an der Studie beteiligt war, merkt an, dass mehrere Brandherde darauf hindeuten könnten, dass man damals selbst Feuer machen konnte. Doch das Feuer könnte auch andere Zwecke erfüllt haben. Sein Kollege Robert Hosfield von der Universität Reading schlägt vor, dass das Feuer womöglich etwa zur Verteidigung vor Raubtieren genutzt wurde.

Clayton Magill glaubt: "Entweder nutzten sie das Feuer zum Kochen oder um sich zu verteidigen." Die räumliche Anordnung der Feuerstellen deute zudem darauf hin, dass sie etwas umgaben, zum Beispiel einen Schlafbereich, etwas, das mit einer Küche vergleichbar wäre, oder gar ein Tiergehege.

Soziales Zusammenleben

In der Nähe der Feuerstellen wurden Hinweise auf das Zerteilen großer Tiere gefunden sowie weitere pflanzliche Spuren, die mehr über den Speiseplan der damaligen Menschenverwandten verraten dürften. Insgesamt deuten die Funde für Magill nicht nur auf das Kochen von Nahrungsmitteln auf kontrolliertem Feuer hin, sondern auch auf eine Sozialstruktur der Gruppe und auf die Verständigung durch Sprache.

Welche Spezies an diesem Ort lebte, lässt sich nicht sagen – Homo sapiens kam dem aktuellen Wissensstand zufolge erst etwa 200.000 Jahre später nach Europa. Weitere Untersuchungen sind für Steinwerkzeuge geplant, die ebenfalls an der Fundstätte entdeckt wurden. Damit würde klarer werden, ob die Population sie nutzte, um Fleisch zu schneiden oder Pflanzenteile zu zermahlen.(sic)

Freitag, 19. Mai 2023

Transzendentales Feigenblatt.

  bing                                                                           zu Philosophierungen  

Fichte beanstandet, Kant habe sein Apriori - die Kategorientafel und die beiden trans-zendentalen Wahrnehmungsformen - nicht aus geprüften Gründen deduziert, sondern lediglich 'aus der Erfahrung aufgerafft': Woher es hat, sagt er nicht.

Viermal Drei plus Zwei macht Zwölf plus Eins+. Das sieht so aus, als hätte sich einer was dabei gedacht - ein vernünftiger Systembauer nämlich.

   


Hätte Kant es demonstrieren wollen statt es uns einfach kundzugeben, hätte er es aus einem höheren Prinzip ableiten oder aus einem tieferen Grund entwickeln müssen. Aber das tut er nicht. Beim Apriori macht er Halt und sagt uns, er habe dem Wissen Grenzen setzen müssen, um für den Glauben Platz zu schaffen. 

Er war bekanntlich ein kluger Mann und man hätte das sarkastisch auffassen können als Wespenstich gegen die zeitgenössische lutherische Orthodoxie. Hat er sich aber womöglich nicht getraut, seinen Gedanken zu Ende zu führen und seinem Glauben zu entsagen und dem Wissen den Weg freizumachen?

Dann war's ein fauler Trick, um eine Blöße zu bedecken, und als Wissenschaftler stünde er im Zwielicht.




Gedenktag.

                         zu öffentliche Angelegenheiten

Lang bedacht und schlecht getan
ist der deutsche Schlendrian.
Jacob Grimm
Abgeordneter der Nationalversammlung



Blog-Archiv

Erich Engel im Ungarnaufstand.

  aus derStandard.at, 22. 10. 2026            Diskussionsveranstaltungen zogen 1956 in Ungarn viele Neugierige an. Hier musste in Budapest ...