aus derStandard.at, 7. 2. 2026 Panden nannten sich die Vorläufer moderner Kunstmessen: etwa im
Vladislav-Saal der Prager Burg, um 1607 von Bartholomeus van Bassen
verewigt zu Geschmackssachen; zuJochen Ebmeiers Realien
Eine Ausstellung, die sich in einem zeitlichen Rahmen von der Antike bis in das 19. Jahrhundert ausschließlich mit dem Kunstmarkt, seinen Strukturen, Zentren, prägenden Persönlichkeiten oder Vermarktungsmethoden befasst? Eine solche gab es weltweit noch nie. Die unter dem Titel Noble Begierden – Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts angelaufene Premiere in Wien schürt deshalb schon vor dem Ende ihrer Laufzeit Begehrlichkeiten anderer Museen.
Wann und in welcher Zusammensetzung die bis 6. April im Gartenpalais stattfindende Schau von welchen Institutionen übernommen wird, muss sich erst weisen. Zumal die mehr als 200 Exponate nicht nur aus den üppigen, über mehrere Generationen von Liechtenstein'schen Fürsten erworbenen Kunstwerken der hauseigenen Sammlungen (Wien-Vaduz) stammen, sondern auch an die 80 teils prominente Leihgaben umfassen.
Dazu gehören etwa auch auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkende, jedoch aufschlussreiche Aufzeichnungen des als Unternehmer agierenden Florentiner Malers Neri di Bicci aus den Beständen der Uffizien. Diese dokumentieren beispielhaft den Werkstattalltag im Hinblick auf die Auswahl der Materialien, das Delegieren an Mitarbeiter und dahingehend anfallende Arbeitskosten oder auch die mit Auftraggebern getroffenen Vereinbarungen: all das gewährt rückblickend Einblick in die damalige Preisgestaltung.
Zugleich entwickelte man im 15. Jahrhundert Methoden und Strategien, um sowohl repräsentative öffentliche und private Großaufträge auszuführen, aber auch solche für private Sammler mit kleineren Budgets: statt Lapislazuli kam beim Pigment dann nur Azurit zum Einsatz und ersetzte ein dünner Goldstreifen den Heiligenschein.
Zusätzlich begrenzten Kooperationen mit Handwerkern, etwa Holzschnitzern, die Tafeln und Rahmen zu wettbewerbsfähigen Preisen lieferten, den finanziellen Aufwand. Kreativität und wirtschaftliche Kalkulation gingen in diesem System Hand in Hand, Sonderanfertigungen standen ebenso auf der Tagesordnung wie vorgefertigte Werke. Die Verwertung beliebter Motive mit geringfügigen Abweichungen verstand sich von selbst.
In der belgischen Hafenstadt Antwerpen, einem wichtigen Exportzentrum für Gemälde, Tapisserien und andere Luxusgüter, hatte sich bereits ab dem späten 15. Jahrhundert der Vorläufer moderner Kunstmessen etabliert: sogenannte Panden, spezialisierte Verkaufsräume, die Künstlern, Händlern und internationaler Klientel als Treffpunkt nutzten und zugleich zur Marktbildung beitrugen.
Eine Zäsur bescherte das "Goldene Zeitalter" der Niederlande im 17. Jahrhundert, genauer das rasante Wirtschaftswachstum, der globale Handel und der rasche Bevölkerungsanstieg, dank dem sich Amsterdam zu einem Massenmarkt entwickelte, der wiederum die künstlerische Praxis grundlegend änderte. Um die große Nachfrage zu bedienen, begannen sich Künstler auf Motivgattungen zu spezialisieren.
Der Überlieferung nach sollen Haushalte der Mittelschicht in Amsterdam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Durchschnitt 37 Gemälde besessen haben. Die Fülle an Kunstwerken hatte die Entstehung eines florierenden Sekundärmarktes für den Wiederverkauf zur Folge. Über öffentliche Auktionen gelangten zuvor aufgebaute Sammlungen auf den Markt, womit auch die Nachfrage eines internationalen Publikums gedeckt werden konnte.
Beispielhaft dafür war die Versteigerung einer außergewöhnlichen Sammlung italienischer Renaissancegemälde 1639, die der flämische Kaufmann Lucas van Uffel aufgebaut hatte. Zum Höhepunkt seiner Nachlassauktion avancierte Raffaels Porträt von Baldassare Castiglione, das für stolze 3.500 Gulden den Besitzer wechselte. Das entsprach damals etwa dem Gegenwert von fast 17 komfortablen Stadthäusern in Amsterdam.
Im Publikum saß auch Rembrandt, der das Gemälde auf einem Blatt skizzierte und den erzielten Preis notierte. Die Skizze diente ihm später als Vorlage für mehrere Selbstportraits, inklusive Castigliones Pose. "Rembrandt sieht Raffael" titelt das Ensemble in der Ausstellung, das Leihgaben aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig (Anthonis van Dycks Porträt des Lucas van Uffel), aus dem Samuel Courtauld Trust in London (Peter Paul Rubens Porträt des Baldassare Castiglione), Rembrandts Skizze und Notiz sowie ein zugehöriges Selbstbildnis aus dem Bestand der Albertina und ein gemaltes Selbstportrait aus dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid vereint.
Es ist eine von insgesamt zehn Stationen, anhand derer die Geschichte des europäischen Kunstmarktes und dessen Professionalisierung nachvollziehbar werden soll. Denn, wie Stefan Koja, seit 2023 Direktor der Sammlungen Liechtenstein, betont: "Der Kunstmarkt spielte in der Kunstgeschichteschreibung eine entscheidende Rolle", demnach seien bekannte Künstlernamen nicht nur von Kunsthistorikern, "sondern auch ganz wesentlich von Kunsthändlern" geprägt worden.
Zudem hätten viele der bis heute genutzten "wissenschaftlichen Werkzeuge", wie Werkverzeichnisse, bebilderte Kataloge oder monographische Ausstellungen ihren Ursprung im Handel. Der begleitende Katalog empfiehlt sich fraglos als erstes umfassendes Standardwerk zu diesem Thema.
Nota I. - Es fällt auf, dass es Epochenstile nur in der europäischen Kunst gab - wie übrigens malerische Genres. Warum? Weil nur in Europa Kunst zu einer gesell-schaftlichen Instanz geworden ist - so wie Wissenschaft und Politik. Seither gibt es in den Gesellschaften einen momentan herrschenden Geschmack, alias Moden. Denn nun wurde Geschmack aus einer privaten zu einer öffentlichen Angelegenheit - durch den Markt.
In demselben Maße wandelt sich die Stellung der Künstler von einem Meister in einem vornehmen Handwerk, der für persönliche Auftraggeber malte, zu einem Freibeuter auf einem anonymen Markt, der am Rande der Gesellschaft haust.
Nota II. - Man könnte meinen, Kunst sei es schon gewesen, bevor sie zu Markte getragen wurde. Nämlich solange sie bloß von Können kam. Denn da war das, was gekonnt werden sollte, vom Aufraggeber und nicht vom Künstler bestimmt. Das war gerade heikel genug, ein Drahtseilakt zwischen den Bestimmungen - der freilich das eben Künstlerische daran war.
Doch als der Auftraggeber fortfiel und der Künstler als einzig Bestimmender übrigblieb, wurde es nicht bestimmter, sondern womöglich noch heikler: Nach welchem Kriterium soll der freie Künstler das Was seiner Darstellungen bestim-men? Er kann sich sicherheitshalber an das halten, was ein erhoffter Auftraggeber ex post als das erkennt, was er hätte in Auftrag geben mögen.
Das wäre Reklame, oder, was meist dasselbe ist, Kitsch.
Ist er sich dafür zu fein und bewusst, dass dadurch sein Risiko gar nicht gemindert würde, stellt er ins Blaue hinein dar, was ihm eben einfällt - und gefallen könnte.
Das erkennt man im Nachhinein als das Äthetische daran.
JE
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