Mittwoch, 1. April 2026

Der aufrechte Gang und die Welt-Anschauung.

W. Busch                                                zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Dass erst unser aufrechter Gang und der so möglich gewordene Rundumblick die Vorstellung von  einer weiten Welt möglich gemacht hat, liegt ohnehin nahe. Doch die Schärfung der Rand-Informationen erlaubt nicht nur, einen deutlichen Fleck zu sehen, sondern ein ganzes Seh-Feld aufzufassen, in dem ich meinen Blick willkür-lich wandern und... ruhen lassen kann, und ermöglicht die Anschaung einer ganzen Welt, in der sich durch die Wahl seines Standpunkts ein Selbst 'zu Stande' bringt und sich als ein wollendes Ich zugleich wie deren Mittelpunkt vorkommt. 

Und da wir mal dabei sind: Würde man annehmen (schrei nicht, Schwester, ich sage würde), dass durch die Jahrmillionen Männer sich erheblich mehr bewegt haben als die eher sesshaften Frauen, hätte man auch eine Erklärung, weshalb sie erfahrungs-gemäß sich besser in Räumen orientieren und besser rückwärts einparken können.

Kommentar zu Gehen verändert das Sehen. JE, 21. 11. 19


Dienstag, 31. März 2026

Widerstand gegen den Ackerbau.

Steinzeitmensch in Tierhaut mit Speer in der Hand blickt in den lichtdurchfluteten Wald, bereit zur Jagd.aus derStandard.at, 12. Februar 2026                                        Bevor die ersten Bauern die Landwirtschaft aus dem Osten nach Europa brachten, dominierten hier Wildbeutergesellschaften                                                zu öffentliche Angelegenheiten

Widerstand gegen Landwirtschaft: 
Wo sich Jäger und Sammler in Europa hartnäckig hielten
In manchen Regionen blieb das Erbe Tausende Jahre länger als andernorts erhalten. Im Nordwesten dürfte es besonders lang gedauert haben, bis sich Landwirtschaft etablierte

Wenn Asterix und Obelix keine Kelten wären, sondern (Wildschwein-)Jäger und (Hinkelstein-)Sammler, dann müsste man ihr Lager an der Rheinmündung verorten. Dort widersetzte sich die Bevölkerung dem genetischen Einfluss anderer Gruppen etwa 3000 Jahre länger als in anderen europäischen Regionen. Zu diesem Ergebnis kam eine aktuelle Studie im Fachjournal Nature mit Wiener Beteiligung, im Rahmen derer man die DNA von 112 Verstorbenen aus dem heutigen Nordwesten Deutschlands, aus Belgien und den Niederlanden analysierte.

Im Gegensatz zu den gallischen Helden geht es hier freilich nicht um den römisch geprägten Zeitraum um 50 vor Christus, die untersuchten Überreste stammen aus der Zeit von 8500 bis 1700 v. Chr., also der Stein- und Bronzezeit. Zwei große Migrationsbewegungen prägten Europa damals: In den Jahrhunderten von 6500 bis 4000 siedelten sich die ersten Bäuerinnen und Bauern an, die aus Westanatolien kamen. Dies führte dazu, dass in vielen Gegenden 70 bis 100 Prozent des Erbgutes der Jäger-Sammler-Gesellschaft verschwand. Auch die DNA von Ötzi, dem wahrscheinlich dunkelhäutigen und dunkelhaarigen Tiroler Eismann, der etwa 3300 v. Chr. lebte, ist zu einem Großteil auf anatolische Vorfahren zurückzuführen.

Jäger und Fischer

Nachdem die Landwirtschaft nach Europa gekommen war, folgten mit der zweiten wichtigen Migrationsbewegung die indoeuropäischen Sprachen, wie die Forschung der vergangenen Jahre vermuten lässt. Um 3000 bis 2500 v. Chr. breiteten sich aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres Nomaden der Jamnaja aus. Die Ausbreitung der Jamnaja und ihrer Nachfahren ins Rhein-Maas-Delta dürfte zudem mit der Verbreitung der Schnurkeramik- und der Glockenbecher-Kultur in Zusammenhang stehen. Benannt wurden diese Kulturen nach den typischen Formen und Mustern der hinterlassenen Keramik: Becher, Krüge und andere Objekte wurden mit Rillenmustern verziert beziehungsweise wiesen eine geschwungene, an Glocken erinnernde Form auf.

Sie hatten den wohl größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Zusammensetzung des Erbguts heute lebender Europäerinnen und Europäer. Doch in der Rhein-Maas-Region lief alles zunächst etwas anders, wie das Team um den renommierten US-amerikanischen Genetiker David Reich von der Harvard University zeigt, zu dem auch Ron Pinhasi von der Universität Wien gehört. Diese wasserreiche Gegend bot Jäger-Sammler-Gemeinschaften gute Lebensbedingungen, in Flüssen und Meer konnten sie Fische, Krustentiere und Co. fangen. Die DNA-Analysen lassen die Vermutung zu, dass man hier mit der Landwirtschaft nicht so schnell warm wurde wie in weiten Teilen Europas und sich der Wandel des Lebensstils nicht so vollständig vollzog. Manche Individuen wiesen nämlich noch relativ spät sehr viele DNA-Sequenzen auf, die typisch für westeuropäische Jäger und Sammler waren.

Frauen aus der Bauernkultur

Auch in der Region, die für die neue Studie im Fokus stand, verkehrten die alteingesessenen Menschen offenbar immer wieder mit den zugezogenen Bauerngruppen – und vor allem mit Bäuerinnen, wie die Analyse nahelegt. Aber: "Eine charakteristische Bevölkerungsgruppe mit einem hohen Anteil – etwa 50 Prozent – an Vorfahren, die als Jäger und Sammler lebten, bestand noch 3000 Jahre später als in den meisten europäischen Regionen", schreiben die Autorinnen und Autoren. Dies sei vor allem auf die Integration von Frauen, deren Vorfahren aus der frühen europäischen Bauernkultur stammten, in die lokalen Gemeinschaften zurückzuführen.

Karte Europas mit Farbverlauf, der die Häufigkeit von Jäger-und-Sammler-Abstammung darstellt. Ein Spektrum von Rot (hohe Abstammung, 100 %) bis Gelb (niedrige Abstammung, 0 %) wird gezeigt. Grau markiert nicht erfasste Bereiche. Schwarze Punkte kennzeichnen spezifische Fundorte.
Die Karte zeigt den Anteil an DNA, die für europäische Jäger-Sammler-Gruppen typisch ist, am Erbgut der Bevölkerung in der Zeit von 4500 bis 2500 vor unserer Zeitrechnung. In Nordeuropa war dieser Anteil den bisherigen Analysen zufolge besonders hoch.

Freilich kann man auch Kulturen übernehmen, ohne dass sich dies genetisch abzeichnet. Doch die Fortpflanzung unter Gruppen, die sich genetisch unterscheiden, ist zumindest ein Indiz für kulturelle Nähe, was der Wissenschaft über archäologische Spuren hinaus Informationen liefern kann. Ein Beispiel dafür liefert die zweite große Migrationsbewegung: Im Westen der Niederlande nutzten die Einwohnerinnen und Einwohner zwar Schnurkeramik, hatten aber selbst kaum Steppenvorfahren. Ideen und Produktionskulturen wurden hier offenbar weitgehend ohne Genfluss zwischen zwei verschiedenen Gemeinschaften ausgetauscht.

Vom Widerstand zum Exporthit

Die Situation wandelte sich mit der Glockenbecherkultur, die eher später datiert wird und um 2400 v. Chr. in dieser Region Einzug hielt. In den folgenden Jahrhunderten fand eine stärkere Durchmischung statt, der Anteil typisch westeuropäischer Jäger-Sammler-DNA ging stark zurück. In Großbritannien war der Wandel noch extremer, dort ging die Ankunft der Glockenbecherkultur langfristig mit dem 90- bis 100-prozentigen Ersetzen der lokalen jungsteinzeitlichen Bevölkerung einher. Interessanterweise wurden große Steinzeitbauwerke wie Stonehenge oder Woodhenge (deren Bau wohl um 3000 beziehungsweise 2300 v. Chr. begann) dennoch weitergebaut und -genutzt.

Die Untersuchung der uralten DNA aus dem Nordwesten Europas liefert in jedem Fall erstaunliche Einblicke in kulturelle und genetische Veränderungen, die vor Jahrzehnten noch unmöglich gewesen wären. Und sie erzählt von einer Ironie der Geschichte, wenn man an die Niederlande als zweitgrößter Agrarexporteur der Welt denkt: Dort, wo heute ein großer Teil des europäischen Gemüses in Glashäusern wächst, dauerte es besonders lange, bis sich die Landwirtschaft etablierte. 

Montag, 30. März 2026

Es gibt keine Weltformel.

 Formel         zu Jochen Ebmeiers Realien

Von Philosophie verstehe ich etwas; von Transzendentalphilosophie, genauer ge-sagt. Auch von den Naturwissenschaften habe ich dies und das gehört, aber dass ich es verstünde, hatte ich nicht oft das Gefühl. Doch hier handelt es sich nicht um Na-turwissenschaft, sondern um deren allgemeinverständliche Zusammenfassung. Ob und wieweit es zutrifft, kann ich nicht beurteilen; ich nehme an, dass es den 'Stand der Wissenschaft' loyal wiedergibt.

Die Philosophie lehrt mich, dass ich von den Dingen selber gar nichts weiß. Ich habe Vorstellungen von ihnen, über die kann ich reden, und ich kann mich fragen, wie ich zu ihnen gekommen bin. Ich werde be- merken, dass ich bei der Aufnahme, Anordnung und Bewertung der Daten, die mir meine Sinnesorgane vermelden, gewisse Schemata verwende - das, was bei Kant das 'Apriori' heißt. Bis dahin ist das noch keine Philosophie, sondern entspricht den Ergebnissen der empirischen (psychologischen) Forschung. Wenn es stimmt, verwendet sie allerdings selber besagte Schemata, sie kommt hinterdrein und ist nicht befähigt, die Schemata auf ihre Herkunft und Berechtigung zu prüfen.

Das ist Sache der Philosophie, nämlich der kritischen oder 'Transzendental'-Philosophie; transzendental darum, weil sie nach den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit fragt. So kritisch und radikal sie immer verfährt - sie bleibt doch immer im Rahmen unserer tatsächlichen Vorstellungsmöglichkeiten, will sagen: andere Voraussetzungen als die, die sie selber macht, sind ihr nicht möglich.

Kant selber hatte die Möglichkeit offengelassen, dass unser Vorstellungsvermögen von einem Schöpfer so angelegt wurde, wie es eben ist. Der Naturwissenschaftler, der an dieser Stelle wieder zu Wort kommt, sagt, unser Vorstellungsvermögen ist wie jedes andere unserer Vermögen ein Produkt der natürlichen Evolution: Anpassung und Auslese. Wir können uns nicht vorstellen, was wir uns vorstellen könnten, wenn wir uns in einer anderen Ecke des Universums hätten entwickeln müssen; wir können uns nicht einmal vorstellen, was in unserer Welt die Biene dort sieht, wo bei uns das ultraviolette Licht unsichtbar wird.

Es ist Wunders genug, dass die irdische Beschränktheit unserer Vorstellungskraft uns nicht daran gehindert hat, durch das Übersetzen von konstruierten Begriffen in mathematische Formeln uns Dinge denkbar zu machen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wunder hat einen Namen, es heißt Symbolisierung. Mit den Symbolen können wir operieren, ohne unsere Vorstellungskraft jeweils mitbemühen zu müssen. Da- durch werden die Symbole indessen kein bisschen objektiver: Sie bleiben immer willkürlich gewählte Zeichen für eine subjektive Bedeutung. Die Bedeutung bezieht sich immer nur darauf, was wir mit dem Ding anfangen können, und nicht auf das, was das Ding 'ist', und ob eine Bedeutung 'stimmt', wird sich erweisen oder nicht.

Wenn also Einstein meinte, sein Geist könne sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben, dass es im Univerum "zwei getrennte Felder gibt, die in ihrer Natur völlig voneinander unabhängig sind", so sagt er etwas darüber, welche Vorstellungen unsere Gattungsgeschichte unserm Gehirn möglich gemacht hat; aber nichts über die Beschaffenheit der 'Dinge'. 

Es wäre des Wunders viel zu viel, wenn sich erwiese, dass wir durch das Kombinieren von Symbolen Formeln konstruieren können, denen 'das Ding' entspricht. Denn hier geht es nicht um dieses oder jenes Ding - da könnte der Zufall beispringen -, sondern um den Inbegriff aller Dinge. Den könnte nur kennen, wer 'Alles' erschaffen hat. Und andernfalls gäbe es ihn gar nicht.

Indem nun die Transzendentalphilosophie den Gedanken einer Schöpfung undenkbar* macht, schließt sie die Möglichkeit einer Weltformel aus; und darauf will ich wetten. 
*) Kant hatte ihn dem Glauben zugestanden, aus der Wissscenschaft jedoch verbannt. 

Kommentar zu Gibt es die "Weltformel"? JE, 22. September 2017



Sonntag, 29. März 2026

Was den Quanten recht ist, darf den Kräften billig sein.

                                        zu Jochen Ebmeiers Realien

Was den Quanten recht ist, darf den Kräften billig sein.

Auch das ist nicht spöttisch gemeint. Die Generalprämisse ist doch: Es gibt einen Kosmos, und der ist ein System: ein Makrozustand über mannigfaltigen Mikrozu-ständen. Wenn im Makrozustand vier Kräfte inbegriffen sind, würde er ein anderer, wenn eine fünfte Kraft hinzuträte. Mit andern Worten: Alles käme ganz neu auf die Waage.

Das ist, nach den Aussagen der Physiker, der gegenwärtige ZuStand der Wissen-schaft. Wie ich schon sagte: Das gereicht ihr zur Ehre.

Stürzt aber den Rest der Welt in Verwirrung. Physik und Welt werden damit zu-recht kommen - wenn noch nicht heut, dann morgen. Philosophie ist einstweilen nicht gefragt, nur Forschung. 

Der Satz, dass Alles mit Allem zusammenhänge, wird nur noch sarkastisch ge-braucht - weil er auf Faktisches bezogen ist. In kosmischen Modellen hängt aber Alles von Allem ab; denn da geht es um Vorstellungen, und so käme zum Schluss vielleicht doch die Philosophie wieder rein - nicht von der Seite, sondern von hin-ten.

Kommentar zu Die jüngste Sau durchs Dorf. JE, 6. 8. 2025


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Samstag, 28. März 2026

Merz hat wieder was Schlimmes gesagt.

                      zu öffentliche Angelegenheiten

"Merz hat das Problem nicht verstanden", schreibt der Wiener Standard; "Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten. Reflexhaft auf Zuwanderung zu zei-gen, ist eine Themenverfehlung."
 
Merz hat nicht als Soziologe gesprochen, sondern als Kanzler und Parteivorsit-zender. Er hat keine wissenschaftliche Analyse vorgelegt, sondern hat ein politi-sches Problem angesprochen, das gerade darum virulent wurde, weil es jahrzente-lang durch das Vorschieben gesellschaftshistorischer Allgemeinplätze vertuscht worden ist. Es ist aber wie mit dem Antisemitismus: Sein schleichendes Vordringen in den öffentlichen Diskurs wurde befördert durch die vielhunderttausendfachen Zuwanderung aus islamischen Ländern. 
 
Auch die ist nicht der Kern des Problems und nicht einmal seiner aktuellen Zuspit-zung; sondern: Die einen greifen zur Feder, sobald irgendwer das Kind beim Na-men nennt, die andern legen die Feder aus der Hand, wenn es darum geht, eine ge-schehene strafbare Handlung der Polizei anzuzeigen.
 
Und das ist die Stelle, an der die Politik sich ganz unmittelbar zu Wort melden muss - und mit Aussicht auf Erfolg auch kann, wenn sie sich traut. Es geht um die öffent-lichen Maßstäbe.
 
 

Vier Grundkräfte

https://www.mdr.de/tv/programm/bilder/die-abenteuer-der-drei-musketiere-100-resimage_v-variantBig16x9_w-1024.jpg?version=24866 drei bis vier      zu Jochen Ebmeiers Realien

Um das Ganze Universum aus der Quantenphysik zu konstruieren, müsste man, weil der Teilchenzoo doch so unübersichtlich ist und sich immer wieder neue Quäntchen finden, wohl bei der Starken Kernkraft beginnen und alles registrieren, was sich mit ihr einfangen lässt. Dann verdünnt man die Kernkraft Stufe um Stufe, und wenn man alle vier Grundkräfte beisammen hat, wäre das Puzzle der Kosmo-logie vollendet.

Der Relativist ginge umgekehrt vor: Er begänne bei der... der Schwachen Wechsel-wirkung, dann zieht er die Maschen seines Netzes um einen Punkt zusammen, die Wechselwirkung wird Schritt für Schritt stärker, und wenn er schließlich aus der Gravitation auf die Starke Kernkraft heruntergekommen ist, hat auch er sein Weltall beisammen.

Das wäre die Aufgabe - zuerst so-, dann andersrum.

Das Problem ist, dass sich weder die Vierte Grundkraft zur Dritten verdünnen, noch die Dritte zur Vierten verdichten lässt, und zwar weder spekulativ in der Theorie noch experimentell im Labor - so riesig es auch wäre. 

Das wäre im Kern der Grund, warum Quantenphysik und Relativitätstheorie sich nicht in einander umrechnen lassen - hab ich es so richtig verstanden? 

Da könnte man auf die Idee kommen, nicht alle vier Grundkräfte neben- oder hin-ternander zu betrachten, sondern das erste Paar gegen das zweite Paar zu setzen; und jedenfalls nicht die Grundkräfte auf die größeren oder kleineren Quanten zu beziehen, sondern die Quanten auf die Grundkräfte. Das ist eine Frage der Be-trachtungsweise und keine metaphysische Priorisierung von Kraft vor Materie.

Wenn man den Wald vor Bäumen nicht erkennt, tritt man ein paar Schritte zurück, erkennt den Wald und behält die Bäume in Erinnerung. Die Suche nach einem "Kleber" ist sowas Ähnliches - sozusagen von der andern Seite.

PS. Ich bin kein Physiker, ich darf so schreiben. Wenn einer sagt, ich hätte keine Ahnung, werde ich ihm nicht widersprechen.
 
Kommentar zu Der Heilige Gral der Quantenphxsik, JE, 29. 9. 23

Freitag, 27. März 2026

Kräfte und Wechselwirkungen.

 attisch, schwarzfigurig                               zu Jochen Ebmeiers Realien

Dass man sich etwas nicht vorstellen kann, heißt nicht, dass es das in Wirklichkeit nicht gibt. Die Umkehrung gilt ebensowenig. Einen gekrümmten Raum können wir uns nicht vorstellen, aber wir werden ihn denken müssen - und können es.

Bevor man sich über Begriffe streitet, sollte man sich darüber klarwerden, wie sie "gemeint" sind: am besten darüber, ob - und was - man sich dabei vorstellen kann. Das kommt nämlich beim Operieren mit dem fertigen Begriff gar nicht mehr vor, und darum muss man es vorher klären. 

Eine "Kraft" etwa kann man sich so vorstellen: Zuerst gibt es Dinge, die sind so oder so. Dazwischen schieben sich Kräfte, sie sind auch so oder so. Man kann sie sich alle für sich und selbstständig vorstellen. Dazu muss man sich aber - ob man es selber bemerkt oder nicht - ein Universum aus lauter Einzelteilen gedacht haben. Was sie zusammenhält, kommt als ein äußerer Beitrag hinzu - meist als ein Schöpfer gemeint, und anders ist es wohl auch gar nicht möglich

Man kann es sich aber auch so vorstellen, dass es zu den Eigen schaften der Dinge selbst gehört, auf einander zu wirken, und dass sie überhaupt nur sind, sofern sie - so oder so - wirken.

Das wäre, wie es sich bei bloßen Begriffen gehört, ein metaphysischer Streit, auf den sich rationelle Wissenschaft gar nicht einzulassen hat. Darum wird seit gerau-mer Zeit statt von verschiedenen "Kräften" von verschiedenen Wechselwirkungen gesprochen. So wenig Sinn es  hat, die 'Dinge' anhand ihre Eigen schaften zu defi-nieren, so wenig Sinn hat es auch, die 'Kräfte' an und für sich zu beschreiben. Es müssten also, wenn die Theorie allumfassend sein soll, alle 'Dinge' und alle Wech-selwirkungen, durch die sie einander 'bewirken', im Einzelnen beschrieben und womöglich hinterher nach Klassen zusammengefasst werden. Die Klassen, nach denen sie verallgemeinernd zusammengefasst werden, mag man wohl 'Gesetze' nennen - was aber den großen Nachteil mit sich bringt, hinterher als wirkende Kräfte aufgefasst werden zu können: und sich den metaphysischen Hokuspokus, dem man vorne aus dem Weg gegangen ist, hintenrum doch wieder aufzuladen. 

Dann stellt sich das Problem so dar: Die drei klassischen, 'regulären' Wechselwir-kungen sind einander so ähnlich, dass man sich vorstellen könnte, sie seien 'ausein-ander hervorgegangen'. Die Gravitation tanzt aus der Reihe. Lasst sie doch: Viel-leicht finden sich ja genügend empirische Daten, die erlauben, auch sie irgendwann den klassischen drei zu assimilieren. 

Und wenn nicht? Das wäre doch wissenschaftlich kein Problem. Ein Problem, nämlich ein spekulativ-metaphysisches, ist es für alle, die aus extrawissenschaft-lichen, weltanschaulichen  Gründen ein 'Theorie von Allem' wollen, um sie der empirischen Forschung überzuhelfen und aufs Auge zu drücken. Und das wäre für die Wissenschaft eine Scheuklappe. 

Die umgekehrte Annahme, dass eine kosmologische Einheitstheorie sachlich nicht möglich ist, ist durch empirische Befunde freilich erst recht nicht zu erweisen. Als Hypothese bleibt sie ewig, nehme ich an, unersetzlich. Und sei es nur, um immer wieder zu scheitern; würde sie erwiesen, müsste ich staunen, dass die Menschen es geschafft haben, über unsern stammesgeschichtlichen Schatten zu springen. 
Kommentar zu Eine Theorie von Allem?, JE, 6. 9. 2023
 
 

Donnerstag, 26. März 2026

Der Heilige Gral der Quantengravitation.

Kosmische Darstellung mit leuchtenden Sternen und spiralförmigen Nebelstrukturen in warmen Farben wie Gold und Rosa vor dunklem Hintergrund. 
aus derStandard.at, 21. 3. 2026                 Auf mikroskopischen Skalen könnte die Welt einem Fraktal ähneln, so wie in dieser mithilfe von Künstlicher Intelligenz erzeugten künstlerischen Impression.                          zu Jochen Ebmeiers Realien

Zurück zu den Wurzeln
Der "Gral" der Quantengravitation könnte bereits vor Jahrzehnten gefunden worden sein
Ein bisher vernachlässigter Ansatz namens Asymptotische Sicherheit erfährt neuen Aufwind bei der Suche nach der Theorie der Quantengravitation
  
"Sie ist keine robuste Gefährtin, die bereit ist, anzupacken und zu helfen" – so beschrieb der Physiker Bryce DeWitt 1965 die Quantenfeldtheorie. Dennoch wurde der ästhetische, aber komplizierte mathematische Formalismus zum unentbehrlichen Standardwerkzeug der modernen Grundlagenphysik. Die Naturkräfte werden heute durch Quantenfeldtheorien beschrieben – fast alle, nur die Gravitation widersetzt sich nach wie vor.

Die Erfolgsgeschichte ist hart erkämpft, denn lange Zeit war nicht klar, ob Quantenfeldtheorien überhaupt das richtige Werkzeug waren. Forschende erkannten, dass Teilchen als Quanten von Feldern im Raum verstanden werden konnten. Sie fassten diese Idee erfolgreich in Gleichungen, bis man versuchte, diese Felder miteinander in Wechselwirkung zu bringen. Diese Wechselwirkungen explodierten im Formalismus förmlich und strebten ins Unendliche, was ganz offensichtlich keine sinnvolle Beschreibung der Welt war, die wir um uns herum sehen.

Neue Normen

Die Lösung brachte eine Technik namens Renormierung. Dabei fügte man in der Not künstlich Elemente hinzu, um überhaupt mit den neuen Objekten rechnen zu können – gerade so, als würde man ein Schiff auf ein Trockendock heben, um es zu warten. Nach gelungener Reparatur ließ man die Schiffe gewissermaßen wieder zu Wasser und entfernte die Zusatzelemente.

Der nicht unumstrittene Trick brachte den Durchbruch, allerdings nicht bei der Gravitation. Eine Kraft, die nicht nur auf Materie, sondern auch auf sich selbst zurückwirkt – die nicht unabhängig von den Koordinaten existiert, auf denen sie lebt, sondern diese durch ihre pure Anwesenheit verzerrt, ja letztlich sogar von dem Raum nicht zu unterscheiden ist – wäre vielleicht mit einer "robusteren" Gefährtin zu bändigen gewesen, nicht aber mit einer so geisterhaften. Eine funktionierende Theorie der Quantengravitation gilt als der "Heilige Gral" der Grundlagenphysik. Die Physikgemeinschaft suchte ihr Glück in den vergangenen Jahrzehnten in exotischeren Ansätzen wie Stringtheorie oder Schleifen-Quantengravitation.

Diese kühnen Entwürfe haben beide im Kern keinen anderen Zweck als die beschriebene mathematische Explosion physikalischer Größen im Keim zu ersticken. Im Fall der Stringtheorie gelingt das, indem man Teilchen nicht mehr als punktförmig betrachtet, sondern als räumlich ausgedehnte Fäden. Bei der Schleifen-Quantengravitation ist es der Raum selbst, der in räumlich ausgedehnte Teile zerlegt wird. 

Zurück zu den Wurzeln

Leider hat die Natur sich bisher geweigert, einen der beiden Ansätze glaubwürdig zu unterstützen. Damit entsteht einerseits Raum für neue Entwürfe, andererseits stellt sich die Frage, ob in der Anfangszeit der Suche nach der Quantengravitation nicht so mancher Ansatz vorschnell zur Seite gelegt wurde. Letzteren Zugang verfolgt etwa die deutsche Physikerin Astrid Eichhorn von der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Sie beschäftigt sich mit einer Idee, die auf den US-amerikanischen Physiknobelpreisträger Steven Weinberg zurückgeht.

Ein Blick in den Tunnel des Large Hadron Collider (LHC) der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) zeigt eine Reihe von blauen Dipolmagneten, die verwendet werden, um die Bahn beschleunigter Protonen zu lenken. Die Szene ist hell beleuchtet und zeigt technische Geräte und Kabel entlang der Struktur.
Die Vorgänge, die große Teilchenbeschleuniger wie der Large Hadron Collider (LHC) im Kernforschungszentrum Cern bei Genf sichtbar machen, werden allesamt mittels Quantenfeldtheorien beschrieben. Bei der Gravitation gelingt das nach wie vor nicht. Bei Beschleunigerexperimenten wird sie aufgrund ihrer Schwäche vernachlässigt.

Weinbergs Idee betrifft die Probleme der Quantengravitation bei immer kleineren Skalen, wo sogenannte Ultraviolett-Divergenzen auftreten. (Es sind nicht die einzigen Probleme, aber ein wichtiger Teil davon.) Diese haben mit einer wenig beachteten Sonderbarkeit physikalischer Theorien zu tun: Sie arbeiten mit idealisierten physikalischen Objekten. Ein Teilchen wird etwa als Punkt in einem dreidimensionalen Raum Reeller Zahlen angesehen. Ein Punkt ist etwas unendlich Kleines – eine Idee, die in der Natur nur wenig Sinn ergibt, was aber meist keine Probleme bereitet. Ob der reale Raum wirklich unendlich kleine Objekte oder Abstände erlaubt, tut nichts zur Sache, die Annahme dient hier der Einfachheit. Ganzheitlicher Zugang

Diese Einfachheit stellt sich bei der Annahme unendlich kleiner Objekte aber nicht in jedem Fall ein. Bei Quantenfeldtheorien treten Ultraviolett-Divergenzen gerade rund um unendlich kleine Abstände auf. Der Quantenfeldtheorie-Rahmen ist eine ganzheitliche Beschreibung, bei der nichts so einfach vernachlässigt werden kann. Die Felder dringen gewissermaßen in jede noch so kleine Ritze des Raums, und auch solche Kleinigkeiten tragen zum Ergebnis bei. Anders gesagt: Die Physikerinnen und Physiker müssten bereits wissen, wie sich die Natur auf immer kleineren Skalen, bis ins unendlich Kleine, verhält.

Doch wie soll man das wissen? Weinberg hatte eine kühne Idee: Er fragte sich, was passieren würde, wenn die Physik sich zu immer kleineren Abständen hin nicht mehr ändern würde, sondern die Situation im Kleinsten ein Abbild jener im Größeren wäre. Es gäbe dort im Kleinsten also gar nichts Neues zu wissen.

Die Mathematik kennt solche Systeme, bei denen ähnliche Muster auf verschiedenen Größenskalen auftreten, gut. Sie heißen dort Fraktale. Weinbergs Idee war, dass die Natur zum Kleinsten hin fraktale Struktur haben könnte, sich dort also nur Bekanntes immer neu wiederholen könnte, sofern man nur genau genug hinschaut.

Berechnung kleiner Störungen

Ein Nebeneffekt wäre, dass sich die Ultraviolett-Divergenzen auf diese Weise stabilisieren könnten. Berechnen konnte Weinberg das aber nicht. Damals ließen sich die Quantenfeldtheorien hinter den Naturkräften nur aus einem einzigen Blickwinkel sinnvoll betrachten: Treffen Forschende der Physik nämlich auf eine Formel, die ihnen zu kompliziert ist, versuchen sie die relevanten von den irrelevanten Teilen zu trennen. Sie verwandeln sie in eine unendliche Reihe, eine Summe unendlich vieler einfacherer Formeln. Wendet man diese Technik, die in der Physik Störungstheorie genannt wird, richtig an, genügt es, nur einige wenige dieser Formeln auszurechnen und den Rest – unendlich viele – zu ignorieren. Als das Standardmodell der Elementarteilchenphysik entwickelt wurde, war das auch zur Lösung der Quantenfeldtheorie-Gleichungen der einzige praktikable Zugang.

Inzwischen sind aber, nicht zuletzt dank besserer Computermethoden, auch andere Zugänge besser handhabbar geworden. Das erlaubt es Forschenden wie Astrid Eichhorn, Weinbergs Ansatz eine neue Chance zu geben."Die Raumzeit nimmt hier eine Struktur an, die, grob gesagt, einem Fraktal ähnelt", sagt Eichhorn im Gespräch mit dem Quanta-Magazine. "Die Intensität der Kräfte, einschließlich der Schwerkraft, verändert sich nicht mehr, und man sieht immer wieder dasselbe Bild, dieselben Regeln, nach denen Teilchen miteinander interagieren. Das ist die Idee, der ich nachgehe: asymptotische Sicherheit." Damit könnte die von den Quantengesetzen gewissermaßen zerrissene Raumzeit wieder stabil genug werden, um Vorhersagen über die Welt zu machen – und zwar mithilfe der Quantenfeldtheorie, ganz ohne Superstrings oder Schleifen.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Preisverleihung: Ein Mann im Anzug schüttelt einem anderen die Hand und nimmt ein Dokument entgegen. Im Hintergrund sind weitere Personen in festlicher Kleidung sichtbar. Blumen schmücken den oberen Bereich des Raums, was auf eine formelle Zeremonie hindeutet.
Hier nimmt der Physiker Steven Weinberg im Jahr 1979 seinen Nobelpreis von König Carl Gustav von Schweden entgegen. Eine seiner weniger bekannten Ideen erhält gerade wieder neue Aufmerksamkeit.
Vereinfachte Modelle

Das Konzept hat seine Vorzüge. Um zu wissen, ob die Natur sich wirklich so verhält, muss man allerdings Vorhersagen machen, die sich testen lassen. Doch das ist auch Jahrzehnte nach Weinbergs Idee noch anspruchsvoll. Mit starken Vereinfachungen ist es möglich: "Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat sich intensiv mit leerer Raumzeit – also reiner Schwerkraft – beschäftigt. Tatsächlich arbeiten die meisten von uns in einem noch stärker vereinfachten Rahmen, in dem es nur Quantenfluktuationen des Raums gibt, anstatt Fluktuationen sowohl des Raums als auch der Zeit", sagt Eichhorn. Diese Arbeiten hätten gezeigt, dass in solchen Fällen der Punkt, an dem die Raumzeit stabil wird, tatsächlich existiert.

Doch stimmt das, was für vereinfachte Theorien richtig ist, auch bei den "echten", nicht vereinfachten Beschreibungen des Mikrokosmos? Eichhorn versucht, die einfachen Modelle durch mehr und mehr Elemente zu erweitern. Nun gibt es aber eine neue Studie, die ein Team um Eichhorn zur Publikation eingereicht und auf einem Preprint-Server veröffentlicht hat. Und tatsächlich gibt es auch dort Anzeichen dafür, dass die Welt im Kleinsten zum Fraktal wird – Eichhorn spricht vom Auftreten eines sogenannten Fixpunktes.

Statt nach diesem Fixpunkt zu suchen, ist auch der umgekehrte Zugang möglich: Man kann annehmen, die Raumzeit sei im Kleinsten stabil, und dann berechnen, wie eine solche Welt aussehen würde. Das führt teils zu verblüffenden Ergebnissen. Alle Materie um uns herum besteht – zumindest, wenn man ihre Masse betrachtet – zum überwiegenden Großteil aus Protonen und Neutronen, die wiederum aus Quarks zusammengesetzt sind. Die schwersten und seltensten dieser Quarks, das Top- und das Bottom-Quark, sollten laut Theorie eigentlich gleich "schwer" sein.

Doch Messungen zeigen einen deutlichen Unterschied. Geht man von der Annahme eines Fixpunktes aus, entsteht dieser Unterschied auf natürliche Weise. Für Eichhorn ist das ein starker Hinweis: "In einer Welt ohne Fixpunkt könnten die Massen beliebig sein. Gibt es jedoch einen Fixpunkt, kommt es zu einem ganz besonderen Austausch zwischen der Schwerkraft und der elektroschwachen Kraft, und das Ergebnis dieses Austauschs ist, dass diese Quarks im Grunde genommen genau diese beiden unterschiedlichen Massen haben müssen."

Im Inneren des Super-Kamiokande-Neutrinodetektors in Japan, mit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern auf einem Floß, umgeben von tausenden goldenen Sensoren auf den Wänden und der Decke.
Der Super-Kamiokande-Detektor nahe der Stadt Hida in Japan ist auf die Beobachtung von Neutrinos ausgelegt. Sie besitzen eine geringe Masse, die nach wie vor nicht gut verstanden ist.
Schicksalhafte Dunkle Materie

Eichhorn nennt noch einige weitere Erfolge, etwa eine Erklärung der geringen Masse von Neutrinos. Doch sie gibt auch zu, dass der Zugang weit davon entfernt ist, alles erklären zu können. Allerdings gebe es keine bekannte Teilchenmasse, die nicht mit der Idee eines Fixpunktes vereinbar sei. Eichhorn schließt nicht aus, dass Asymptotische Sicherheit sich bereits zu Zeiten von Stephen Weinberg durchgesetzt hätte, wäre es möglich gewesen, Teilchenmassen ähnlich gut wie heute zu berechnen.

Die Zukunft der Idee ist eng mit den Forschungen rund um Dunkle Materie verknüpft. Derzeit ist noch unklar, woraus der Großteil der Masse des Universums besteht. Es gibt verschiedene mögliche Erklärungen, die aber alle unbestätigt sind. Welches der Modelle das Rennen macht, ist für die Idee der Asymptotischen Sicherheit entscheidend. Einige der standardmäßig vorgeschlagenen Erklärungen, darunter solche mithilfe von sogenannten Wimps oder Axionen, sind nur schwer mit dem Konzept vereinbar. Wird das Rätsel um Dunkle Materie in den kommenden Jahren irgendwann gelöst, könnte sich auch das Schicksal der Asymptotischen Sicherheit entscheiden.

Doch bis dahin verfolgen Forschende wie Eichhorn weiterhin die elegante Idee einer Welt, die im Kleinsten auf eine ungewöhnliche Art und Weise abgeschlossen ist, weil es, wenn man genau genug hinschaut, irgendwann nichts Neues mehr zu sehen gibt. 

 

Mittwoch, 25. März 2026

Sind Jungen schlauer und Mädchen fleißiger?

                          zu Levana, oder Erziehlehre

... Also Jungen gelten als schlauer, Mädchen als fleißiger. Vorteile haben davon Mädchen: Sie erhalten bessere Zensuren, gelten als die besseren Schüler und verbin-den auch selber den schulischen Erfolg nicht mit Klugheit, sondern mit Fleiß. Wel-chen Denkauftrag erkennt darin Frau Adelheid Müller-Lissner? Sie will ergründen, ob diese Benachteiligung biologisch oder sozialisatorisch zu erklären sei, aber bei der biologischen Variante hält sie sich gar nicht erst auf, sondern wendet sich gleich der sozialisatorischen zu und wird dort auch fündig: Weil Mädchen früher reifen, wird 'mehr von ihnen verlangt'.

Wie wär's mit folgenden Denkversuchen: Weil Jungen ungestümer und weniger angepasst sind, traut man ihnen größeren Einfallsreichtum zu - ?

Jungens haben mehr Einfälle, darum sind sie ungestümer und weniger angepasst.

Jungen sind klüger, aber das nützt ihnen nichts; belohnt werden Fleiß und Anpas-sung, damals wie heute.

Weil Jungen ungestümer und unangepasster sind, ließ man ihrer Erziehung Jahrtau-sende lang mehr Sorgfalt angedeihen: mit Stock und Riemen; mann hat eben weni-ger von ihnen verlangt. Daher sind sie selbstbewusster, Mädchen wurden vernach-lässigt und sind bescheidener. 



Frau Müller-Lissner, lesen Sie Ihre gegenderte Seiche eigentlich nochmal durch, bevor Sie sie bei Ihrer RedaktionIn abgeben? Und - wichtiger - liest Ihre Redak-tionIn sie durch, bevor sie sie in den Druck gibt?!
JE, in einem Kommentar am 1. 2. 2017

Dienstag, 24. März 2026

Diskursiv oder anschaulich.

                                                                   aus Ästhetik: Rohentwurf.

Es gibt ‚Gehalte’ des Erlebens, die – jedenfalls innerhalb derselben Kultur – einem jeden bekannt sind und über die er darum mit jedem andern sprechen kann, sofern sie sich über deren Benennung einigen. Sofern sie sie also gemeinsam ‚bezeichnen’ können; ohne daß nur einer von ihnen imstande wäre, den exakten Ort anzugeben, den sie im beweglichen System („Sprachspiel“) all der andern ‚gültigen’ Namen ein-nehmen – weil sie anscheinend gar nicht darinnen liegen, sondern irgendwo an sei-ner Grenze. Das sind, mit einem altertümlichen Wort zu reden, Existenzialien, die dem je individuellen Leben gewissermaßen als vorausgesetzt begegnen („Urphäno-mene“, nach Goethe); wie z. B. Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Verzweiflung, Schuld, Schönheit, Glück, Ehre und Anstand. (Übrigens auch Komik und... Wis-sen.) Ein jeder für sich ‚weiß, was gemeint ist’; nur sobald er es einem andern er-klären soll, dann geht es ihm wie Augustinus mit der Zeit: Er kann es nicht sagen. Und je kritischer der Geist, der im öffentlichen Diskurs waltet, umso mehr neigen die ‚existenziellen’ Begriffe dazu, aus dem aktiven Wortschatz ganz zu schwinden. 


Daß sie sich seit drei Jahrtausenden – seit das Definieren begonnen hat – der Defi-nition widersetzen, zeigt an, daß sie zur Exposition in diskursiver Wissenschaft nicht taugen. Sie können allenfalls in Bildern gezeigt und in Mythen erzählt werden, denn sie sind uns nie positiv gegeben, sondern immer als Problem. Wir ‚haben’ sie nicht, sondern wir ‚meinen’ sie nur. Das ist dann auch eine Form von Wissen (oder ‚Gewärtigkeit’), aber eben nicht Wissenschaft, sondern Kunst. Die Kunst „erscheint, als hätte sie gelöst, was am Dasein Rätsel ist“, steht bei Th. Adorno. Sie ist nicht das Leben, und sie ‚dient’ ihm auch nicht wie die Wissenschaften. Sondern sie stellt es dar – als sein Anderes, an dem es ‚sich selbst erkennt’. Ob nämlich ihre Verheißung nur eine Täuschung ist, sei selber ein Rätsel, fügte Adorno hinzu. Sie ist eine Lüge, nach Picasso, an der die Wahrheit deutlich wird. Das immerhin hat die Kunst mit der Wissenschaft gemein: daß sie das Andere des Lebens ist. „Wissenschaft ist Kunst, aber Kunst ist nicht Wissenschaft“, fand der ungarische Musiker Sándor Végh. Und wenn das Leben ‚bestimmt’ werden sollte (was es aber nicht nötig hat), so wäre es nur zu bestimmen als das Andere dieses Anderen. 

Bislang: Das Leben ist Arbeit [s. 4., Schluß]: bestimmt als Bestimmen. Aneignung der Welt, Ökonomie, Begreifen. Ist nun die Arbeitsgesellschaft am Ende? Je weni-ger ‚bestimmt’ die Welt nun ist, umso weniger erscheint der irreduzible Rest als unbestimmt! Umso weniger rätselhaft erscheint die Welt – nämlich was „an ihrer Grenze liegt“. Weniger rätselhaft – weniger ‚ästhetisch’? Ein Zeitalter der Neuen Anästhetik? (Schwätzer W. Welsch) 

Oder auch: Was dem „System“ zu Grunde liegt, kommt im System nicht vor. Von „darinnen“ kann man sich seiner nur so eben noch „erinnern“ (anámnesis), eigent-lich: eräußern. Und zwar nicht so, als ob es einmal ‚da’ gewesen wäre und dann ver-loren ging, sondern wie wenn es wohl präsent, aber doch nicht gegeben ist. „Es“ hat dich mehr, als du „es“ hast; méthexis. Es ist das, worauf alles Andere deutet; sozusagen „die Bedeutung selbst“, vulgo Sinn des Lebens – worum es nämlich „allem Wissen zu tun ist“, welcher Modalität es auch sei. Da es den Begriffen zu Grunde liegt, kann es unter dieselben nicht gefaßt werden. Man kann es nur in Bildern „sehen lassen“ oder Geschichten davon erzählen. Das ist auch ein ‚Wissen von...’, aber ein anschauliches. 

Daß der Alltag, alias Werktag und materieller Verkehr der Menschen, in der „post-industriellen“ („Medien“-) Gesellschaft „remythisiert“, also neu „verzaubert“ würde – glaubt das jemand im Ernst? Nein, der Alltag schrumpft, nimmt weniger Platz ein im Leben, er wird weniger. Und mit ihm schrumpft die Erwachsenheit der Men-schen. Wogegen der Sinn des Lebens bedeutender wird, nämlich unmittelbarer be-deutend. Das tägliche Leben wird unalltäglicher. Nicht, daß die Figuren, in denen vom Sinn des Lebens erzählt wird, unästhetischer würden. Nur wird ihre anschau-liche Gegebenheitsweise nicht mehr in aggressivem Gegensatz stehen zum diskur-siven Verstand; weil der jetzt weiß, wo er hin gehört und wohin nicht.

[Pädagogik ist Kunst und nicht Wissenschaft. Sie ist eine ästhetische Praxis und wo sie glückt, rechtfertigt sie sich aktual - hier und jetzt und anschaulich. Dabei ist sie nicht „das Leben“. Denn das, was sie in ihren Bildern zeigt und in ihren Mythen erzählt, ist nicht das Leben selbst, sondern - sein Anderes; ein Rätsel, an dem es kenntlich wird. Dies Rätsel hat die Pädagogik den Menschen zu vergewärtigen, solange sie in dem Alter sind, wo sie dafür noch Muße haben und das Rätsel noch lockt. Denn hinterher ist es zu spät.] 

Der Grund des Lebens ist problematisch: eine (unendliche) Aufgabe – nämlich eine, die sich dadurch „auszeichnet“, daß sie nie gelöst ist; „bestimmbar“ nur als Rätsel. – Geführt werden kann das Leben immer nur „so, als ob“ das Rätsel all-bereits gelöst sei. Von diesem Als-ob gibt die Kunst uns ein Bild: „Schönheit“. Die moderne Kunst -  als die 'zu ihrer Bestimmung gelangte' - zeigt zugleich, daß ihre Lösungen Schein sind. Je positiver das Zeitalter, umso problematischer („subver-siv“, „kritisch“) seine Kunst: 19. Jahrhundert! Mit der Romantik kommt das Schö-ne in Verruf – als etwas, das die Kunst zu entlarven habe. – Am Ende des 20. Jahr-hunderts scheint – mit der „Postmoderne“ – die Kunst diesen ihren positiven Wi-derpart verloren zu haben: Weder „Das Rätsel ist gelöst“, noch wird die schöne Lö-sung denunziert; sondern: J'm'en fous, anything goes! Es gibt gar keine Rätsel für die, denen eh’ alles wurscht ist. 

Daß nicht alles wurscht ist, kann mittlerweile nur die Kunst zeigen. Oder auch, das Leben läßt sich nur ästhetisch rechtfertigen. 

 

Nachtrag. Obiges habe ich um die Jahrtausendwende aufgeschrieben. Da hatte ich mich noch lange nicht erkühnt, die Wege der Transzendentalphilosophie nachzu-gehen. 

Alle Philosophie, meinte Wittgenstein zunächst, sei Sprachkritik. Um sich später dahin zu korrigieren, die könne nur den Weg bereiten: Philosophie dürfe man "eigentlich nur dichten".* Ich hatte mich soeben in ästhetische Fragen verstrickt und war zu der Auffassung gelangt, Ästhetik könne man nicht theoretisch, sondern allein kritisch betreiben. Das hat sich im obigen Text noch nicht recht niederge-schlagen, er spricht im blumigen Stil des Feuilletons; in Bildern, wie es der literari-schen Kritik frommt, und nicht in Begriffen. Kunstkritik ist selber Teil des Kunst-betriebs.

Die Frage, welche Stelle dem Ästhetischen im Gesamtbestand unserer Welt-An-schauung zukommt, ist allerdings nicht durch Stilblüten zu entscheiden, sondern mit der Schärfe des Begriffs. Philosophie ist ihrerseits wissenschaftlich nur als Kritik, nämlich als Transzendentalphilosophie. 

So kann ich selbst bezeugen, was mein Gewährsmann postuliert: Einen Übergang vom gemeinen zum transzendentalen Standpunkt gibt es wirklich - es ist das Ästhe-tische. 

*) Vermischte Bemerkungen, Ffm. 1994, S. 58 

  

 
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Montag, 23. März 2026

Die Datifizierung der Wirklichkeit


 
aus spektrum.de, 20. 3. 2026                                                                         

»Kritik der Digitalisierung«
Die Datifizierung der Wirklichkeit
Unser Leben wird immer mehr von Prozessen bestimmt, die wir nicht durchschauen. Zeit für einen philosophischen Blick auf die Digitalisierung.


von Stefan Höltgen

Habe ich es mit menschlichem Tun oder einem maschinellen Prozess zu tun? Stammt dieser Text aus einem Gehirn oder einem künstlichen neuronalen Netz? Wurde dieses Bild fotografiert oder generiert? Dank der so genannten Digitalisierung haben wir es mit völlig neuen Phänomenen und Praktiken zu tun, die zwar unser Leben bestimmen, die wir aber nicht durchschauen. Und während IT-Unternehmen eine neue Technologie nach der anderen auf uns loslassen, bleibt uns kaum Zeit, über deren Wesen, Herkunft und Folgen zu reflektieren. In »Kritik der Digitalisierung« nimmt sich der Philosoph Daniel Martin Feige dieser Herausforderung an. 

Wenn aus Leben Daten werden

Philosophie ist stets auch »Arbeit am Begriff« – so hat es Theodor W. Adorno einmal formuliert, auf den sich der Autor vielfach beruft. Und so geht es Feige darum, neue Begriffe – oder alte, die durch Informationstechnologien neu gefasst wurden – zu hinterfragen. Denn, so Feige, allzu oft stünde hinter Begriffen wie »Digitalisierung«, »künstliche Intelligenz« oder »Computerkunst« eine Agenda mit einem Menschenbild, das im Widerspruch zum Verständnis des Menschen als vernunftbegabtem und sich seiner selbst bewusstem Wesen stehe. Feige, für den dieses aufklärerische Ideal ein Leitmotiv bleibt, reflektiert Begriffe wie diese technik- und philosophiegeschichtlich. Das ist keine leichte Lektüre – doch scheint die Komplexität seiner Argumentation angesichts der »gesamtgesellschaftlichen Transformation […], die Arbeit, Zusammenleben und Gegenständlichkeit« (S. 7) durch die Digitalisierung erfahren, gerechtfertigt.

Kritik der Digitalisierung
Daniel Martin Feige
Kritik der Digitalisierung
Technik, Rationalität und Kunst
Verlag: Meiner, Hamburg 2025, 185 S.
ISBN: 9783787347209 | Preis: 19,90 €

Aber was bedeutet »Digitalisierung«? Feige zufolge ist sie nicht bloß die Vollendung eines Prozesses, der vielleicht schon mit Aristoteles’ zweiwertiger Aussagenlogik begonnen hat. Ein solch teleologisches Verständnis würde einen beträchtlichen Teil der Kulturgeschichte zum Vorspiel der Digitalisierung degradieren, und der Transhumanismus wäre das nächste notwendige Etappenziel dieser Entwicklung. Vielmehr nimmt Feige den besonderen Charakter der Digitalisierung ernst, wenn er betont, dass digitale Technologien unsere Lebens- und Arbeitspraxis neu fassen. Sie transformieren das analoge Leben in Daten, machen es so scheinbar speicherbar, übertragbar und berechenbar: »Informations- und Kommunikationstechnologien unterziehen unsere Praxis einer Neuformatierung im Geiste der Digitalisierung.« (S. 38)

Wie die KI-Debatten das Menschenbild verändern

Als charakteristische Merkmale dieser Neuformatierung benennt Feige »Blackboxing«, »Datifizierung« und »Alterisierung«. »Blackboxing« meint das Unsichtbarwerden der Ebenen, auf denen unsere Daten verarbeitet werden – wir sehen lediglich ihre Oberflächen. Damit sei nicht bloß eine Geheimniskrämerei von IT-Firmen gemeint, »Blackboxing« sei vielmehr konstitutiv für unser Verhältnis zu digitalen Technologien: Wer kann schon nachvollziehen, was genau sich in einem Computer oder Smartphone vollzieht? »Daten sind die Lingua franca der Digitalisierung«, betont Feige (S. 42 f.), und »Datifizierung« beschreibe die dafür notwendige Reduktion des Analogen zum Zwecke seiner Komputierbarkeit – also für das, was Digitalisierung im technischen Sinne bedeute. Dies führe zur »Alterisierung« der digitalisierten Wirklichkeit: Auf der Ebene der Daten erscheinen alle Phänomene gleichartig – und werden zum Beispiel zu digitalen Objekten, die man handeln kann.

Im zweiten Kapitel hinterfragt Feige den Begriff der »künstlichen Intelligenz« und damit eine der relevantesten Entwicklungen unserer Zeit. Kaum eine technologische Neuerung der jüngeren Vergangenheit hat derart viele kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen angestoßen. Begriffe wie »Bewusstsein« und »Emotion«, die genuin Menschliches bezeichneten, wurden Feige zufolge im KI-Diskurs einem »conceptual engineering« unterworfen; ihr Sinn wurde verändert – mit erheblichen Konsequenzen für unser Menschenbild. Feige rekonstruiert diese Debatte von ihren Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Er zeigt dabei, wie immer wieder versucht wurde, Sprache zum alleinigen Gradmesser für Intelligenz zu machen (weil Computer nur symbolische Daten verarbeiten können), merkt aber zugleich an, dass man eigentlich nicht von »Sprache« reden könne, wenn ihr keine Überzeugungen und Wünsche zugrunde lägen, sondern bloß von »Textgenerierung«.

Künstliche Intelligenz spricht nicht und macht keine Kunst

Feige betont, dass eine künstliche Intelligenz kein vernünftiges Wesen sein könne, denn dazu bedürfe es eines begrifflichen Verständnisses von Selbst und Welt. KI-Anwendungen erfassten die Welt dagegen wie ein »forensisches Instrument durch die Sammlung von Daten oder die Applikation festverdrahteter Schlussschemata [, die] weitere Daten produziert.« (S. 77). Durch die schieren Datenmengen und die enorme Effizienz ihrer statistischen Korrelation erscheinen uns »Large Language Models« (LLM) vielleicht als sprechende Computer – seien jedoch bloß »stochastische Papageien«, wie es die Linguistin Emily M. Bender 2021 formuliert hat.

Vor allem fehle der KI praktisches Wissen. Damit ist gemeint, »dass ich im Vollzug meiner Handlung darum weiß, was ich hier tue, und zugleich den Zusammenhang der Handlungsphasen praktisch als Verwirklichung eines Zwecks begreife.« (S. 87) Weil Sprache auch (kommunikative) Handlung ist, könne ein textueller Austausch mit einem LLM stets nur die Simulation eines Gesprächs sein. Schließlich koppelt Feige die Fähigkeit zu denken und zu handeln – auch philosophiegeschichtlich – an den Begriff des Lebens: Ein rationales Lebewesen zu sein, bedeute, Praktiken vollziehen zu können, die außerhalb biologischer oder evolutionärer Erklärungen in unserer »zweiten Natur« lägen.

Der dritte Teil befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst und Digitalisierung. Hier fordert Feige zunächst einen Begriff von Autorschaft, der den Menschen mit seinen bewussten Entscheidungen und seiner Autonomie ins Zentrum stellt. Kunst fungiere als Reflexionspraxis und werde als Handlung verstanden, über die im Sinne der Kunstkritik verhandelt werden kann. Daher müsse hinter einem Kunstwerk ein Mensch stehen, der Intentionen habe und das Werk als Ausdruck seiner geistigen Tätigkeit darstelle. Künstliche Intelligenz könne daher prinzipiell keine Kunst hervorbringen. Gleichzeitig erkennt Feige an, dass Computerkunst durchaus geeignet sein kann, sinnvolle Debatten – zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und digitalen Medien – anzustoßen, »gerade weil hier die partielle Fremdheit dessen, was sie generiert, anschlussfähig ist an die konstitutive Fremdheit künstlerischer Gebilde«. (S. 12)

Daniel Martin Feiges kaum 200 Seiten umfassende »Kritik der Digitalisierung« ist keine leichte Kost. Denn Feige hat nicht einfach ein antidigitales Pamphlet verfasst, sondern argumentiert differenziert und ist dafür tief in die Technik- und Philosophiegeschichte eingestiegen. Dennoch vertritt der Autor eine klare Position, die sich in der Nähe von Adornos Kritik an der Kulturindustrie ansiedeln lässt. Wer seine Argumentation kritisieren möchte, muss gute Gegenargumente formulieren, um einen anderen Blick auf die Technik- und Philosophiegeschichte sowie die besondere Stellung des Menschen in der Welt begründen zu können.

Kritik der Digitalisierung« ist eine wichtige und philosophisch fundierte Auseinandersetzung mit den Technologien, Konzepten und Begriffen, die unser Leben heute prägen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird über »Digitalisierung« oder »künstliche Intelligenz« sicher präziser denken und sprechen können als vor der Lektüre.

 

Nota. - Dem Computer fehlt nicht nur ein Begriff von Selbst und Welt, sondern dass er selber kein Selbst in einer Welt ist. Eine Welt ist keine endliche Summe digitaler Informationen auf einer elektronischen Lochkarte, sondern der Ort, wo ein Organismus tagtäglich zehntausende große und kleine Entscheidungen zu fällen hat, um darin überleben zu können. Diese Entscheidungen stehen ihm sämtlich frei, und was durch Freiheit möglich ist, ist praktisch. Der Computer steht für keine seiner Entscheidungen ein, und auch sich selbst zerstören könnte er nur aus Versehen - und fände nicht einmal Gelegenheit, es zu bedauern.

Dass Kunst übrigens als Reflexionspraxis oder als sonstwas "fungiere", will ich ausdrücklich bestreiten. 
JE 

 

Der aufrechte Gang und die Welt-Anschauung.

W. Busch                                                 z u Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem Dass erst unser aufrechter Gang un...