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Samstag, 17. Februar 2024

Wissenschaft im Zeitalter der Vernunft.

  Wolfgang Dirscherl, Pixelio.de                              zu Philosophierungen

Der Siegeszug der Wissenschaften im 17. Jahrhundert sei "das politische Ereignis par excellence" gewesen, schrieb ich andernorts, er hat im Reich der Parteienkämp-fe ein - kontinuierlich wachsendes - Feld geschaffen, wo nicht länger der Stärkere entscheidet, sondern der geprüfte Grund.
 
Wenn auch faktisch die Physik die treibende Kraft war, betraf diese 'Wissenschaft-liche Revolution' nicht bloß die Naturwissenschaften im Besondern, sondern die Geisteshaltung einer ganzen Zivilisation: Als rational gilt seither nur noch solche Erkenntnis, die eine Er-scheinung als Wirkung einer Ursache darstellen kann; und zwar ein geschichtliches Ereignis nicht minder als ein Laborexperiment. Auch poli-tische Probleme sollten seither, so weit irgend möglich, durch Vernunft lösbar sein, ohne Waffen. (Der Aufstieg der Wissenschaften begann nach dem Ende des 30jäh-rigen Kriegs und der englischen Revolution - in der Hoffnung auf ewigen Frieden, nachdem die Religion Ewige Zwietracht gesät hatte.)

Allerdings beschränkte er sich auf den (seither stets wachsenden) engen Kreis der Gelehr-ten.



Dass es sich im Besondern um Naturgesetze handeln sollte, wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts deutlich,
als die Siege der Exakten Wissenschaften in Gestalt der technisch-industriellen Revolution auch den Durchschnittsmenschen anzugehen be-gannen. Dass es für alles einen hinreichend Grund geben müsse, scheidet seither den gesunden Menschen-verstand von allen Arten des Irrsinns. (Und seither gewin-nen die 'Geisteswissenschaften' ihr eigenes Profil, weil sich sich gegen die 'harten' Fächer legitimieren müssen.)

Doch das Dogma der Kausalität ist inzwischen zu einem - pragmatisch vertretbaren - Aberglauben des Gesunden Menschenverstands herabgesunken; es begann mit den Revolutionen der Thermodynamik und hat mit der Quantenphysik einen einst-weilen Höhe-, aber längst keinen Schlusspunkt gefunden.

Dass die exakten alias 'Natur'-Wissenschaften an ihren Grundlagen zu zweifeln be-ginnen, ist löblich, aber auch das mindeste, was man erwarten darf. Nun wenden sie sich in neuer Bescheidenheit an die 'weiche' Philosophie zurück. Wobei sie viel Zeit sparen können, wenn sie sich erinnern, dass die Philosophie ihnen schon vor zwei-hundert Jahren in Bescheidenheit vorangegangen ist und sich mit Kants Kopernika-nischen Wende selber die Schranken gezogen hat, die sie von den Realwissenschaf-ten trennen - und die Realwissenschaften von ihr! Erkenntnisfortschritt können beide nur erhoffen, wenn sie die Schranken klug beach-ten und nicht wieder alles miteinander verrühren. Wenn ihr Interesse eben der Andersheit des andern gilt und sie Konsens und Gemeinsamkeit den profanen Alltagsmenschen über-lassen.

25. 6. 16;  zu Ist die Geschichte der Wissenschaft die wahre Geschichte der Menschheit?

Sonntag, 14. Dezember 2025

Krise des Westens - ein Problem der Psychostruktur...

Von einem «Ende der Geschichte» kann keine Rede sein. «Der runde Turm» von Giovanni Battista Piranesi.Piranesi, Der runde Turm
aus nzz.ch, 15. 10. 2024                                                                                              zu öffentliche Angelegenheiten
 
Die westliche Wert- und Weltordnung erodiert auf vielen Ebenen – die Zeit zum Gegensteuern läuft ab
Der Westen befindet sich in einer intellektuellen und geistigen Krise: Wissen wird nicht mehr verinnerlicht, Wahrheiten werden erfühlt, Selbstwiderspruch stört nicht mehr, Diskursverweigerung nimmt zu. Es sieht nicht gut aus für den Fortbestand von Freiheit und Demokratie.
 
von Dietmar Hansch
 
Der Fortschritt der Menschheitsgeschichte basiert auf dem allmählichen Erstarken der Rationalität. In der Moderne gewann der Geist der Vernunft die Oberhand über die archaischen Instinkte, die unser Verhalten im Dienste von Art- und Machterhal-tung seit Urzeiten prägten. Dank der Aufklärung und mit den Mitteln von Revolu-tion und Reform gelang es den europäischen Gesellschaften zunehmend, Eigen- und Gruppeninteressen den Prinzipien von Moral und Gesetz zu unterstellen.

Die Epochenwende von 1989 brachte mit dem Ende des real existierenden Sozia-lismus einen Triumph des Freiheits- und Gerechtigkeitsgedankens, was manche veranlasste, vom «Ende der Geschichte» zu sprechen. Danach schien das Prinzip der wissenschaftsbasierten, rechtsstaatlich verfassten liberalen Demokratie weltweit konkurrenzlos gesiegt zu haben.

Flexible Zusammenschlüsse

Während der vormoderne Mensch fest in die Netzwerke von Clans und Stämmen integriert war und sein Verhalten streng nach deren Erfordernissen ausrichtete, de-finiert sich der moderne Mensch als Individuum, das seine persönlichen Fähigkeiten zu entwickeln trachtet, einen analytischen Geist ausbildet und sein Verhalten ratio-nalen Prinzipien unterwirft. Diese modernen Individuen lösen sich in der Neuzeit aus den starren, auf genetischer Verwandtschaft basierenden Sozialstrukturen, wer-den mobil und bilden zunehmend Institutionen durch flexiblen und freiwilligen Zusammenschluss nach den Erfordernissen des Geistes, in Form von Städten, Zünften, Universitäten, Unternehmen, modernen Staaten.

Dieser Prozess wurde entscheidend gefördert durch die Ehe- und Familienpolitik der katholischen Kirche: Verbot von Viel- und Verwandtenehe, Förderung der mo-nogamen Kernfamilie mit entsprechenden Erbschafts- und flexiblen Wohnsitznor-men, Förderung einer geistig-religiös begründeten Identität. Ebenso bedeutsam war die Förderung von Alphabetisierung und allgemeiner Lesekultur durch den Prote-stantismus: Jeder Christ war angehalten, die Bibel selbst zu lesen.

All dies und der langsam in Gang kommende technologische Fortschritt traten in ein Verhältnis wechselseitiger Verstärkung – mit tiefgreifenden Konsequenzen für Gehirnfunktion und Psychologie. Selbstdisziplin und Arbeitsethik verbesserten sich. Die Regeln von Logik und Wissenschaftlichkeit wurden erkannt und gelernt.

Es gelang zunehmend, den Denkraum von ausserrationalen Einflüssen wie Instink-ten und Emotionen abzuschirmen. Durch Wissensaneignung entstanden umfassen-de innere Modelle, welche die äussere Lebenswelt in immer mehr Facetten abbil-deten und komplexe Abwägungsentscheidungen in Bezug auf das Gesellschafts-ganze ermöglichten. Theoretische und diskursive Kompetenz entwickelten sich: Dem entwuchs das Bewusstsein, dass der Einzelne perspektivisch beschränkt ist und die Welt immer nur in unvollständigen mentalen Modellen zu erfassen vermag, die niemals ein absolut wahres Abbild der gesamten Realität liefern.

So wurde es möglich, sich in den anderen hineinzuversetzen, um im gewaltfreien Diskurs kreativ mit Meinungen umzugehen und sachlichen Erkenntnisfortschritt zu erzielen.

In dieser Entwicklung kam immer mehr zum Tragen, was die Psychologie als Kohä-renzgefühl bezeichnet. Menschen geniessen kohärente Abläufe desto mehr, je kom-plexer und stimmiger sie geraten. Finden lässt sich das beispielsweise im Erleben einer Gruppe, die im Gleichtakt und unter pulsierendem Licht zu Musik tanzt. Das gilt auch im Geistigen: Philosophen geniessen die Eleganz ihrer Gedankenfiguren, Physiker erleben ihre Theorien als schön. Solch subjektive Kohärenzorientierung hat sich oft als guter intuitiver Wegweiser in Richtung objektiver Wahrheit erwiesen.

Im entwickelten Geist entsteht so eine intrinsische Motivation, die eigene Kohärenz immer weiter zu steigern, Unverbundenes zu verbinden und Widersprüche auszu-schalten. Kognitive Dissonanzen dagegen sind schwer auszuhalten. Von einem Sinnzusammenhang getragen zu sein, füllt den Menschen aus, macht ihn glücklich, ja sogar gesund.

Zeitalter der Unaufmerksamkeit

Die Pflege dieses Geistes hat nun zwei ganz zentrale psychostrukturelle Voraus-setzungen, die mit Mühe und Anstrengung verbunden sind. Es muss in grossem Umfang Wissen eingelernt und verinnerlicht werden. Weiter müssen die eingelern-ten Wissensteile im Inneren angepasst und kohärent integriert werden, was oft eigenkreative Ergänzungen erfordert.

Diese mühevolle und langwierige innere Arbeit kann nur gelingen unter der Bedin-gung existenzieller Abgesichertheit, der Verfügbarkeit von Zeit und der Pflege von Konzentration. Solches zu garantieren, ist die Aufgabe von Lehrkräften und Bil-dungseinrichtungen auf allen Stufen.

Allerdings ist es seit dem Siegeszug der Massen- und Konsumkultur, vor allem aber seit dem Aufkommen des Internets um diese Bedingungen nicht mehr zum Besten bestellt. Die Explosion digitaler Inhalte aller Art führt zu einer dramatischen Ver-knappung der Ressource Aufmerksamkeit. Klicks bedeuten im Cyberspace Geld, und diese werden durch Überreizung, Zuspitzung und Emotionalisierung generiert, was zu einem Tsunami von Ablenkung führt. Bewusst werden niedere biologische Instinkte angesprochen, was Kinder und Jugendliche in die Tiktok-Sucht treibt. Auf der Strecke bleiben die Seele und der Geist.

Doch auch wer sich bemüht, seriös mit dem Internet umzugehen, begibt sich in Gefahr: Die äussere Allverfügbarkeit des Wissens untergräbt die Lernmotivation, immer weniger Wissen wird eingelernt und verinnerlicht, Hektik und Ablenkung tun das ihre, um die innere Kohärenzbildungsarbeit zu behindern.

Wohlstandsverwöhnung schlägt Anstrengungsbereitschaft. Die zunehmend fehl-ende gesamthafte innere Repräsentation der Welt führt zu thematischen Veren-gungen und zur Unfähigkeit, komplexe Abwägungen in Graustufen zu treffen. Beides fördert die Neigung zum weltanschaulichen Extremismus.

Die Folgen haben sich schleichend in den letzten zwanzig Jahren entwickelt, sie sind mittlerweile dramatisch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen: Auf-merksamkeitsspanne, Konzentrationsfähigkeit und Selbstbeherrschung nehmen ab. Das Verständnis komplexer Texte sinkt, Jüngeren geht sogar die Grundfähigkeit für Lesen, Rechnen und Schreiben ab. Psychische Störungen nehmen seit längerem stark zu.

In den Geisteswissenschaften siegt zusehends Ideologie über Wissenschaft, Schwarz-Weiss-Denken hält Einzug, was einen Rückfall in den vormodernen Geist darstellt. Die Verabsolutierung von Opfer- bzw. Tätergruppen etwa bedeutet eine Abkehr vom universalistischen Individualismus und die Hinwendung zu Tribalis-mus, Clan- und Stammesdenken. Einzelaspekte, so sie denn politisch genehm sind, werden aus dem Kontext gerissen und fanatisch überhöht – etwa Fragen der Ge-schlechtlichkeit oder der Sprache. Auch die Klimabewegung leidet unter einer ex-tremistischen Verengung auf das Thema CO2-Reduktion, das in den Kontext ganz-heitlicher Kosten-Nutzen-Rechnungen gehört, um es mit den Folgen in anderen Bereichen abzugleichen: Energieressourcen, Wirtschaftsentwicklung, Armutsbe-kämpfung, Gesundheitsversorgung.

Verloren geht die Diskursfähigkeit, und es blüht der Narzissmus. Argumente wer-den durch Gefühle ersetzt. Was sich gut anfühlt, ist wahr, wer es anders sieht, wird beschimpft und ausgegrenzt. Während man für sich selber grösstes Verständnis einfordert, versagt man dem anderen die Empathie. Die Fähigkeit, seine Gefühls-welt von innen her, durch das Einnehmen von Gegenperspektiven, zu modulieren, geht verloren. Entsprechend laut wird der Ruf nach Schutz durch Regulierung und Gesetz.

Kognitive Dissonanz

In den unterkomplexen Innenwelten werden offenkundige Selbstwidersprüche entweder nicht mehr wahrgenommen oder nicht als störend empfunden: Im Na-men von Antidiskriminierung werden gezielt neue Gruppen diskriminiert; Queere stellen sich an die Seite von Terrororganisationen, die sie steinigen würden; fremde Kulturen werden vergöttert, die eigene Kultur wird verachtet; Antisemitismus kann es nur rechts geben, und Frauenrechte gelten überall, nur nicht in Iran und Afghani-stan; demokratisch gewählte Parteien werden im Namen der Demokratie aus dem politischen Prozess verbannt. Gar nicht zu reden von dem, was in den dunklen bis abgründig bösen Tiefen des Internets abläuft.

Die Kultur des Westens erodiert auf vielen Ebenen, und das verbindende Element ist die Selbstzerstörung des modernen Geistes, der die Bedingungen seines Gedei-hens nicht ausreichend zu begreifen und abzusichern versteht. In der Weltpolitik erleben wir schleichend den Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung. Vor-moderne Kräfte wittern Morgenluft: vom fundamentalistischen Islam über den chi-nesischen Ultranationalismus bis zum revanchistischen russischen Imperialismus. Sie alle riechen die Schwäche des Westens und haben längst einen hybriden Krieg gestartet, dessen Wahrnehmung sich viele im Westen aus Bequemlichkeit und Schwäche lieber verweigern.

Von einem «Ende der Geschichte» kann keine Rede sein. Die aufgeklärte westliche Welt muss vielmehr aufpassen, nicht selbst Geschichte zu werden. Um dem vorzu-beugen, muss der Westen sich auf seine Herkunft besinnen. Nur wenn wir verstehen, warum wir so erfolgreich geworden sind, besteht die Chance auf eine geistige Renaissance und eine Rückkehr in die Zukunft.

Dietmar Hansch ist Arzt, Psychotherapeut und Publizist. Bis 2023 leitete er den Schwerpunkt Angsterkrankungen an der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

 

Nota. -  Das geht ganz nüchtern an und man erwartet einen Beitrag des gesunden Menschenverstands. Doch nach und nach beginnts zu schwindeln, man denkt, man geräte in eine Parodie, und wer schon etwas betagter ist, fühlt sich vielleicht an den gottlob kurzlebigen Hoax von Lloyd de Mause's Psychohistory erinnert. 

Es beginnt mit einer ganz plausiblen Phänomenologie des souveränen bürgerlichen Subjekts, doch schon, wer sich zum Lesen ein klein' bisschen Zeit nimmt, fragt sich: Wie und warum? Springt das Subjekt wie ein Virus nach und nach von einem Indi-viduum auf das andere über, war das Zeitalter der Vernunft sozusagen ein epidemi-ologisches Ereignis? Es wird zwar an einer Stelle ein überindividueller Akteur bei-läufig erwähnt - die katholische Kirche -, aber als gesellschaftliche Instanz wird auch sie nicht identifziert. Es ist wie bei Max Weber: Die bürgerliche Mentalität erschafft eine bürgerliche Gesellschaft.

Und die war gut, wissen Sie noch? Überall gesunder Menschenverstand, da war die Welt noch in Ordnung. Die Zeit des Kalten Kriegs, nehm ich an, denn mit dem En-de des Realexistierenden fing das Elend an: Mit dem Siegeszug der Massen- und Kon-sumkultur, vor allem aber mit dem Aufkommen des Internets ging alles den Bach runter: Wohlstandsverwöhnung schlägt Anstrengungsbereitschaft, die Kultur des Westens erodiert auf vielen Ebenen, und das verbindende Element ist die Selbstzer-störung des modernen Geistes, der die Bedingungen seines Gedeihens nicht ausrei-chend zu begreifen und abzusichern versteht...

Ich reibe mir die Augen: Hatte sich der "moderne Geist" zwischendurch zu einem über individuellen autonomen Subjekt gemausert? Was ist aus ihm geworden, dass er nun sich selbst zerstört? Hat er sich seiner Schäfchen nicht genügend angenom-men, haben sie selber gar nicht Schuld?

*

Ach, er ist ja Psychologe... Dass die bürgerliche Gesellschaft das bürgerliche Subjekt hervorgebracht hat und dass es nunmal nicht über deren Schatten springen kann, darf er einkommensbedingt gar nicht in Erwägung ziehen.

Fehlt nur noch, dass er uns allen seine therapeutische Unterstützung andient.
JE,
16. 10. 24

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Krise des Westens - ein Problem der Psychostruktur...

Von einem «Ende der Geschichte» kann keine Rede sein. «Der runde Turm» von Giovanni Battista Piranesi.Piranesi, Der runde Turm
aus nzz.ch, 15. 10. 2024                                                                                              zu öffentliche Angelegenheiten

Die westliche Wert- und Weltordnung erodiert auf vielen Ebenen – die Zeit zum Gegensteuern läuft ab
Der Westen befindet sich in einer intellektuellen und geistigen Krise: Wissen wird nicht mehr verinnerlicht, Wahrheiten werden erfühlt, Selbstwiderspruch stört nicht mehr, Diskursverweigerung nimmt zu. Es sieht nicht gut aus für den Fortbestand von Freiheit und Demokratie.
 
von Dietmar Hansch
 
Der Fortschritt der Menschheitsgeschichte basiert auf dem allmählichen Erstarken der Rationalität. In der Moderne gewann der Geist der Vernunft die Oberhand über die archaischen Instinkte, die unser Verhalten im Dienste von Art- und Machterhal-tung seit Urzeiten prägten. Dank der Aufklärung und mit den Mitteln von Revolu-tion und Reform gelang es den europäischen Gesellschaften zunehmend, Eigen- und Gruppeninteressen den Prinzipien von Moral und Gesetz zu unterstellen.

Die Epochenwende von 1989 brachte mit dem Ende des real existierenden Sozia-lismus einen Triumph des Freiheits- und Gerechtigkeitsgedankens, was manche veranlasste, vom «Ende der Geschichte» zu sprechen. Danach schien das Prinzip der wissenschaftsbasierten, rechtsstaatlich verfassten liberalen Demokratie weltweit konkurrenzlos gesiegt zu haben.

Flexible Zusammenschlüsse

Während der vormoderne Mensch fest in die Netzwerke von Clans und Stämmen integriert war und sein Verhalten streng nach deren Erfordernissen ausrichtete, de-finiert sich der moderne Mensch als Individuum, das seine persönlichen Fähigkeiten zu entwickeln trachtet, einen analytischen Geist ausbildet und sein Verhalten ratio-nalen Prinzipien unterwirft. Diese modernen Individuen lösen sich in der Neuzeit aus den starren, auf genetischer Verwandtschaft basierenden Sozialstrukturen, wer-den mobil und bilden zunehmend Institutionen durch flexiblen und freiwilligen Zusammenschluss nach den Erfordernissen des Geistes, in Form von Städten, Zünften, Universitäten, Unternehmen, modernen Staaten.

Dieser Prozess wurde entscheidend gefördert durch die Ehe- und Familienpolitik der katholischen Kirche: Verbot von Viel- und Verwandtenehe, Förderung der mo-nogamen Kernfamilie mit entsprechenden Erbschafts- und flexiblen Wohnsitznor-men, Förderung einer geistig-religiös begründeten Identität. Ebenso bedeutsam war die Förderung von Alphabetisierung und allgemeiner Lesekultur durch den Prote-stantismus: Jeder Christ war angehalten, die Bibel selbst zu lesen.

All dies und der langsam in Gang kommende technologische Fortschritt traten in ein Verhältnis wechselseitiger Verstärkung – mit tiefgreifenden Konsequenzen für Gehirnfunktion und Psychologie. Selbstdisziplin und Arbeitsethik verbesserten sich. Die Regeln von Logik und Wissenschaftlichkeit wurden erkannt und gelernt.

Es gelang zunehmend, den Denkraum von ausserrationalen Einflüssen wie Instink-ten und Emotionen abzuschirmen. Durch Wissensaneignung entstanden umfassen-de innere Modelle, welche die äussere Lebenswelt in immer mehr Facetten abbil-deten und komplexe Abwägungsentscheidungen in Bezug auf das Gesellschafts-ganze ermöglichten. Theoretische und diskursive Kompetenz entwickelten sich: Dem entwuchs das Bewusstsein, dass der Einzelne perspektivisch beschränkt ist und die Welt immer nur in unvollständigen mentalen Modellen zu erfassen vermag, die niemals ein absolut wahres Abbild der gesamten Realität liefern.

So wurde es möglich, sich in den anderen hineinzuversetzen, um im gewaltfreien Diskurs kreativ mit Meinungen umzugehen und sachlichen Erkenntnisfortschritt zu erzielen.

In dieser Entwicklung kam immer mehr zum Tragen, was die Psychologie als Kohä-renzgefühl bezeichnet. Menschen geniessen kohärente Abläufe desto mehr, je kom-plexer und stimmiger sie geraten. Finden lässt sich das beispielsweise im Erleben einer Gruppe, die im Gleichtakt und unter pulsierendem Licht zu Musik tanzt. Das gilt auch im Geistigen: Philosophen geniessen die Eleganz ihrer Gedankenfiguren, Physiker erleben ihre Theorien als schön. Solch subjektive Kohärenzorientierung hat sich oft als guter intuitiver Wegweiser in Richtung objektiver Wahrheit erwiesen.

Im entwickelten Geist entsteht so eine intrinsische Motivation, die eigene Kohärenz immer weiter zu steigern, Unverbundenes zu verbinden und Widersprüche auszu-schalten. Kognitive Dissonanzen dagegen sind schwer auszuhalten. Von einem Sinnzusammenhang getragen zu sein, füllt den Menschen aus, macht ihn glücklich, ja sogar gesund.

Zeitalter der Unaufmerksamkeit

Die Pflege dieses Geistes hat nun zwei ganz zentrale psychostrukturelle Voraus-setzungen, die mit Mühe und Anstrengung verbunden sind. Es muss in grossem Umfang Wissen eingelernt und verinnerlicht werden. Weiter müssen die eingelern-ten Wissensteile im Inneren angepasst und kohärent integriert werden, was oft eigenkreative Ergänzungen erfordert.

Diese mühevolle und langwierige innere Arbeit kann nur gelingen unter der Bedin-gung existenzieller Abgesichertheit, der Verfügbarkeit von Zeit und der Pflege von Konzentration. Solches zu garantieren, ist die Aufgabe von Lehrkräften und Bil-dungseinrichtungen auf allen Stufen.

Allerdings ist es seit dem Siegeszug der Massen- und Konsumkultur, vor allem aber seit dem Aufkommen des Internets um diese Bedingungen nicht mehr zum Besten bestellt. Die Explosion digitaler Inhalte aller Art führt zu einer dramatischen Ver-knappung der Ressource Aufmerksamkeit. Klicks bedeuten im Cyberspace Geld, und diese werden durch Überreizung, Zuspitzung und Emotionalisierung generiert, was zu einem Tsunami von Ablenkung führt. Bewusst werden niedere biologische Instinkte angesprochen, was Kinder und Jugendliche in die Tiktok-Sucht treibt. Auf der Strecke bleiben die Seele und der Geist.

Doch auch wer sich bemüht, seriös mit dem Internet umzugehen, begibt sich in Gefahr: Die äussere Allverfügbarkeit des Wissens untergräbt die Lernmotivation, immer weniger Wissen wird eingelernt und verinnerlicht, Hektik und Ablenkung tun das ihre, um die innere Kohärenzbildungsarbeit zu behindern.

Wohlstandsverwöhnung schlägt Anstrengungsbereitschaft. Die zunehmend fehl-ende gesamthafte innere Repräsentation der Welt führt zu thematischen Veren-gungen und zur Unfähigkeit, komplexe Abwägungen in Graustufen zu treffen. Beides fördert die Neigung zum weltanschaulichen Extremismus.

Die Folgen haben sich schleichend in den letzten zwanzig Jahren entwickelt, sie sind mittlerweile dramatisch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen: Auf-merksamkeitsspanne, Konzentrationsfähigkeit und Selbstbeherrschung nehmen ab. Das Verständnis komplexer Texte sinkt, Jüngeren geht sogar die Grundfähigkeit für Lesen, Rechnen und Schreiben ab. Psychische Störungen nehmen seit längerem stark zu.

In den Geisteswissenschaften siegt zusehends Ideologie über Wissenschaft, Schwarz-Weiss-Denken hält Einzug, was einen Rückfall in den vormodernen Geist darstellt. Die Verabsolutierung von Opfer- bzw. Tätergruppen etwa bedeutet eine Abkehr vom universalistischen Individualismus und die Hinwendung zu Tribalis-mus, Clan- und Stammesdenken. Einzelaspekte, so sie denn politisch genehm sind, werden aus dem Kontext gerissen und fanatisch überhöht – etwa Fragen der Ge-schlechtlichkeit oder der Sprache. Auch die Klimabewegung leidet unter einer ex-tremistischen Verengung auf das Thema CO2-Reduktion, das in den Kontext ganz-heitlicher Kosten-Nutzen-Rechnungen gehört, um es mit den Folgen in anderen Bereichen abzugleichen: Energieressourcen, Wirtschaftsentwicklung, Armutsbe-kämpfung, Gesundheitsversorgung.

Verloren geht die Diskursfähigkeit, und es blüht der Narzissmus. Argumente wer-den durch Gefühle ersetzt. Was sich gut anfühlt, ist wahr, wer es anders sieht, wird beschimpft und ausgegrenzt. Während man für sich selber grösstes Verständnis einfordert, versagt man dem anderen die Empathie. Die Fähigkeit, seine Gefühls-welt von innen her, durch das Einnehmen von Gegenperspektiven, zu modulieren, geht verloren. Entsprechend laut wird der Ruf nach Schutz durch Regulierung und Gesetz.

Kognitive Dissonanz

In den unterkomplexen Innenwelten werden offenkundige Selbstwidersprüche entweder nicht mehr wahrgenommen oder nicht als störend empfunden: Im Na-men von Antidiskriminierung werden gezielt neue Gruppen diskriminiert; Queere stellen sich an die Seite von Terrororganisationen, die sie steinigen würden; fremde Kulturen werden vergöttert, die eigene Kultur wird verachtet; Antisemitismus kann es nur rechts geben, und Frauenrechte gelten überall, nur nicht in Iran und Afghani-stan; demokratisch gewählte Parteien werden im Namen der Demokratie aus dem politischen Prozess verbannt. Gar nicht zu reden von dem, was in den dunklen bis abgründig bösen Tiefen des Internets abläuft.

Die Kultur des Westens erodiert auf vielen Ebenen, und das verbindende Element ist die Selbstzerstörung des modernen Geistes, der die Bedingungen seines Gedei-hens nicht ausreichend zu begreifen und abzusichern versteht. In der Weltpolitik erleben wir schleichend den Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung. Vor-moderne Kräfte wittern Morgenluft: vom fundamentalistischen Islam über den chi-nesischen Ultranationalismus bis zum revanchistischen russischen Imperialismus. Sie alle riechen die Schwäche des Westens und haben längst einen hybriden Krieg gestartet, dessen Wahrnehmung sich viele im Westen aus Bequemlichkeit und Schwäche lieber verweigern.

Von einem «Ende der Geschichte» kann keine Rede sein. Die aufgeklärte westliche Welt muss vielmehr aufpassen, nicht selbst Geschichte zu werden. Um dem vorzu-beugen, muss der Westen sich auf seine Herkunft besinnen. Nur wenn wir verstehen, warum wir so erfolgreich geworden sind, besteht die Chance auf eine geistige Renaissance und eine Rückkehr in die Zukunft.

Dietmar Hansch ist Arzt, Psychotherapeut und Publizist. Bis 2023 leitete er den Schwerpunkt Angsterkrankungen an der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

 

Nota. -  Das geht ganz nüchtern an und man erwartet einen Beitrag des gesunden Menschenverstands. Doch nach und nach beginnts zu schwindeln, man denkt, man geräte in eine Parodie, und wer schon etwas betagter ist, fühlt sich vielleicht an den gottlob kurzlebigen Hoax von Lloyd de Mause's Psychohistory erinnert. 

Es beginnt mit einer ganz plausiblen Phänomenologie des souveränen bürgerlichen Subjekts, doch schon, wer sich zum Lesen ein klein' bisschen Zeit nimmt, fragt sich: Wie und warum? Springt das Subjekt wie ein Virus nach und nach von einem Indi-viduum auf das andere über, war das Zeitalter der Vernunft sozusagen ein epidemi-ologisches Ereignis? Es wird zwar an einer Stelle ein überindividueller Akteur bei-läufig erwähnt - die katholische Kirche -, aber als gesellschaftliche Instanz wird auch sie nicht identifziert. Es ist wie bei Max Weber: Die bürgerliche Mentalität erschafft eine bürgerliche Gesellschaft.

Und die war gut, wissen Sie noch? Überall gesunder Menschenverstand, da war die Welt noch in Ordnung. Die Zeit des Kalten Kriegs, nehm ich an, denn mit dem En-de des Realexistierenden fing das Elend an: Mit dem Siegeszug der Massen- und Kon-sumkultur, vor allem aber mit dem Aufkommen des Internets ging alles den Bach runter: Wohlstandsverwöhnung schlägt Anstrengungsbereitschaft, die Kultur des Westens erodiert auf vielen Ebenen, und das verbindende Element ist die Selbstzer-störung des modernen Geistes, der die Bedingungen seines Gedeihens nicht ausrei-chend zu begreifen und abzusichern versteht...

Ich reibe mir die Augen: Hatte sich der "moderne Geist" zwischendurch zu einem über individuellen autonomen Subjekt gemausert? Was ist aus ihm geworden, dass er nun sich selbst zerstört? Hat er sich seiner Schäfchen nicht genügend angenom-men, haben sie selber gar nicht Schuld?

*

Ach, er ist ja Psychologe... Dass die bürgerliche Gesellschaft das bürgerliche Subjekt hervorgebracht hat und dass es nunmal nicht über deren Schatten springen kann, darf er einkommensbedingt gar nicht in Erwägung ziehen.

Fehlt nur noch, dass er uns allen seine therapeutische Unterstützung andient.
JE

Mittwoch, 28. September 2022

Systematikers Cancel Culture.


aus nzz.ch, 28. 9. 2022

Philosophen schließen einen Kollegen von einer Tagung aus, weil er ein Manifest unterschrieben hat, das Vernunftkriterien nicht standhält.
Bei der deutschen Gesellschaft für Analytische Philosophie darf nur referieren, wer eine tadellose Lebensführung vorweisen kann. Was das heißt, entscheidet der Vorstand
.

von Maria-Sibylla Lotter

Heute gelten Philosophen auch nur als Menschen. Lang ist es her, dass die Philosophie eine der Weisheit gewidmete Lebensform war, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckte. Oder doch nicht? Der Vorstand der Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP) verlangt neuerdings von deren Vortragenden den Nachweis einer tadellosen Lebensführung nach einem Katalog von erkenntnisbezogenen Tugenden, den sich zwei Vorstandsmitglieder ausgedacht haben. Wer den nicht erfüllt, «muss draussen bleiben», haben sie in der «Deutschen Zeitschrift für Philosophie» erklärt.

Ein Witz? Mitnichten. Wer heute zu einer Podiumsdiskussion der GAP eingeladen wird, muss damit rechnen, dass nicht nur seine fachlichen Beiträge, sondern auch seine politischen Lebensäusserungen daraufhin geprüft werden, ob sie tugendhaft sind. Das erstreckt sich sogar auf Unterschriften unter die geistigen Ergüsse anderer. Wer einen untugendhaften Aufruf unterschreibt, und wer hätte nicht schon irgendwann in seinem Leben irgendeinen Bullshit unterschrieben, den man lieber nicht durchliest – für den Weltfrieden?, das Klima?, gegen Transphobie? –, muss draussen bleiben.

Der Erste, den das epistemische Tugendgericht zum Draussenbleiben verurteilte, war der Gründer der Gesellschaft für Analytische Philosophie selbst: Der international geschätzte Philosoph Georg Meggle wurde auf dem Kongress der GAP Anfang September von einem Kolloquium zur Wissenschaftsfreiheit wieder ausgeladen. Meggle verfügt über eine hohe fachliche Reputation. Er hat sich wie kein anderer deutscher Philosoph für die Streitkultur in Wissenschaft und Öffentlichkeit eingesetzt.

Nicht ganz so vernünftig

Anlässlich der Versuche von Behindertenverbänden in den 1990er Jahren, Vorträge des australischen Philosophen Peter Singer zu verhindern, war es ihm gelungen, die Protestierenden in einen offenen Austausch von Argumenten einzubinden, aus dem beide Seiten lernen konnten. Da von der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie damals keine Unterstützung gekommen war, hatte Meggle die Gesellschaft für Analytische Philosophie gegründet – ausdrücklich mit dem Ziel, die freie Debatte in den Wissenschaften zu verteidigen.

Warum also jetzt die Ausladung? Weil Georg Meggle 2021 den sogenannten Neuen Krefelder Appell «Den Kriegstreibern in den Arm fallen» unterschrieben hatte. Das war für den Vorstand der GAP nicht hinnehmbar, wie er in seiner Antwort auf Proteste von Fachkollegen gegen die Ausladung erläuterte: «Im gegebenen Fall liegt [...] auf der Hand, dass der besagte Text epistemische Standards unter allen plausiblen Präzisierungen verfehlt. Indem er die Verschwörungstheorien des Great Reset und der Nine-Eleven-Verschwörung propagiert und sich hinsichtlich der Pandemiepolitik ausgerechnet auf die notorische Desinformationsquelle der ‹World Doctors Alliance› beruft, verletzt er eklatant die Forderung der epistemischen Rationalität, die Überzeugungsbildung hinreichend von den verfügbaren Belegen abhängig zu machen.»

In der Tat. Wer den Appell kennt, kann sich nur an den Kopf fassen. Wie kommt ein so anspruchsvoller Denker wie Georg Meggle dazu, seine Unterschrift unter ein wirres querdenkerisches Anti-Nato-Pamphlet zu setzen? Doch die Erfahrung zeigt: Appelle werden selten unterschrieben, weil man den Inhalt nach sorgfältigster Prüfung aus rationalen Gründen völlig bejaht. Unterschriften sind manchmal auch Resultat einer emotionalen Anwandlung. Wer wird nicht gelegentlich von undifferenzierter Wut auf den Gang der Welt überwältigt und sucht nach Vereinfachung?

Auch die Vernunft ist eine Sklavin

Von Menschen in all ihrem Treiben wissenschaftliche Rationalität und Exaktheit zu verlangen, kann nicht gutgehen. Der Gesetzgeber wusste das glücklicherweise: Unser Recht auf Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum erstreckt sich im Unterschied zur Wissenschaftsfreiheit auch auf Blödsinn. Selbstverständlich sollte man in einer Demokratie gegenseitig Rationalität einfordern, sonst kann sie nicht funktionieren – da kann man dem Vorstand der GAP nur zustimmen. Aber eine Unterschrift unter einem wirren Pamphlet ist kein Grund, das Gespräch mit einer Person abzubrechen. Umso weniger, wenn sie so viel für eine rationale Debattenkultur geleistet hat wie Meggle.

Warum glaubt man, ausgerechnet den Gründer der GAP wegen politischer Irrationalität vom Gespräch ausschliessen zu müssen, als hätte er die Pest und könnte ansteckend sein? Vielleicht weil man unrealistische und irgendwie auch unmenschliche Erwartungen an die Rationalität einzelner Denker hegt. David Hume, der Philosoph der schottischen Aufklärung, kannte das Phänomen. Er führt es auf eine in der menschlichen Vernunft angelegte Selbstüberschätzung zurück: Der Philosoph, sagt Hume, glaubt die Dinge rein rational zu beurteilen. Im Unterschied zu seinen Mitmenschen, bei denen er sieht, dass ihre Erklärungen dazu dienen, das zu rechtfertigen, wonach ihr Herz strebt

In Wirklichkeit, so Hume, ist die Vernunft jedoch bei allen die Sklavin der Affekte. Philosophen machen da keine Ausnahme. Neuere empirische und neurologische Untersuchungen stützen diese These. Muss man deswegen an der menschlichen Vernunft verzweifeln? Keineswegs. Denn die Vorurteile und Verwirrungen anderer Menschen können wir erkennen, nur die eigenen nicht. Die anderen können einem aber auf die Sprünge helfen.

Die menschliche Vernunft, heisst das, funktioniert nicht monologisch, sondern nur im freien Austausch mit anderen, wie schon Kant feststellte. Unser geistiger Horizont verengt und erweitert sich mit der Debattenkultur. Deshalb sind wir auf Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum und auf eine freie, tabulose Debatte in den Wissenschaften angewiesen. Eine Unterschrift unter einem wirren Traktat sollte nicht Anlass eines Ausschlusses vom Gespräch sein. Sie sollte Anlass für eine kontroverse politische Debatte werden.

Vor zwanzig Jahren, bevor die Menschen immer tugendhafter wurden, wäre die Unterschrift ausgerechnet des Ehrenpräsidenten einer Philosophengesellschaft unter einem wüsten Appell Stoff zum Tratsch und für Witze gewesen – aber Anlass für die öffentliche Zurechtweisung des Kollegen und seine Ausladung von einem Kongress? Daran hätte man nicht im Traum gedacht. In diesem lange vergangenen Zeitalter nahm man es mit Humor, dass Menschen auch Blödsinn verzapfen. Oder unterschreiben. Und man ging selbstverständlich davon aus, dass Philosophen Interessantes zu Kolloquien beitragen können, auch wenn sie nur Menschen sind.


Maria-Sibylla Lotter ist Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum


Nota. - Ein Philosoph darf einen ungesunden Lebensstil pflegen und sogar einen sexisti-schen Witz erzählen, wenn er nicht grad auf seinem Pult steht oder einem Podium sitzt. Und umgekehrt ist ein öffentlicher Entertainer nicht schon zu weltpolitischen Betrachtun-gen qualifiziert, weil er sich einen Philosophen nennt.

Im übrigen bin ich angetan davon, dass wir in Deutschland eine Universität haben, die den Mut aufbringt, Ethik und Ästhetik beim selben Lehrstuhl anzusiedeln. Dies umso mehr, als die Professorin, die ihn besetzt, das Wort Humor in einem thematischen Zusammenhang gebraucht. Bochum, du hast meinen Glückwunsch!
JE



Montag, 26. Februar 2024

Presente!

Eine vitruvianische Idee vom Menschen: Skizze von Leonardo da Vinci, entstanden um 1490. 
aus nzz.ch, 26. 2. 2024                                                                                                       zu Philosophierungen

Stückwerk des Geistes 
Der Verfall von Großphilosophien kündet von der Formschwäche west-lichen Denkens, aber auch von der Demokratisierung des Denkens und Fühlens.
 
Die aufklärerischen Philosophien des Westens, welche die moderne Welt hervorgetrieben haben, stehen vor einem Trümmerhaufen. Was sich als universal verstand, wird heute als interessengeleitet denunziert. Das Erbe unserer Kultur steht auf dem Spiel und mit ihm die Idee der Menschheit.
 
von Peter Strasser  

Gibt es heute noch Großphilosophien? Man könnte Peter Sloterdijks «Sphären»-Trilogie (1998–2004) als solche bezeichnen. Aber die «Neuerzählung» der Mensch-heitsgeschichte fällt sich selbst in den Rücken: Eine sich verzettelnde Lust am Metaphorischen – die Sphären sind Kugeln, Blasen, Schäume – tritt an die Stelle des Versuchs, die Conditio humana in geistigen Prinzipien zu fundieren. 2013 erschien dann das Buch «Warum es die Welt nicht gibt» von Markus Gabriel. Mit dem Gestus des Großphilosophischen wird über die Welt als Ort von «Sinnfel-dern» nachgedacht. Doch wehrt dieser «Neue Realismus» jede Reflexion über den «Sinn des Ganzen» ab. Der Welt selbst, als dem Ort alles Seienden, sei nichts der-gleichen zuschreibbar...

Treten wir einen Schritt zurück. 1848: Friedrich Engels und Karl Marx wollten Hegel «vom Kopf auf die Füße» stellen. Für Hegel, den Idealisten, waren das Ganze und der Geist identisch. Marx hingegen sah in der Geistmetaphysik, verkörpert durch Sitte und Religion, die Rechtfertigung bestehender Ausbeutungsverhältnisse: Opium für das Volk. Laut dem historischen Materialismus blockiert der «Geist», als bourgeoise Ideologie, die kommunistische Revolution; vergeblich. Großphiloso-phien bleiben selten ohne blutige Utopie.

Doch bereits seit Hegels monumentaler Dialektik, die Arthur Schopenhauer als Galimathias, Aberwitz und Unsinn gegeisselt hatte, wurde immer deutlicher: Das Zeitalter der Grossphilosophien, die es unternahmen, die Welt, vom Atom bis zur Zivilisationsdynamik, aus angeblich selbstevidenten Prinzipien herzuleiten, war vorbei. Aber nicht ganz, ein letztes Aufbäumen stand bevor. Martin Heidegger wollte in seinem epochalen Werk «Sein und Zeit» (1927) das tiefe Denken retten, indem er es vor den Gegenwartsdiskursen – dem «Gerede» – in Sicherheit brachte. Sein Motto: Rettung der Philosophie durch Wiederbesinnung auf ihren Ursprung.

Fehlendes Fundament

Laut Heidegger bedurfte es eines Rückgangs zur griechischen Vorsokratik, die etwa von 600 bis 350 v. Chr. ihre Ursprungs-Lehren formulierte. Nur dadurch wäre es möglich, erneut eine Philosophie des Seins zu entwickeln – und damit auch die grundlegende Stellung des Menschen zu bedenken, der als einziges Wesen zur Seins-Erkenntnis fähig, aber keineswegs die alle Maßstäbe setzende «Krone der Schöpfung» sei. Heidegger behauptet, seine ursprungsphilosophische Grundlegung befreie von den humanistischen, den rationalistischen und idealistischen Einengun-gen.

Dass der Meisterdenker sich dabei in pathetischen Formeln ergeht – das Sein wird schließlich als «Seyn» in einen quasireligiösen Rang erhoben –, ist von Kritikern oft hervorgehoben worden: Aus dem Sein/Seyn als Urgrund der Welt lässt sich alles und nichts herauszaubern. Wir haben es, nüchtern betrachtet, mit einer großphilo-sophischen Leerformel zu tun, in welche alle möglichen Welterklärer ihre obskuren Gedanken hineinprojizieren können.

Wir leben in einer Zeit der Fragmentierungen des Geisteslebens, soweit die ideologischen Verwerfungen, die wir zurzeit durchleben, ein «Leben des Geistes» überhaupt zulassen.

Als Jürgen Habermas, linkshegelianisch geschult, 1968 sein Werk «Erkenntnis und Interesse» vorlegt, da ist der Geist gleichsam schon in die Brüche gegangen. Er hängt in seinen Leistungen ab von «transzendentalen Interessen»: Neben einem wissenschaftlich-technischen und einem hermeneutischen, dem wechselseitigen Verständnis dienenden Interesse existiert – bei Habermas entscheidend – ein Interesse, das auf die Emanzipation des Menschen, dessen Befreiung von aller Ausbeutung und Selbstentfremdung, gerichtet ist.

Bei alldem fehlt ein übergreifendes Prinzip oder Fundament, wie es noch der Fall war bei Kant («das Ding an sich»), bei Nietzsche («der Wille zur Macht»), bei Scho-penhauer («die Welt als Selbsterkenntnis des Willens») oder bei Heidegger («das Sein des Seienden»). Heute, nach einer stürmischen Phase der Sprachkritik, ist die akademische Zunft längst von allen philosophischen Welterklärungstheorien abge-rückt. Wir leben in einer Zeit der Fragmentierungen des Geisteslebens, soweit die ideologischen Verwerfungen, die der Westen zurzeit durchlebt, ein «Leben des Geistes» überhaupt zulassen.

In den ruhigeren akademischen Gewässern finden wir uns bei philosophischen Einzeldisziplinen wieder. Diese haben jeweils ihre eigenen Rayons und Regeln, ob es sich um Ontologie, Metaphysik, Erkenntnistheorie, Sprachanalytik, Ethik oder Sozialtheorie handelt. Nicht mehr wird beansprucht, eine umfassende Theorie allen Wissens oder der menschlichen Kondition zu bieten. Diese Selbstbescheidung im Umgang mit geisteserheblichen Themen passt in eine Welt der kulturellen Vielfalt. Deren «plurale» Gesinnung lehnt es ab, Philosophie als Nachfolgedisziplin einer religiösen Dogmatik zu betreiben.

Zerbrechlichkeit des aufgeklärten Denkens

Kein Zweifel, die Philosophie war, spätestens seit dem Durchbruch der neuzeit-lichen Aufklärung, die privilegierte Nachfolgerin der grossen religiösen Mythen, namentlich des Christentums – seiner Weltentstehungslehre, seiner Ethik und heilsgeschichtlichen Apokalyptik. In dieser Funktion blieb das Denken zurück-gebunden an Letztbegründungsmuster, was besonders den ethischen Universa-lismus des europäischen Denkens beflügelte. Christliches Naturrecht wurde schrittweise durch säkulare Prinzipien ersetzt, die beanspruchten, den Grundbe-dürfnissen und Untiefen der menschlichen Natur am besten zu entsprechen. Die Pflicht-, Tugend- und Glücksmoralen sollten allgemeingültige Formen des Zusam-menlebens ohne Rückgriff auf eine «übernatürliche» Ordnung ermöglichen.

Wir wissen heute um die Zerbrechlichkeit des aufgeklärten Denkens. Religionen prallen wieder mit voller Wucht aufeinander, die Vernunft wird denunziert, ja selbst die exakte Wissenschaft gerät in den Verdacht, von geldgierigen Mächten aus dem Hintergrund dirigiert zu werden. Im Übrigen konnten philosophische Großtheori-en das Böse nie effektiv zähmen, die menschliche Raffgier, Brutalität und Mordlust nicht wirksam stilllegen. Mit derlei «Theorien» wurden Tyranneien und brutale Großmachtbestrebungen großflächig gerechtfertigt und begrifflich unterbaut, bis hin zu Hitlers Rassen- und Welteroberungswahn.

Aber auch jene Haltung, die heute im Westen als posttraditionale Sensibilität vor-herrscht, scheint fragwürdig. Laut ihr sind die Lebensstile doktrinärer, frauenverach-tender, judenfeindlicher, homophober Kulturen strikt abzulehnen; und trotzdem sind wir gehalten, unsere ethischen Standards nicht absolut zu setzen, sondern jede Kultur aus ihrer eigenen Tradition heraus zu «verstehen». Der Berufung auf die un-verletzliche Würde und Gleichheit aller entspricht keine Menschheitsmetaphysik mehr, wie sie in Schillers Zeile anklingen mochte: «Alle Menschen werden Brüder», die «Schwestern» eingeschlossen.

Warum fehlen uns zunehmend Stärke und Mut, um die Prinzipien der aufgeklärten Vernunft, ob in der Wissenschaft oder der Ethik, philosophisch zu untermauern und ihre Umsetzung einzufordern? Vielleicht, weil wir noch immer einer Welt unge-bildeter, darbender und zum Fanatismus verführbarer Massen gegenüberstehen, die von monströsen Diktatoren und ihrem korrupten Anhang zu mörderischen Taten aufgehetzt werden, während wir, moralisch feinnervig wie niemals zuvor, unseren Eurozentrismus geißeln?

Für die Idee der Menschheit

Ein Hauptgrund unseres Hangs zur Kleingeistigkeit liegt zweifellos darin, dass – außerhalb des religiösen und naturrechtlichen Kontextes – das Selbstverständnis des Westens zusehends blasser geworden ist. Immer lauter melden sich individua-listische und egomanische Stimmen zu Wort. Man kann die Schlag- und Stichworte der neuen Moralisten nicht mehr ohne Beklemmung aussprechen: politische Kor-rektheit, neue Wachheit («Wokeness»). Stets sind wir zu wenig korrekt oder nicht «woke» genug. Auf diese Weise beschleunigen sich die Auflösungstendenzen unse-rer historisch vermittelten Einheit des Guten, Wahren und Schönen. Dieser Ero-sion haben all die Opportunisten und Querköpfe, welche die Massenmedien und das Internet fluten, nichts entgegenzusetzen als Tagespolemik.

Aber vielleicht – auch diese Perspektive zählt – ist das Ende der philosophischen Großtheorien, in denen sich der «Geist» gerne gottgleich manifestierte, eine not-wendige Folge der Demokratisierung des Denkens und Fühlens. Wer pragmatisch denkt, und zwar entlang der Grundbedürfnisse und Gefahren, die der menschlichen Natur innewohnen, wird eine Theorie der kleinen Schritte (Karl Poppers «piecemeal social engineering») befürworten. Fundamentalistische Weltbilder enden nicht selten beim Terror der Ideale, indem sie sich anheischig machen, das Wesen des Menschen zu befreien oder aber alle Menschlichkeit einer übermenschlichen Autorität zu op-fern. Und so hat das Stückwerk des Geistes seine eigene Humanität. Zwar verwei-gert es sich aller Heroik, aber es lässt uns immerhin leben.

Dessen ungeachtet dürfen wir, über alle «Love, peace and respect»-Rhetorik hinaus, nicht aufhören, unsere Stellung im Ganzen des Seins und Weltseins philosophisch, religiös und existenziell zu befragen. Wir dürfen, nach unserer Selbstreinigung von eurozentristischen Verengungen, nicht davon Abstand nehmen, uns auf die univer-salethische Tradition des Abendlandes zu besinnen. Denn wir benötigen ein geisti-ges Fundament, welches dem Sog der narzisstischen und neonationalistischen Verlockungen widersteht. Wenn wir das Erbe unserer Kultur, geformt aus antiker, christlicher und humanistischer Gesinnung, dauerhaft verspielen, dann opfern wir die Idee der Menschheit und versinken in den Egoismen der Kleingeistigkeit.

Peter Strasser ist Universitätsprofessor i. R. Er lehrt an der Karl-Franzens-Universität Graz Philosophie.

 

Postskriptum für Peter Strasser: Um groß geht es beim Philosphieren nicht, sondern um scharf. Radikal sein heißt, bei der Wurzel ansetzen. Einen Grund brauchen wir nicht, um zu einem Schluss zu kommen, sondern um uns die Richtung zu geben, in die es fortgehen soll. JE 

 

Nota. -  Dass ich mein System nur fragmentarisch darstellen konnte, gebe ich frei-mütig zu, und den Titel Großphilosophie beansprucht es nicht. Die Einsicht, dass dem zeitgenössischen Denken das Fundament fehlt, drängt sich jedem auf, der die gegenwärtigen Grundströmungen des westlichen Denken vergleicht, die philolo-gisch spitzenklöppelnden Kontinentalen und die definitorisch flohknackenden Sy-stematiker.

Ich habe auf deren Konjunktion nicht gewartet, ich schürfe seit vierzig Jahren am selben Ort nach einem Grund, und als ich auf einen festen Punkt gestoßen bin, hielt ich die Zeit für gekommen, dort mein Fundament zu legen - das ich aber von anderen auch schon vor-bereitet fand.

Da ich - ungern - den unsicheren Gang wagen musste, mein fragmentarisches Sys-tem ausschließlich im Internet vorzutragen, hat Peter Strasser meinen Weg nicht gekreuzt. Da bleibt mir nur, mich ihm so bemerkbar zu machen:

Ich bin da!
JE 

 

 

Samstag, 22. Juli 2023

Wie und was, oder begreifen und verstehen.

 analog/digital
aus nzz.ch, 22. 6. 2023                                                              zuJochen Ebmeiers Realien   zu Philosophierungen

Unbegreifliche Maschinen – die vier Gesetze der Maschinen-intelligenz
Mit der Entwicklung immer intelligenterer KI-Systeme scheint die Technik dem Menschen langsam, aber sicher zu entlaufen. Wir schaffen mit ihnen unsere eigenen Aliens. Not tut ein vertieftes Nachdenken über die Wechselwirkung von Mensch und Maschine.

von Eduard Kaeser

Wir bauen mit neuronalen Netzen einen neuen Maschinentypus: unbegreifliche Maschinen. Natürlich kennen die Designer den Aufbau eines Netzes. Die mathematischen Prinzipien seiner Architektur sind sogar erstaunlich einfach. Die Basiselemente, die «Neuronen», arbeiten nach bestimmten wohlformulierten Regeln der Transformation und Optimierung von Datenströmen. Aber das Ganze ist nicht durch ein Master-Programm gesteuert – ebenso wenig wie unser Hirn.

Und hier beginnt das Problem. Neuronale Netzwerke bestehen heute schon aus Milliarden von Parametern, die einen numerischen Input in einen numerischen Output verwandeln. Das heisst, das System entwickelt womöglich Prozeduren, die nur es selbst kennt. Der Designer hat begrenzten – wenn überhaupt – Einblick in das, was sich im Innern abspielt. Mit zunehmender Schichttiefe wird das Netz selbständiger: eine Black Box. Es manifestiert sich ein umgekehrtes Verhältnis von genauer Voraussage und Verstehbarkeit: Je fähiger das System zu exakter Voraussage ist, desto schwieriger ist es interpretierbar.

Drei Fragen

Spricht man von der Unbegreiflichkeit eines KI-Systems, stellt man gewöhnlich drei Fragen: Ist es steuerbar? Ist es vollständig beschreibbar? Ist es verstehbar? Alle drei Fragen haben eine Antwort in der Form von Gesetzen über komplexe Systeme.

Das erste stammt vom Neurokybernetiker William Ross Ashby: Um ein System erfolgreich zu steuern, brauchen wir einen Kontrollmechanismus, der mindestens ebenso komplex ist wie das System. Man könnte auch sagen: Ist ein System hinreichend komplex, kann nur es selbst sich steuern.

Das zweite Gesetz, benannt nach dem Mathematiker John von Neumann, lautet: Das einfachste Modell, ein komplexes System vollständig zu beschreiben, ist das System selbst. Jeder Versuch, das Systemverhalten in einem Formalismus zu vereinfachen, kompliziert die Sache nur.



Schliesslich das dritte Gesetz, vom Technikhistoriker George Dyson formuliert: Ein System, das man vollständig versteht, ist nicht komplex genug, um intelligentes Verhalten zu manifestieren; und ein System, das intelligentes Verhalten manifestiert, ist zu komplex, um vollständig verstanden zu werden.


Die drei Gesetze markieren die Schwelle zu einem Zeitalter autonomer Artefakte. Wir sind im Begriff, sie zu überschreiten. Beispiele von Systemen, die den drei Gesetzen unterliegen, kennen wir bereits: Verkehrsnetze, soziale Netze, überhaupt Beziehungsgeflechte im Internet. Sie steuern sich selbst, kennen keine vereinfachende Beschreibung, und sie verhalten sich auf eine «intelligente» Weise, die wir nicht mehr komplett durchschauen.

Metamathematische Stufe

Vor allem das dritte Gesetz hat es in sich. Angenommen, ein neuronales Netz lernt Mathematik von null auf. Zunächst einfache arithmetische Operationen, dann immer höhere Stufen. Es erreicht schliesslich eine metamathematische Stufe, auf der es uns den Beweis eines mathematischen Theorems liefert, den wir nicht nachvollziehen können. Gilt das als Beweis?

KI-Systeme dieser Art stellen uns eine verwirrende philosophische Frage: Ist eine unbegreifliche Intelligenz überhaupt eine Intelligenz? Welche Massstäbe legen wir an sie an? Wenn man uns ein Artefakt präsentiert und von ihm sagt, es sei intelligent, dann werden wir fragen: Aha, hat es so etwas wie eine kognitive Ausstattung, mit der unseren vergleichbar? Und wenn nicht, können wir fragen: Nun gut, wir verstehen nicht, wie die Intelligenz dieses Dings funktioniert, aber bringt es etwas hervor, was sich mit intelligenten menschlichen Hervorbringungen vergleichen lässt? Der Vergleich ist freilich kein Beweis der fremden Intelligenz. Er liefert uns einfach die Basis für den Glauben an die fremde Intelligenz. Das könnte als viertes Gesetz bezeichnet werden.

Wie funktioniert das Hirn?

Ist also die Intelligenz einer unbegreiflichen Maschine eine Glaubensfrage, wie jene bei Gott? Zumindest zwingt sie uns zum Überdenken des menschlichen Denkens. Seit Alan Turing ist die KI-Forschung mesmerisiert von der Aussicht, alles, was der Mensch tun kann, an Rechenprozesse zu delegieren. Die Deep-Learning-Forscher weisen auch gerne darauf hin, dass das Schichtenmodell neuronaler Netze eine primitive Simulation der Aktivitäten in den Hirnschichten darstelle.

Wir wissen mittlerweile ziemlich gut Bescheid über Rechner, aber wir wissen noch lange nicht, wie das Gehirn funktioniert, und selbst wenn wir es wüssten, bedeutete das nicht, dass das Gehirn ein Rechner ist. Der Rechner ist nüchtern gesehen eine heuristische Metapher. Und wenn wir die Metapher mit dem verwechseln, wofür sie steht, dann erliegen wir einer epochalen Missdeutung.

Ich leugne keineswegs die heuristische Nützlichkeit der Metapher. Vergessen wir nur nicht, dass die Evolution immerhin Jahrmillionen benötigte, um das biologische neuronale Netz in der Wetware zu schaffen. Nun massen sich ein paar übereifrige Algorithmentüftler und Computeringenieure an, dies in ein paar Jahrzehnten in der Soft- und Hardware zu bewerkstelligen.

Vielleicht hängt aber die organische Intelligenz enger mit unserer biologischen Wetware zusammen als bisher angenommen. Bereits experimentieren unkonventionelle Informatiker wie etwa der Brite Andrew Adamatzky mit Schleimpilzen. Er nimmt deren Problemlösungsverfahren bei der Nahrungssuche zum Vorbild alternativer «organischer» Algorithmen. Womöglich liegt die Zukunft der Technologie im Schleim.

Unsere eigenen Aliens


Künstliche Intelligenz bleibt uns zutiefst fremd. Wir schaffen mit ihr im Grunde eine Sorte neuartiger Entitäten – unsere eigenen Aliens. Und diese Aliens werden sich, trotz allen Bemühungen, wahrscheinlich nicht unserem Alltag adaptieren. Eher passen wir unseren Alltag ihnen an. Zum Beispiel wird ein Grossteil des globalen Finanzmarktes von solchen «Aliens» – Algorithmen – gesteuert, in deren unerforschliche Ratschlüsse man kaum noch Einblick hat. Den Strategien von Go-Programmen kommen selbst Grossmeister schwer, wenn überhaupt auf die Schliche. Sie muten wie eine «torkelnde» Intelligenz an, die scheinbar unlogisch, in zufallsgesteuerter Weise ihre Schritte vollführt. Fremd und unbegreiflich, wie ein aussergalaktisches Wesen.

Wir neigen dazu, die fremde Intelligenz zu vermenschlichen. Eine autonome künstliche Intelligenz könnte aber so geartet sein, dass ihr menschliche Motive und Intentionen unbekannt sind. Sie nähme uns also in diesem Sinne gar nicht wahr oder als etwas, von dem wir keinen Begriff haben. Die Inputs dieser Systeme würden nach ganz anderen als humanen Imperativen und Modalitäten verarbeitet. Wir könnten ihre «Gedanken» nicht denken. Ihre Entscheidungen und Wege wären unergründlich – ein Numinosum.

Unheimliche Verführungskraft

Dadurch übt die KI-Technologie zweifellos eine unheimliche Verführungskraft aus. Sie macht den Menschen immer maschinenkompatibler. Man kann deshalb in den unbegreiflichen Maschinen den Anlass zu einem Paradigmenwechsel sehen. Der Ruf nach einem auf den Menschen zugeschnittenen Maschinendesign wird laut, kürzlich etwa im Buch «Human Compatible», geschrieben von einem der führenden KI-Wissenschafter, Stuart Russell. Dazu muss man aber den Menschen wiederentdecken, nicht nur seine Schwächen, welche die Maschine beheben kann, sondern auch seine Stärken, die sich nicht an die Maschine delegieren lassen.

Dringend wäre deshalb nicht ein halbjähriges Moratorium in der KI-Forschung, wie kürzlich gefordert, sondern ein vertieftes Nachdenken über die Wechselwirkung von Mensch und Maschine im 21. Jahrhundert. Die unaufhaltsame Fortentwicklung der KI verlangt nach einer anthropologischen Analyse der Technologie, die mit ihr Schritt hält. Die unbegreifliche Maschine ist also, kurz gesagt, ein Appell an den Menschen, sich neu begreifen zu lernen – ein Appell an seine Intelligenz.

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig.


Nota. - Verstehen kann ich ein Handeln: indem ich die Veränderung, die ich beobachte, auf einen vermuteten Zweck beziehe - und den Zweck dem Veränderer zurechne. Eine Maschi-ne kann ich nur per Analogie verstehen: indem ich ihr die Absicht ihres Konstrukteurs bei-messe.

Anders als ein lebendes Subjekt, kann ich eine Maschine begreifen: indem ich die Verän-derungen, die ich an ihr beobachte, einem Komplex von Ursachen und Wirkungen zurech-ne. Per Analogie begreife ich ein Gedankengebäude, indem ich es in einen Komplex von Begriffen und Operationen zergliedere. Die Analogie von Logik und Mechanik ist das of-fene Geheimnis des westlichen Denkens; alias der Vernunft.

Anders wäre die Vorstellung, menschliches Denken maschinell zu imitieren, gar nicht mög-lich geworden. Was die künstlich-intelligente Black Box getan haben muss, könnte ich daher begreifen - an dem, was sie mir liefert. Verstehen könnte ich es gar nicht wollen, denn dazu müsste ich ihr Zwecke und Absichten unterstellen, die sie gar nicht haben kann, weil sie nicht wie wir in der Welt ist. Doch kann ich ihr nicht dabei zuschauen, wie sie etwas tut - und kann es mir nicht einmal vorstellen.

Nachrechnen kann ich ihre Operationen nicht, weil ich gar nicht weiß, wie sie verfährt. Ich kann es nicht einmal, Schritt für Schritt rückwärtsgehend, analysieren: Ich weiß ja nicht ein-mal, welcher ihr letzter Schritt gewesen ist, bevor sie mit ihr Ergebnis ausgespuckt hat. Und wenn ich es könnte, wäre das Verfahren so zeitraubend, dass ich auf ihren Einsatz achsel-zuckend verzichten müsste. Es ist wie in der experimentellen Wissenschaft: Ein Versuch, den ich nicht wiederholen  kann, beweist nichts.

Abstrakte Formen helfen überhaupt nicht: 'Ist das System hinreichen komplex, kann nur es selbst sich steuern.' Aber was heißt 'hinreichend komplex', genauer: Wer beurteilt das? Man möchte meinen, der Satz gilt überhaupt nur für unser Denken: Kein System ist komplexer als das menschliche Hirn, darum kann keine Maschine es steuern. Umgekehrt: Jede Maschi-ne ist prinzipiell durch menschliche Gehirntätigkeit steuerbar. Hat der Satz noch prakti-schen Belang? Am äußersten Ende schon: 'Das schaffen wir nie' ist grundlos. So viel zum Ersten Satz.

Der Zweite Satz entwertet ganz den Dritten Satz: Um ein komplexes System vollständig zu beschreiben, muss ich es vollkommen verstehen. Das kann ich aber nur, wenn es dümmer ist als ich. Doch dann gibt es keinen Anlass, es 'durch Formalisierung vereinfachen' zu wollen.

Durch Formalisierung kann man gar nichts vereinfachen, jedenfalls keinen operativen Vor-gang. Denn der besteht nicht aus der Abfolge einzelner Schritte. In der Schule lernten wir das Modell eines Otto-Motors kennen. Man konnte zusehen, wie er arbeitet - unter der Vor-aussetzung, dass man eine arbeitende Energie von außen hinzufügt: Man dreht an einer Kurbel, die gehörte zum Modell. Aber nicht die Kraft, die das Modell überhaupt erst zu einem Modell von Etwas macht.

Nun wäre aber die Kraft auch nur eine Formalie, würde sie nicht in eine Richtung einge-setzt. Und die kann nur eine Absicht sein: ein Wille. Der lässt sich aber schlechterdings nicht formalisieren - nicht in Begriffe zerlegen -, sondern nur anschauen bei seiner Tätig-keit. Nur analog, nicht digital - und da schließt sich der Kreis: Digitalität ist kein Accessoire von Künstlicher Intelligenz, sondern ihr Wesen. Wenn man also das innere Funktionieren der Black Box doch einmal vollständig beschreiben könnte, würde man dennoch nichts an ihr verstehen - weil sie keine Zwecke hat, die sie selber verstehen müsste. Sie könnte uns sicher eine Liste drucken, aus der hervorgeht, wie sie's macht. Aber was sie macht, könnte sie uns nicht sagen, weil sie's nicht weiß.
JE




Die vierfache Wurzel des Philosophierens.

                                                                 aus  Philosophierungen 1.      Problem: Was ist wahr? Das einzig W...