Bernini, Terezaaus spektrum.de, 12.03.2026 zu Jochen Ebmeiers Realien
Doch wie können wir Gefühle überhaupt erst einmal als Gefühle erkennen? Viele haben das schon einmal erlebt: Wir bekommen im Alltag nicht so richtig mit, wenn in unserem Inneren viel los ist. Wir fühlen uns oberflächlich betrachtet vielleicht immer gleich. Natürlich gibt es auch Momente, in denen wir spüren, dass irgendwas in Aufruhr ist, doch häufig bleiben wir ohne konkrete Idee, was das genau ist, das in unserer Innenwelt gerade herumspukt. Wenn das bei dir ähnlich ist, sei ganz beruhigt – so geht es sehr vielen Menschen, und das ist ganz normal.
Gefühle erkennen ist Lernsache. Manchen von uns wurde das von klein auf von den Eltern beigebracht, andere wiederum eignen sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens selbst an. Wieder andere trainieren sich bestimmte Umgangsweisen ganz gezielt ab. Gerade, wenn wir gezwungen sind, uns vor den Dramen des Lebens zu retten, finden wir Mittel und Wege, unsere Gefühle kurzfristig wegzudrücken und weiterzumachen. Manchmal scheint genau das die einzige Strategie zu sein, um einigermaßen heil durch den Alltag zu kommen.
Nicht selten behalten wir diesen Umgang ein Leben lang bei. Auch dann noch, wenn die schwierigen Erfahrungen längst hinter uns liegen. Wir bleiben gefühlsmäßig weiter im Dunkeln. Abgekoppelt. Wie blind. Was damals hilfreich war, ist es auch heute noch, oder? Nicht unbedingt. Häufig kann die Gefühlsblindheit, die damals so wichtig war, im Hier und Jetzt für Probleme sorgen. Denn Gefühle wirken im Untergrund, egal ob wir sie bewusst wahrnehmen oder nicht. Schauen wir nicht hin, übersehen wir etwas. Langfristig verstehen wir nicht, wovor uns zum Beispiel die ständigen Ängste warnen wollen.
Wenn wir Angst, Ärger und Co. unsere Aufmerksamkeit schenken, kann das helfen, zu ergründen, was gerade mit uns los ist. Denn das Gute ist: Kennen wir den Grund, können wir etwas tun. Etwas verändern. Lassen wir alles laufen, toben die Gefühle in unserem Körper, ohne dass wir nachvollziehen können, wo es gerade klemmt, und können dem nichts entgegensetzen. Doch was gibt es überhaupt alles an unserer Gefühlstheke?
Gedankenexperiment
Kurz durchgezähltLass uns mit einigen Einstiegsfragen starten: Welche Gefühle fallen dir ganz spontan ein? Welche Gefühle kennst du? Auf wie viele kommst du insgesamt in deiner Aufzählung?
Bei vielen Menschen kommt bei diesen Fragen eine ganze Liste an Gefühlen zusammen. Anderen hingegen fällt es schwer, Bezeichnungen zu finden, die das umschreiben, was innerlich bei ihnen passiert. Schließlich ist es gar nicht so leicht, für das, was uns emotional bewegt, die richtigen Worte zu finden. Und noch schwieriger wird es in Anbetracht der Vielzahl menschlicher Regungen. Tatsächlich gibt es eine Menge Gefühle und mindestens genauso viele Versuche, unsere Herzensregungen zu sortieren.
Wir
konzentrieren uns deshalb auf die wichtigsten Basisgefühle. Dazu zählen
sechs grundlegende Gefühle, die wir alle auf eine ähnliche Art und
Weise ausdrücken. Viele Forschende sprechen von einem universellen
Ausdruck. Für jedes Grundgefühl existieren bestimmte Gesichtsausdrücke,
die sich bei uns Menschen weltweit finden lassen. Zum Beispiel pressen
wir bei Ärger die Lippen aufeinander oder weiten die Nasenflügel. Oder
bei blanker Angst reißen wir die Augen weit auf. Dabei gibt es durchaus
kulturelle Unterschiede, wie stark und ungefiltert die Gefühlsregungen
sichtbar gemacht werden dürfen. In manchen Ländern ist Zurückhaltung
oberstes Gebot. Durch Erziehungsmaßnahmen, Regeln und ungeschriebene
Gesetze können die natürlichen Bewegungen der Muskeln im Gesicht auf
einen winzigen Mikroausdruck zusammenschrumpfen oder ganz unterdrückt
werden. Die darunterliegenden spontanen Reaktionen sind dennoch da,
sodass es durchaus Sinn ergibt, die sechs Basisgefühle zu kennen.
Die
wichtigsten Grundgefühle sind: Wut, Überraschung, Ekel, Angst,
Traurigkeit und Freude. Häufig meldet sich jedes der sechs Gefühle in
bestimmten Situationen und folgt dabei einer Art Muster. Typischerweise
zeigt sich davor ein bestimmter Auslöser.
Wut meldet sich
oft, wenn etwas oder eine Person eine Grenze bei uns überschreitet, zum
Beispiel wenn eine andere Person uns absichtlich verletzt.
Traurigkeit wird dann spürbar, wenn wir etwas oder eine Person
verlieren, zum Beispiel wenn eine wichtige Vertrauensperson wegzieht
oder wir unseren Lieblingsschal im Bus vergessen.
Natürlich existieren noch viele andere Gefühle. Die sechs genannten bilden lediglich die Grundlage unserer Gefühlswelt.
Manchmal finden sich auch Mischungen aus den sechs Basisgefühlen. Wut zusammen mit Ekel/Abscheu wird zum Beispiel zu Hass. Oder mischen wir zu den Grundgefühlen noch eine Prise Moral, also alles, das mit richtig und falsch zusammenhangt, dann kommt zum Beispiel Scham oder Schuld heraus. Es ist beinah wie bei Farben: So wie wir Gelb und Blau mischen und damit Grun entstehen lassen, mischen sich auch in unserer Gefühlswelt verschiedene Komponenten. In der Liebe beispielsweise vermengen sich Freude, Verbundenheit und sexuelle Instinkte zu einem bunten Cocktail.
Andere
Gefühle, die wir aus dem Alltag kennen, sind abgeschwächte Varianten
der sechs Basisgefühle. Sie gehören zur selben Gefühlsfamilie. Nehmen
wir beispielsweise den Ärger: Er ist die milde Form der Wut. Da beide so
nahe beieinanderliegen und sich lediglich in ihrer Intensität
unterscheiden, werden Arger und Wut gerne auch stellvertretend
füreinander verwendet. Für einen ersten erleichterten Umgang beschranken
wir uns hier auf die sechs Grundgefühle: Wut, Überraschung, Ekel,
Angst, Traurigkeit und Freude. Sie decken vieles ab, was wir innerlich
erleben und reichen für den Anfang vollkommen aus, um wieder in Kontakt
mit den eigenen inneren Erfahrungen zu kommen.
Aber woran können wir denn nun genau erkennen, welches Gefühl im Moment aktiviert ist, und wozu es dient?
Um diese Fragen zu beantworten, können vier Schritte hilfreich sein.
Schritt Nummer 1: Unser Innenleben achtsam beobachtenOft beachten wir im Alltag nicht, wie es uns geht und was wir brauchen. Du kennst das vielleicht, dass tausend Dinge gleichzeitig wichtig sind und am Ende keine Zeit für irgendetwas bleibt. Am wenigsten für eine ruhige Innenschau. Doch dabei entgleitet uns, was eigentlich nach Aufmerksamkeit sucht. Um diesen automatischen Blick auf die Arbeit, die Familie, die Aufgaben etc. für einen Moment zu unterbrechen, braucht es einen liebevollen gedanklichen Anker. Fühl dich deshalb eingeladen, die folgende kleine Übung zum Einstieg auszuprobieren.
Eine Gefühlssituation erkennenUnseren momentanen Gefühlen nachzuspüren, ist manchmal leichter, wenn wir uns zunächst darauf konzentrieren, wie wir atmen. Das ist etwas Greifbares. Versuche dafür, dich dort, wo du gerade bist, auf dein Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Beobachte dich, ohne irgendetwas an deiner Atmung zu verändern. Wo in deinem Körper spürst du eine Bewegung? Merkst du etwas im Brustkorb? Im Bauch? Oder im Becken? Nun kannst du an die zurückliegenden Stunden oder Tage denken. Was war so los? Lass die wichtigsten Ereignisse kurz vor deinem inneren Auge vorüberziehen.
Gibt es eine Situation, an der du gedanklich hängen bleibst? Der du vielleicht besondere Aufmerksamkeit schenken magst? Falls ja: Betrachte diese Situation doch einmal genauer.
Hat sie sich für dich angenehm oder unangenehm angefühlt? Falls sie sich angenehm angefühlt hat: Was genau war angenehm? Was hast du daran genossen? Was hat sie bei dir ausgelöst?
Falls sich die Situation unangenehm angefühlt hat. Was war unangenehm? Was hat dich gestört? Was hat sie bei dir ausgelöst?
Hast du eine Situation vor Augen, wird jetzt möglicherweise schon deutlicher, was du in diesem Moment bei dir selbst wahrnehmen kannst. Lass uns nun den nächsten Schritt gehen. Versuche dich nochmal zu erinnern, was du in der Situation gedacht hast.
Schaue dafür auf die sechs folgenden Gedanken und prüfe, ob einer davon dir in der Situation durch den Kopf gegangen ist:
| Gedanke | Hinweis auf |
|---|---|
| »Das war nicht in Ordnung!« | »Wut/Ärger« |
| »Ich habe sie/ihn/es verloren.« | »Traurigkeit« |
| »Damit habe ich nicht gerechnet!« | »Überraschung« |
| »Das ist schön! Das ist das, was ich will.« | »Freude« |
| »Das ist widerlich.« | »Ekel« |
| »Das ist schlimm! Das ist bedrohlich!« | »Angst« |
Passt da ein Gedanke? Falls ja, kann das oft schon ein Hinweis darauf sein, welches Gefühl dich bewegt. Die Gedanken können ein erster Ausgangspunkt für unsere detektivische Suche nach den dahinterstehenden Gefühlen sein.
Falls da nichts passt und du noch unsicher bist, was du genau gefühlt hast, dann ist das natürlich auch vollkommen okay. Manchmal ist – trotz genauer Beobachtung – nicht zu benennen, welches Gefühl da in unserem Inneren herumschwirrt. Du spürst vielleicht, dass dich etwas an der Situation bewegt, kannst es aber noch nicht so richtig einordnen. Sei trotzdem beruhigt, denn auch dieses erste Spuren (»Irgendwas ist da!«) ist eine wichtige Beobachtung. Lass uns deshalb einfach weiterschauen und auch deinen Körper höchstpersönlich befragen.
Tatsächlich reagiert unser Körper bei den sechs Hauptgefühlen jeweils unterschiedlich. Wir können je nach Art des Gefühls an bestimmten Körperstellen mehr oder weniger Aktivierung beobachten. In der Abbildung siehst du die Ergebnisse einer Studie, die versucht, genau das zu erfassen. Die über 700 Studienteilnehmenden wurden gefragt, wo sie die Gefühle im Körper spüren, nachdem ihnen zum Beispiel etwas Trauriges/Ärgerliches/Lustiges/… Gezeigt worden war. Rot heißt, dass bei den meisten Befragten diese Region stark aktiviert war. Grau heißt, dass dieser Bereich kaum Energie hatte.
Wut/Ärger nehmen wir vor allem im Kopf, im oberen Brustkorb, in den Schultern, Armen und Händen wahr. Manchmal merken wir das daran, dass wir in wütenden Momenten in diesen Bereichen mehr Körperspannung haben. Ein Klassiker ist, wenn wir unbewusst die Faust ballen. Meistens fällt uns das nur auf, wenn wir genau darauf achten. Manche Menschen erkennen Arger körperlich auch daran, dass sie an den entsprechenden Stellen rot werden oder rote Flecken bekommen. Ein typisches Beispiel dafür ist der rote Kopf. Du kennst das möglicherweise von dir oder anderen Menschen aus deinem Umfeld? Andere bemerken, dass sie an diesen Stellen besonders schwitzen oder es dort heiß wird. Du kannst das ja mal beobachten.
Bei Traurigkeit hingegen fühlt es sich für viele so an, als wäre in den Armen und Beinen der Energiehahn zugedreht. Wir nehmen dann in diesen Bereichen eine Kraftlosigkeit wahr. Für andere fühlen sich Arme und Beine kalt und fröstelig an. Gleichzeitig spüren wir in unserem Kummer unser Herz stärker. Nicht ohne Grund gibt es Begriffe wie »Herzschmerz«.
Auch bei Überraschung kommt es zu einer leichten Starre in den Beinen. Erst einmal stoppen, um festzustellen, was los ist. Im Gegensatz zur Traurigkeit fühlen wir möglicherweise eine stimulierende Wirkung im Kopf. Wir sind plötzlich wacher, vollkommen da, nehmen alles auf. Es kribbelt im Kopf.
Freude ist ein Gefühl, das den gesamten Körper belebt und ankurbelt. Es ist, als würde unser ganzes System von warmen und angenehmen Impulsen durchströmt. Viele beschreiben, dass Freude den Körper überall in eine wohlige Aufregung versetzt. Ekel fokussiert sich vorwiegend auf den Mund-/Halsbereich und den Bauch. Wir spüren diese Regionen, wenn wir etwas sehen oder erleben, was uns so richtig anwidert. Stell dir mal deinen Biomüll im besten Hochsommer vor. Wenn du den Deckel zum Biomüll öffnest: Wo fühlst du da was in deinem Körper? Im schlimmsten Fall würgt es dich oder dir wird übel. Das ist ein typisches Anzeichen für Ekel.Und zu guter Letzt die Angst. Angst fährt vor allem im Brustraum alles hoch. Das Herz arbeitet deutlich stärker als sonst. Wir spüren, dass es intensiver schlägt und sich gleichzeitig alles zuschnürt. Manchmal fühlt es sich dadurch in der Brust enger an. Vielleicht entsteht auch der Eindruck, als ob das Herz viel zu viel Raum einnimmt und unsere Lunge kaum noch Platz zum Atmen hat. Wir atmen hektisch. Manchen wird schwindelig und düselig im Kopf. Auch das ist eine typische körperliche Auswirkung von Angst. Außerdem sind Anspannung im Oberkörper und Rücken eine häufige Auffälligkeit bei Angst.
Unser Körper gibt Signale, allerdings in seiner eigenen Sprache. Wir brauchen eine Art Übersetzung, die das Gesagte verständlich macht. Optimalerweise bist du selbst die dolmetschende Person, die sich einen Reim darauf machen kann.
Nota. - Und alles vorgetragen im Tonfall einer Märchenerzählung: Nein - ojektivierbar ist das offenkundig nicht! Es ist lediglich der Versuch, das, was subjektiv empfunden wird, mit Wörtern zu bezeichnen, und die objektive Dogmatik des gesunden Menschenverstandes vermutet beim Hören von Wörtern sogleich Begriffe, aber die kann man nicht fühlen, die muss man, wie das Wort sagt, begreifen.
Aus Begriffen kann man konstruieren, aber das gerät wacklig, weil sie im täglichen Leben nur ungefähr gelten und man nie genau angeben kann, wo der eine aufhört und der nächste [sic] anfängt. Im täglichen Leben wird in aller Regel gar nicht in Begriffen geredet; sondern in Wortbildern, die eben nicht wörtlich zu nehmen sind, sondern erfühlt werden wollen. Zum Beispiel "Grundlage unserer Gefühlswelt": Ein Begriff ist definiert, wörtlich: 'eingegrenzt', aber das ist diese Wortverbindung in beiden ihre Teile eben nicht. Das ist dann nicht Wissenschaft, sondern mehr oder minder brauchbare Literatur.
So ist das Obige gemeint, es ist ein Ratgeber fürs tägliche Leben. Als Diskussionsbeitrag ist es nicht gemeint.
JE
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