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Donnerstag, 9. April 2026

Darwin und Lamarck.

  Vogelhirn                                    zu Jochen Ebmeiers Realien   

Der weltanschaulich ausschlaggebende Unterschied zwischen der Lamarck'schen und der Darwin'schen Evolutionslehre war der: Die eine ließ sich mit einem Plan der Natur, nämlich einem intelligenten Designer, vereinbaren, die andere nicht. Aus diesem Grund wurde die eine heftig bekämpft und die andere vorgezogen; heute ist die eine die grosso modo einzig wissenschaftlich akzeptierte und die andere im Papierkorb verschwunden und die neue Epigenie lediglich ein später Coup de chapeau des Jüngeren vor dem Älteren.

Die Evolution geschieht also nicht durch aktive Anpassung, sondern passiv durch natürliche Selektion und namentlich Zuchtwahl.

Noch immer aber kann man den Akzent mehr auf die eine oder mehr auf die andere setzen. In einem Fall wäre alles bloßer Zufall; im andern aber läge eine treibende Kraft bei... nein, nicht bei Männern oder Frauen, sondern bei den vorfindlichen Lebensumständen. Die haben zwar keinen Einfluss auf die Mutationen, die im gegebene Fall die irregulären Eigenschaften des einen Individuums gegenüber den regulären Eigenschaften der andern Individuen privilegieren; aber sie sind der Antrieb, der den einen Außenseiter herausfordert, seine Besonderheit zu kultivieren statt zu verstecken - und die alle andern anstachelt, ihm nachzueifern. So bekommt die Evolution im Rückblick eine Richtung; zwar mal diese und mal jene, aber keine reiner Zufall, in den man sich nur resignierend ergeben kann, sondern fordert ein Urteil heraus.

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Was hat das mit dem Vogelhirn zu tun? Dieses: Dass es wenig Aufklärung bringt, nach denjenigen Veränderungen zu suchen, die die Entwicklung zum Bewusstsein bewirkt haben könnten. Denn da war alles noch mehr oder weniger... Zufall. Irgend wirk sam - und sei es nur im Beschleunigen der einen oder im Behindern einer andern Entwicklung - ist nur das Bevorzugen dieser und das Ablehnen jener Möglichkeit. So kommt Sinn in das Geschehen.

Der springende Punkt: das Gehirn schafft sich selber; auf den Schultern tausender Generationen zwar und nicht dem Belieben der Individuen anheimgegeben. Aber es kann eine Gruppe von Zellen für die Bewältigung dieser oder jener neuen Herausforderung abstellen und nach und nach spezialisieren. Das Knochengerüst ist orthodox darwinistisch. Aber das Gehirn kokettiert mit Lamarck.
18. 8. 22 



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