Donnerstag, 18. Mai 2023

Vätertag.


ausTagesspiegel.de, 18. 5. 2023                                                                                                                       zu Männlich

Psychologin über neue Väterrollen
„Männer wollen heute nicht mehr nur für die finanzielle Absicherung sorgen“
Warum handeln Papas, wie sie handeln? Was würde ihnen und ihren Kindern guttun? Und was haben die Evolution und Gorillas damit zu tun? Ein Interview mit der Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert.


Von Fabian Soethof

Frau Ahnert, Ihr Buch über Väter trägt den Untertitel „Wie ihr Denken, Fühlen und Handeln unsere Kinder von Anfang an prägen“. Fehlt der Zusatz „Im Guten wie im Schlechten“, oder?


Mit dieser Väterforschung wollten wir die Väter nicht darstellen, wie sie sein sollen, sondern wie sie sind. Und ja, im Guten wie im Schlechten. Das Denken und Fühlen von Vätern fiel über lange Zeit aus den psychologischen Abhandlungen heraus.  

Rührte Ihre Motivation für das Buch daher?

In der vergangen wie auch meiner eigenen Familienforschung lag der Fokus immer auf den Frauen und Müttern. Mutterschaft ist seit 100 Jahren ein riesiges Thema. Dass Väter trotz „Vater-Mutter-Kind“-Erzählungen nie dazugehörten, hat mich neugierig gemacht. Ich bin froh über den neuen Zeitgeist und die Motivation von jungen Männern, die sich mit der Vaterschaft ernsthaft auseinandersetzen.

Sie wollen ihre Vaterrolle anders handhaben, als sie es aus ihrer eigenen Kindheit kannten – mit Vätern, die zwar klare Positionen bezogen, wie das Familienleben gestaltet werden soll und welche Rolle die Kinder dabei spielen durften, die es jedoch den Müttern überließen, diese Vorstellungen umzusetzen

Gibt es diese neuen Väter wirklich? Oder ist nur die Wahrnehmung eine andere?

Der grundsätzliche Wunsch, ein guter Vater zu sein, ist inhärent. Evolutionspsychologisch kam irgendwann in der Menschheitsgeschichte der Punkt, an dem es Männern nicht mehr nur um die Zeugung und Verbreitung ihrer Gene ging, sondern auch um das Investment danach – die eigentliche Vaterschaft. Wie bringe ich mich neben der Mutter in die Nachwuchsbetreuung ein? Habe ich dort überhaupt eine Rolle? Wie sieht die aus?

Antworten auf diese Fragen befinden sich heute ganz massiv im Wandel. Die herkömmliche Geschlechterordnung ist durch den Feminismus und die Emanzipation, die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft ins Wanken geraten. Nichts läuft mehr in so festen Bahnen wie in den Generationen davor. Die traditionellen Muster zerbröckeln, bei denen es Männern um den sozialen Status und die finanzielle Absicherung der Familie ging und die im Wesentlichen ihre Ernährerrolle betrafen: Welcher junge Mann steigt heute noch in eine Firma ein und bleibt dort bis zu seiner Rente? 

Wo steht oder taumelt es jetzt?

Es scheint so, als ob die Vaterschaft traditionell eine fakultative, die Mutterschaft dagegen eine obligatorische Funktion hat. Sprich: Mutterschaft kann man nicht einfach abwählen. Vaterschaft dagegen kann man sehr flexibel gestalten, sich unter Umständen auch einfach aus dem Staub machen.

Wenn eine Frau sagen würde, dass der Mann das Kind alleine großziehen solle, weil sie sich das alles anders vorgestellt habe und ihr Leben anders einrichten möchte, gilt das auch in unserer modernen Zeit als sehr starker Tobak. Andererseits gibt es heute eine Menge alleinerziehender Väter. Und die Tendenz ist steigend, auch wenn der Kinderwunsch ursprünglich mit der passenden Partnerin verbunden war. 

Da kommen Sozialisation und Rollenbilder ins Spiel. Die Anforderungen an Väter sind sehr viel geringer als an Mütter. Und: Rund 40 Prozent aller Väter, die mittlerweile Elternzeit wahrnehmen, stehen noch immer rund 60 Prozent gegenüber, die dies nicht mal mit einem Mindestmaß tun. Sind wir in Wahrheit weit entfernt von einem wirklichen Wandel?

Die Zielgröße für das moderne Vaterbild wage ich nicht zu definieren. Wir gehen in eine Zeit, in der sich große Fragen stellen, die mit der Globalisierung, der Migration und dem Klimawandel verbunden sind. Zumindest wollen Männer heute nicht mehr nur für die finanzielle Absicherung sorgen – und könnten das oft auch gar nicht mehr allein schaffen.

Sie sind in ein Dilemma gerutscht, das nur partnerschaftlich zu klären ist, nämlich mit der zentralen Frage, wie die Vaterschaft in einer Familie gelebt werden kann. Das Hegemoniale im Vaterbild gehört der Vergangenheit an. Aber wie und unter welchen Umständen wollen sich Väter wirklich einbringen? Viele denken: Wenn das Kind richtig spricht und läuft und ich was mit ihm anfangen kann, dann bringe ich mich ein! Dann ist es aber oft zu spät.

Sie müssten ein Fan vom neuen Familienstartzeitgesetz sein, der geplanten Einführung einer zweiwöchigen bezahlten Auszeit für den Partner nach der Geburt eines Kindes. Das einerseits nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, andererseits bei vielen Vätern einen Schalter umlegen kann.

Jede gesellschafts- und familienpolitische Maßnahme, die den Männern die Tür zu einem direkten Engagement in ihren Familien öffnet, ist zu begrüßen. Aber viele stecken damit auch in einer Zwickmühle. Eine der aktuellen Väterstudien fand heraus, dass es unter Männern mit Leitungsverantwortung so läuft: Je größer die Abteilung, desto weniger nehmen sie Elternzeit.

 e. o. plauen
Heutige Väter lassen sich nicht mehr nur auf die Ernährerrolle reduzieren.

Was Quatsch ist: Je größer die Abteilung, desto leichter kann man vertreten werden.

Häufig bekommen Männer Angst, auf der Karriereleiter abgestraft zu werden, wenn sie ausgiebiger Elternzeit nehmen, als der Unternehmer sich das vorstellt.

Das ist genau das, was Frauen seit Jahrzehnten betrifft. Da müsste ich als Mann doch sagen: Na gut, es ist auch mein Kind. Warum muss meine Frau einen Karriereknick hinnehmen? Gleichzeitig zitieren Sie Untersuchungen, die besagen, dass Mütter teilweise zufriedener sind, wenn der Vater länger arbeitet. Steile Frage: Wollen Eltern überhaupt mehr Gleichberechtigung?

Es gibt selbstverständlich verschiedene Perspektiven innerhalb einer gemeinsamen Elternschaft. Und es gibt Frauen, die leidenschaftlich gerne auch erst mal Mutter sein wollen … 

... aber Väter wollen ja vielleicht auch Väter sein?

Aber ja. Manche Mütter können es jedoch ihren Partnern wirklich schwer machen, ihre Vaterrolle zu entwickeln. In unseren Forschungsstudien stellen wir fest, dass Mütter sich enger mit der Entwicklung des Kindes verbunden fühlen und ihre Mutterschaft dadurch motiviert ist. Dies gilt nicht im gleichen Maße für den Vater. Wir können in dem komplexen Geschehen der Kinderbetreuung nicht den gleichen Maßstab an den Mann wie an die Frau legen.

Sie führen das Beispiel von Gorillamännchen an, unter denen das größte und stärkste die meisten Nachfahren zeugt, während unter Menschen Männer und Frauen vergleichsweise gleich groß sind. Soll das etwa heißen, dass die menschliche Spezies schon vergleichsweise gleichberechtigt lebt? Dass wir alle jemanden abkriegen und nicht nur ein Alpha-Männchen alle Frauen? Oder dass Monogamie das einzig Natürliche ist? Später schreiben Sie, dass Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften früher egalitärer lebten, sich aber auch dort die Versorgerrolle durchgesetzt hat. Können sich konservative Männer auf der Evolution ausruhen und sagen: Guck mal, es hat Gründe, dass ich die Kohle nach Hause bringe?

Tolle These! Bestimmte Verhaltensweisen und Verhaltensprioritäten sind im Verlauf der Menschheitsgeschichte für nutzbringend erkannt und weitergegeben worden. So gibt die Evolutionsbiologie tatsächlich Hinweise auf die Entwicklung von Partnerschaft und Paarbeziehung – und auf die Ernährerrolle des Vaters, wie sie auch noch heute im Vaterbild von jungen Männern verankert ist. Das heißt aber keinesfalls, dass sich die Väter von heute auf diese Rolle reduzieren lassen. 

Der Testosteronspiegel sinkt bei Vätern. Vielleicht ist der Weg hin zu mehr Betreuungseinsatz ja doch ein biologischer!

Grundsätzlich ändern sich die sexuellen Orientierungen und Ansprüche bei denen, die in einer glücklichen Partnerschaft sind und ein Kind haben. In meinem Buch stelle ich auch Forschungsergebnisse zum Vaterglück vor, und wie bei diesen Vätern die Lebenszufriedenheit steigt. Testosteron wird als das wichtigste Hormon des Mannes in Situationen heruntergeregelt, in denen es um Nähe und Zärtlichkeit geht, zum Beispiel beim Kuscheln mit dem Kind und mit der Partnerin. Der Spiegel steigt dagegen sofort wieder an, wenn Durchsetzungsstärke gebraucht wird.

Mit den Argumenten von Biologie und Evolution im Hinterkopf könnte es mit der Gleichberechtigung noch ein paar Tausend Jahre dauern …

Kommt darauf an, was man darunter versteht. Gleichberechtigung bedeutet ja nicht Gleichmacherei. Jeder und jede soll nach seinen Bedürfnissen und Wünschen sein Leben gestalten können. Da würde ich mir auch als Frau von einem Mann nichts vorschreiben lassen. Aber auch nichts von einer Frau, die glaubt, den optimalen Lebensentwurf gefunden zu haben.  

Sie spielen an auf das sogenannte Maternal Gatekeeping, wenn also Mütter bestimmte Felder nicht abgeben wollen. Das mag vorkommen, wird aber doch oft als Ausrede von Vätern benutzt, die sich nicht kümmern wollen: Ich würde ja, wenn sie mich lassen würde!

Die Tendenz von Müttern, die Kinderbetreuung möglichst nicht aus der Hand zu geben und von bestimmten Erziehungsvorstellungen auch nicht abrücken zu wollen, ist tatsächlich davon abhängig, wie die gemeinsame Elternschaft gelebt wird.

In einer Partnerschaft auf Augenhöhe können sich die Frauen Gatekeeping gar nicht leisten, und Väter haben auch keine Ausreden. Beide müssen sich darauf verlassen, dass neben ihrem sonstigen Engagement im Beruf das Familienleben und Kinderbetreuung mit ihren Partnern Hand in Hand gehen, müssen auch Abstriche machen, wenn die eigenen Vorstellungen von denen des Partners abweichen.

Kennen Sie solche Gefälle aus eigener Erfahrung?

Tatsächlich bin in meiner eigenen Familie schon einige Male in Schockstarre geraten, wenn ich etwa von einer Konferenz anrief und die Kinder fragte, wie es ihnen gehe. „Super!“, riefen sie, „zum Frühstück waren wir bei McDonald’s und jetzt hat Papa eine Pizza bestellt!“ Da ist die Kompromissbereitschaft schon sehr gefordert.

Mama kann ja auch mal Pizza bestellen, und dann könnte sich der Papa ärgern. Aber apropos: Ist denn das klassische Mama-Papa-Paar-Modell das „beste“?

Etwa zwei Drittel der Männer in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben in den klassischen Familien: Vater, Mutter, Kind. Daneben gibt es die ganze andere Bandbreite von Vätern in Stief- und Patchworkfamilien und in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. In all diesen Konstellationen können Kinder sehr gut groß werden. Es hat keinen Sinn, in einer klassischen Familie zu leben, die zerstritten und konfliktreich ist. Dort wird ein Kind natürlich schlechter groß als wenn es Harmonie, Zuwendung, Bestätigung und Ermutigung erfährt. 

Es besteht die begründete Befürchtung, dass Ihr Buch vorrangig von Frauen gelesen werden wird. Wie erreichen wir als Gesellschaft Väter mit den Themen, die gerade sie angehen sollten?

Das ist auch die Crux in unserer Forschung. Wir sind darauf angewiesen, dass Väter aktiv dieses Thema selbst ergründen wollen. Man kann niemanden irgendwas aufdrängen. Ich denke, das liegt immer noch daran, dass Väter oft entmutigt werden müssen, ein aktiverer Part zu sein.

Entmutigen hieße doch, dass sie zuvor bereits ermutigt waren, bis irgendwas sie bremste?

Wenn ein eigenes Kind auf der Welt ist, stehen Männer einer aktiven Vaterschaft in der Regel auch aufgeschlossen gegenüber. Leider hören sie jedoch noch allzu oft aus ihrer eigenen Herkunftsfamilie, dass sie sich besser um die Karriere als ums Kind kümmern sollten. Oder sie hören von Freunden: Jetzt geht der wieder mit dem Kinderwagen durch die Gegend, wir wollten uns doch treffen!“ Das Umfeld spielt eine große Rolle dabei, was für ein Vater man wird.

Dabei erscheint es so einfach, ein guter Vater zu sein, wenn man den Kapiteln Ihres Buchs glaubt: Ich soll mit meinen Kindern sprechen, spielen und eine Bindung aufbauen, zack, fertig. Ist es so leicht?

Mein Anliegen ist es aufzuzeigen, dass Väter, auch wenn sie völlig unbedarft an die Betreuung ihrer Kinder herangehen, sehr wichtig für die Entwicklung sind: Dein Kind redet Kauderwelsch? Na und, rede halt mit! Frage nach, steig in den Dialog ein! Das bringt dein Kind zum Sprechen und kurbelt seine Mitteilungsfreude an. Spiele mit ihm, auch so wild, dass seine Mutter wahrscheinlich sagen würde: Um Himmels willen, geht denn das gut? Aber genau das ist es, was Körper, Gefühl und Entwicklung forciert, wo starke Emotionen erlebt werden und reguliert werden müssen.

Und wenn ich alles befolge und auf dem Weg bin, irgendwann ein guter Vater oder zumindest kein allzu schlechter zu werden: Bin ich dann auch auf dem Weg, ein guter Partner zu werden?


Direkte Daten liegen uns dazu noch nicht vor. Aber vereinzelte Forschungsergebnisse lassen jetzt schon den Schluss zu, dass die hervorragenden Beziehungen, die Väter zu ihren Kindern haben, mit harmonischen Partnerschaften zusammenhängen. Klar ist: Wenn ein Mann sich für sein Kind engagiert und ein guter Vater ist, strahlt dies auf die gesamte Familie aus. Ein glückliches Familienleben ist Teil der Partnerschaftsqualität, und das kann von Vätern ganz kraftvoll ausgehen.



Lieselotte Ahners Buch heißt „Auf die Väter kommt es an“ (Ullstein, 288 Seiten, 22.99 Euro). Lieselotte Ahnert ist seit ihrer Emeritierung Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin im Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie. 2013 gründete sie, damals noch als Professorin an der Uni Wien, Wien mit Kolleg:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit CENOF einen Forschungsverbund zum Thema Vaterschaft. In ihrem neuen Buch „Auf die Väter kommt es an“ versammelt sie bisherige Erkenntnisse.


Nota. - Ganz trivial, hätt' ich mir alles selber denken können - ? 


Ich bin vom Temperament her ja kein Versöhnler, aber manchmal ermahne ich mich: Vor gut einem halben Jahrhundert mussten emanzipierte Frauen noch manche Plattitüde vorbringen, wenn sie auf vorsintflutliche Sturheit stießen. Inzwischen ist es umgekehrt, da muss man als Mann schonmal etwas elementarer argumentieren, um noch durchzudringen. Deshalb veröffentliche ich dieses Interview in meinem Blog.

JE


Mittwoch, 17. Mai 2023

"Quantengravitation".


aus derStandard.at, 13. 5. 2023                                                                                                       zuJochen Ebmeiers Realien

QUANTENGRAVITATION

Neuer Versuch, Quantenphysik und Relativitätstheorie zu vereinen

Winzige Pendel und kalte Atomwolken könnten helfen, endlich zu klären, wie sich die Gravitation im Reich der Quanten verhält

von Dorian Schiffer

Die Welt der Physik ist in zwei Hemisphären geteilt: Während der Mikrokosmos von den Gesetzen der Quantenphysik bestimmt wird, beherrscht die Schwerkraft den Bereich der großen Massen. Zwischen dem Reich der Gravitation und dem der Quanten klafft jedoch ein Spalt: "Dort, wo die Quantenmechanik relevant wird, ist die Schwerkraft irrelevant – und umgekehrt", sagt Onur Hosten, Physiker am Institute of Science and Technology (ISTA) in Klosterneuburg.

Dennoch arbeiten weltweit Physikerinnen und Physiker daran, den Bruch zwischen den beiden Bereichen zu kitten. Warum eigentlich kommen sich Quanten und Schwerkraft kaum ins Gehege? "Wir wollen klären, ob sich Gravitation quantenmechanisch beschreiben lässt oder ob die Schwerkraft in einem fundamentalen Sinne klassisch ist", erklärt Hosten. "Wenn Ersteres der Fall ist, könnten Systeme über die Gravitation miteinander verschränkt werden."

Im Rahmen der Quantenphysik können Teilchen Überlagerungszustände einnehmen. Davon kann auch der Ort betroffen sein: Man denke nur an das berühmte Doppelspaltexperiment, bei dem ein Quantenteilchen auf zwei Schlitze einer Blende gefeuert wird – und durch beide Spalten fliegt. Doch was, wenn so ein Teilchen, das sich an zwei Orten gleichzeitig aufhält, genug Masse besitzt, um ein zweites Partikel gravitativ anzuziehen?

Die Quantenmechanik sagt voraus, dass es das Teilchen dann in zwei Richtungen auf einmal zieht – und es mit dem ersten Partikel verschränkt wird. "Wenn die Schwerkraft aber ein von Natur aus klassisches Feld ist, würde es zu keiner Verschränkung kommen", sagt Hosten, "dann müssten wir unser Verständnis vom Universum jedoch komplett ändern."

Spiegelglatte Pendel

Das Problem: Es ist äußerst schwierig, Systeme mit großen Massen in das Regime der Quantenmechanik zu bringen. Wirklich testen konnte diese Vorhersagen daher noch niemand. Auch Hosten und sein Team versuchen mit einem neuartigen Ansatz, das Verhalten der Schwerkraft im Quantenbereich zu ergründen – und erhalten für ihre Arbeit nun eine prestigeträchtige Förderung des Europäischen Forschungsrates ERC.

Die Idee hinter Hostens Projekt ist, Milligramm schwere Pendel über ihre Schwerkraft miteinander interagieren lassen. Dabei handelt es sich freilich nicht um Pendel, wie man sie von alten Kuckucksuhren kennt, sondern um spezielle Torsionspendel: winzige Stäbchen aus spiegelglattem Quarzglas, die an hauchdünnen Fasern angebracht sind.



Fällt Licht, etwa ein starker Laser, auf die Enden der Stabmasse, verdrillt der Strahlungsdruck die Aufhängung – und versetzt das Pendel in Schwingung. Befindet sich jedoch ein zweites Mikropendel in unmittelbarer Nähe, beeinflussen sich die Stabmassen über ihre gravitative Anziehung gegenseitig, was sich an kleinsten Änderungen ihrer Pendelbewegung ablesen lässt.

Schwankende Kraft

Das von den Massen reflektierte Licht erlaubt es, die Schwingung extrem genau zu vermessen – und damit auch jegliche Kraft, die zwischen den Pendeln wirkt. Doch die Laser haben noch einen anderen Effekt, wie Hosten erklärt: "Wie alle Quantenobjekte sind auch die elektromagnetischen Felder des Lasers unscharf. Daher schwankt die Kraft, mit der das Licht die Massen andreht. Das hinterlässt eine Unschärfe in der Position des Pendels."

"Sind diese Fluktuationen groß genug, haben wir das Pendel in den Quantenbereich gebracht", benennt Hosten das Ziel. Denn nun könnten die Fachleute im Prinzip feststellen, ob die Schwerkraft zusätzliche Schwankungen von einem Pendel auf das andere überträgt – und sich damit quantenmechanisch verhält oder nicht. Doch bisher scheiterten Versuche, die Pendel in die Quantenwelt eintauchen zu lassen: Andere Schwankungen, etwa aufgrund der Temperatur, überdeckten Quanteneffekte.

Hosten und sein Team wollen daher mit einer kalten Atomwolke Teile des Laserlichts abschirmen. Das Besondere: Die Atome verhalten sich unter diesen Bedingungen wie ein einzelnes Objekt, dessen Zustand die Lichtmenge und damit den Druck auf das Pendel bestimmt. "Diesen Zustand können wir sehr gut kontrollieren und auch in Überlagerungen bringen. So können wir zusätzliche Quantenunsicherheit auf das Pendel übertragen", erklärt Hosten.

Mit dieser Neuerung rückt die Messung der Schwerkraft zwischen zwei Quantenobjekten in den Bereich des Möglichen. Doch damit nicht genug: Da das Wölkchen die Quantenunsicherheit erhöht, lassen sich umgekehrt Kräfte, die von außen auf das Pendel einwirken, umso genauer feststellen. Hostens Konzept könnte so auch den Weg zu effizienten und ultrapräzisen Kraftmessungen ebnen.

Angepasste Pendel könnten zum Beispiel dazu dienen, unter die Erde zu blicken. Selbst wenn wir es nicht merken, ist die Schwerkraft unseres Planeten nicht auf der gesamten Erdoberfläche gleich groß: Über Erzvorkommen ist die Gravitation leicht erhöht, da sich dort mehr Masse unter unseren Füßen befindet. Natürlich sind die Unterschiede in der Schwerkraft nur sehr klein – den Quantenpendeln blieben sie jedoch nicht verborgen.

Eine andere Möglichkeit wäre, Erdbeben frühzeitig zu detektieren", ergänzt Hosten, "denn wenn eine Bruchlinie reißt, bewegen sich gewaltige Massen, was die Schwerkraft beeinflusst." Während herkömmliche Frühwarnsysteme warten müssen, bis die Vibrationen sie erreichen, breiten sich die Veränderungen der Schwerkraft mit Lichtgeschwindigkeit aus: Menschen hätten mehr Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Hosten selbst ist vor allem die Grundlagenforschung wichtig. Hier könnten die hochsensiblen Kraftsensoren helfen, neue Physik aufzuspüren. Dunkle Materie etwa wechselwirkt nur über die Schwerkraft mit normaler Materie. Oder gibt es Felder, die auf das Pendel einwirken, aber über das Standardmodell hinausgehen? Für Hosten ist klar: "Wenn wir Dinge anhand ihrer Gravitation wahrnehmen können, öffnet das ein neues Fenster zur Welt."


Nota. - Das sollte ich vielleicht kommentieren. JE





Dienstag, 16. Mai 2023

Die Erfindung des Rades und der lange Marsch der Indogermanen.


aus spektrum.de, 15. 5. 2023      das angebl. älteste gefundene Rad         zuJochen Ebmeiers Realien,  zu öffentliche Angelegenheiten

»DIE ERFINDUNG DES RADES«
Das Rad – Ursprung und Anwendungen
Technik, Kulturgeschichte, Sprache: Harald Haarmann beleuchtet die Geschichte des Rades und seine Anwendungen
.

Rezension von Robin Gerst

Das Rad, Achsen und Gefährte gelten als Grundmechaniken des Ingenieurwesens und der Industrialisierung. Grund genug, sich der Entwicklung dieser Basistechniken zu widmen. Dies tut der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann, indem er uns zu den frühen Formen von Rad und Wagen ins vierte Jahrtausend v. Chr. mitnimmt und uns die technischen Entwicklungen – über die Antike bis in die Renaissance – vorstellt.

Das Buch lässt sich grob in zwei Teile mit kurzen, gut lesbaren Kapiteln einteilen: In Kapitel 1–4 befasst sich Haarmann mit der Verwendung des Wagens und den Ursprüngen der Achsentechnologie in Form von Töpferscheibe und frühen Karren bis zum Höhepunkt der Streitwagenzeit und der Schlacht von Kadesch zwischen Ägyptern und Hethitern. Auf Basis von sprachwissenschaftlichen Analysen und anhand von archäologischen Funden verortet Haarmann das Entstehungsgebiet der Wagentechnologie in die Kontaktzone zwischen Donau und Eurasischer Steppe – von hier aus verbreitet sich die Technik in den Alten Orient, nach Mitteleuropa sowie nach Indien und China. Dieser Ansatz ist nicht neu, korreliert aber mit den Thesen des Forschers zu den Indogermanen und deren prähistorischer Migrationsgeschichte.

Harald Haarmann
Die Erfindung des Rades
Als die Weltgeschichte ins Rollen kam : von der Eurasischen Steppe zu den frühen Hochkulturen
Verlag: C.H. Beck, München 2023
ISBN: 9783406797279 | Preis: 20,00 €
Im zweiten Teil (Kapitel 5–9) erforscht der Autor dann den Wagen und das Rad in »angewandter Form« – etwa in der Radsymbolik oder in der Metapher des Wagens in Religion und Philosophie oder anhand von abgeleiteten Technologien, wie Mühlen, Spinnrad, Wasserschraube oder Zahnrad. Hier wirken die Beispiele wesentlich selektierter, und die Ausführungen erscheinen knapp und oberflächlich. Zudem fallen die bisweilen großen Sprünge in Zeit und Raum auf. Das macht es schwer, einem roten Faden zu folgen – was allerdings auch an der gewählten Struktur liegt.


Interessant sind die Exkurse in Haarmanns Spezialgebiet: der indoeuropäischen Sprachforschung. Allerdings bleibt es bei dem Vergleich des Wortschatzes von Fachtermini aus dem Feld von »Rad und Wagen«; dies ist jedoch nicht immer verständlich. Hier könnte man den Leser etwas mehr an die Hand nehmen und Hintergründe und Bedeutungen erläutern. Generell wären Verbreitungskarten und Zeitdiagramme neben den vielen schönen Bildern hilfreich gewesen. Ebenso sind die technisch-mechanischen Ausführungen wie auch das Zusammenspiel mit der Tierzucht und dem Training von Zugtieren mitunter sehr einfach gehalten.

Haarmanns Ideen – besonders seine Thesen im ersten Teil – sind jedoch nicht unumstritten: Befunde rund um den Wagen tauchen im vierten Jahrtausend v. Chr. etwa gleichzeitig in verschiedenen Regionen Eurasiens auf.

Was weiterhin in vielen Teilen fehlt, ist eine echte Diskussion der Daten: Interpretationen werden vielfach ohne Literatur- oder Quellenangaben präsentiert. Gerade bei gesellschaftlichen Rekonstruktionen oder bei der Präsentation von Schlüsselfunden wäre ein Zitat nötig. So sind viele seiner Ansichten und Erklärungen zu Wagen und Rad als Teil seiner Theorie zur Ausbreitung der Indogermanen zu verstehen – eine Tatsache, die sich etwa auch darin niederschlägt, dass er sich vielfach selbst zitiert. 


Nota. - Vielleicht beruhen die monierte Mängel nicht auf Säumigkeit, sondern auf editorischer List?

Das ist eine Sternstunde historischer Theoriebildung: wenn die Darstellung der einen Geschichte nicht ohne die Darstellung der jeweils andern Geschichte erklärbar ist; dann ist nämlich dem Darsteller ein tiefer Blick oder auch ein großer Wurf gelungen.

Wie ist es normal für ein Geschichtsbuch? Der fachlich versierte Leser (auf den es dem Autor ja ankommt) schaut in den Anhang, vergleicht ein paar Zitate und nickt das Gelesene ab. Das ist schlechter für den Autor als ein Verriss: Eine laue Erwähnung fällt unter den Tisch und das Buch in Vergessenheit. So aber gibt Haarmann jedem aufgewecktern Jüngling die Gelegenheit, sich an den Thesen selber abzumühen - und vielleicht das eine oder andere selbst zu eruieren.

Mich jedenfalls interessiert die Sache, und ich bin... 'gespannt', was andere dazu sagen.
JE 


Donnerstag, 11. Mai 2023

"Gründerkrach" vor hundert Jahren.


aus welt.de, 11. 5. 2023                                                                        Holzstich nach einem Gemälde von Christian Ludwig Bokelmann, Zusammenbruch einer Volksbank                                                                                                                            zu öffentliche Angelegenheiten

GRÜNDERKRACH
Der große Crash, von dem sich Deutschland kaum erholte
Im Mai 1873 war der Boom vorbei: Das junge deutsche Kaiserreich rutschte in eine Wirtschaftskrise. Die Folgen des „Gründerkrachs“ blieben lange spürbar – unter anderem befeuerte die Rezession den Antisemitismus beträchtlich.

von Philip Cassier

Alles, was Menschen zum ersten Mal erleben, hat das Potenzial, große Verunsicherung hervorzurufen. Das gilt umso mehr, wenn die die Ereignisse unvorhergesehen eintreten. Insofern betrachten manche Analytiker den Wirtschaftseinbruch, der 1873 das Kaiserreich ereilte, aus einer eingeengten Perspektive. Ja, es hatte bereits vorher Rezessionen gegeben – und es sollten Probleme folgen, die den „Gründerkrach“ an Wucht weit übertrafen. Doch für viele Zeitgenossen muss sich das Geschehen nach Jahren des Booms apokalyptisch angefühlt haben. Sonst wären die Reaktionen und die Suche nach Schuldigen nicht derartig heftig ausgefallen.

Das Ausgangs-Niveau für den Crash war hoch: Schon seit Ende der 1850er-Jahre wuchs die Wirtschaft weltweit. Die fortschreitende Industrialisierung und das schnelle Bevölkerungswachstum sorgten für volle Auftragsbücher vor allem im Eisenbahn- und Maschinenbau, in der Stahl- und Textilindustrie, in der Bauwirtschaft sowie bei Betreibern von Kohleminen.

Dies galt gerade für Deutschland. Bereits seit 1866, als Otto von Bismarck nach dem Sieg über Österreich den „Norddeutschen Bund“ ins Leben rief, hatte das Auswirkungen aufs Investitionsklima. Man glaubte an die Zukunft und legte sein Geld in Aktiengesellschaften an, die hohe Dividenden auf die Wertpapiere ausschütteten. Dieser Optimismus wuchs nach dem Sieg über Frankreich stark weiter, der das neue Kaiserreich unter preußischer Führung nach sich zog. An Kohle wurde beispielsweise im Jahr vor der Reichsgründung mehr als 26 Millionen Tonnen gefördert – das waren 114 Prozent mehr als 1860.

Auch die Roheisenproduktion lag 1871 mit 1,5 Millionen Tonnen um 50 Prozent höher als 1866. Hinzu kamen neue Geschäftsfelder wie die Chemieindustrie – und zu allem Überfluss jene fünf Milliarden Goldfrancs, die Frankreich als Kriegsverlierer an Reparationen zahlen musste. Zwischen 1871 und 1873 verdoppelten sich die Aktienkurse der Berliner Börse, in einer „Gründerwelle“ entstanden mehr als 900 Aktiengesellschaften und knapp 100 Banken, die ihren Investoren fantastische Profite ermöglichten.

Ein Symbol für diese Zeit war Heinrich Quistorp. Der Sohn eines preußischen Beamten brachte es in Rekordzeit auf 30 Unternehmen. Dabei half ihm sicher auch sein Charisma: Als „groß, breitschultrig und stark“, beschrieben ihn Zeitgenossen, „mit rotem, gesundheitsstrotzendem Gesicht und lachenden Augen, jovial und lebenslustig, derb und zupackend und gutmütig.“ Lange war er als Bauentwickler des neuen Berliner Stadtteils Westend als aufrechter Geschäftsmann der halbstaatlichen Preußischen Bank geachtet.


Was vom Kaiserreich heute noch in Deutschland steckt

Allerdings kamen ihm nach 1871 die Verlockungen der neuen Zeit dazwischen. Quistorp gründete seine „Vereinsbank“, dazu Feilen-, Tabak-, Papier-, Waggon-, Fass-, Werkzeug-, Bau-, Fuhr-, Pferde-, Eisenbahn-, Brauerei-, Dampfschiff-, Bergbau- und Hüttengesellschaften. Stets steckte er das eingesammelte Kapital seiner Aktiengesellschaften unverzüglich ins nächste Unternehmen. 1871 schüttete er eine Dividende von 15 Prozent, ein Jahr später sogar von 19 Prozent aus. Seiner Frau und sich spendierte er eine Villa, die manche Zeitgenossen entfernt an Schloss Neuschwanstein erinnerte.


All dies brachte keine Warnungen hervor, dass ein solches Konstrukt in sich zusammenfallen konnte; zusätzlich zu der Tatsache, dass Menschen sich gern blenden lassen, gab es eben keine Erfahrungen mit dem, was gerade passierte. Die wenigen Stimmen, die beim allgemeinen Jubel nicht mitmachen, blieben weitgehend ungehört. Eduard Lasker etwa, der Sprecher der wirtschaftsfreundlichen Nationalliberalen im Reichstag, bezeichnete die Börse als „eine Akademie für die straflose Umgehung der Gesetze“. Manchen Börsianer überkamen ebenfalls Zweifel, die ganze Angelegenheit konnte ja nur funktionieren, solange das Publikum an einen immerwährenden Boom mit hohen Kursgewinnen glaubte.

Als die Alarmzeichen langsam ins Bewusstsein von mehr und mehr Zeitgenossen vordrangen, war es zu spät. Seit Ende April 1871 kursieren Gerüchte darüber, ein Einbruch der Börse in Paris stehe bevor. Doch nicht in Frankreich, sondern in Wien crashte am 9. Mai 1873 zuerst eine Bank. An diesem „Schwarzen Freitag“ folgen ihr 120 österreichische Unternehmen in den Konkurs. Der Radau im Börsensaal war derartig, dass zahlungsunfähige Finanzjongleure über die Hintertreppe vor ihren erbosten Gläubigern flüchten mussten: „Gründer und Gründerbanken wurden mit allen Flüchen beladen, welche die deutsche Sprache auf dem Lager hat“, berichtete die „Deutsche Zeitung“ am 9. Mai 1873.

Symbol einer Epoche – doch im Gründerkrach wusste Reichskanzler Otto von Bismarck zunächst keinen Ausweg

Einmal gelang es der österreichischen Regierung noch, die Lage zu beruhigen, indem sie einen Hilfsfonds auflegte. Aber am 18. September 1873 meldete in New York die Bank Jay Cooper & Company Bankrott an. Sie hatte sich mit Eisenbahnprojekten übernommen. Nun brach Panik aus, die New Yorker Börse musste zum ersten Mal in ihrer Geschichte schließen. Und Deutschland bekam die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise gerade wegen der völlig überhitzten Zuversicht zuvor deutlich zu spüren.

In Berlin geriet Anfang Oktober die Quistorp’sche Vereinsbank schwer unter Druck. Zwei Wochen später musste der Unternehmer für die Bank und seine anderen Firmen Konkurs anmelden. Es folgte ein Dominoeffekt: Bald waren 700 der jüngst etablierten 900 Aktiengesellschaften am Ende, von den Maklerbanken musste die Hälfte aufgeben. Der Kurswert der überlebenden AGs halbierte sich fast von 4,5 auf 2,4 Milliarden Reichsmark. Zinsen für Kredite stiegen dagegen stark. Unternehmen konnten ihre Waren kaum mehr losschlagen und mussten Abgestellte entlassen. Die Arbeitslosigkeit kletterte auf 20 Prozent, das allgemeine Lohnniveau sank beträchtlich. Bis 1879 stagnierte die Weltwirtschaft, bis in die 1890er-Jahre hinein blieb ihr Wachstum schwach.

Und natürlich schlug nach 1873 die große Stunde der rückwärtsgewandten Propheten. So ereiferte sich der Journalist Otto Glagau, der zuvor offenkundig ganz eifrig profitiert hatte, nachdem das System von Heinrich Quistorp in sich zusammengefallen war: „Die Börse, welche sonst Niemandem, nicht einmal sich selber traut, hielt Quistorp für den leibhaftigen Bruder Grund-Ehrlich. Seine Werthe wurden von den Banquiers in der besten Absicht ihren solidesten Kunden als ‚hochfeine‘ Capital-Anlage empfohlen und mit Vorliebe von dem schlichten Bürgersmann genommen.“

Glagau war es auch, der nach dem Gründerkrach mit Gestalten wie Wilhelm Marr den Antisemitismus schürte. Juden vertraten im Kaiserreich oft liberale Positionen. Der Hintergrund war simpel: Noch 1790 hatten 90 Prozent von ihnen unterhalb der Armutsgrenze gelebt, 100 Jahre später hatten es 90 Prozent von ihnen geschafft, oberhalb dieser Grenze zu existieren. Dabei hatten die herrschenden Kräfte die Juden nach Kräften schikaniert; in er preußischen Verwaltung beispielsweise waren sie so gut wie nicht zu finden.


Eugen Karl Duehring, 12. Januar 1833 - 21. September 1921, Philosoph, Nationaloekonom und Mitbegruender des Rassenantisemitismus im Deutschen Kaiserreich


In seinem Alterswerk „Von Bismarck zu Hitler“ schrieb Sebastian Haffner, die meisten Zeitgenossen hätten die Bismarck-Jahre nicht als sonderlich glückliche Zeit erlebt. Wie viel davon dem Gründerkrach zuzurechnen ist, lässt sich nicht genau bestimmen. Eine Ironie bleibt es allemal, dass Bismarck selbst zum Opfer von Stammtisch-Antisemiten wurde: Auf dem Höhepunkt der Krise machten sie dem Kanzler seine Verbindungen zu dem deutsch-jüdischen Bankier Gerson von Bleichröder zum Vorwurf.

Bleichröder








Wird noch kommentiert.


Mittwoch, 10. Mai 2023

Die Zeit und was sich ereignet.


aus spektrum.de, 07.05.2023                                                                 zuJochen Ebmeiers Realien,  zu Philosophierungen  

Wie völlige Isolation das Zeitgefühl verformt

Als Beatriz Flamini nach 500 Tagen aus einer Höhle stieg, war sie davon überzeugt, dort nicht mehr als 170 Tage verbracht zu haben. Ein Phänomen, das sich psychologisch erklären lässt
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von Ruth Ogden

Mitte April 2023, nach 500 Tagen, verlässt die Extremsportlerin Beatriz Flamini eine Höhle in der südspanischen Provinz Granada. Der Aufenthalt in völliger Isolation wirkte sich auch auf ihr Zeitgefühl aus.

Eineinhalb Jahre allein in einer Höhle zu verbringen, erscheint vermutlich vielen Menschen wie ein Albtraum. Anders erging es der spanischen Extremsportlerin Beatriz Flamini. Sie kam nach 500 Tagen mit einem fröhlichen Grinsen aus einer Höhle in der südspanischen Provinz Granada und sagte, sie habe nun mehr Zeit gehabt, ihr Buch abzuschließen.

Während ihrer beeindruckenden Ausdauerleistung hatte sie fast keinen Kontakt zur Außenwelt. Mehr als 16 Monate lang dokumentierte sie ihre Erfahrungen, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu helfen, die Auswirkungen extremer Isolation zu verstehen.

Beim Verlassen der Höhle am 12. April 2023 wurde ihr als eines der ersten Dinge klar, wie veränderlich und formbar Zeit ist – die eigenen Persönlichkeitsmerkmale und die Menschen um einen herum prägen diese nämlich stärker als eine tickende Uhr. Als Flamini mit Reportern über ihre Erfahrungen sprach, sagte die Bergsteigerin, dass sie ziemlich rasch ihr Zeitgefühl verloren habe. Der Effekt war extrem: Als ihr Betreuungsteam kam, um sie aus der Höhle zu holen, sei Flamini überrascht gewesen, dass ihre Zeit bereits abgelaufen sei – sie dachte, sie hätte erst 160 bis 170 Tage im Untergrund verbracht.

Warum verlor Flamini ihr Zeitgefühl?


Unsere Handlungen und Emotionen, aber auch Veränderungen in unserer Umgebung können sich stark auf die Art und Weise auswirken, wie unser Gehirn Zeit verarbeitet. Den meisten Menschen vermittelt der Auf- und Untergang der Sonne, dass die Tage vergehen; und den Verlauf der Stunden lassen Arbeit und alltägliche Routinen erkennen. In der Dunkelheit einer unterirdischen Höhle, ohne die Gesellschaft anderer, verschwinden viele Merkmale, die das Vergehen der Zeit signalisieren. Flamini musste sich also womöglich stärker auf psychologische Mechanismen verlassen, um die Zeit im Blick zu behalten, als sie es vom alltäglichen Leben kannte.

Eine Möglichkeit, den Lauf der Zeit zu verfolgen, bietet unser Gedächtnis. Wenn wir nicht wissen, wie lange wir etwas getan haben, greifen wir auf die Anzahl unserer Erinnerungen zurück, die wir während eines Ereignisses gebildet haben. Diese liefern einen Hinweis darauf, wie viel Zeit verstrichen ist. Je mehr Erinnerungen wir an ein Ereignis oder eine Zeitspanne haben, desto länger dauerte sie unserer Meinung nach an. In der Regel ist es nämlich so: Ereignisreiche Tage und Wochen mit vielen neuen und aufregenden Geschehnissen bleiben Menschen eher als lange Zeiträume in Erinnerung; wir nehmen sie zudem als sehr viel länger wahr als eintönige Tage, in denen nichts Besonderes passierte.

Weil Flamini der soziale Austausch mit Menschen fehlte und sie nichts über ihre Familie oder aktuelle Geschehnisse erfuhr (der Krieg in der Ukraine, der Wegfall der Corona-Regeln und Lockdowns), reduzierte sich während ihrer Isolation vermutlich die Zahl an Erinnerungen erheblich. Flamini sagte es selbst: »Ich stecke noch immer im 21. November 2021 fest. Ich weiß nichts über die Welt.« An diesem Tag begann ihr Höhlenaufenthalt.

Womöglich auch, dass im Höhlenleben Zeit an sich weniger wichtig ist. Bewegen wir uns in der Außenwelt, vermittelt vielen von uns die Hektik des modernen Daseins und der soziale Druck, keine Zeit zu verschwenden, dass wir uns in einem ständigen Zustand von Zeitstress befinden. Die Uhr wird dann zu einem Gradmesser dafür, wie produktiv und erfolgreich wir als Erwachsene sind.

Was Höhlen, Gefängnisse und Pandemien gemeinsam haben
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Flamini ist nicht die Erste, die nach einem Umgebungswechsel eine Veränderung ihres Zeitempfindens erlebte. Über ähnliche Erfahrungen berichtete der französische Wissenschaftler Michel Siffre, als er in den 1960er und 1970er Jahren erst zwei und dann sechs Monate in Höhlen verbrachte. Einen Verlust des Zeitgefühls schilderten auch Erwachsene und Kinder, die auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs längere Zeit isoliert im Atombunker zubrachten (zu Forschungszwecken). Menschen, die eine Haftstrafe verbüßten, berichteten häufig dasselbe. Und ebenso ging es der Öffentlichkeit während der Lockdowns in der Corona-Pandemie.

Höhlen, Atombunker, Gefängnisse und globale Pandemien haben zwei Merkmale gemeinsam, die zu einem veränderten Zeitgefühl führen können: Sie isolieren uns von der Außenwelt, und sie grenzen uns ein auf engsten Raum. Flamini hingegen lebte einfach vor sich hin – ohne Termine. Es gab keine beruflichen Konferenzen, auf die sie sich hätte vorbereiten müssen, und keine anderen Termine, die sie hätte wahrnehmen oder organisieren müssen. Sie führte ein selbstbestimmtes Leben, in dem sie essen, schlafen und lesen konnte, wie und wann sie wollte. Sie beschäftigte sich mit Malen, Sport und dem Dokumentieren ihrer Erlebnisse. All das könnte den Lauf der Zeit für sie bedeutungslos gemacht haben.

Starker Wille kann das Zeitgefühl verändern


Weil biologische Rhythmen wie Schlaf, Durst und Verdauung solche Termine ersetzten, die sonst von der Uhrzeit bestimmt werden, achtete Flamini vielleicht immer weniger auf den Lauf der Zeit – bis sie ihn schließlich ganz aus den Augen verlor. Dass sie sich von der Zeit frei machen konnte, wurde womöglich durch ihren Willen verstärkt, das gesetzte Ziel von 500 Tagen zu erreichen. Schließlich hatte sie freiwillig beschlossen, in die Höhle zu ziehen – sie hätte den Ort jederzeit verlassen können, wenn sie gewollt hätte.

Flaminis Erfahrungen erscheinen verlockend – selbst einmal der Zivilisation zu entsagen und in eine Höhle zu gehen. Doch das Leben unter der Erde ist nichts für schwache Nerven. Denn dort zu überleben, hängt von der Fähigkeit ab, ein hohes Maß an psychischer Resilienz aufrechterhalten zu können. Wer also über die Fähigkeit verfügt, in schwierigen Situationen ruhig und gelassen zu bleiben, wer fest davon überzeugt ist, sein Verhalten steuern zu können – auch bekannt als internale Kontrollüberzeugung –, und wer sich leicht in seine eigenen Gedanken vertiefen kann, der oder die bringt möglicherweise genügend innere Stärke mit, um einen Daueraufenthalt in der Höhle erfolgreich zu überstehen.

Angesichts dessen fällt es Ihnen aber vielleicht leichter, einfach die Benachrichtigungen auf Ihrem Handy auszuschalten, keine Termine zu vereinbaren und sich ein wenig Zeit für sich selbst zu nehmen.

[*) Und vergesst mir die Schulstunden nicht!]


Nota. - Das sind offenbar zwei verschiedene Dinge: was eine objektive, 'absolute' Zeit (in einem objektiven, 'absoluten' Raum) ist und wie sie sich wissenschaftlich feststellen lässt - und wie wir den 'Verlauf' der Zeit erleben; nämlich so, dass wir sie gerne messen wollten.

Zur ersten Frage mag man Kant und Einstein vergleichen; nicht mit ihnen vergleichen kann man aber Henri Bergson, der als Vertreter der damals populären Lebensphilosophie zum Herold der zweiten Fragestellung wurde. Er neigte dazu, die 'objektive' Zeit für eine Täu-schung zu halten; jedenfalls wurde er von den Zeitgenossen so verstanden. Für wirklicher hielt er die "erlebte Zeit", temps vécu, nämlich im wirklichen Leben der Menschen, von dem die Wissenschaft immer nur eine Schattenriss liefern kann.

Zu obigem Experiment und der Frage, ob die Zeit selber 'erlebt' oder eine Folge von Ereignissen gefühlt wird, ist zu erinnern, dass ohne Gefühl keine Erfahrung möglich, nämlich kein Etwas wahrnehmbar ist; dass die Gefühle aber nichts über das Etwas ver-melden, sondern lediglich über mein eigenes Befinden. Das Etwas selbst bleibt gänzlich unbestimmt. Eine Qualität ihm erst zugeschrieben, indem zum Fühlen das Anschauen, ein aktiver Beitrag der Intelligenz zum Sensorium.

So dass zum Verständnis der erlebten Zeit die experimentelle Psychologie auch nicht reicht.
JE



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

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Yahne Le Toumelin (1923 - 2023), Hommage to Rembrandt

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Dienstag, 9. Mai 2023

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