aus scinexx.de, 6. 2. 2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
So tun als ob: Auch Menschenaffen verstehen das Konzept imaginärer Objekte – eine bislang als rein menschlich geltende Fähigkeit. Im Experiment begriff der Bonobo Kanzi beispielsweise, in welchem Glas imaginärer Saft aus einer leeren Karaffe gelandet sein musste. Gleichzeitig verstand der Bonobo, dass dies nicht real war, wie Forschende in „Science“ berichten. Kanzi demonstriert damit erstmals, dass auch Menschenaffen über Vorstellungskraft verfügen und so tun können als ob.
Lange galten einige kognitive Fähigkeiten als alleinige Domäne des Menschen: Nur wir, so dachte man, können Werkzeuge herstellen, uns in die Perspektive anderer hineinversetzen, uneigennützig handeln oder vorausplanen. Doch Menschenaffen haben diese Grenze des typisch menschlichen immer weiter verschoben. Inzwischen ist klar, dass auch Schimpansen und Bonobos diese Fähigkeiten besitzen.

So tun als ob – einzigartig menschlich?
Jetzt hat ein Menschenaffe eine weitere Domäne des Menschen geknackt: die Fähigkeit, in Scheinwelten abzutauchen und sich imaginäre Objekte vorzustellen. Ein typisches Beispiel für dieses „So tun, als ob“: Menschenkinder spielen oft Kaufladen, Essenkochen oder Teepartys, bei denen sie imaginäre Getränke und Speisen zubereiten, verkaufen oder zu sich nehmen. Kinder verstehen solche Fantasiespiele schon im Alter von zwei Jahren.
Die kognitive Herausforderung liegt darin, dass wir uns diese Scheinwelt parallel zur realen Welt vorstellen – ohne sie miteinander zu vermischen oder zu verwechseln. „In solchen Schein-Kontexten müssen wir parallel zur Realität eine zweite Ebene der Vorstellung entwickeln“, erklären Amalia Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University in Baltimore. Bislang galt diese Fähigkeit der sekundären Repräsentation als einzigartig menschlich.
Doch der berühmte Bonobo Kanzi belehrt uns nun eines Besseren. Dieser 43 Jahre alte Bonobo wurde berühmt, weil er mithilfe von abstrakten Symbolen mit uns Menschen kommuniziert und auch menschliche Sprache versteht. Der Bonobo kann mehr als 300 verschiedene Symbole unterscheiden und sie durch Antippen auf einer Tastatur zu einfachen, aber sinnvollen Sätzen kombinieren. In drei Experimente haben Bastos und Krupenye nun untersucht, ob Kanzi auch das Konzept imaginärer Objekte versteht.
Im ersten Test standen zwei durchsichtige, leere Becher sowie eine leere, durchsichtige Kanne auf dem Tisch. Eine Person goss nun Schein-Saft aus der leeren Kanne in einen der beiden Becher. Dann fragte sie Kanzi: Wo ist der Saft? In einer zweiten Variante wurden erst beide Becher mit Schein-Saft gefüllt, dann der Inhalt des einen zurück in die Kanne geschüttet. Wenn der Bonobo das Konzept des Fantasiespiels versteht, müsste er in beiden Fällen konsequent auf den mit imaginärem Saft gefüllten Becher zeigen.
Scheinwelt im Kopf
„Genau das tat Kanzi: Der Bonobo wählte in 34 von 50 Durchgängen den korrekten Becher – das entspricht 68 Prozent richtiger Antworten“, berichten die Biologen. Ähnliches zeigte sich in einem weiteren Test, in dem statt Schein-Saft imaginäre Tauben auf eine von zwei Schalen verteilt wurden: Kanzi lag auch hier bei 31 von 45 Durchgängen richtig. Diese Ergebnisse erzielte der Menschenaffe zudem ohne gezieltes Training oder eine Belohnung für richtige Antworten, wie das Team betont.
Aber begriff der Bonobo wirklich, dass der Mensch so tat, als ob? „Theoretisch wäre denkbar, dass Kanzi einfach nur glaubte, dass wirklich echter Saft in den Bechern war“, erklären die Biologen. Um das auszuschließen, führten sie einen weiteren Test durch. In diesem stand ein Becher mit echtem Saft auf dem Tisch, ein zweiter war leer. Mit der leeren Kanne goss der Experimentator dann beide Becher mit imaginärem Saft voll. Wenn Kanzi den Schein-Saft für echt hält, müsste er beide Becher gleich häufig wählen. Das war aber nicht der Fall.
Damit belegt dieses Experiment zum ersten Mal, dass auch ein Menschenaffe Vorstellungskraft besitzt. „Kanzi ist in der Lage, sich ein Schein-Objekts vorzustellen und zugleich zu wissen, dass es nicht real ist“, sagt Bastos. „Demnach kann er sich in seinem Geist Dinge vorstellen, die nicht da sind.“ Die Ergebnisse liefern den klaren Beweis, dass zumindest einige Menschenaffen das Konzept des so Tuns als ob verstehen.
Dies stellt gängige Annahmen über die kognitiven Grenzen unserer tierischen Verwandten infrage. „Vorstellungskraft wurde lange als zentrales Element des Menschseins betrachtet. Die Erkenntnis, dass diese Fähigkeit nicht einzigartig für unsere Spezies ist, ist wirklich transformativ“, sagt Krupenye. „Dies gibt Anlass dazu, erneut zu überdenken, was uns besonders macht.“
Keine rein menschliche Domäne mehr
Kanzi bestätigt zudem frühere, rein anekdotische Beobachtungen auch bei anderen Menschenaffen: „In freier Wildbahn tragen weiblichen Schimpansen manchmal Stöcke mit sich herum als wären diese ihr Baby“, berichten Bastos und Krupenye. Ein in Gefangenschaft gehaltener Schimpanse zog nach dem Bauklötzespiel oft imaginäre Klötze über den Boden, Bonobos „fütterten“ nach Aufforderung eine Puppe. Allerdings war bei diesen Beobachtungen nicht eindeutig klar, ob nicht doch eine Fehlinterpretation oder Einflussnahme durch die Betreuer dahintersteckte.
Kanzi belegt nun, dass diese Fähigkeit real ist – auch wenn dieser Bonobo durch sein Sprachlerntraining besondere Voraussetzungen mitbringt. „Es könnte sein, dass solche trainierten Menschenaffen im Hinblick auf diese Fähigkeit zur Imagination typisch für ihre Art sind. Aber ihre verbesserten kommunikativen Fähigkeiten machen es uns leichter, dies zu erkennen“, schreibt das Team. (Science, 2026; doi: 10.1126/science.adz0743)
Quelle: Science, Johns Hopkins University; 6. Februar 2026 - Nadja Podbregar
Nota. - Wenn Katzenkinder sich "zum Spaß" balgen, tun sie so als ob. Auch erwachsene Katzen tun das noch - seltener, aber bis ins hohe Alter. Von Delphinen nicht zu reden.
Eine spezifisch menschliche Fähigkeit war das nie. Spezifisch menschlich ist freilich die Rolle, die es in unserm Leben spielt. Und das ist nicht bloß die Häufigkeit. Wenn Tiere so als ob spielen, bleibt es ein momentanes und individuelles Verhalten. Bei uns Menschen führt das so-als-ob-Tun zu Ritualen, aus denen sich soziale Strukturen bilden.
Das nennt man Symbolisieren. Alle Kultur beruht darauf; und die Geldwirtschaft: Wenn einer einen Groschen reicht und der andere ihm dafür einen Kaugummi gibt, dann gilt der eine so, als ob er der andere wäre.
Beruht das alles auf unserer ursprünglichen Fähigkeit zum Spielen? Johan Huizinga wollte es glauben machen. Der springende Punkt ist aber nicht das Symbolisieren als Verfahren - das ist nur die formale Bedingung; sondern um die Bedeutung, die symbolisiert wird. Denn die ist die wirkliche Handlung, zu der das Symbol aufgerufen hat. Man mag es drehen, wie man will - um das Was kommt man nicht herum.
JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen