Formel zu Jochen Ebmeiers RealienVon
Philosophie verstehe ich etwas; von Transzendentalphilosophie, genauer
ge-sagt. Auch von den Naturwissenschaften habe ich dies und das gehört,
aber dass ich es verstünde, hatte ich nicht oft das Gefühl. Doch hier
handelt es sich nicht um Na-turwissenschaft, sondern um deren
allgemeinverständliche Zusammenfassung. Ob und wieweit es zutrifft,
kann ich nicht beurteilen; ich nehme an, dass es den 'Stand der
Wissenschaft' loyal wiedergibt.
Die
Philosophie lehrt mich, dass ich von den Dingen selber gar nichts weiß.
Ich habe Vorstellungen von ihnen, über die kann ich reden, und ich kann
mich fragen, wie ich zu ihnen gekommen bin. Ich werde be- merken, dass
ich bei der Aufnahme, Anordnung und Bewertung der Daten, die mir meine
Sinnesorgane vermelden, gewisse Schemata verwende - das, was bei
Kant das 'Apriori' heißt. Bis dahin ist das noch keine Philosophie,
sondern entspricht den Ergebnissen der empirischen (psychologischen)
Forschung. Wenn es stimmt, verwendet sie allerdings selber besagte
Schemata, sie kommt hinterdrein und ist nicht befähigt, die Schemata auf
ihre Herkunft und Berechtigung zu prüfen.
Das ist Sache der Philosophie, nämlich der kritischen oder 'Transzendental'-Philosophie; transzendental darum, weil
sie nach den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit fragt. So kritisch
und radikal sie immer verfährt - sie bleibt doch immer im Rahmen unserer tatsächlichen Vorstellungsmöglichkeiten, will sagen: andere Voraussetzungen als die, die sie selber macht, sind ihr nicht möglich.
Kant
selber hatte die Möglichkeit offengelassen, dass unser
Vorstellungsvermögen von einem Schöpfer so angelegt wurde, wie es eben
ist. Der Naturwissenschaftler, der an dieser Stelle wieder zu Wort
kommt, sagt, unser Vorstellungsvermögen ist wie jedes andere unserer
Vermögen ein Produkt der natürlichen Evolution: Anpassung und Auslese.
Wir können uns nicht vorstellen, was wir uns vorstellen könnten, wenn
wir uns in einer anderen Ecke des Universums hätten entwickeln müssen;
wir können uns nicht einmal vorstellen, was in unserer Welt die Biene
dort sieht, wo bei uns das ultraviolette Licht unsichtbar wird.
Es ist Wunders genug,
dass die irdische Beschränktheit unserer Vorstellungskraft uns nicht
daran gehindert hat, durch das Übersetzen von konstruierten Begriffen in
mathematische Formeln uns Dinge denkbar zu machen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wunder hat einen Namen, es heißt Symbolisierung.
Mit den Symbolen können wir operieren, ohne unsere Vorstellungskraft
jeweils mitbemühen zu müssen. Da- durch werden die Symbole indessen kein
bisschen objektiver: Sie bleiben immer willkürlich gewählte Zeichen für eine subjektive Bedeutung.
Die Bedeutung bezieht sich immer nur darauf, was wir mit dem Ding
anfangen können, und nicht auf das, was das Ding 'ist', und ob eine
Bedeutung 'stimmt', wird sich erweisen oder nicht.
Wenn also Einstein meinte, sein Geist könne sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben, dass es im Univerum
"zwei getrennte Felder gibt, die in
ihrer Natur völlig voneinander unabhängig sind", so sagt er etwas
darüber, welche Vorstellungen unsere Gattungsgeschichte unserm Gehirn
möglich gemacht hat; aber nichts über die Beschaffenheit der 'Dinge'.
Es wäre des Wunders viel zu viel, wenn sich erwiese, dass wir durch das Kombinieren von Symbolen Formeln konstruieren können, denen 'das Ding' entspricht. Denn hier geht es nicht um dieses oder jenes Ding - da könnte der Zufall beispringen -, sondern um den Inbegriff aller Dinge. Den könnte nur kennen, wer 'Alles' erschaffen hat. Und andernfalls gäbe es ihn gar nicht.
Indem
nun die Transzendentalphilosophie den Gedanken einer Schöpfung
undenkbar* macht, schließt sie die Möglichkeit einer Weltformel aus; und
darauf will ich wetten.
*) Kant hatte ihn dem Glauben zugestanden, aus der Wissscenschaft jedoch verbannt.
Kommentar zu Gibt es die "Weltformel"? JE, 22. September 2017
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