Ein
unerklärliches Ereignis fällt in der Regel nicht auf, sofern die
Aufmerksamkeit auf etwas anderem liegt – selbst dann nicht, wenn es sich
unmittelbar vor unseren Augen abspielt.
Laufen
die Menschen halb blind durch die Welt? Ein Experiment von
französischen Psychologen legt das nahe. Wie sie in der Fachzeitschrift »Psychonomic Bulletin & Review«
schreiben, fiel den meisten ihrer Versuchspersonen ein eigentlich
höchst unlogisches Geschehen nicht weiter auf. Und daran änderte sich
selbst dann nur wenig, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wurden,
berichten Cyril Thomas und André Didierjean von der Université Marie et
Louis Pasteur in Besançon.
Die
Psychologen hatten 88 Studierende zunächst an einem Tisch eine
Denkaufgabe lösen lassen. Anschließend sollten sie ihre Matrikelnummer
und eine vierstellige Geheimzahl auf ein Blatt Papier schreiben. Die
Geheimzahl diente vermeintlich dazu, die Daten später derselben Person
zuzuordnen und dabei die Anonymität zu wahren. Was die Versuchspersonen
nicht wussten: Das Klemmbrett unter dem Papier übertrug die Zahlen an
den Versuchsleiter, der an einem zweiten Tisch saß und von dort die
Zahlen nicht hätte sehen können.
Während das Papier weiter auf dem
ersten Tisch lag, gingen die Probanden zum zweiten, um dort noch einen
Test zu absolvieren. Scheinbar zum Datenabgleich las der Versuchsleiter
danach ihre Matrikelnummer und die Geheimzahl von einem Zettel ab – was
eigentlich unmöglich erscheinen musste, da das Papier weiter auf dem
ersten Tisch lag. Im Anschluss sollten die Versuchspersonen sagen, ob
ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen war, wo sich ihr Zettel befinde
und wie der Versuchsleiter wohl an die Geheimzahl gekommen war. Die
Hälfte erhielt noch den zusätzlichen Hinweis, dass das Experiment einen
Zaubertrick enthielt.
Dennoch
war der großen Mehrheit nichts aufgefallen. Ohne den Hinweis bemerkten
93 Prozent der Teilnehmenden nichts von der unlogischen Ereigniskette,
aber auch mit Hinweis begriffen rund 80 Prozent nicht, dass es bei dem
erwähnten Zaubertrick um ihre Geheimzahl ging. Die meisten erinnerten
sich dabei chronologisch korrekt an den Ablauf der Ereignisse – und
übersahen trotzdem, dass der Versuchsleiter ihre Geheimzahl nicht hätte
kennen dürfen. Lediglich eine Minderheit erinnerte sich falsch, etwa
dass der Versuchsleiter den Zettel geholt habe oder sie ihm die Nummer
selbst mitgeteilt hätten.
Aufmerksamkeit ist begrenzt
Die Autoren erklären ihre Befunde mit begrenzter Aufmerksamkeit, in Anlehnung an das Phänomen der »Unaufmerksamkeitsblindheit«, bekannt aus dem Gorilla-Experiment
von 1999: Darin bekamen die Probanden einen Kurzfilm über ein
Basketballspiel vorgespielt und sollten dabei die Pässe des in Weiß
gekleideten Teams zählen – und viele merkten so nicht, dass eine Person
in einem Gorilla-Kostüm übers Feld lief und sich dabei sogar auf die
Brust trommelte. So auch beim vorliegenden Experiment: Die Teilnehmenden
hätten sich auf ihre Aufgabe konzentriert und deshalb logische Brüche
in der Ereigniskette übersehen, erklären Thomas und Didierjean. Dazu
beigetragen habe auch, dass der Versuchsleiter zunächst eine legitime
Information (die Matrikelnummer) und erst danach die Geheimzahl vorlas.
Die
Studie ist nur eingeschränkt aussagekräftig, weil die Laborsituation
künstlich war: Der Anspruch, das Geschehen zu verstehen, ist hier
womöglich geringer als in einer Alltagsumgebung. Die Autoren glauben
dennoch daraus schließen zu können, dass logische Unstimmigkeiten oft
gar nicht erst bemerkt werden. Und wenn sie doch auffielen, werde die
Erinnerung daran im Nachhinein passend gemacht – wie in anderen klassischen Experimenten
dokumentiert: Darin belegt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus,
dass Menschen Ereignisse im Nachhinein aktiv umdeuten, wodurch falsche Erinnerungen entstehen können.
Nota. - Auch der Mensch hat Reflexe. Aber nicht nur: Er kann z. B. seine Aufmerk-samkeit richten und verhindern, dass ihn störende Reize ablenken. Beim Tier gibt die Physis den Ausschlag, welcher Reiz dominiert und welche Reize in den Hinter-grund treten.
Der Mensch kann wählen, und nur so hat der Ausdruck aufmerken einen Sinn. Dies ist die Grundlage allen Streits über den freien Willen: Er entscheidet selbst, was des Merkens würdig ist und was nicht; und dabei kann er sich irren oder Recht behal-ten. JE
aus GEO 2/2026
Carl
von Linné (linke Seite) und Georges-Louis Leclerc de Buffon, beide
geboren 1707, ringen um Einsicht in das Wesen der Schöpfung. Sie
gelangen zu höchst unterschiedlichen Erkenntnissen und revolutionieren
in ihrer hitzi-gen Gegensätzlichkeit dennoch gemeinsam die Naturforschung zuJochen Ebmeiers Realien
Im
18. Jahrhundert streiten zwei Titanen der Wissenschaft darüber, wie
viele Arten es wohl gibt auf Erden und wie die Vielfalt sinnvoll zu
erfassen wäre. Es ist eine Debatte, die bis in die Gegenwart reicht
Am 18. April
1788 zieht ein Trauerzug durch Paris, der eines Königs würdig wäre. Wohl
20.000 Menschen säumen die Straßen, als die Kutsche mit dem Sarg
vorüberzieht, gezogen von 14 Pferden. Die städtische Garde, Schulkinder,
livrierte Diener, 60 Geistliche marschieren in Abteilungen voran, die
Prominenz aus Wissenschaft, Kunst und Aristokratie folgt Schulter an
Schulter hinterdrein, zu Klageliedern und Hörnerklang. Es ist der
Abschied vom ersten Popstar der Wissenschaft: von Georges-Louis Leclerc
de Buffon.
Nur wenige Jahre später
wird Buffons Grab geplündert, werden seine sterblichen Überreste aus dem
Sarg gezerrt. Einer der größten Intellektuellen seiner Zeit gilt
plötzlich als Feind des Fortschritts und als Verbreiter gefährlicher
Gedanken. Männer mit brennenden Fackeln sind in den Park gestürmt, in
dem sein Denkmal steht und den er zu einer der wichtigsten
Forschungsstätten seiner Zeit entwickelt hatte. Dort wollen sie eine
Büste des von ihm zutiefst verachteten Konkurrenten errichten: die des
Carl von Linné.
Linné ist da schon lange
tot, gestorben zehn Jahre vor seinem Kontrahenten, am 10. Januar 1778.
Ihm war kein großer Abgang aus dieser Welt vergönnt gewesen. Ein paar
Kollegen und Studenten, eher pflichtschuldig anwesend, hatten an seinem
schlichten Sarg gestanden, keine öffentliche Inszenierung, keine
Fanfaren. Es war der Abschied von einem verwirrten Professor, der schon
Jahre zuvor den Bezug zur Realität verloren hatte. Und der bald
aufsteigt in den Zenit der Wissenschaft – aus dem Buffon verstoßen
wurde.
Weisheit
und Schönheit: Buffons gigantische "Histoire naturelle" umfasst am Ende
36 Bände. Das Opus magnum ist nicht nur ein wissenschaftlicher
Meilenstein, es ist auch ein Werk von hohem ästhetischen Anspruch, das
noch lange nachgedruckt wird, die Bilder auch als Kunstwerke, so wie der
kolorierte Stich mit den Eisvögeln
Überwältigender Triumph
und klägliches Scheitern, unsterblich der eine, unbedeutend der andere,
und dann die Rollen vertauscht. Athene, Göttin der Wissenschaft, weiß in
der Causa Buffon versus Linné nicht, was sie will; stellt den einen ins
Licht und verbannt den anderen in den Schatten, hebt dann den anderen
aufs Schild und stürzt Ersteren ins Vergessen. Und heute? Hadert Athene
schon wieder mit ihrer Entscheidung: In der Neuzeit scheint das Gebäude
Linnés zu bröckeln, das von Buffon strahlt erneut. Wieder eine Wendung
in diesem Wissenschaftskrimi?
Linné kennen wir noch aus
der Schule. Nicht nur Wissenschaftlern, den meisten von uns ist seine
zweiteilige Benennung der Arten geläufig. Die Blume dort im Garten, sie
ist ein Sonnenhut, genauer gesagt: ein Schlitzblättriger Sonnenhut,
wissenschaftliche Bezeichnung: Rudbeckia laciniata. Eine Pflanze aus der Ordnung der Asternartigen, zur Familie der Korbblütler gehörend, Gattung: Rudbeckia (von
Linné selbst so benannt, nach einem seiner Professoren). Das
mehrstufige System zur Einordnung des Gewächses in das Reich der Botanik
ist Linnés Werk, seine binominale Nomenklatur ist zur weltweit gültigen
Grammatik der Biologie geworden, zu einem global akzeptierten
wissenschaftlichen Code.
Buffon hingegen ist heute
eine eher unbekannte Größe, außerhalb Frankreichs jedenfalls. Es ist ein
Verdienst des Autors Jason Roberts, dass er ihn in seinem Buch "Die
Entdeckung allen Lebens" als brillanten Gelehrten in Erinnerung ruft;
als einen Naturkundler, dessen kühne Gedanken seiner Zeit weit voraus
sind, bis in die Gegenwart reichen und darüber hinaus. Das Buch richtet
den Blick auf den Disput mit seinem Widersacher Carl von Linné; auf zwei
schillernde Persönlichkeiten der Geisteswelt, die unterschiedlicher
kaum sein könnten. Und die doch verblüffend viel gemein haben.
Naturkundige Kontrahenten
Beide werden 1707 geboren;
Carl von Linné im ländlichen Schweden als Sohn eines Pfarrers,
Georges-Louis Leclerc de Buffon als Sohn eines königlichen Beamten in
der Bourgogne. Beide sind sie keine großen Lichter in der Schule und im
Studium wenig erfolgreich. Linné erscheint seinen Lehrern "für
akademische Bildung offenkundig ungeeignet", er solle lieber bei einem
Schneider oder Schuhmacher in die Lehre gehen.
Linné ist kaum größer als
1,50 Meter und von schmächtiger Statur. Die meiste Zeit seines Studiums
leidet er Not, hat oft nicht genug Geld für Essen und Kleidung, stopft
die Löcher in seinen Schuhen mit Zeitungspapier. Von einem Dasein als
Wissenschaftler kann er nur träumen. Und hat dabei eine Existenz als
Landstreicher vor Augen.
Erfolgsformel:
Linnés System der Benennung der Arten, mit Gattung und Spezies, ist
noch heute ein global gültiger wissenschaftlicher Code: Diese Pflanze
etwa nannte er Rudbeckia laciniata (Rudbeck hieß einer seiner
Professoren). Deutscher Name: Schlitzblättriger Sonnenhut
Buffon erbt schon als Kind
ein riesiges Vermögen, Roberts schätzt es nach heutigem Wert auf
annähernd 30 Millionen Euro, dazu Ländereien. In Vorlesungssälen sieht
man ihn seltener als in Tavernen, er gilt als Zecher und Frauenheld, ist
groß, kräftig, sieht blendend aus. Die Haare trägt er als dichte
schwarze Mähne, eine weiße Perücke zu tragen, wie damals üblich, ist ihm
zu konventionell. Er müsste nicht arbeiten, aber der Müßiggang seiner
Standesgenossen ist ihm zuwider. Er entscheidet sich für ein Dasein als
Gelehrter.
Für Linné werden sich die
Verhältnisse bessern, allerdings muss er dazu berufliche Umwege gehen,
seine Leidenschaft, die Botanik, bleibt lange eine brotlose Kunst. Er
wird Leitender Marine-Stabsarzt, schließlich Präsident der Schwedischen
Akademie der Wissenschaften; mit 32 Jahren steht er im Zentrum der
Stockholmer Gelehrtenwelt. 1761 verleiht König Adolf Friedrich von
Schweden ihm die Ritterwürde.
Auch Buffon ist nicht nur
Naturkundiger; als Betreiber eines Hüttenwerks wird er zum Prototyp des
Industriellen, aber das nur nebenbei. Wichtiger ist ihm die Berufung in
die Akademie der Wissenschaften, später erhebt Ludwig XVI. ihn in den
Grafenstand. Was fatale Konsequenzen haben wird.
Im Jahr 1730 ist Linné ein
gefeierter Professor für Botanik an der Universität Uppsala. Bis
auffliegt, dass ihm jegliche Qualifikation dafür fehlt, und die
Hochschule ihn zum Rückzug von seinem Posten zwingt. Er ist maßlos
bekümmert und sucht die Einsamkeit, die Erkenntnis in der Ferne, macht
sich auf zu einer Expedition nach Lappland, hinter dem Polarkreis. Er
beginnt manche Arten neu zu klassifizieren. Das Moosglöckchen etwa wird
später nach ihm benannt, mit dem wissenschaftlichen Namen Linnaea borealis.
Und er findet viel Zeit zum Nachdenken, stellt sich die Frage: Könnte
ein Mensch wohl alles Leben auf Erden erfassen und eine logische
Anordnung entwerfen, in der jede Spezies ihren festen Platz fände?
Es scheint ihm möglich. Er
geht davon aus, dass die Arten, ihre Anzahl und ihr Aussehen auf immer
unveränderlich seien. Der Herr hat Himmel und Erde und alles Leben
erschaffen, und mit dem Menschen dann ist die Schöpfung vollendet
gewesen, wurde die Werkstatt Gottes geschlossen. Auch auf die Frage, wie
viele Arten existieren, findet Linné Hinweise in der Bibel, etwa anhand
der Größenangaben zur Arche Noah: Es müssen wohl 300 bis maximal 2000
Tierarten sein. Später räumte er ein, dass die Gesamtzahl aller Tier-
und Pflanzenarten sehr wohl sogar bei 40.000 liegen könne.
Buffon hingegen hegt schon
früh den Verdacht, dass da mehr Arten sind. Viel, viel mehr. Heute
gehen wir von 15 Millionen aus. Aber wahrscheinlich sind es mehr. Viel,
viel mehr.
Je besessener sie forschen, desto weiter entfernt sich ihr Ziel
Buffon gelangt zu seiner
Erkenntnis nicht auf Expeditionen, sondern auf Spaziergängen im Garten.
In Montbard, seinem Geburtsort, besitzt er ein Herrenhaus samt Park.
Diesen macht er zu seinem Laboratorium, zu einem Ort der Meditation und
Inspiration. Er legt seinen Bruder-Leichtfuß-Lebenswandel ab, verordnet
sich ein mönchisches Dasein: Aufstehen um fünf, dann Beobachtung und
naturkundliche Analyse im Park, dazwischen Frühstück um neun, stets ein
Brioche und zwei Gläser Wein. Um 17 Uhr in die karge Schreibstube, zwei
Stunden später Feierabend. 50 Jahre lang hält er diesen Zeitplan durch.
Sein Wandeln im Park führt
ihn weit. Jason Roberts zitiert in einem Buch den französischen
Wissenschaftshistoriker Jacques Roger mit den Worten: "Er war der Erste,
der einen Wald nicht als Ansammlung von Bäumen verstand, sondern als
biologische Einheit, als zusammengehöriges Ganzes, in dem Individuen
spezifische Beziehungen unterhielten und aufeinander einwirkten, kurz
gesagt: als einen Vorläufer dessen, was wir heute Ökosystem nennen."
Schubladendenken:
Am Beispiel der Manguste (Darstellung aus dem 19. Jh.) kritisiert
Buffon das System Linnés als viel zu starr. Dieser mache aus dem
katzenartigen Tier "zunächst einen Dachs, dann ein Frettchen, andere
führen es als Otter, wieder andere als Ratte" *
1739 wird Buffon Direktor
der Königlichen Gärten in Paris, und fortan forscht er an zwei Stätten:
in seinem Park und in dem des Königs.
Linné und Buffon – beide
wollen sie schreibend die Vielfalt der Natur erfassen, arbeiten
zielstrebig bis zur Selbstaufgabe, schaffen monumentale Werke. Doch je
besessener sie forschen, je mehr Arten sie sammeln, katalogisieren,
desto weiter entfernt sich ihr Ziel.
Linné beginnt 1735 mit
seinen Arbeiten an der "Systema Naturae", dem System der Natur. Rund
7700 Pflanzen- und 6200 Tierarten wird er am Ende beschrieben und
systematisch eingeordnet haben, nach Klasse, Ordnung, Gattung, Art,
Varietät. Einige von ihm geprägte Namen sind Alltagsgut bis heute, die
Schlange Boa constrictor etwa, oder, verkürzt auf ein Wort, Azalee,
Kaktus, Amaryllis. Er hat auch eine poetische Ader, etwa wenn er dem
Kakaobaum den Namen "Theobroma" voranstellt, ihn so als "Nahrung der
Götter" bezeichnet – Theobroma cacao. Aber zuallererst ist er der
Systematiker und Etikettierer, Gottes Buchhalter im Reich der Schöpfung.
Ganz anders Buffon, der
die Natur als dynamisches System betrachtet, nicht als statische
Einheit; der Vielfalt sieht und nicht Ordnung. Sein wichtigstes Werk ist
die "Allgemeine und spezielle Geschichte der Natur", kurz "Histoire
naturelle", angelegt auf 15 Bände. Am Ende werden es 36 sein, "die
umfassendste wissenschaftliche Arbeit, die je aus der Feder eines
einzigen Menschen geflossen war", so Jason Roberts.
Dass Buffon berühmt wird,
liegt auch an seinem eleganten Schreibstil: Die "Histoire naturelle" ist
ein Meisterwerk der Naturerzählung, wird als Literatur wahrgenommen, er
selbst als "Maler der Worte". Nicht von Linné allerdings. Der urteilt
harsch: "Redeschwall; schön verziertes Französisch; ohne jede Methode."
Buffon kontert: Alle systematischen Herangehensweisen an die Natur seien
fehlerhaft, denn Systeme seien menschliche Konstrukte, Linnés Methode
aber sei "von allen die am wenigsten vernünftige und monströseste". Der
Gescholtene keilt zurück: Buffon sei "voller Hass gegen jedwede Methode"
und kritisiere "alles und jeden, aber vergisst die Selbstkritik,
obgleich doch er selbst es ist, der am meisten irrt".
Platz
für Monster: Das Präparat der "Siebenköpfige Hamburger Hydra" entlarvt
Linné zwar als Fälschung, aber dann nimmt er das Kunstwesen doch auf in
sein System – in der eigens für Grenzfälle geschaffenen Kategorie
"Paradoxa", in der sich auch Einhorn und Phönix finden
Es sind leidenschaftliche
Debatten in einer Zeit gewaltiger gesellschaftlicher und kultureller
Umbrüche, in der eine neue intellektuelle Bewegung Weltbilder ins Wanken
bringt. Das Zeitalter der Aufklärung beginnt, getragen von
Geistesgrößen wie Voltaire, Isaac Newton, Baruch de Spinoza, Immanuel
Kant. Aber es ist auch eine Epoche, die noch verhaftet ist in Mythos und
Aberglaube.
Als Linné im Mai 1735 auf
Vortragsreise in Hamburg Station macht, wird er von den Hanseaten
diskret beiseitegenommen. In einer naturkundlichen Privatsammlung gebe
es ein Präparat, das er sich unbedingt anschauen müsse: eine Hydra, eine
Schlange mit zwei Beinen und sieben Köpfen, der furchteinflößende
Beweis für die Existenz von Monstern. Linné erkennt den Betrug sofort:
ein aus mehreren Arten zusammengestoppeltes Präparat. Mit seinem
vernichtenden Urteil ist das teure Stück schlagartig wertlos. Linné
verlässt Hamburg überstürzt, "um der Rache des Herrn Bürgermeister zu
entgehen", wie er selbst schreibt.
Allerdings findet das
Hamburger Monstrum dann doch Aufnahme in seine "Systema Naturae". Zwar
mit dem Hinweis, "die meisten Menschen halten sie für eine echte
Tierart, aber zu Unrecht". Doch immerhin in einer eigens für Grenzfälle
geschaffenen neuen Kategorie: die der "Paradoxa", in der sich die Hydra
in Gesellschaft von Einhorn, Satyr und Phönix findet – und
interessanterweise auch in der des Pelikans, den Linné offenbar
nirgendwo anders in seinem System der Natur unterzubringen weiß.
Verbotene
Ideen: Durch präzise Beobachtung der Natur gelangt Buffon hundert Jahre
vor Charles Darwin zu ersten Einsichten in das Wesen der Evolution. In
den Menschenaffen erkennt er unsere Vorfahren, seiner Theorie von der
Entstehung der Arten wegen erklärt man ihn zum Ketzer
Das ist es, was Buffon an
Linné kritisiert: dass er Arten hin- und herschiebe, willkürlich neue
Kategorien erschaffe, um passend zu machen, was nicht passe. Nicht nur,
um Fabelwesen einzuordnen. Aus der Manguste, einem katzenartigen
Säugetier, mache Linné "zunächst einen Dachs, dann ein Frettchen, andere
führen sie als Otter, wieder andere als Ratte". Buffon warnt vor
solchen Bezeichnungen, die angeblich allgemeingültig seien, "aber fast
immer falsch oder zumindest willkürlich, vage und zweifelhaft sind".
Auch Buffon beschäftigt
sich mit rätselhaften Kreaturen. 1738 trifft eine Lieferung mysteriöser
Skelettteile ein, entdeckt von französischen Soldaten in Nordamerika.
Sie müssen zu einem riesigen Tier gehören. Einem Monster? Buffon erkennt
darin ein elefantenähnliches Wesen, weiß aber, dass es in Amerika keine
Elefanten gibt. Nicht mehr. Er hat die Überreste eines Mammuts vor
sich: einer Art, die nicht mehr existiert. Und dieser Schluss impliziert
Ungeheuerliches: Arten können aussterben. Und wäre der Tod einer Art
nicht ein Makel in Gottes perfekter Schöpfung?
Sind die Arten vielleicht gar nicht in der Werkstatt Gottes entstanden?
Er denkt weiter, wagt sich
auf noch brisanteres Terrain vor: Sind die Arten vielleicht gar nicht
in der Werkstatt Gottes entstanden, sondern aus anderen hervorgegangen?
In einem Affen erkennt er den Vorläufer des Menschen, aus seinen
präzisen Beobachtungen schließt er: Spezies verändern sich in Anpassung
an ihre Umgebung. Er entwirft, in Umrissen, eine Evolutionstheorie.
Charles Darwin wird später verblüfft anerkennen, dass Buffon ihm mit
diesen Gedanken ein Jahrhundert voraus gewesen ist.
Es sind die Gedanken eines
Ketzers. Die theologische Fakultät der Pariser Universität Sorbonne
droht mit Zensur. Buffon schwört ab und feixt: "Es ist besser, demütig
zu sein, als gehängt zu werden." Er macht sich lustig über seine
klerikalen Aufpasser, unterschreibt bereitwillig Widerrufe – und macht
ungerührt weiter. Der Großangriff auf sein Werk aber wird nicht von der
Kirche kommen. Sondern aus einer völlig anderen Richtung.
Am Abend des 23. August
1790 ziehen Fackelträger durch die Tore des Königlichen Gartens, um
Buffon vom Sockel zu stoßen – zwei Jahre nach seinem herrschaftlichen
Begräbnis. Es sind Mitglieder der SLP, der "Société de Linné de Paris",
einer konspirativen Gesellschaft, die lange schon im Verborgenen gegen
Buffon agierte. Jetzt, mit der Französischen Revolution, ist ihre Zeit
gekommen. Sie machen ihren "Charles Linné" (französisch geschrieben und
ohne Adelsprädikat) zum wissenschaftlichen Revolutionär, übernehmen den
Park, Buffons Forschungs- und Experimentierfeld, besetzen die
Schaltstellen der Wissenschaft.
Neue
Dimensionen: Eine technische Innovation führt Buffon und seine
Mitstreiter in nie zuvor gekannte Sphären: Mit dem Mikroskop und in der
Anatomie findet er Hinweise auf die Evolution der Säugetiere, das
Vergrößerungsgerät offenbart ihm die Welt der Kleinstlebewesen. Für
Linné bleibt die Bibel das Maß der Erkenntnis
Im revolutionären
Frankreich gilt Buffon als Vertreter und Günstling des Alten Regimes,
gefördert von jenem König, der gestürzt und hingerichtet wurde. Buffon
gehörte der adeligen Oberschicht an, war einer, der sich in Seide und
Brokat gekleidet hat, seine "Wissenschaft": eitles, unverständliches
Geschwätz. Linné aber gilt als Revolutionär, sein Mangel an sprachlicher
Raffinesse als ein Ausdruck von Volksnähe, sein leicht verständliches
Klassifizierungssystem als Inbegriff einer Demokratisierung des Denkens.
Einige Namen für den neuen Kalender, den die Revolution den Franzosen
verordnet hat, entstammen seinem Werk: etwa der Germinal ("Monat des
Keimens") und der Floréal ("Blütenmonat").
Linnés System setzt sich
auch international durch. Buffon ist ein Mann von gestern. Der aber
schon zu seiner Zeit ins Heute blickte. Etwa mit einem neu erfundenen
Instrument, dem Mikroskop, das er fasziniert nutzte. Was er durch das
Okular sah, rückte die selbst gestellte Aufgabe – seine und die seines
Konkurrenten – in unerreichbare Ferne: ein unbeschreiblicher Kosmos von
Mikroorganismen tat sich auf; Einzeller wie etwa manche Algen, die
meisten Bakterien, Pantoffeltierchen, von denen viele nicht Tier sind,
nicht Pflanze und nicht Pilz. Wohin mit ihnen im System? Wer kann sie
zählen?
Linné verdanken wir eine
durchdachte Vereinbarung, um die Komplexität des Lebens zu fassen. Doch
diese Komplexität nimmt stetig zu. Was für Buffon das Mikroskop, ist für
heutige Forschende die Genomanalyse. Dass es nur eine Giraffenart gibt,
war Konsens, bis genetische Analysen ergaben: Es sind in Wahrheit vier.
2011 gingen wir von 8,7 Millionen Arten auf Erden aus, heute schätzen
wir ihre Zahl auf 15 Millionen, manche Forschende vermuten auch, es sind
100 Millionen. Sind es gar Milliarden? Aus Linnés fünf Kategorien sind
22 geworden, und doch ist das System zu eng für den Kosmos der
Biodiversität. Was ist etwa mit den Flechten, also Arten, die nicht aus
einem einzelnen Organismus bestehen, sondern aus mehreren?
Buffons zweieinhalb
Jahrhunderte alte Beobachtungen erscheinen heute aktueller denn je,
nicht nur, was die Vielfalt anbelangt. Dass diese einerseits grenzenlos
scheint, andererseits bedroht ist, auch diesen scheinbaren Widerspruch
erkannte er schon: Der Mensch würde die Erde durch "planvolle und fast
stets maßlose Ausbeutung" plündern, sie ihrer Schätze berauben. Buffon
sprach den Tieren Intelligenz zu und, mehr noch, Einsicht, Erkenntnis,
Gefühle: Ideen von heute, von morgen.
Buffon und Linné, beide
wollten die Natur in ihrer Gesamtheit erfassen, begreifen, beschreiben,
beide scheiterten daran. Und siegten doch, indem sie die Biologie
revolutionierten, ein jeder auf seine Weise. Buffon verwendete bei der
Bezeichnung der Arten in seinem Park: das System von Linné. Und Linné
sagte über seinen Gegner auch: Dieser habe gewusst, wie man Wissenschaft
populär mache – ein großes Verdienst. Begegnet sind die beiden sich
nie. Linné besuchte den Königlichen Park, aber da war dessen Direktor,
Buffon, gerade abwesend. Linnés Sohn, ebenfalls Botaniker, wurde von
Buffon dort empfangen; es war eine Begegnung voller gegenseitiger
Wertschätzung.
Buffon und Linné – beider
Söhne sollten das väterliche Erbe fortführen, beide konnten es nicht.
Linnés Sohn erlag früh einer Krankheit, Buffons Sohn starb unter dem
Fallbeil der Revolution. Beider Werk wurde dennoch fortgeführt: Die
ganze Welt hat es getan.
aus scinexx.de, 1. 4. 2026;Mutter- und Fremdsprache werden in der gleichen Gehirnregion gespeichert. zuEbmeiers Realien
Wie unser Gehirn Fremdsprachen abspeichert
Eine neue Studie zeigt: Wörter aus zwei Sprachen liegen im Gehirn nah beieinander
Wo genau landen neue Wörter im Gehirn,
wenn wir eine Fremdsprache lernen – in denselben Bereichen wie unsere
Muttersprache oder ganz woanders? For-schende haben nun herausgefunden:
Die neuen Wörter werden überwiegend in denselben Hirnregionen
gespeichert wie die Muttersprache, einzelne Be-griffe verschieben sich
jedoch leicht, je nachdem, woher sie stammen.
Wie sich Fremdsprachen im Gehirn verankern, ist noch nicht ausreichend geklärt. Es gibt aktuell zwei Theorien: Entweder wird dieneu erlernte Sprache in
der glei-chen Hirnregion angelegt, in der auch die Muttersprache
gespeichert ist, oder die Fremdsprache liegt in einer ganz anderen
Hirnregion.
„Sowohl für die eine wie für die
andere Hypothese gab es in der Vergangenheit experimentelle Belege“,
sagt Seniorautorin Fatma Deniz von der University of California in
Berkeley. Daher vermuteten Forschende, dass die Realität irgendwo
zwischen diesen beiden Ansätzen liegt.
Wo landen neue Wörter im Gehirn?
Um das zu überprüfen, haben Forschende
um Deniz und ihre Kollegin Catherine Chen die Frage nach dem
Fremdsprachenspeicher erneut untersucht. Dafür wählten
sie sechs Testpersonen, die Chinesisch als
Muttersprache sprachen und später Englisch als
Zweitsprache gelernt hatten. Deren Hirnaktivität beim Verarbeiten von
Sprache analysierte das Team mittels funktioneller
Magnetresonanztomografie (fMRT).
Konkret lasen die
Teilnehmenden über mehrere Stunden chinesische und englische
Geschichten, während sie im Hirnscanner lagen. Bei jedem gelesenen Wort
konnten die Forschenden anhand der fMRT-Daten
erkennen, in welcher Region das Gehirn beim Lesen besonders stark
durchblutet wurde. Es lag nahe anzunehmen, dass dies auch der Ort war,
an dem das Wort beim Lernen der Sprache verankert wurde.
Das Gehirn in Einzelteile
Um im Detail untersuchen zu können, wie
die Sprache im Gehirn verarbeitet wurde, teilten die Forschenden das
Gehirn in „Volumen-Pixel“ auf, sogenannte Voxel, also kleine räumliche
Bereiche. Außerdem klassifizierten sie die Worte aus den Geschichten
mithilfe eines KI-Sprachmodells in Themengruppen. Dabei analysierten die
Forschenden, welche Wörter inhaltlich zusammengehörten und wie häufig
sie in ähnlichen Kontexten auftauchten. „Wir mussten sehr komplexe
statistische Analysen durchführen, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu
gelangen“, erklärt Deniz.
Die Forschenden überprüften die
Zuverlässigkeit ihrer Analyse mithilfe von maschinellem Lernen: Zunächst
trainierten sie KI-Modelle auf den Daten von vier Teilnehmenden, um die
gemessenen Muster im Gehirn nachzubilden. Anschließend testeten sie, ob
sich diese Modelle auf die Daten der zwei weiteren Personen übertragen
ließen. Tatsächlich konnte Künstliche Intelligenz die Themenverteilung
der Voxel bei den zwei Probanden erstaunlich gut vorhersagen.
Feine Unterschiede zwischen den Sprachen
Sprachenübergreifende
semantische Repräsentationen: Die fünf farbig markierten semantischen
Cluster beziehen sich auf Familie (grün), Kommunikation (gelb),
Kognition (orange), Orte (rot) und Zahlen/Namen (blau). Gemittelt über
alle Teilnehmenden ist die Verteilung dieser semantischen Cluster in der
Großhirnrinde dargestellt.
Das zentrale Ergebnis: Wenn
unser Gehirn Fremdsprachen lernt, legt es die neu erworbenen Worte und
Zusammenhänge in den Gehirnregionen ab, in denen der Begriff auch in der
Muttersprache abgespeichert wurde. Zwischen Fremdsprache und
Muttersprache treten allerdings kleine Verschiebungen auf, wenn man sich
die Orte im Gehirn und die einzelnen Worte ganz genau untersucht.
Jedes Voxel „interessierte“
sich also quasi für die gleichen Dinge, unabhängig von der Sprache.
Schauten sie jedoch genauer hin, bei welchen Wörtern welches Voxel aktiv
wurde, zeigten sich feine Verschiebungen innerhalb der gleichbleibenden
Oberthemen.
Ein Beispiel: Beim Oberthema „räumliche
Orientierung“ reagierte ein bestimmter Hirnbereich im Chinesischen vor
allem auf Wörter wie „ankommen“ oder „zusammen“, die Beziehungen
beschreiben. Beim Lesen englischer Texte verschob sich dies: Dort sprach
derselbe Bereich stärker auf Begriffe wie „Norden“ oder „sieben
(Kilometer)“ an, die eher Richtungen oder Zahlen betreffen.
Neue Einsichten ins bilinguale Gehirn
Es zeigte sich außerdem, dass
jeder Voxel nicht nur auf ein einzelnes Thema reagierte, sondern mehrere
Themen gleichzeitig mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten
verarbeitete. So wurden in einem Voxel beispielsweise zu 80Prozent
Wörter erfasst, die räumliche Orientierung ausdrücken,
wie „Süden“, „vorne“ oder „Wohnung“. Im gleichen Voxel tauchten aber
auch andere Themen auf, etwa zu 20Prozent Wörter aus dem Bereich „Fahrzeuge“.
Diese Ergebnisse liefern
damit eine Antwort auf die strittige Frage, ob Muttersprache und
Fremdsprache im Gehirn räumliche getrennt verarbeitet werden oder aber
in der gleichen Region. Gleichzeitig könnten die neuen
Erkenntnisse künftig dabei helfen, das Lernen von Fremdsprachen
effizienter zu gestalten und auch Menschen mit Aphasie zu unterstützen,
die nach einer Schädigung bestimmter Gehirnregionen Schwierigkeiten
haben, gesprochene oder geschriebene Sprache richtig zu verstehen oder
auszudrücken.
Weitere Experimente in Planung
„Generell bildet unsere
Grundlagenforschung eine wichtige Basis für alle, die das Verstehen und
Lernen von Fremdsprachen und damit allgemein die Kommunikation unter
Menschen verbessern wollen“, so Deniz.
Die Forschenden wollen ihre
Experimente nun auf andere Sprachen ausweiten, vor allem auf solche, die
sich stärker ähneln, wie etwa Italienisch und Spanisch. Außerdem planen
sie, das Studiendesign umzudrehen und künftig Probanden zu untersuchen,
deren Muttersprache Englisch ist und die Chinesisch als Fremdsprache
gelernt haben. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2026, doi:10.1073/pnas.2503721123)
Quelle: Technische Universität Berlin; 1. April 2026
-von Carolin Malmendier
Nota. - Die Bedeutung der Wörter wird gespeichert, nicht ihr Klang; digital, nicht analog: Schon das Speichern selbst vollzieht die Symbolisierung.
Und übrigens: Würde der Klang gespeichert, da wäre er das Symbol - nämlich für die Bedeutung. Nur wäre der Klang im Speicher ungleich schweiriger aufzuspüren und zu erinnern - so dass ein so angesammeltes Gedächtnis nicht sehr stabil sein und sich kaum zur Differentia specifica einer Gattung ausgebildet haben dürfen. Die Dynamik geht so: nicht, dass aus der Symbolisierung das Erinnern hervorge-gangen ist, sondern: Wenn denn erinnert werden sollte, dann musste Symbolisieren habituell geworden sein. Mitteilen kam vor dem Erinnern.
Dass erst unser aufrechter Gang und der so möglich gewordene Rundumblick die Vorstellung von einer weiten Welt möglich gemacht hat, liegt ohnehin nahe. Doch die Schärfung der Rand-Informationen erlaubt nicht nur, einen deutlichen Fleck zu sehen, sondern ein ganzes Seh-Feld aufzufassen, in dem ich meinen Blick willkür-lich wandern und... ruhen lassen kann, und ermöglicht die Anschaung einer ganzen Welt, in der sich durch die Wahl seines Standpunkts ein Selbst 'zu Stande' bringt und sich als ein wollendes Ich zugleich wie deren Mittelpunkt vorkommt. Und da wir mal dabei sind: Würde man annehmen (schrei nicht, Schwester, ich sage würde),
dass durch die Jahrmillionen Männer sich erheblich mehr bewegt haben
als die eher sesshaften Frauen, hätte man auch eine Erklärung, weshalb sie erfahrungs-gemäß sich besser in Räumen orientieren und besser rückwärts einparken können.
aus derStandard.at, 12. Februar 2026 Bevor die ersten Bauern die Landwirtschaft aus dem Osten nach
Europa brachten, dominierten hier Wildbeutergesellschaften zu öffentliche Angelegenheiten
Widerstand gegen Landwirtschaft:
Wo sich Jäger und Sammler in Europa hartnäckig hielten
In manchen Regionen
blieb das Erbe Tausende Jahre länger als andernorts erhalten. Im
Nordwesten dürfte es besonders lang gedauert haben, bis sich
Landwirtschaft etablierte
von Julia Sica
Wenn Asterix und Obelix keine Kelten wären, sondern
(Wildschwein-)Jäger und (Hinkelstein-)Sammler, dann müsste man ihr Lager
an der Rheinmündung verorten. Dort widersetzte sich die Bevölkerung dem
genetischen Einfluss anderer Gruppen etwa 3000 Jahre länger als in
anderen europäischen Regionen. Zu diesem Ergebnis kam eine aktuelle
Studie im Fachjournal Nature mit Wiener Beteiligung, im Rahmen
derer man die DNA von 112 Verstorbenen aus dem heutigen Nordwesten
Deutschlands, aus Belgien und den Niederlanden analysierte.
Im Gegensatz zu den gallischen Helden geht es hier freilich nicht um
den römisch geprägten Zeitraum um 50 vor Christus, die untersuchten
Überreste stammen aus der Zeit von 8500 bis 1700 v. Chr., also der
Stein- und Bronzezeit. Zwei große Migrationsbewegungen prägten Europa
damals: In den Jahrhunderten von 6500 bis 4000 siedelten sich die ersten
Bäuerinnen und Bauern an, die aus Westanatolien kamen. Dies führte
dazu, dass in vielen Gegenden 70 bis 100 Prozent des Erbgutes der
Jäger-Sammler-Gesellschaft verschwand. Auch die DNA von Ötzi,
dem wahrscheinlich dunkelhäutigen und dunkelhaarigen Tiroler Eismann,
der etwa 3300 v. Chr. lebte, ist zu einem Großteil auf anatolische
Vorfahren zurückzuführen.
Jäger und Fischer
Nachdem die Landwirtschaft nach Europa
gekommen war, folgten mit der zweiten wichtigen Migrationsbewegung die
indoeuropäischen Sprachen, wie die Forschung der vergangenen Jahre
vermuten lässt. Um 3000 bis 2500 v. Chr. breiteten sich aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres Nomaden der Jamnaja aus.
Die Ausbreitung der Jamnaja und ihrer Nachfahren ins Rhein-Maas-Delta
dürfte zudem mit der Verbreitung der Schnurkeramik- und der
Glockenbecher-Kultur in Zusammenhang stehen. Benannt wurden diese
Kulturen nach den typischen Formen und Mustern der hinterlassenen
Keramik: Becher, Krüge und andere Objekte wurden mit Rillenmustern
verziert beziehungsweise wiesen eine geschwungene, an Glocken erinnernde
Form auf.
Sie hatten den wohl größten und nachhaltigsten Einfluss auf die
Zusammensetzung des Erbguts heute lebender Europäerinnen und Europäer.
Doch in der Rhein-Maas-Region lief alles zunächst etwas anders, wie das
Team um den renommierten US-amerikanischen Genetiker David Reich von der
Harvard University zeigt, zu dem auch Ron Pinhasi von der Universität
Wien gehört. Diese wasserreiche Gegend bot Jäger-Sammler-Gemeinschaften
gute Lebensbedingungen, in Flüssen und Meer konnten sie Fische,
Krustentiere und Co. fangen. Die DNA-Analysen lassen die Vermutung zu,
dass man hier mit der Landwirtschaft nicht so schnell warm wurde wie in
weiten Teilen Europas und sich der Wandel des Lebensstils nicht so
vollständig vollzog. Manche Individuen wiesen nämlich noch relativ spät
sehr viele DNA-Sequenzen auf, die typisch für westeuropäische Jäger und
Sammler waren.
Frauen aus der Bauernkultur
Auch in der Region, die für die
neue Studie im Fokus stand, verkehrten die alteingesessenen Menschen
offenbar immer wieder mit den zugezogenen Bauerngruppen – und vor allem
mit Bäuerinnen, wie die Analyse nahelegt. Aber: "Eine charakteristische
Bevölkerungsgruppe mit einem hohen Anteil – etwa 50 Prozent – an
Vorfahren, die als Jäger und Sammler lebten, bestand noch 3000 Jahre
später als in den meisten europäischen Regionen", schreiben die
Autorinnen und Autoren. Dies sei vor allem auf die Integration von
Frauen, deren Vorfahren aus der frühen europäischen Bauernkultur
stammten, in die lokalen Gemeinschaften zurückzuführen.
Die Karte zeigt den Anteil an DNA, die für europäische
Jäger-Sammler-Gruppen typisch ist, am Erbgut der Bevölkerung in der Zeit
von 4500 bis 2500 vor unserer Zeitrechnung. In Nordeuropa war dieser
Anteil den bisherigen Analysen zufolge besonders hoch.
Freilich kann man auch Kulturen übernehmen, ohne dass sich dies
genetisch abzeichnet. Doch die Fortpflanzung unter Gruppen, die sich
genetisch unterscheiden, ist zumindest ein Indiz für kulturelle Nähe,
was der Wissenschaft über archäologische Spuren hinaus Informationen
liefern kann. Ein Beispiel dafür liefert die zweite große
Migrationsbewegung: Im Westen der Niederlande nutzten die Einwohnerinnen
und Einwohner zwar Schnurkeramik, hatten aber selbst kaum
Steppenvorfahren. Ideen und Produktionskulturen wurden hier offenbar
weitgehend ohne Genfluss zwischen zwei verschiedenen Gemeinschaften
ausgetauscht.
Vom Widerstand zum Exporthit
Die Situation wandelte sich mit
der Glockenbecherkultur, die eher später datiert wird und um 2400 v.
Chr. in dieser Region Einzug hielt. In den folgenden Jahrhunderten fand
eine stärkere Durchmischung statt, der Anteil typisch westeuropäischer
Jäger-Sammler-DNA ging stark zurück. In Großbritannien war der Wandel
noch extremer, dort ging die Ankunft der Glockenbecherkultur langfristig
mit dem 90- bis 100-prozentigen Ersetzen der lokalen
jungsteinzeitlichen Bevölkerung einher. Interessanterweise wurden große
Steinzeitbauwerke wie Stonehenge oder Woodhenge (deren Bau wohl um 3000
beziehungsweise 2300 v. Chr. begann) dennoch weitergebaut und -genutzt.
Die Untersuchung der uralten DNA aus dem Nordwesten Europas liefert
in jedem Fall erstaunliche Einblicke in kulturelle und genetische
Veränderungen, die vor Jahrzehnten noch unmöglich gewesen wären. Und sie
erzählt von einer Ironie der Geschichte, wenn man an die Niederlande
als zweitgrößter Agrarexporteur der Welt denkt: Dort, wo heute ein
großer Teil des europäischen Gemüses in Glashäusern wächst, dauerte es
besonders lange, bis sich die Landwirtschaft etablierte.
Von
Philosophie verstehe ich etwas; von Transzendentalphilosophie, genauer
ge-sagt. Auch von den Naturwissenschaften habe ich dies und das gehört,
aber dass ich es verstünde, hatte ich nicht oft das Gefühl. Doch hier
handelt es sich nicht um Na-turwissenschaft, sondern um deren
allgemeinverständliche Zusammenfassung. Ob und wieweit es zutrifft,
kann ich nicht beurteilen; ich nehme an, dass es den 'Stand der
Wissenschaft' loyal wiedergibt. Die
Philosophie lehrt mich, dass ich von den Dingen selber gar nichts weiß.
Ich habe Vorstellungen von ihnen, über die kann ich reden, und ich kann
mich fragen, wie ich zu ihnen gekommen bin. Ich werde be- merken, dass
ich bei der Aufnahme, Anordnung und Bewertung der Daten, die mir meine
Sinnesorgane vermelden, gewisse Schemata verwende - das, was bei
Kant das 'Apriori' heißt. Bis dahin ist das noch keine Philosophie,
sondern entspricht den Ergebnissen der empirischen (psychologischen)
Forschung. Wenn es stimmt, verwendet sie allerdings selber besagte
Schemata, sie kommt hinterdrein und ist nicht befähigt, die Schemata auf
ihre Herkunft und Berechtigung zu prüfen. Das ist Sache der Philosophie, nämlich der kritischen oder 'Transzendental'-Philosophie; transzendental darum,weil
sie nach den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit fragt. So kritisch
und radikal sie immer verfährt - sie bleibt doch immer im Rahmen unserer tatsächlichen Vorstellungsmöglichkeiten, will sagen: andere Voraussetzungen als die, die sie selber macht, sind ihr nicht möglich. Kant
selber hatte die Möglichkeit offengelassen, dass unser
Vorstellungsvermögen von einem Schöpfer so angelegt wurde, wie es eben
ist. Der Naturwissenschaftler, der an dieser Stelle wieder zu Wort
kommt, sagt, unser Vorstellungsvermögen ist wie jedes andere unserer
Vermögen ein Produkt der natürlichen Evolution: Anpassung und Auslese.
Wir können uns nicht vorstellen, was wir uns vorstellen könnten, wenn
wir uns in einer anderen Ecke des Universums hätten entwickeln müssen;
wir können uns nicht einmal vorstellen, was in unserer Welt die Biene
dort sieht, wo bei uns das ultraviolette Licht unsichtbar wird. Es ist Wunders genug,
dass die irdische Beschränktheit unserer Vorstellungskraft uns nicht
daran gehindert hat, durch das Übersetzen von konstruierten Begriffen in
mathematische Formeln uns Dinge denkbar zu machen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wunder hat einen Namen, es heißt Symbolisierung.
Mit den Symbolen können wir operieren, ohne unsere Vorstellungskraft
jeweils mitbemühen zu müssen. Da- durch werden die Symbole indessen kein
bisschen objektiver: Sie bleiben immer willkürlich gewählte Zeichen für eine subjektive Bedeutung.
Die Bedeutung bezieht sich immer nur darauf, was wir mit dem Ding
anfangen können, und nicht auf das, was das Ding 'ist', und ob eine
Bedeutung 'stimmt', wird sich erweisen oder nicht. Wenn also Einstein meinte, sein Geist könne sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben, dass es im Univerum
"zwei getrennte Felder gibt, die in
ihrer Natur völlig voneinander unabhängig sind", so sagt er etwas
darüber, welche Vorstellungen unsere Gattungsgeschichte unserm Gehirn
möglich gemacht hat; aber nichts über die Beschaffenheit der 'Dinge'. Es wäre des Wunders viel zu viel, wenn sich erwiese, dass wir durch das Kombinieren von Symbolen Formeln konstruieren können, denen 'das Ding' entspricht. Denn hier geht es nicht um dieses oder jenes Ding - da könnte der Zufall beispringen -, sondern um den Inbegriff aller Dinge.Den könnte nur kennen, wer 'Alles' erschaffen hat. Und andernfalls gäbe es ihn gar nicht. Indem
nun die Transzendentalphilosophie den Gedanken einer Schöpfung
undenkbar* macht, schließt sie die Möglichkeit einer Weltformel aus; und
darauf will ich wetten. *) Kant hatte ihn dem Glauben zugestanden, aus der Wissscenschaft jedoch verbannt.
Was den Quanten recht ist, darf den Kräften billig sein.
Auch das ist nicht spöttisch gemeint. Die Generalprämisse ist doch: Es gibt einen Kosmos, und der ist ein System: ein
Makrozustand über mannigfaltigen Mikrozu-ständen. Wenn im Makrozustand
vier Kräfte inbegriffen sind, würde er ein anderer, wenn eine fünfte Kraft hinzuträte. Mit andern Worten: Alles käme ganz neu auf die Waage.
Das ist, nach den Aussagen der Physiker, der gegenwärtige ZuStand der Wissen-schaft. Wie ich schon sagte: Das gereicht ihr zur Ehre.
Stürzt aber den Rest der Welt in Verwirrung. Physik und Welt werden damit zu-recht kommen - wenn noch nicht heut, dann morgen. Philosophie ist einstweilen nicht gefragt, nur Forschung.
Der
Satz, dass Alles mit Allem zusammenhänge, wird nur noch sarkastisch
ge-braucht - weil er auf Faktisches bezogen ist. In kosmischen Modellen
hängt aber Alles von Allem ab; denn da geht es um Vorstellungen, und so käme zum Schluss vielleicht doch die Philosophie wieder rein - nicht von der Seite, sondern von hin-ten.
Nota.Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.JE
"Merz hat das Problem nicht verstanden", schreibt der Wiener Standard; "Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten. Reflexhaft auf Zuwanderung zu zei-gen, ist eine Themenverfehlung."
Merz hat nicht als Soziologe gesprochen, sondern als Kanzler und Parteivorsit-zender. Er hat keine wissenschaftliche Analyse vorgelegt, sondern hat ein politi-sches Problem angesprochen, das gerade darum virulent wurde, weil es jahrzente-lang durch das Vorschieben gesellschaftshistorischer Allgemeinplätze vertuscht worden ist. Es ist aber wie mit dem Antisemitismus: Sein schleichendes Vordringen in den öffentlichen Diskurs wurde befördert durch die vielhunderttausendfachen Zuwanderung aus islamischen Ländern.
Auch die ist nicht der Kern des Problems und nicht einmal seiner aktuellen Zuspit-zung; sondern: Die einen greifen zur Feder, sobald irgendwer das Kind beim Na-men nennt, die andern legen die Feder aus der Hand, wenn es darum geht, eine ge-schehene strafbare Handlung der Polizei anzuzeigen.
Und das ist die Stelle, an der die Politik sich ganz unmittelbar zu Wort melden muss - und mit Aussicht auf Erfolg auch kann, wenn sie sich traut. Es geht um die öffent-lichen Maßstäbe.
Um das Ganze
Universum aus der Quantenphysik zu konstruieren, müsste man, weil der
Teilchenzoo doch so unübersichtlich ist und sich immer wieder neue
Quäntchen finden, wohl bei der Starken Kernkraft beginnen und alles
registrieren, was sich mit ihr einfangen lässt. Dann verdünnt man die
Kernkraft Stufe um Stufe, und wenn man alle vier Grundkräfte beisammen
hat, wäre das Puzzle der Kosmo-logie vollendet.
Der
Relativist ginge umgekehrt vor: Er begänne bei der... der Schwachen Wechsel-wirkung, dann zieht er die Maschen seines Netzes um
einen Punkt zusammen, die Wechselwirkung wird Schritt für Schritt
stärker, und wenn er schließlich aus der Gravitation auf die Starke
Kernkraft heruntergekommen ist, hat auch er sein Weltall beisammen.
Das wäre die Aufgabe - zuerst so-, dann andersrum.
Das
Problem ist, dass sich weder die Vierte Grundkraft zur Dritten
verdünnen, noch die Dritte zur Vierten verdichten lässt, und zwar weder
spekulativ in der Theorie noch experimentell im Labor - so riesig es
auch wäre.
Das wäre im Kern der Grund, warum Quantenphysik und Relativitätstheorie sich nicht in einander umrechnen lassen - hab ich es so richtig verstanden?
Da
könnte man auf die Idee kommen, nicht alle vier Grundkräfte neben- oder
hin-ternander zu betrachten, sondern das erste Paar gegen das zweite
Paar zu setzen; und jedenfalls nicht die Grundkräfte auf die größeren
oder kleineren Quanten zu beziehen, sondern die Quanten auf die
Grundkräfte. Das ist eine Frage der Be-trachtungsweise und keine
metaphysische Priorisierung von Kraft vor Materie.
Wenn
man den Wald vor Bäumen nicht erkennt, tritt man ein paar Schritte
zurück, erkennt den Wald und behält die Bäume in Erinnerung. Die Suche
nach einem "Kleber" ist sowas Ähnliches - sozusagen von der andern
Seite.
PS. Ich bin kein Physiker, ich darf so schreiben. Wenn einer sagt, ich hätte keine Ahnung, werde ich ihm nicht widersprechen.